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Samstag, 7. Oktober 2023

"Ich bin ja nicht weg"


The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster. 
(aus "One Art" von Elizabeth Bishop)

Die größte Angst, die mich im Augenblick hauptsächlich noch umtreibt, ist, jemanden komplett zu verlieren, so als wäre er tot, ohne dass er tot ist.

Um das mit einem vielleicht nicht ganz exakt passenden Beispiel noch zu verdeutlichen: Die absolute Horrorvorstellung als Katzenmutter von Freigängerkatzen war stets, nicht der Tod einer Katze, sondern das spurlose Verschwinden und die Ungewissheit über den Verbleib des Tieres, darüber, wie es ihm geht sowie die Frage, ob ich noch etwas tun könnte, um es zu retten, wenn ich nur das Richtige zu tun wüsste.

Wie wiederholt berichtet - ich verstehe was von Verlust. Worin ich naturgemäß nicht gut bin, ist Menschen oder Tiere zu verlieren. Wer ist das schon? Aber meine nicht unerhebliche Verlustangst traf in meiner letzten Beziehung auf sehr viel passiv-aggressive, emotionale und sogar tatsächliche Nicht-Verfügbarkeit. Das tat mir nie gut und war oft eine Quelle großer Enttäuschung, aber auch von Angst und Sorge. Wir haben nicht zusammen gewohnt, und wenn wir nicht räumlich beisammen waren, waren Kommunikation und Kontakt mitunter schleppend bis unterbunden. Ich habe mir daraufhin oft ganz praktisch Sorgen gemacht, ob etwas passiert sein könnte. Andererseits fühlte ich mich auch häufig ängstlich und unsicher, was meine Rolle und meinen Wert in der Beziehung anging.

Allerdings habe ich ein Recht auf das immerwieder fett unterstrichene Vorhaben, "Freunde zu bleiben", weiter Kontakt zu halten und gar zukünftig gemeinsam Dinge zu unternehemen, scheinbar verwirkt. Ich bin in Ungnade gefallen, weil ich angesichts dessen, was mir angetan worden war, mit Wut und Eifersucht und noch mehr Wut reagiert habe. Am Esstisch und am Telefon.

Wenn das mit der Freundschaft je ernst gemeint gewesen war (und wer weiß das schon), dann muss die Überraschung über meine normale und menschliche Reaktion ja ziemlich groß und regelrecht schockierend gewesen sein. Die offensichtliche Frage ist, wie kann das sein? Wer rechnet denn in so einem Szenario nicht mit einer solchen Reaktion? Und wie fair ist es, die blutrote Verzweiflung eines auf diese Weise betrogenen und verletzten Menschen wirklich am Ende auch noch gegen sie zu verwenden?

Lasst mich hier komplett klar sein: Keine meiner Reaktionen war überzogen oder unangemessen im Hinblick auf die Umstände, die ich nicht kreiert hatte. Das weiß ich ganz sicher. Ich bin vor den Bus geschubst worden. Dass der selbe Bus dann den Ex in seiner Gefühlswelt auch noch angefahren hat, liegt nicht in meiner Verantwortung. Es ist schlicht kindlich und egozentrisch zu glauben, Menschen auf bestimmte Weise  behandeln zu dürfen und sich dann zu beschweren, wen sie adäquat und zutiefst menschlich antworten. Und dabei womöglich fluchen. Ich weiß, wie konnte ich nur...

Ich hätte mir gewünscht, in meinem Ausnahmezustand und meinem Schmerz auch besonders in der Phase der Zuspitzung noch irgendwie gesehen zu werden. Das hätte ich anständig und angebracht gefunden. Und ich hätte obendrein sehr gern ein wie auch immer fortgeführtes freundschaftliches Verhältnis aufrechterhalten. Das tue ich noch immer. Wut und ausgestreckte Hände schließen sich nämlich überhaupt nicht aus. Ich habe schon an anderer Stelle erzählt, dass ich neben Wut und Verzweiflung trotzdem auch stets dafür gekämpft habe - ich habe Angebote gemacht, ich habe Zeichen desetzt, ich habe mich geöffnet, ich habe ihn nicht von der Unterhaltung ausgeschlossen oder ignoriert - weder vor noch nach dem ganz großen Knall. 

Und dessen Wirkung scheint, was mich betrifft, nun an manchen Tagen sogar weitgehend verpufft. So schnell kann es dann manchmal doch gehen. Die ohnmächtige Fassungslosigkeit angesichts der Eröffnung, wer meine Nachfolgerin war - geschenkt. 

Heute Nachmittag dachte ich, ich würde einfach nur gern anrufen können und fragen, ob er mal wieder Lust auf unser ehemaliges Sushi-Stammrestaurant hätte. Da war ich nun seit Monaten nicht. Aber ich könnte ihn dafür auch dann nicht anrufen, wenn ich es vorhätte. Für wichtigere, rein praktische Anliegen, die wir noch zu klären hätten, ginge das ebenfalls nicht. Ich bin nämlich geblockt worden. Und auch auf Textanfragen erhalte ich keine Antwort. Im Prinzip ist da ironischerweise mitunter gar kein Unterschied, ob wir in unserer Beziehung sind oder nicht... 

Dass wir auf diese Weise bestimmte Angelegenheiten nie komplett auseinanderfriemeln werden, die eigentlich jetzt abschließend noch anstünden, und die Entscheidungen alle an mir hängenbleiben, ist auch klar. Wer aber nun doch einen endgültigen Schlussstrich will, sollte die Abwicklung nicht pausenlos verhindern und alles mal wieder bis in alle Ewigkeit hinauszögern. Es sei denn, er will den Schlussstrich gar nicht. 


NH

Montag, 24. Juli 2023

Erstes Online-Treffen des Clubs der dicken Damen

Obwohl es im Forum bisher keine echte Drängelei gibt, ich aber doch genug Feedback bekommen habe, dass eine solche Gruppe eine gute Idee sein könnte, werfe ich hiermit auch einfach schon den ersten Termin für ein Treffen des Clubs der dicken Damen via Skype in den Ring - den

26. August, 2023 um 19:00 Uhr

Wer dabei sein möchte, muss sich nur bei mir melden:
office(at)nicola-hinz.com

Wenn ihr schon bei Skype seid, schickt mir den Namen gleich mit und ich füge euch zur Gruppe hinzu.
Wer Hilfe mit Skype braucht, bekommt zumindest die beste Hilfe, die ich liefern kann. ; )

Liebe Grüße
Nicola

Sonntag, 9. Juli 2023

Und wie geht es dir so?


Am Samstagabend war ich so verzweifelt und allein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben versucht habe, bei der Telefonseelsorge anzurufen. Spoiler: Ich habe es kurz nach Mitternacht und dutzenden Versuchen geschafft. Zuvor war stundenlang kein Durchkommen. Eine merkwürdig strenge (vermutlich soll sie nur neutral wirken) Stimme teilte mir immer wieder mit, dass alle im Gespräch seien und mein Anruf deshalb jetzt nicht angenommen werden könne. Was sie mir nicht mitgab, war der Hinweis, dass ich besser den Notruf oder die Polizei anrufen solle, bevor ich mich aus dem Fenster stürze. Das war ernüchternd und beunruhigend. Die Hotline reicht ganz offensichtlich nicht aus, um Menschen in akuter Not beizustehen. Denn am Ende des Abends kann es zu spät sein. Dass das zermürbende Warten Verzweifelten erheblich zuzusetzen vermag, kann frau im Internet in Erfahrungsberichten nachlesen.

Allerdings scheint die Telefonseelsorge so ziemlich das einzige Angebot dieser Art zu sein, das existiert. Überall, wo im Internet Suizid-Notfallhilfe draufsteht, sind die Nummern der Telefonseelsorge drin. Was dann allerdings nach der kühlen Bandansage immer folgte, war noch zusätzlich verstörend: Nach der Aufnahme erklingt dann das quäkende „Kein-Anschluss-unter-dieser-Nummer“-Zeichen. Bis die*der Hilfesuchende auflegt. Ob sich irgendwer bei der offenbar kirchlichen Veranstaltung der Ironie bewusst ist, wage ich zu bezweifeln. Dass das für Ratsuchende in gefühlt ausweglosen Situationen leicht wie eine Ohrfeige wirken kann, scheint dort auch keinem*r bewusst zu sein. Im Anschluss versuchte ich, mich für die Seelsorge per Chat zu registrieren und landete auf einer Liste mit zehn Terminen. Der letzte davon war bereits am Dienstag um 20:30 Uhr. Und alle Termine waren eh schon vergeben.

Wie immer, wenn ich im Leben versuche, irgendwo adäquate Hilfe für mich selbst oder andere zu bekommen (bei Behörden, Ärzt*innen, Tierheimen, Polizei etc.) und dabei fast immer scheitere, verwandelt sich Sorge nach und nach in Ärger und Fassungslosigkeit. Das ist ein Nebeneffekt, für den ich vielleicht dankbar sein sollte, weil er mich wieder aufpeppt und in Kampfposition bringt, aber…ganz ehrlich Leute, so geht das doch nicht. Was soll das? Bei angeblich 7700 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die laut Angabe auf der Website dazu verpflichtet sind, im Monat 15 Stunden für die Telefonseelsorge zu arbeiten, haben die am Wochenende ganze 10 Chat-Termine zu vergeben? Was läuft da schief? Und wieso überlasse ich eine so wichtige gesellschaftliche und in bestimmten Fällen lebensnotwichtige Aufgabe überhaupt einem kirchlichen Verein? Wieso ist das nicht staatlich, gut finanziert und ordentlich ausgebaut?

Der Herr, der schließlich abnahm, war in der Hauptsache freundlich und hatte definitiv etwas Beruhigendes. Ich glaube, dass er einem lebensmüden Menschen den Interventionspunkt bieten könnte, der den rollenden Zug erst einmal stoppt. So weit so gut. Ich sagte am Anfang überrascht, ich hätte gar nicht mehr damit gerechnet, noch mit jemandem sprechen zu können. Er sagte, er würde sich dafür nicht entschuldigen. Und ich dachte, das ist mal ein echt unangebracht konfrontativer Einstieg, aber zum Glück kriegten wir das noch umgebogen. Dann versuchte er es im Laufe der Unterhaltung mit praktischen Tipps, wo ich mir Rat holen könnte. Ich hörte mich sagen: „Ja, ja.“ Und dann wollte er mich am Ende als Mitarbeiterin für die Telefonseelsorge rekrutieren…gelacht haben wir auch ein wenig.

Die App der Telefonseelsorge habe ich mir dann auch noch runtergeladen. Entweder bin ich zu blöd, oder aber das Produkt ist schon wieder viel zu hakelig, buglastig und inhaltsleer, als dass ich erkennen könnte, was ich damit machen soll, damit es mir besser geht. Ich habe bei der Navigation nur geflucht. Und mich noch mehr gewundert.

Warum habe ich überhaupt bei der Telefonseelsorge angerufen?

Weil es mir mies ging. Das passiert. Und in den letzten Jahren immer öfter. Das miese Gefühl wächst zu einer überwältigenden und komplett unübersichtlichen Flutwelle und es ist, als würde frau in der Tat gleich im Chaos der Sorgen und Beschwernisse erdrückt werden.

Ich habe gesundheitliche Befürchtungen und fühle mich oft medizinisch nicht besonders gut versorgt. Allein der Versuch, als Neupatient*in irgendeiner Fachärztinnenpraxis aufgenommen zu werden…don’t get me started. Gefühle wirtschaftlicher Instabilität und Statusangst sind seit Beginn meiner Berufstätigkeit vor knapp 30 Jahren meine ständige Begleitung. Zahlreiche Lebensträume sind über die Jahrzehnte evaporiert und haben einer wabernden Bitterkeit immer mehr Platz gemacht. Hinzu kommt, dass ich ohnehin in meinen Werkseinstellungen eher motzig und nicht besonders fröhlich bin. Ich bin empfindlich und anspruchsvoll.

Und allein.

Das hat sich so ergeben – aus einer Mischung aus Persönlichkeit und Lebensumständen. Auf der Liste meiner WhatsApp-Kontakte gibt es nur zwei private. Wenn ich eine Party feiern wollte, wüsste ich nicht, wen ich überhaupt einladen soll. Und dass eine Partnerschaft eine*n nicht unbedingt davor bewahrt, sich allein und verloren zu führen, dürfte so ziemlich jeder Frau in mittleren Jahren klar sein. Dass eine Partnerschaft diese Gefühle auch gern erst erzeugt, liegt ebenso auf der Hand. Der Herr von der Telefonseelsorge sagte mir, dass sich dort mindestens 50% aller Anrufer*innen wegen akuter Einsamkeit meldeten. Die Mehrheit der Anrufenden ist weiblich.

Und wie geht es dir so?

Ich plane ja schon so lange, einen Club der dicken Damen zu gründen. Nun nehme ich diesen persönlichen Tiefpunkt zum Anlass. Das ist vielleicht nicht furchtbar elegant, aber dass sich einige Leser*innen hier am Strand ebenfalls mitunter einsam und ungesehen fühlen, scheint mir sicher. Mir schwebt ein Platz zum Quatschen vor, ein Ort, an dem frau einfach was loswerden kann – Schlechtes oder Gutes. Ein Netz aus Unterstützer*innen und Zuhörer*innen. Mit einem Forum und einem regelmäßigen Online-Treffen. Im Grunde eher ein „Und-wie-geht-es-dir-so?“-Club.

Die Frage ist nun: Wärt Ihr interessiert? 

(E-mail, Kontaktformular oder Kommentare sind natürlich alle gleich gut geeignet für Feedback. : ))

office(at)nicola-hinz.com

NH

 

Montag, 28. März 2016

Follow me around 44: Schöner scheitern - Zwischenbericht 1

Ich hänge in der Kurve. Bei allem. Bei der geplanten Buchveröffentlichung im Eigenverlag, Beim "30 Tage Entrümplungsprojekt", bei den Walking-Vlogs und bei den guten Vorsätzen, mich über Ostern mal so richtig zu erholen, erst recht. Außerdem noch beim Karrieremachen und Heiraten, beim Putzen, der Gartenarbeit, beim Lernen für meine IHK-Prüfung, sowie beim Erstellen einer Kapsel-Garderobe.

Typisch, die Abteilung für Faden und Kleber geschlossen. Wie so oft. Wie soll frau da alles zusammenhalten?
(Kunsthalle Kiel)

Eigentlich sollten ja 500 Gegenstände den Haushalt in 30 Tagen verlassen. Jetzt ist nur noch Zeit bis zum 8. April und ich bin gerade eben erst bei Ding Nr. 199 angekommen. Das war eine hasenförmige Kerze, die nun heruntergebrannt ist. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich nicht jeden individuellen Gegenstand gezählt, sondern so Ansammlungen wie z.B. eine "Hand voll Make-up-Schwämmchen" als Einheit verbucht habe - sonst wäre ich vielleicht schon bei der Hälfte. Vermutlich werde ich doch den Keller in das Projekt einbeziehen müssen, und dann so richtig die Ärmel hochkrempeln. Wobei viele der aussortierten Dinge dann natürlich noch lange nicht ganz WEG sind und auf Weitervermittlung und Abtransport warten.

Diesmal plane ich nicht, alles zu Oxfam zu schaffen, denn da ich nun einmal pro Woche die Schulbank einer privaten Ausbildungsstätte drücke und dafür natürlich monatlich Schulgeld bezahlen muss, werde ich ganz im Geiste von "ich bin alt und brauche das Geld" einen Internetverkauf, insbesondere meiner zum Teil nagelneuen Kleidung ab Größe 50 aufwärts, organisieren. Hoffentlich in der kommenden Woche. Ungetragene Schuhe wird es auch geben. Mehrheitlich mit hohen Hacken. Bei diesen Souvenirs aus London ringe ich noch mit mir, ob ich sie auf den Markt werfe...


Ostern war doof. Aus vielen Gründen. Und am Ende wirklich mal wieder einsam und traurig. Erst fehlte der Antrieb. Dann die Zeit. Vom Nachbargrundstück gähnt uns weiterhin das riesige Monsterloch entgegen und trotz fester Vorsätze habe ich es nicht einmal bis ans Meer geschafft, oder irgendein Schloss besichtigt. Meine Therapeutin wird mit mir ganz und gar nicht zufrieden sein.

PS: Hat jemand von euch eine Meinung zu #gamergate, bzw. Frauenfiguren in Computerspielen? Ich würde mich über eine kurze Unterhaltung und erhellendes Input freuen.

PPS: Aber dann kam soeben das Glück, das mich wahrhaftig immer und überall findet: hungrige Katzen.



NH

Freitag, 24. Juli 2015

Follow me around 30: Umnachtung

Stimmung

Die letzte Woche fing schon schlecht an, als sie eigentlich noch gar nicht angefangen hatte. Ich wurde am Samstagabend auf einer eigentlich sehr schönen Party an einem Tisch platziert, an dem u.a. bereits ein Steuerberater/Lokalpolitiker und seine dicke Frau saßen. Sie war mit echtem und falschem Glitzerkram geschmückt, wie ein Weihnachtsbaum und brachte die passende sprudelige Stimmung gleich mit. Erst dachte ich nur, sie wäre halt eine von diesen, wie ich finde, unangenehmen Dicken, die mit überzogen fröhlicher Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitude die Tatsache ausgleichen wollen, dass sie, so wie ich, zu einer als minderwertig empfundenen Bevölkerungsschicht gehören. Später stellte ich fest, dass sie auch ausgesprochen unhöflich war, denn sie setzte sich nach dem Essen zwischen mich und meine Nachbarin und blockte mich aus der Unterhaltung, indem sie mir ihren Rücken zudrehte.

Wahrscheinlich hatte sie es mir übel genommen, dass ich ihren Mann dabei erwischt hatte, ein nicht besonders heller Schwätzer zu sein. Wir konnten vom Tisch aus den Michel (St. Michaelis, Hamburg) sehen. Meine Nachbarin sagte: "Oh, der Michel!" Er erklärte ihr im Brustton der Überzeugung, das sei nicht der Michel. Mein Google sagte, dass er schlicht Unrecht hatte. Und das sagte ich ihm dann. Der Mann belehrte halt mal wieder besonders gern Frauen. Nacheinander meine Nachbarin, dann mich und schließlich sogar seine eigene Frau. Dummerweise lag er mit so ziemlich allem falsch. Heutzutage ist das ja im Zweifel besonders schnell und leicht nachzuweisen. Was manche Ehefrauen so aushalten...aber vermutlich sieht sie nichts bzw. alles ganz anders. Sie nannte ihn stolz "großer Bär". Ein Bild vom "kleinen Bären" (das Kind heißt tatsächlich "Urs") hatte sie mir bereits Sekunden nachdem ich mich an den Tisch gesetzt hatte, unter die Nase gehalten.

Was bedeutet diese Episode nun eigentlich? Ich kann öfter mal gar nicht so gut mit anderen Dicken. Das hat mich immer ein wenig frustriert, wenn das passiert ist. Aber warum eigentlich? Schließlich sind wir nicht automatisch im selben Club. Und Dicke sind nicht automatisch bessere Menschen. Das denkt man nur immer, wegen ihrer persönlichen Diskriminierungsgeschichte, die sie schließlich, wie wir alle, irgendwie schon haben müssen. Aber nicht jede(r) kommt am Ende des Spülganges mit der gleichen Gemütsverfassung und Weltsicht wieder heraus. Und Solidarität ist im Alltag und auch sonst ja ohnehin immer so eine Sache. So wie Angela Merkel keine Verpflichtung hat, Politik für Frauen zu machen, und darüber hinaus nun auch über das mühsam erstrittene Recht verfügt, ganz genauso reaktionär und machthungrig zu agieren, wie jeder reaktionäre und machthungrige Mann, haben Dicke natürlich keine Verpflichtung, ausgerechnet zu mir nett zu sein.Und sind sie halt oft auch nicht.

Konkurrenz unter Dicken?

Ich bin bereits in all diesen Kategorien gescheitert: mit der besten dicken Freundin, diversen Stammtischen für dicke Frauen, auf dicken Tanzparties, sowie in Internetforen für Dicke. Es macht mich als Feministin nicht froh, von Bissigkeit und Konkurrenzgebaren unter Frauen zu sprechen, weil es mir viel lieber wäre, das bliebe in meiner Welt nur ein  abgedroschenes Klischee, aber oft waren es wohl wirklich solche Schwingungen, die mich dazu gebracht haben, mich von entsprechenden Zusammenschlüssen wieder zu trennen. "Wenn du immer und überall fast ausschließlich auf dicke verbissene Konkurrentinnen statt Schwestern triffst, bist am Ende womöglich doch du selbst die, die immer automatisch konkurriert", schallt es aus naseweiser Quelle über die Straße. Wer weiß...

Was ich weiß (und vermutlich auch hinreichend mitgeteilt habe) ist, dass meine Wut stetig auf jene wächst, die sich anpassen, den Kopf einziehen, insgeheim noch immer auf dünne Zeiten hoffen, und den Kampf für die eigene gesellschaftliche Akzeptanz und gegen die eigene Diskriminierung im günstigen Falle anderen überlassen. Im schlechteren stemmen sie sich noch gegen derartige Bemühungen. Dicke Anti-Dicke sind mir genauso ein Rätsel, wie Antifeministinnen. Auf beide bin ich mitunter so sauer, dass ich gelegentlich mit dem Gedanken spiele, doch noch eine Karriere als Autorin seifiger, antiemanzipatorischer Frauenromane zu starten, in denen dicke, tramplige Heldinnen regelmäßig schön und schlank werden, bevor sie endlich doch noch ihr Glück finden.

Meine Therapeutin hat mich letzte Woche Donnerstag in einer Gruppensituation beobachtet (therapeutische Kochgruppe in ihrer Praxis) und mir danach am Dienstag mitgeteilt, ich hätte so viel unnahbarer gewirkt, als im normalen Gespräch und damit womöglich die anderen Gruppenmitglieder verunsichert. Das fand ich bemerkenswert, denn ich hatte mich einfach nur zurückgehalten, um explizit niemanden zu verschrecken. Mir ist bewusst, dass ich leicht zu viel werden kann, wenn ich meine Ansichten, Überlegungen, meinen Humor und meine Abneigungen zu deutlich austeile. Darum nehme ich mich im direkten Zusammentreffen mit anderen oft zurück. Offenbar mit dem Ergebnis, dass man mich dann leicht für unzugänglich hält. Schöner Mist.

"Zu viel" zu sein, ist eine Erfahrung, die ich mehr als hundertmal gemacht habe. Und das eben nicht nur, was meinen Körper angeht. Ich bin im persönlichen Umgang oft bemüht, Menschen nicht zu überfordern, weil es nicht meiner Erfahrung entspricht, dass ich besonders gemocht werde, wenn ich da den Rahmen sprenge.

Während kapriziöses Drama beispielsweise geradezu ein Lebens- und Erfolgsrezept vieler Frauen im Umgang mit Männern zu sein scheint und sie offenbar niedlich, geheimnisvoll und schutzwürdig erscheinen lässt, hat bei mir "Kompliziertheit" eigentlich immer nur dazu geführt, dass sich andere abwenden. Mich hebt keiner fasziniert vom Boden auf, streicht mir über den Kopf und hält mein emotionales und geistiges Übermaß für eine Aufforderung, sich zu Rettungsaktionen aufzuschwingen. Warum eigentlich nicht, wollte ich von meiner Therapeutin wissen. Das ist sowas von unfair. Wusste sie aber auch nicht.

Das Ende vom Lied

Als Beispiel für oben beschriebenes Dilemma endete in dieser Woche die spaßhafte Androhung durch mich, persönlich ein Geburtagsständchen vorzutragen, unbegreiflicherweise in einem weiteren zwischenmenschlichen Bruch. Wahrscheinlich hätte ein Video von mir mit Sprühsahne auf dem Busen (wie im letzten Jahr) mehr Anklang gefunden, aber dazu hatte ich keine Lust. Wahrscheinlich hätte ich mich wieder komplett zurück halten sollen - ich weiß schließlich, dass Geburtstage eine kniffelige und empfindliche Angelegenheit sein können. Aber es war mir ein Bedürfnis, mich einfach zu melden. Genau genommen war es mir ein Bedürfnis, vom Empfänger mal wieder wahrgenommen zu werden. Aber er hat mich scheinbar abermals nicht gesehen. Und nach zwei Jahren, in denen ich mich in dieser Verbindung oft wie der letzte Dreck gefühlt und mich trotzdem weiter bemüht habe, weil sie mir so furchtbar wichtig war/ist, habe ich dann so deutlich gesagt, was ich denke, dass von nun an zumindest ich selbst nicht mehr in der Position bin, hier, wie vielleicht vormals noch möglich, eine Rückabwicklung vorzunehmen. Und da ich wirklich nicht damit rechne, dass mir derjenige plötzlich vom Boden aufhilft, weil er mich so niedlich findet - one down, no one to go.*

Nachtwanderung

Sonntagnacht wanderte ich allein durch den Ort. Zwei junge Menschen kamen mir im Dunkeln auf dem Bürgersteig mit einem Hund entgegen. Die Frau lief auf meiner Seite direkt auf mich zu. Es bestanden zwei Möglichkeiten: Entweder sie weicht hinter oder vor ihren Begleiter aus, oder sie rennt direkt in mich rein. Und das hat sie dann auch getan. Offenen Auges. Weil sie bis zum letzten Moment hinter ihren stylischen Brillengläsern geglaubt hat, dass die dicke Alte schon einen Schritt zur Seite und auf die Straße machen wird, wenn sie in Paarformation auf mich zurauscht...

...War dann regelrecht ein wenig schmerzhaft, der Zusammenstoß. Und von ihrer Seite erstaunlicherweise komplett stumm. Während ich die Augen rollte und seufzte "Unfassbar!", begannen die beiden erst einige Meter die Straße hinauf damit, sich wieder murmelnd zu unterhalten.

Und nun ist schon wieder Freitag.



*Noch einer erledigt, keiner mehr da.

NH

Sonntag, 1. März 2015

Follow me around 17: Klimawandel


Tatsächlich ist die Überschrift dieses Blogposts irreführend. Denn echten Wandel gibt es hier nicht. Alles ist wie immer. Das ist ja das Schlimme. Sogar das Abendessen ist mir schon wieder angebrannt. Ich sollte sie wirklich nur noch einmal blitzeblank überpolieren, und dann nie, nie, nie wieder benutzen. Diese verdammte Küche. Ich spiele ja ohnehin schon so lange mit dem Gedanken, mich nur noch von Blaubeeren, Joghurt und Baileys zu ernähren.

Allerdings ändert sich das Klima im Kopf. Es wird rauer. Als Frau E. aus B. mir in einem ihrer Kommentare schrieb, dass man sich als "Leserin, die mit ihrer Protagonistin mitfühlt, natürlich auch mal das ein oder andere (Zwischen)-Happy-End" wünscht, wusste ich ganz genau, was sie meinte. Was bei ihr aber Bedauern war, ist bei mir ein schon länger grummelnde Unzufriedenheit mit dem Blog und vor allem mit mir selbst, weil halt nichts Aufregenderes zu berichten ist. Fast könnte man es als bloggerische Sinnkrise bezeichnen. Auch weil ich gefühlsmäßig ohnehin wenig bewege.Während andere Fettakzeptanz-Blogger, gleichwohl hauptsächlich im englischsprachigen Ausland, immer wieder berichten, wie sie mit fettphobischer Besserwisserei und Bösartigkeit überschüttet werden, gelingt es mir hier nicht einmal, die Gemüter so zu erhitzen, dass mir ein paar Trolle gelegentlich ein paar Schimpfwörter ins Poesiealbum tippen. Nicht ein einziges Mal hat man mir so richtig wutentbrannt vorgeworfen, ich würde einen ungesunden Lebensstil propagieren und damit meine Leserinnen mit ins Unglück reißen. Wenig Kontroverse, wenig Ehre? Wer weiß.

Ach, ja...nicht einmal für einen impulsiven Sofakauf hat es gereicht. Dieses wäre das erste Sofa meines Leben gewesen - wären im Augenblick etwas mehr Schwung und weniger Zukunftssorgen im Spiel:


Zu allem Überfluss geht mir in letzter Zeit immer mal wieder das wirklich Blödeste, was einer dicken Feministin einfallen kann, durch den Kopf: Nimm schneller und mehr ab, vielleicht findest du dann doch endlich einen Partner. Also einen Mann, den du in deinem Leben willst, und der dich in seinem auch will. Und triffst nicht nur auf Fettliebhaber, die tatsächlich in letzter Konsequenz doch nur dicken Sex wollen. Dass mein Körper, so wie er ist, regelrecht begehrt sein könnte, hatte ich mir vor zwei Jahren nicht vorstellen können. Das habe ich ja auch oft genug erzählt. Zu wissen, dass es so ist, ist eine wirklich feine Sache. Aber wie es ist, wenn ein Mann, den ich interessant finde, im Gegenzug ebenfalls ernsthaft an mir als äußeres/inneres Gesamtpaket interessiert ist - daran kann ich mich kaum mehr erinnern. Man kann seine Wünsche oftmals schwer steuern. Sie sind kulturell geprägt und begleiten einen womöglich schon seit einer Ewigkeit. Manchmal ohne, dass man sich ihrer so richtig bewusst ist. Aber ich erinnere mich, dass ich mir diese Frage in ähnlicher Form schon 2013 während der Online-Vortragsreihe zum Thema dickes Internet-Dating gestellt habe: Was ist, wenn die meisten der Männer, die ich persönlich mir gern mal näher ansehen würde, von mir nichts wissen wollen, solange ich dick bin? Da nützt es wenig zu sagen, "der Richtige nimmt dich so, wie du bist". Das tut der aus meiner Sicht Richtige eben nicht...und der Richtige ist nun einmal der, den ich dafür halte. Richtig ist nicht automatisch irgendeiner, bloß weil er mich dick ok findet. Sonst wäre ich tatsächlich längst zumindest ernsthaft verbandelt und würde fortan Europa in einem Wohnmobil durchkreuzen, oder im schleswig-holsteiner Hinterland Dressurpferde züchten...Oh, Göttin...

Ich glaube, ich hol' mir noch ein Gläschen. Ich meine, das Gute daran, am ganzen Wochenende wieder allein zu Haus zu sitzen, ist ja immerhin, dass man nicht mehr fahren muss.

Unwetter

Ich hab' ja gesagt, dass Aussortieren und Heim-/Selbstorganisation süchtig machen können. Heute habe ich sodann die drei Kisten, die eigentlich mit Flohmarktartikeln gefüllt und inzwischen zum ständigen Hochsitz des Katers geworden waren, abgebaut und den Inhalt auf drei Empfänger verteilt: Oxfam, die Kemenate in Hamburg (ein Tagestreff für obdachlose Frauen) und das örtliche Sozialkaufhaus. Nun liegt alles im Auto und wartet darauf, ausgeliefert zu werden. Ganz ehrlich - ein freier Durchgang ist jetzt mehr wert, als die zu erwartenden Einnahmen aus einem langen Flohmarkttag. Und ich habe in meinem Leben so viele davon hinter mich gebracht, dass ich auf der Basis einschlägiger Erfahrungen verkünden kann, dass man sich in den Stunden zwischen 5 und 17 Uhr oft sehr viel mehr ärgert als freut. Am Ende ist man dann so geschafft, dass man abends die Hälfte des Verdienstes in ein Restaurant trägt, um sich dafür zu belohnen, dass man es hinter sich gebracht hat und jetzt eine Kram-Kiste weniger zurück in Auto stopfen musste.

Umzugskartons also erledigt. Und dann fiel mein Blick auf die Schneekugeln. Ich holte sie vom Regal und schüttelte sie alle mal so richtig gut durch. Und stellte fest, dass die Wetterbedingungen in den meisten von ihnen längst nicht mehr stürmisch genug sind. Das Wasser ist bis zur Hälfte verschwunden, oder es ist trüb geworden. Die Glitzer- und Schneepartikel vermischen sich mit grauslichen, grauen Schwebteilchen, die da nicht hingehören, sie klumpen oder legen sich wie ein Film über die Figuren, auf die sie eigentlich herabrieseln sollen. Also: Weg damit! Ich bin noch immer ein wenig verwirrt, wenn ich jetzt plötzlich freie Flächen habe, für die es nicht sofort wieder eine Verwendung gibt. Dann suche ich regelrecht nach einer. Ich nehme an, ich werde mich noch gewöhnen - an die Leerstellen. Wenn das so weiter geht.





Presseschau

Die EMMA für Januar/Februar enthält einen Artikel über den "großen Diätschwindel". Darum habe ich das Heft gekauft. Entweder er ist sehr schlecht aus dem Englischen übersetzt, oder, freundlich gesagt, sehr viel mittelprächtiger und am Thema vorbei, als sich das das wichtigste deutsche feministische Magazin im Hinblick auf die offensichtliche Verknüpfung von Fettphobie, Diskriminierung und der massiven kulturellen Schwächung von Frauen durch destruktive Schönheitsideale eigentlich erlauben sollte. Druckfehler und eigenartige Gedankensprünge seien dahin gestellt. Bei der im letzten Satz implizierten Mahnung, sich "gesund" zu erhalten, wird das Ganze allerdings langsam Brigitte-würdig und verdammt ärgerlich. Und wer z.B. das Folgende vor der Lektüre noch nicht wusste, dem ist ohnehin nicht zu helfen: "Laufend erscheinen auf den Bestsellerlisten neue Diätratgeber, die entweder völlig undurchführbaren Diäten oder Neuauflagen altbekannter Rezepturen das Wort reden." (S. 46, Emma Jan./Feb. 15)

Dafür fällt auf den ersten Blick scheinbar mal wieder die Brigitte Woman mit ihrer Februarausgabe dem Mutterblatt in den Rücken und fordert ihre Leserinnen allen Ernstes schon auf dem Titel auf: "Lasst's euch schmecken!" Mit Aurufezeichen! Im Heft gibt es gar ein mehrere Seiten langes "Plädoyer", endlich zu essen, was man will. Und was kommt dann? Eine ganzseitige Anzeige für die Brigitte Kochbuch-Edition: "Ganz ohne Diät zum Gleichgewicht - gesund bleiben und glücklich essen." Aha. So ist das also. Traut niemandem, liebe Schwestern.

NH

Samstag, 14. Februar 2015

Follow me around 16: Im Eimer / Wochenendausgabe


Hätte ich den heutigen Tag gevlogt, hätte man Folgendes zu sehen bekommen:

Auf der Fahrt zum Tierfuttermarkt habe ich begonnen, vor mich hinzuweinen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Als ich auf den Parkplatz fuhr, bekam ich eine freundliche E-Mail von einem Bekannten, fing mich ein wenig, blickte kurz ins Leere, wischte mir im Gesicht herum und ging dann in den Laden. Dort kaufte ich ein rotes Stoffherz, gefüllt mit Baldiran, für Corbi und ausnahmsweise ein paar Dosen von dem gaaanz teuren Futter, das er (dummerweise) halt am liebsten mag, denn ich hatte einen Valentinstagsgutschein über 5 Euro. Ich stieg zurück ins Auto und wollte schlicht nicht nach hause. 

Also begab ich mich auf die Flucht und fuhr weiter zum nahen Hello Kitty Outlet Store. Wohin auch sonst? Und was kauft man da, wenn man eigentlich gar nichts kaufen darf? Erstens, weil das Geld sowieso knapp ist. Und zweitens, weil man mit sich selbst ein Abkommen geschlossen hat, im Februar nichts zu erwerben, was nicht wirklich notwendig oder essbar ist? Einen pinkfarbenen Eimer. Was auch sonst? Hey, er ist pink. Er ist aus glänzendem Plastik. Man kann Dinge hineintun. Lass mich in Ruhe, ok?

Und weil sie quasi gegenüber vom Outlet liegt, fuhr ich kurzerhand weiter zur örtlichen Edel-Variante eines Edeka-Marktes, nur um festzustellen, dass die bei ihrem Umbau die kleine Abteilung mit Lebensmitteln aus den USA aufgelöst haben und nun keine Reese's Peanut Butter Cups mehr führen. Und auch keine Macaroni and Cheese von Kraft. 

Der Laden war gerammelt voll. Und ich war automatisch voller Abscheu. Und plötzlich voller Neid. Nein, nicht auf die flusigen Eltern um ihr hässliches Kleinkind, das unzureichend beaufsichtigt den Familien-Einkaufswagen mal in diese Person oder jenes Regal rammte. Und beileibe auch nicht auf das erschütternde Schicksal der Frau des offenkundig welt-stoffeligsten Ehemannes, der immerzu ihr und anderen im Weg stand, bis sie sagte: "Du kannst ja schon mal das Leergut wegbringen." Er: "Wo ist denn das Leergut?" Sie: "Na, im Einkaufswagen!" Er: "Wo ist denn der Einkaufswagen?" 

Mir ist schon klar, dass ich ein Eingebundensein in diese spezifischen Lebenssysteme unter den öffentlich sichtbaren Umständen vermutlich keine fünf Minuten ertragen könnte. Aber das Eingebundensein an sich, das war es, worum ich alle beneidete, die nicht allein und mit einem Körbchen für eine Person am Arm ziellos durch die Gänge wanderten. So sehr, dass vermutlich grüne Lichtblitze aus meinen Augen schossen. Wenigstens für einen Moment. Zu irgendwem irgendwie zu gehören. Und sich über die Organisation des gemeinsamen Systems auseinanderzusetzen - irgendwie. Ich will das. Und ich weiß schlicht noch immer nicht, wie man es bekommt. 

Mit grummelnder Bitterkeit schlich ich für eine unangemessen lange Zeit um die überteuerte Salatbar und kaufte mir am Ende mein eigenes All-you-can-eat-Buffet zusammen, das ich bei meiner Heimkehr fast nicht in den Kühlschrank bekommen habe.

Zu guter Letzt landete ich in einem Geschäft, das Retouren des Impressionen Versandes verkauft. Und da stand ein Sofa. Mein Sofa. Mit einem grünen Polster auf der breiten Sitzfläche und geschwungenen Rück- und Seitenwänden aus feinem, altmodischen Flechtwerk. Ich wünschte, ich hätte ein Foto gemacht. Es sind ja immer alle ganz erstaunt, wenn sie erfahren, dass ich kein Sofa habe. Haben doch nun wirklich alle. Mit nem Tischchen davor. Und mit Blick auf einen Fernseher. Aber ich hatte noch nie eins. Nur drei Sessel. Zwei davon sind zerzauste Erbstücke. Und auf einen davon setzt man sich besser gar nicht. 

Ich habe natürlich im Augenblick gar kein Budget für ein Sofa. Und erst recht keinen Platz. Und auch niemanden, der mit mir darauf sitzt. Der Kater würde es vermutlich in wenigen Tagen in Fetzen reißen. Aber ich will jetzt das Sofa...

Mit all den vorgenannten Ereignissen als unspektakulärem Inhalt hätte sich mein Vlog nicht besonders von denen unterschieden, die bei YouTube täglich frisch und zu tausenden (wenn nicht mehr) zu bewundern sind. Inklusive der Heulerei im Auto übrigens. Nichts ist ungewöhnlich. Wenn man begreift, dass wir, zumindest im Kern unseres Wesens, alle gleich sind.


NH

Freitag, 26. Dezember 2014

Outside

Sollte man einen ganzen Blog-Post darüber verfassen, dass man sich mit 43 noch immer oft so fühlt, wie das Vorschul-Ich, das meistens allein für sich spielte? Oder wie die Fünftklässlerin, die immer übrig blieb, wenn Mitschüler sich ein Team zum Völkerball auswählen sollten? Oder die 13-Jährige, die in der Klasse bei den Jungen saß, weil es bei den Mädchen für sie keinen Platz mehr gab? Oder die Nicola, die mit 16 auf dem Schulhof allein herumstand oder saß, weil sie nirgendwo dazu gehörte? Und sollte man wirklich darüber schreiben, dass man sich selten so einsam gefühlt hat, wie in den letzten Wochen und sich ein wenig fürchtet, dass sich das in diesem Leben einfach nicht mehr ändern wird?

„High-school doesn’t last forever.”* Oder doch?

Ich bin in der Schule und auch danach selten wegen meines Körpers direkt angegriffen oder gehänselt worden. Auch deshalb nicht, weil der dickgeglaubte Körper in bestimmten Phasen ja gar nicht so erheblich gegen gängige Normen verstieß. Aber durch das von der Welt quasi von Anfang an eingepflanzte „Bewusstsein“ in einem „anderen“ (im Zweifel minderwertigen) Körper zu existieren, hat mich mit Sicherheit einerseits verunsichert, eingeschüchtert und gleichzeitig ein Selbstbild zementiert, das schlicht und ergreifend auch „anders“ ist. Der Grad der Selbstliebe schwankte Zeit meines Lebens heftig und war oft im Keller. Und wenn man sich häufig wünscht, unsichtbar zu sein – wer weiß, am Ende klappt das doch mit der Tarnkappe. Und dann ist es am Ende schwer, sie wieder abzusetzen. Davon kann ich bekanntlich ein Lied singen. ; )

So passte ich selten ins Bild. Oder war schlicht nicht drin. Und fühlte mich meistens wie im falschen Film. Das war übrigens auch als Austauschschülerin in Laconia, New Hampshire nicht anders. Irgendwann im Verlauf meiner Teenagerzeit sagte mir eine Mitschülerin kopfschüttelnd, dass ich „echt beliebt“ sein könnte, würde ich es „nur wollen“. Und ein paarmal standen wahrhaftig gleich mehrere der „populären“ Jungs ernsthaft auf mich – das wäre unter Umständen mein Schlüssel gewesen, endlich dazu zu gehören, aber im Ergreifen von Chancen, die auf der Validierung durch männliches Interesse basieren, war ich immer schon denkbar schlecht. Und schlicht nicht interessiert.

Wollte ich also gar nicht mitspielen?

Ich war vermutlich nicht nur schüchtern und zurückhaltend. Ich war auch (immer schon) biestig. Hat ja keinen Sinn, so zu tun, als würde es nicht stimmen. Ich bin überempfindlich, ich kann das Denken und Hinterfragen nicht lassen, ich sehe und höre ständig zu viel. Ich habe Meinungen und ein Gebirge von Prinzipien (das zumindest verdanke ich teilweise meinen Eltern). Ich neige schon immer zu Sarkasmus/Zynismus. Vermutlich bin ich oft überkritisch. Und ja: Ich kann verdammt hochnäsig sein und bin leicht gelangweilt und genervt. Ich bin meistens höflich, aber nicht immer nett. Es fällt mir schwer, Begeisterung zu spielen, also tue ich es in der Regel auch nicht. Wenn ich welche äußere, ist sie daher allerdings meistens echt. Egozentrisch bin ich selbstverständlich auch. Ich habe nicht immerzu darunter gelitten, allein zu spielen. Ich habe es auch oft bevorzugt. Und ich kann mir heute noch immer anfangs ganz schlecht Namen merken. Dafür vergesse ich sie oft rasend schnell wieder, nachdem ich sie mal gelernt habe. Beim Verfassen meiner Shit List habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass ich die Namen der letzten schiefgegangenen Liebhaber der letzten Monate schon gar nicht mehr weiß. Dafür vergesse ich die Geschichten von Menschen nicht, selbst dann nicht, wenn es mir eigentlich viel lieber wäre. Natürlich spüren andere die Distanziertheit, die nur bedingt frei gewählt ist. Sie macht die spontane Interaktion mit mir offenbar mitunter schwierig und vielleicht ja auch unattraktiv – im wahren, sowie im virtuellen Leben. Allein die Zahl der Kommentare auf diesem Blog in Relation zu den Besuchern der Seite ist ein klarer Hinweis auf diesen Umstand. ; ) Nun gibt es aber natürlich genug Menschen, die egoistisch und schwierig sind,  und trotzdem immer genug andere finden, die das bereitwillig aushalten, zurückstecken und stützen. Und im Zweifel auch noch beim Umzug Möbel schleppen. Wie machen die das bloß?

Help wanted

Ein grandioser alter Herr namens Mr. Piette, der sich als Rentner der Förderung der Völkerverständigung verschrieben hatte und vor 26 Jahren für mich und andere Austauschschüler in der Gegend Ansprechpartner war, sagte mir mit sorgenvoller Miene etwas, das ich auch nie vergessen habe: „Du hast einen sehr strengen Ehrenkodex. Du machst es Menschen schwer, etwas für dich zu tun.“

 „Du willst ja immer keine Hilfe“, hab ich im Leben auch oft zu hören bekommen. Tue ich doch! Ich würde schon Hilfe wollen. Aber halt nicht unbedingt bei Dingen, die ich selber ganz gut kann oder schon weiß. Wozu soll das gut sein? Natürlich ist das nun aber auch genau die Haltung, die einen gerade bei Männerbekanntschaften immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Ich kann es nur immer wieder sagen – ich würde jederzeit und liebend gern den ganzen schwierigen Kram in starke Hände legen. Nur war der schwierige Kram den meisten, die in letzter Zeit vorbeigekommen sind, auch…, nun ja, zu schwer. In Ihrem Satire-Programm „Männer brauchen Grenzen“ zitiert Tina Teubner Adorno: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das wäre natürlich auch was: Einer, der einfach da ist.

Warum diese Betrachtungen überhaupt? Hab‘ ich doch gesagt: Weil ich mich verdammt allein fühle. So sehr, wie sonst nie. Wahrscheinlich war ich genau genommen auch noch nie so allein wie heute. Eine gute Hand voll Freundinnen ist mir im fast abgelaufenen Jahr abhanden gekommen. Und viel mehr hatte ich nicht. In einigen Fällen habe ich das Ende bewusst selbst herbeigeführt – durch ein Abstellen der Höflichkeit und eine klare Abgrenzung meinerseits. War ich halt einfach mal so, wie ich wirklich bin. Das hat so manche Verbindung nicht ausgehalten. Bei anderen musste man halt erkennen, dass sie von Konkurrenz geprägt und damit ohnehin toxisch waren. Wieder andere sind halt einfach zu Staub zerfallen. Ich bin dankbar für die, die noch da sind. Und ich freue mich, dass ich auch neue Bekannte im Cyberspace gefunden habe. Aber ich bräuchte noch viel mehr Menschen. Ich bräuchte mehr Plätze, an die ich gehöre. Also, wie finde ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter von 43 endlich meine Leute? Das wäre also noch ein Ziel fürs kommende Jahr.

NH


*Durchhalteparole für Schüler, die in der High School unter der Popularitätshackordnung oder gar Mobbing leiden.

Freitag, 11. Oktober 2013

Katzentisch


 
 
Der Fisch (ich) und die Fahrräder*
 
Ich hatte ja schon ganz vergessen, dass das Profil bei rubensfan.de überhaupt noch existiert. Und dann schrieb mich plötzlich ein Gesamtschullehrer aus dem hohen Norden an. Was dann kam, war ganz und gar meine Schuld. Ich hätte auf meinen Bauch hören müssen. Und mein Bauch sagt mir grundsätzlich, man sollte sich für potentiell romantische Zwecke überhaupt nicht mit Männern befassen, die einem äußerlich nicht so richtig zusagen. Oberflächlichkeit ist Trumpf. Es ist vielleicht edel, Zwerg Nase eine Chance geben zu wollen, und auf einen charmanten, schillernden Kern zu hoffen, der alles, was außen stört, wieder rausreißt. Bei optisch angenehmen Herren jedoch hat man, was böse Überraschungen angeht, immer von Anfang an wenigstens ein Schaf im Trockenen. Der Typ kann im schlimmsten Falle nur noch ein Langweiler und Idiot sein - aber zumindest nicht plötzlich unansehnlich. Im anschließenden Telefonat stellte sich heraus, dass der farblose Deutschlehrer nicht gerne liest (außer Focus Online), weil er sich ja „in der Schule schon so viel mit Büchern befassen muss“. Und meine Frage nach seinem Lieblingsbuch bezeichnete er als „dämlich“.
 
Erstens erfüllte mich die flachgeistige Quälerei natürlich mit großer Zuversicht, was die Qualitätssicherung im deutschen Bildungswesen angeht und zweitens mit einem leichten Groll, der sich bis zum kommenden Vormittag hielt, als ich versetzt wurde, weil einer das Wochenende ausschließlich mit seinem Kind verbringen will, nachdem er die zwei Monate zuvor eine Million Stunden pro Tag / zehntausend Tage die Woche gearbeitet hat. Resultat: Ab sofort gibt es wirklich keinen Grund mehr für ihn, noch einmal unangekündigt mit einem Picknickkorb voller Kaviar und wehender Krawatte um die Ecke zu kommen. Ich habe ihn von der Shortlist gestrichen. Aber nicht, ohne ihm vorher viel Glück mit dem für seinen Erben zuständigen Lehrpersonal zu wünschen. Kann ja auch leicht mal schiefgehen…s.o.
 
Wie es der Zufall wollte, erreichte mich um Mitternacht noch eine Anfrage – diesmal von einem Herrn aus Sachsen, der wissen wollte, ob ich auf Pferdeschwänze stünde. Und ich, vergnatzt, gekränkt, vernachlässigt und mit der Gesamtsituation verdammt unzufrieden, dachte mir, wenn der geradezu darum bettelt – bitteschön. Was denken sich so grässliche Typen überhaupt? Und machen die mit ihren einfältigen Maschen eigentlich jemals günstige Erfahrungen? Wie müssten positive Reaktionen hier wohl aussehen? Lobhudelei fürs überwucherte Genital, von dem man sodann eine Nahaufnahme erhält? Oder jungfräulicher Schreck und Empörung, weil sich rausstellt, dass der Pferdeschwanz (Schockschwerenot!!!) nicht am Hinterkopf sitzt? Ich nehme so etwas ja dann gern mal sportlich und halte es mit Eminem: „I'm Hannibal Lecter, so just in case you're thinking of saving face, you ain't gonna have no face to save by the time I'm through with this place.“** Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Es gab schon Kandidaten, die haben ihr Konto gleich ganz gelöscht, nachdem sie den unklugen Schritt gemacht hatten, mir eine schmierige Nachricht zu schicken. Wobei das ja ohnehin auch zumeist solche sind, die kein Profilfoto (also kein Gesicht gezeigt) hatten.
 
Und dann ist da ja noch DAS EI. Das Ei ist mir eine Freude. Ich wandere gelegentlich auf Zehenspitzen um seinen Sockel herum und bewundere die eigentümlich schöne Zeichnung. Manchmal nehme ich ein Taschentuch, hauche drauf, poliere die Oberfläche ein wenig und frage mich, ob man mich wohl durch die Schale sieht, wie durch einen Verhörspiegel. Hin und wieder, wenn man es antippt, murmelt es tief im Innern. Meine Wünsche an den Bewohner sind zugegebenermaßen eher ausladend. Meine Erwartungen hingegen klitzeklein. Seiner Natur gemäß bewegt sich das Ei nicht vom Fleck.
....
 
Und so stand ich dann allein in der Bar des Goldenen Hirschen und bat um einen Tisch für eine Person.
 
 
Dinner for one
 
Es soll Frauen geben, die so tun, als würden sie telefonieren, wenn sie allein an einem Tisch im Restaurant sitzen müssen. Bücher und Zeitschriften mitzubringen, ist scheinbar nicht mehr ganz so angesagt – schließlich wolle frau ja nicht so erscheinen, als mache es ihr tatsächlich etwas aus, allein zu essen, oder als würde sie sich ohne Gegenüber langweilen. In einem Ratgeber las ich dann auch den Tipp, sich auf einem Block Notizen zu machen – dann würden einen alle für eine Restaurantkritikerin halten. Und die dürfen ohne Anhang im Restaurant sein. Offenbar gehen viele geschäftsreisende Frauen lieber gar nicht zum Abendessen aus dem Hotel, sondern bestellen sich ihr Abendbrot aufs Zimmer. Es gibt allerdings mittlerweile auch Agenturen, die Frauen, die es nicht ertragen, allein außerhäusig zu essen, zusammenbringt. Dann essen sie gemeinsam, damit sie niemand für traurige, einsame, alte Jungfern hält. Denn der Verdacht ist, dass die Umwelt einen genauso einordnet: versetzt von einem Kerl, oder gleich ganz versetzt vom Leben an sich. 

Ein Mantra, das man leicht selbst verinnerlicht, zumal es an jenem Abend ja sogar der Wahrheit entsprach – also das mit der Versetzung. Man tritt über die Schwelle des Lokals und denkt: Was stimmt eigentlich nicht mit dir, dass da keiner ist, der mit dir isst? Man sieht die Überraschung im Gesicht der Bedienung, die nicht verbergen kann, dass sie ganz klar kurz überlegen muss, ob sie mir allein einen Tisch überlassen kann, an dem eigentlich ganze vier Mäuler für Umsatz sorgen könnten. Und die bereits anwesenden Gäste recken fast unmerklich aber doch nicht unbemerkt die Hälse, als die dicke Dame sich setzt und um sie herum das überflüssige Besteck abgeräumt wird.

Frauen und Nahrungsaufnahme – das ist ja ohnehin oft schon eine schwierige Kombination. Die Aufgabenstellung ist also vielfältig. Essen, was man will, bis man satt ist, ohne im Kopf zu zensieren (die einzigen Regeln des intuitiven Essens). Als dicke Dame. In der Öffentlichkeit. Allein. In einer Umgebung, in der man nicht in der Menge untergeht und alle Anwesenden im Raum einem sozusagen auf den Teller starren könnten. Wenn sie wollten. Da werden ganz schön viele Kümmernisse und potentielle Peinlichkeiten auf einmal abgeklopft und abgehandelt. Ich bestelle dann auch gleich einen Chardonnay (keinen Chianti!), als ich endlich an der Reihe bin, und das bin ich als Einzelgast erst eine ganze Weile später als andere, die nach mir gekommen sind. Gruppen und Paare haben hier offenbar weniger Schwierigkeiten, an ihren Alkohol zu kommen. Meine Menüfolge sieht an jenem Abend aus wie folgt: Kürbissuppe, Caesar Salad, schwarze Bandnudeln mit Garnelen, Crème Brûlée mit gebratenen Pfirsichen, Milchkaffee…Die anderen kriegen übrigens auch alle viel früher ihren Brotkorb. Egal, wie aufmunternd ich der hin- und herlaufenden Bedienung auch zulächle. WO BITTE BLEIBT MEIN BROTKORB?!

Abgesehen davon, dass ich mir tatsächlich über den Verlauf des Abends auf meinem Tablet Notizen mache und in den Pausen zwischen den Gängen hin und wieder meine E-Mails überprüfe, ist das Essen diesmal eine Übung in Achtsamkeit. Wenn einem niemand gegenübersitzt, der einen Großteil der Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, nimmt man alles andere wahr. Die anfängliche Unbehaglichkeit, von der man vor der Tür ja nicht erwartet hätte, dass sie doch so lange anwesend sein würde. Man sieht sich sein Essen genauer an. Die Farbe der Suppe ist wunderhübsch. (Meine eigene Kürbissuppe schmeckt mir etwas besser, ist aber dafür eher grau als gelb. Das liegt natürlich am Rotwein, den ich hineinschütte ; )). Man riecht und schmeckt mehr. Man isst langsamer, kaut gründlicher, fühlt sich weniger voll und nimmt die eigenen Handbewegungen wahr, die bestimmt weniger hektisch sind. Was mich betrifft, so bin ich am Ende ganz überrascht, dass ich nicht einmal etwas verschütte oder verkleckere, denn das passiert mir in Gesellschaft fast immer. Man spielt mit dem Salat zwischen den Zähnen und denkt: „Jetzt zieh bloß keine Grimassen“. Und zieht vermutlich Grimassen. Dann sieht man aus dem Fenster und denkt: „Vielleicht gehe ich heute doch noch zum Friedhof.“

Natürlich wird auch das Bild der Umgebung schärfer. Spinnenweben in den Lampen. Man zählt die Hirsche, die im Goldenen Hirschen herumstehen. Und man stellt fest, dass man ja Nachbarn am Nebentisch hat. In meinem Fall eine in der Gegend nicht unbekannte, grelle Geschäftsfrau. Neben ihr sitzt ihre Hermès-Tasche. Ihr gegenüber ein befreundetes Paar. Ohne es zu wollen, bin ich nun im Bilde über ihre Bauspeicheldrüse, ihre schwere Kindheit, sowie ihre monströsen Tischmanieren. Außerdem verwendet sie gern und oft und laut das Präfix „Arsch-“ (wie in „arschteuer“). Ach ja, und ihr neues Bett hat offenbar 6900 Euro gekostet. Als sie aufs Klo geht, tuschelt das verbliebene Paar über sie. Das kann Alleinesserinnen nicht passieren.

Ich klopfe derweil vergnügt die goldene Schale meiner Crème Brûlée*** auf, horche, wie sie leise zersplittert und bin inzwischen ausgesprochen zufrieden mit mir. Die Bedienung scheinbar auch. Die wird am Ende immer freundlicher – vermutlich, weil sie meinen Tisch offenbar ohne mich doch nicht mehr gefüllt hätte, und ich allein doch so schön viel verputzt habe.

Mutprobe bestanden. Prüfung des Abends in Selbstakzeptanz, Selbstbewusstsein und Sich-selbst-genug-sein erfolgreich abgelegt. Lebe so, als ob niemand zusieht. Das zumindest konnte man auch vom Nebentisch lernen. ; )
 
NH


 
*Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad (Anonym, Graffito, USA, 1979)
 
**Ich bin Hannibal Lecter, und falls du die Absicht haben solltest, dein Gesicht nicht zu verlieren: du wirst kein Gesicht mehr haben, das du retten kannst, wenn ich hier fertig bin.
 
***Die beste, die ich je hatte!