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Freitag, 11. Oktober 2013

Katzentisch


 
 
Der Fisch (ich) und die Fahrräder*
 
Ich hatte ja schon ganz vergessen, dass das Profil bei rubensfan.de überhaupt noch existiert. Und dann schrieb mich plötzlich ein Gesamtschullehrer aus dem hohen Norden an. Was dann kam, war ganz und gar meine Schuld. Ich hätte auf meinen Bauch hören müssen. Und mein Bauch sagt mir grundsätzlich, man sollte sich für potentiell romantische Zwecke überhaupt nicht mit Männern befassen, die einem äußerlich nicht so richtig zusagen. Oberflächlichkeit ist Trumpf. Es ist vielleicht edel, Zwerg Nase eine Chance geben zu wollen, und auf einen charmanten, schillernden Kern zu hoffen, der alles, was außen stört, wieder rausreißt. Bei optisch angenehmen Herren jedoch hat man, was böse Überraschungen angeht, immer von Anfang an wenigstens ein Schaf im Trockenen. Der Typ kann im schlimmsten Falle nur noch ein Langweiler und Idiot sein - aber zumindest nicht plötzlich unansehnlich. Im anschließenden Telefonat stellte sich heraus, dass der farblose Deutschlehrer nicht gerne liest (außer Focus Online), weil er sich ja „in der Schule schon so viel mit Büchern befassen muss“. Und meine Frage nach seinem Lieblingsbuch bezeichnete er als „dämlich“.
 
Erstens erfüllte mich die flachgeistige Quälerei natürlich mit großer Zuversicht, was die Qualitätssicherung im deutschen Bildungswesen angeht und zweitens mit einem leichten Groll, der sich bis zum kommenden Vormittag hielt, als ich versetzt wurde, weil einer das Wochenende ausschließlich mit seinem Kind verbringen will, nachdem er die zwei Monate zuvor eine Million Stunden pro Tag / zehntausend Tage die Woche gearbeitet hat. Resultat: Ab sofort gibt es wirklich keinen Grund mehr für ihn, noch einmal unangekündigt mit einem Picknickkorb voller Kaviar und wehender Krawatte um die Ecke zu kommen. Ich habe ihn von der Shortlist gestrichen. Aber nicht, ohne ihm vorher viel Glück mit dem für seinen Erben zuständigen Lehrpersonal zu wünschen. Kann ja auch leicht mal schiefgehen…s.o.
 
Wie es der Zufall wollte, erreichte mich um Mitternacht noch eine Anfrage – diesmal von einem Herrn aus Sachsen, der wissen wollte, ob ich auf Pferdeschwänze stünde. Und ich, vergnatzt, gekränkt, vernachlässigt und mit der Gesamtsituation verdammt unzufrieden, dachte mir, wenn der geradezu darum bettelt – bitteschön. Was denken sich so grässliche Typen überhaupt? Und machen die mit ihren einfältigen Maschen eigentlich jemals günstige Erfahrungen? Wie müssten positive Reaktionen hier wohl aussehen? Lobhudelei fürs überwucherte Genital, von dem man sodann eine Nahaufnahme erhält? Oder jungfräulicher Schreck und Empörung, weil sich rausstellt, dass der Pferdeschwanz (Schockschwerenot!!!) nicht am Hinterkopf sitzt? Ich nehme so etwas ja dann gern mal sportlich und halte es mit Eminem: „I'm Hannibal Lecter, so just in case you're thinking of saving face, you ain't gonna have no face to save by the time I'm through with this place.“** Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Es gab schon Kandidaten, die haben ihr Konto gleich ganz gelöscht, nachdem sie den unklugen Schritt gemacht hatten, mir eine schmierige Nachricht zu schicken. Wobei das ja ohnehin auch zumeist solche sind, die kein Profilfoto (also kein Gesicht gezeigt) hatten.
 
Und dann ist da ja noch DAS EI. Das Ei ist mir eine Freude. Ich wandere gelegentlich auf Zehenspitzen um seinen Sockel herum und bewundere die eigentümlich schöne Zeichnung. Manchmal nehme ich ein Taschentuch, hauche drauf, poliere die Oberfläche ein wenig und frage mich, ob man mich wohl durch die Schale sieht, wie durch einen Verhörspiegel. Hin und wieder, wenn man es antippt, murmelt es tief im Innern. Meine Wünsche an den Bewohner sind zugegebenermaßen eher ausladend. Meine Erwartungen hingegen klitzeklein. Seiner Natur gemäß bewegt sich das Ei nicht vom Fleck.
....
 
Und so stand ich dann allein in der Bar des Goldenen Hirschen und bat um einen Tisch für eine Person.
 
 
Dinner for one
 
Es soll Frauen geben, die so tun, als würden sie telefonieren, wenn sie allein an einem Tisch im Restaurant sitzen müssen. Bücher und Zeitschriften mitzubringen, ist scheinbar nicht mehr ganz so angesagt – schließlich wolle frau ja nicht so erscheinen, als mache es ihr tatsächlich etwas aus, allein zu essen, oder als würde sie sich ohne Gegenüber langweilen. In einem Ratgeber las ich dann auch den Tipp, sich auf einem Block Notizen zu machen – dann würden einen alle für eine Restaurantkritikerin halten. Und die dürfen ohne Anhang im Restaurant sein. Offenbar gehen viele geschäftsreisende Frauen lieber gar nicht zum Abendessen aus dem Hotel, sondern bestellen sich ihr Abendbrot aufs Zimmer. Es gibt allerdings mittlerweile auch Agenturen, die Frauen, die es nicht ertragen, allein außerhäusig zu essen, zusammenbringt. Dann essen sie gemeinsam, damit sie niemand für traurige, einsame, alte Jungfern hält. Denn der Verdacht ist, dass die Umwelt einen genauso einordnet: versetzt von einem Kerl, oder gleich ganz versetzt vom Leben an sich. 

Ein Mantra, das man leicht selbst verinnerlicht, zumal es an jenem Abend ja sogar der Wahrheit entsprach – also das mit der Versetzung. Man tritt über die Schwelle des Lokals und denkt: Was stimmt eigentlich nicht mit dir, dass da keiner ist, der mit dir isst? Man sieht die Überraschung im Gesicht der Bedienung, die nicht verbergen kann, dass sie ganz klar kurz überlegen muss, ob sie mir allein einen Tisch überlassen kann, an dem eigentlich ganze vier Mäuler für Umsatz sorgen könnten. Und die bereits anwesenden Gäste recken fast unmerklich aber doch nicht unbemerkt die Hälse, als die dicke Dame sich setzt und um sie herum das überflüssige Besteck abgeräumt wird.

Frauen und Nahrungsaufnahme – das ist ja ohnehin oft schon eine schwierige Kombination. Die Aufgabenstellung ist also vielfältig. Essen, was man will, bis man satt ist, ohne im Kopf zu zensieren (die einzigen Regeln des intuitiven Essens). Als dicke Dame. In der Öffentlichkeit. Allein. In einer Umgebung, in der man nicht in der Menge untergeht und alle Anwesenden im Raum einem sozusagen auf den Teller starren könnten. Wenn sie wollten. Da werden ganz schön viele Kümmernisse und potentielle Peinlichkeiten auf einmal abgeklopft und abgehandelt. Ich bestelle dann auch gleich einen Chardonnay (keinen Chianti!), als ich endlich an der Reihe bin, und das bin ich als Einzelgast erst eine ganze Weile später als andere, die nach mir gekommen sind. Gruppen und Paare haben hier offenbar weniger Schwierigkeiten, an ihren Alkohol zu kommen. Meine Menüfolge sieht an jenem Abend aus wie folgt: Kürbissuppe, Caesar Salad, schwarze Bandnudeln mit Garnelen, Crème Brûlée mit gebratenen Pfirsichen, Milchkaffee…Die anderen kriegen übrigens auch alle viel früher ihren Brotkorb. Egal, wie aufmunternd ich der hin- und herlaufenden Bedienung auch zulächle. WO BITTE BLEIBT MEIN BROTKORB?!

Abgesehen davon, dass ich mir tatsächlich über den Verlauf des Abends auf meinem Tablet Notizen mache und in den Pausen zwischen den Gängen hin und wieder meine E-Mails überprüfe, ist das Essen diesmal eine Übung in Achtsamkeit. Wenn einem niemand gegenübersitzt, der einen Großteil der Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, nimmt man alles andere wahr. Die anfängliche Unbehaglichkeit, von der man vor der Tür ja nicht erwartet hätte, dass sie doch so lange anwesend sein würde. Man sieht sich sein Essen genauer an. Die Farbe der Suppe ist wunderhübsch. (Meine eigene Kürbissuppe schmeckt mir etwas besser, ist aber dafür eher grau als gelb. Das liegt natürlich am Rotwein, den ich hineinschütte ; )). Man riecht und schmeckt mehr. Man isst langsamer, kaut gründlicher, fühlt sich weniger voll und nimmt die eigenen Handbewegungen wahr, die bestimmt weniger hektisch sind. Was mich betrifft, so bin ich am Ende ganz überrascht, dass ich nicht einmal etwas verschütte oder verkleckere, denn das passiert mir in Gesellschaft fast immer. Man spielt mit dem Salat zwischen den Zähnen und denkt: „Jetzt zieh bloß keine Grimassen“. Und zieht vermutlich Grimassen. Dann sieht man aus dem Fenster und denkt: „Vielleicht gehe ich heute doch noch zum Friedhof.“

Natürlich wird auch das Bild der Umgebung schärfer. Spinnenweben in den Lampen. Man zählt die Hirsche, die im Goldenen Hirschen herumstehen. Und man stellt fest, dass man ja Nachbarn am Nebentisch hat. In meinem Fall eine in der Gegend nicht unbekannte, grelle Geschäftsfrau. Neben ihr sitzt ihre Hermès-Tasche. Ihr gegenüber ein befreundetes Paar. Ohne es zu wollen, bin ich nun im Bilde über ihre Bauspeicheldrüse, ihre schwere Kindheit, sowie ihre monströsen Tischmanieren. Außerdem verwendet sie gern und oft und laut das Präfix „Arsch-“ (wie in „arschteuer“). Ach ja, und ihr neues Bett hat offenbar 6900 Euro gekostet. Als sie aufs Klo geht, tuschelt das verbliebene Paar über sie. Das kann Alleinesserinnen nicht passieren.

Ich klopfe derweil vergnügt die goldene Schale meiner Crème Brûlée*** auf, horche, wie sie leise zersplittert und bin inzwischen ausgesprochen zufrieden mit mir. Die Bedienung scheinbar auch. Die wird am Ende immer freundlicher – vermutlich, weil sie meinen Tisch offenbar ohne mich doch nicht mehr gefüllt hätte, und ich allein doch so schön viel verputzt habe.

Mutprobe bestanden. Prüfung des Abends in Selbstakzeptanz, Selbstbewusstsein und Sich-selbst-genug-sein erfolgreich abgelegt. Lebe so, als ob niemand zusieht. Das zumindest konnte man auch vom Nebentisch lernen. ; )
 
NH


 
*Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad (Anonym, Graffito, USA, 1979)
 
**Ich bin Hannibal Lecter, und falls du die Absicht haben solltest, dein Gesicht nicht zu verlieren: du wirst kein Gesicht mehr haben, das du retten kannst, wenn ich hier fertig bin.
 
***Die beste, die ich je hatte!


Donnerstag, 20. Juni 2013

Pinktastisch!

Oder: Warum so manche Möchtegern-Feministin das Matriarchat selbst dann nicht erkennt, wenn es ihr in Berlin Mitte direkt vor die Füße fällt...

THE UGLY GIRL PROJECT: Barbie and I © CANDYBEACH.COM 2013
 
Ist mir egal, ich mache mich jetzt gleich mal so richtig unbeliebt: Wenn mich etwas ganz besonders aufregt, dann sind das winzige Mädchen, die im Park Miniatur-Kinderwagen vor sich herschieben, anstatt munter und ohne vorgeschnalltes Hindernis durch die Welt zu hopsen.
 
Mir hat man als Kind ja irgendwann mal auch so eine Rollenvorbereitungsausstattung zukommen lassen - ohne Erfolg. Im Puppenwagen schlief unsere Katze Molly. Und die lächerliche Puppe, die in die Hose pinkelte, wenn man ihren Arm herunterdrückte, wurde am Ende weitergeschenkt, während ich mit Legosteinen Garagen für meine Rennautos baute. Mein Herz allerdings gehörte Julchen (Stofflöwin) und - Barbie. Ich ließ ihr in ihrem türkisfarbenen Bad mit den hohen Bogenfenstern Schaumbäder ein, packte ihre Kleider ins Wohnmobil, wenn sie verreisen wollte, begutachtete mit einigem Erstaunen den Unterleib meiner ersten und einzigen Ken-Puppe und wusste von Anfang an instinktiv, dass es zumindest im Kern dieses Universums in der Tat um nicht weniger als Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ging. Um Spaß und Kleider auch. Logisch.
 
Als nun die Barbie Dreamhouse Experience Mitte Mai in der Nähe des Alexanderplatzes in Berlin ihre Tore öffnete, gab es Protest. Maßgeblich organisiert durch die Linksjugend Berlin Kreuzkölln, die eigens die Aktion Occupy Barbie-Dreamhouse ins Leben gerufen hatte, sowie Mitglieder des deutschen Ablegers von PinkStinks demonstrierten ein paar hundert Frauenbewegte gegen das vermeintlich eindimensionale und rückständige Frauenbild, das Barbie in die Hirne kleiner Mädchen pflanzt. Dieses, so der Verdacht der meisten der von Journalisten befragten Aktivistinnen, bestünde aus Konsum, Küche und Ken. Das alles getaucht in die verhasste Farbe Pink, die laut Stevie Schmiedel (Mitbegründerin von PinkStinks Germany) für "niedlich und harmlos" stehe.* Schmiedel und andere waren übrigens am Schluss sauer, weil ihnen die Protestshow zu guter Letzt von einer barbusigen Femen-Aktivistin gestohlen wurde. Diese platzierte sich fotogen mit einer brennenden Barbie am Kreuz und der Aufschrift "Life in plastic is not fantastic" am Leib vor dem Eingang des Hauses und machte damit so ziemlich alle Schlagzeilen des kommenden Tages für sich und ihre Gruppe klar. Dieser Umstand stank den anderen Demonstrantinnen am Ende vermutlich noch viel mehr als Pink...Ich habe ja auch so einen Verdacht: "Konsum, Küche und Ken" beschreibt vermutlich doch eher die Lebensrealität so mancher aufgebrachter PinkStinks-Mutter, die immerhin über genug Muße und Ressourcen verfügt, sich über das Gefahrenpotential pinkfarbener Lillifee-Brotdosen tiefergehende Gedanken machen zu können.
 
Ein schlechtes Vorbild für Mädchen?
 
Barbie ist übrigens Junggesellin. Sie ist außerdem kinderlos. Seit 1959 hat sie keine der beiden universell am tiefsten verankerten, selbstverständlichsten und gleichzeitig automatisch Abhängigkeit schaffenden Frauenrollen ernsthaft und dauerhaft übernommen. Gut, man konnte sie hin und wieder mal im Brautkleid kaufen. Das heißt aber nicht, dass sie Ken jemals ans Steuer ihrer pinkfarbenen Corvette gelassen hätte. Ohnehin halten sich schon seit Mitte der 90er hartnäckig Gerüchte, Ken sei schwul ; ). Dass Barbie keine eigenen Kinder hat, bedeutet allerdings auch nicht, dass es um sie herum gar keine Kinder gäbe - aber alle, die in ihrem Dunstkreis als Teil des ergänzenden Produktsortiments irgendwann aufgetaucht sind, sind Freundinnen, Cousinen oder Geschwister. Und fast alle sind weiblich. Männlichkeit spielt in dieser pinkfarbenen Plastikwelt so gut wie keine Rolle. Und bekocht wird sie erst recht nicht.
 
 
Da überkommt mich sodann auch gleich der nächste Verdacht: Vielleicht ist es ja sogar eher die Radikalität der totalen Abwesenheit zwischengeschlechtlicher Ausgewogenheit in Barbieland, die so manche Pinkhasserin wirklich beunruhigt. Vielleicht ist es eine unterbewusste, an der Wurzel zutiefst konservative Reaktion auf eine quasi entmannte Welt, die die Demonstrantinnen wirklich mit Plakaten auf die Straße getrieben hat. Ist ihnen die Vorstellung einer exklusiven Mädchenwelt so zuwider, weil sie "Mädchenkram" im Prinzip selbst für minderwertig halten und Teilhabe an (aber nicht die totale Übernahme von) "Jungenkram" für die anzustrebende Norm?
 
Was wir im Barbie Dreamhouse lernen, ist jedenfalls zunächst einmal dieses: Wenn Barbie Lust hat, einen spontanen Ausflug nach Paris zu machen, dann tut sie das in ihrem eigenen Flugzeug. Und sie fliegt dieses Flugzeug selbst. Was verlangen wir von einem guten Vorbild eigentlich noch, wenn es darum geht, Mädchen zu zeigen, dass der Himmel das Limit ist - und keine Glasdecke dazwischen?
 
Dass Barbie fliegen kann, ist eigentlich auch nicht wirklich verwunderlich, denn Barbie kann alles sein und tun, was sie will: Bereits 1965 war sie als Astronautin zu erwerben. Im Laufe der Zeit u.a. als Polizistin, Rennfahrerin, Journalistin, Fotografin, Sportlerin, Informatikerin, Geschäftsfrau, Ballerina, Politikerin und Katastrophenhelferin. Und wer heute einen Besuch auf ihrer "I can be"-Website macht und "Pflegende Berufe" anklickt, wird feststellen, dass eine "pflegende" Barbie in der Regel ein Medizinstudium hinter sich gebracht hat. Und nur so nebenbei: Barbie mag eine Küche und einen riesigen begehbaren Kleiderschrank haben. Aber sie hat auch eine Bibliothek.
 

Ja, selbstverständlich begreife ich die Gründe für die Proteste. Barbie transportiert mit Macht und Skrupellosigkeit ein Schönheitsideal, das dazu beitragen kann, dass Mädchen sich in ihren realen Körpern nicht mehr sicher und stattdessen unzufrieden und ungenügend fühlen. Und aus der Ferne mag das Dreamhouse, in dem man seine Tochter für einen Aufpreis von zehn Euro erst schminken, stylen und dann über einen pinkfarbenen Catwalk wandern lassen kann, wie ein greller Verdummungszirkus wirken. Aber mein Einwand bleibt weiterhin dieser: Wiegt Barbies Symbolwert als konsumversessene Mega-Kundin der Mode- und Kosmetikindustrie wirklich schwerer, als meine oben angestellten Überlegungen? 

Auch gegen die Überraschungseier für Mädchen haben die Aktivistinnen von PinkStinks schon protestiert. Und haben dabei wieder nicht um die Kurve gedacht. Ich schenke mir ja immer mal wieder selber eins - ich stehe als alte Frau halt noch immer auf pinkfarbene Spannung. Die Journalistin Antje Schrupp legt in ihrer hochinteressanten Analyse der pink-belasteten Eier dar, warum ich mich in dieser Angelegenheit besonders glücklich schätzen kann, ein Mädchen zu sein - weil ich sonst nämlich so ein Ei eigentlich gar nicht kaufen dürfte.

Barbie aus dem Ei

Das Barbie Dreamhouse als Installation

Was ich sehe, ist pink. Aber in seiner Bizarrheit weder niedlich noch harmlos. Aus der Nähe sieht man deutlich: Das Barbie Dreamhouse karikiert und kritisiert sich selbst schärfer, als jede fackelschwingende Aktivistin es könnte. Es war offensichtlich nicht als entlarvendes Kunstwerk gedacht, aber es funktioniert ganz klar wie eines und ist voller doppelter Böden. Es atmet inhärente Zerrissenheit aus, und erzählt eindeutig und fast zynisch die Geschichte des zwangsläufig konflikthaften Prozesses der Frauwerdung in einer Welt, die von weiblicher Äußerlichkeit besessen ist.

Gleichzeitig hätte Jeff Koons die bösartigen, verkitschten Versuche einer Verschleierung dieser Konflikte an mancher Stelle nicht rückhaltloser inszenieren können. Immer wieder trifft man auf bemerkenswerte Versatzstücke, die von der starren Einsamkeit des Kampfes um Schönheit erzählen. Jede kämpft für sich allein. In ihrem eigenen Glaskasten. Manchmal bleibt von ihr nichts übrig - außer ihren Schuhen.

Den anwesenden Kindern entgeht diese Ebene selbstverständlich. Und das ist auch gut so. Mein Onkel Heinz, der sich todesmutig mit  mir in die pinkfarbenen Wogen geworfen hat, macht Beweisfotos für seine Freunde "von der größten Geschmacklosigkeit, die er je gesehen hat" und stellt gleichzeitig fest, dass die anwesenden Kinder sich ohnehin nicht für Details der Ausstellung zu interessieren scheinen. Das meiste, was das Barbie Dreamhaus zu bieten hat, so sein Urteil, ist für die "Blagen" schlicht sterbenslangweilig. Selbst da, wo man Knöpfe drücken kann - denn das Barbiehaus ist offenbar schon jetzt so ramponiert und schlecht gewartet, dass längst nicht mehr jeder Knopfdruck auch zu einem Ergebnis führt: Was für eine Metapher des Lebens. ; )

Am Ende bleibt vor allem eine Frage offen: Was macht der Delphin im Klo?
 



















 *Missy Magazine, Januar 2013

NH

Mittwoch, 30. Januar 2013

Melodien für Melonen



Meine BH-Größe ist jetzt 85 H. Immer wenn ich mal "schlank" war, war es für gewöhnlich 80 E. Daran hätte man so oder so ganz einfach ziemlich viel Freude haben können.

Aber auch Freude will gelernt sein. Und deviant übermäßige Fülle führte bei uns zu Haus zunächst einmal in der Hauptsache zu Verdruss und Beunruhigung. Verdruss, weil das alles halt schon wieder nicht normal war - ein Teenager mit einem Monsterbusen, also bitte. Und man fragte sich beunruhigt, zu welch gigantischen Strukturen sich das alles wohl noch auswachsen würde. Wann immer meine Mutter mich zwischen meinem vierten und siebenundreißigsten Lebensjahr anschaute, muss sie zumeist ein unkontrollierbar wucherndes Gewächs gesehen haben - selbst wenn es gegenwärtig nicht so viel Raum einnahm, wusste man nie, wo sich gleich wieder aufdringliche Triebe bilden würden.

Wenn ich nicht gerade ein zu rundes Kind war, war ich zumindest ein zu langes, das auf Klassenfotos alle anderen auf groteske Weise überragte. Auch das gab Anlass zur Sorge: während mein Vater nach eigenen Angaben für mich schon eine Karriere als Profi-Basketballerin im Hinterkopf entwickelte, machte sich meine Mutter Gedanken, wie das denn bloß in der Tanzschule werden würde. Und ich erinnere mich noch an die Erleichterung, als mich die anderen dann einholten (was bei einer Größe von lediglich 1,67 m am Ende ja auch nicht so schwer war), und ich von einer Freundin meiner Mutter zu hören bekam: "Jetzt wirkst du fast schon normal". Normal war wie ein Ritterschlag. Normal war das große Glück.

Aber natürlich war letzten Endes nichts, ABER AUCH GAR NICHTS an mir normal. Ich bekam  meine erste Periode mit elf Jahren. Das hatten meine Mutter und ihre Freundin nicht vor meinem vierzehnten Geburtstag eingeplant und schlugen beim Sherrytrinken theatralisch die Hände überm Kopf zusammen. Verflucht, jetzt quoll aus dem Kind schon wieder lauter Unplanmäßiges hervor. Jetzt konnte es als einzige in der Klasse wegen Krämpfen nicht am Sportunterricht teilnehmen und man musste immerzu aufpassen, dass nichts danebenging, denn das weiß ja nun wirklich jede Frau: Blutflecken in der Hose sind der Untergang. Es gibt im Universum nur eine Sache, die schlimmer ist - und das dürfte wohl Fett sein. ; ) Zuerst zischte mir meine Mutter an der Supermarktkasse noch entnervt hinterher: "Jetzt pack die Binden erst in die Einkaufstasche, bevor du damit übern Parkplatz läufst." Später gab sie es dann auf. Ich wusste auch als Kind schon, dass sie Unrecht hatte. Ich wusste, dass es nichts gab, wofür ich mich hätte schämen müssen. Und ich schämte mich natürlich trotzdem.

Und dann kam der Busen.

Und wie es sich bis dahin so ziemlich mit allem an meinem Körper verhalten hatte, war auch er zu früh und viel zu viel. Gegen dumme Bemerkungen von Mitschülern war ich nicht gewappnet. Meine Familie war eine schlechte Anlaufstelle, wenn es darum ging, mich mit der nötigen Resilienz auszurüsten. Die hatten selbst genug damit zu tun, mit der problematischen Körperrealität des Kindes klarzukommen. Also drückte ich ihn platt, indem ich das Unterhemd ganz straff nach unten und zur Fixierung durch die Beine der Unterhose zog. Ich weigerte mich sehr lange, die Notwendigkeit eines BHs anzuerkennen. Außerdem fing ich damals an, besonders weite Oberteile zu tragen und gebeugt zu gehen. Ab da begann meine Mutter allerdings, mich in die Seite zu knuffen, für gewöhnlich gefolgt von dem Kommando: "Geh' gerade! Du kriegst ja einen Buckel!" Wohlgemerkt: "Brust raus!" sagte sie nie.

Es war also nicht NUR das Fett. Es war jede verfrühte Entwicklung, die zu mir auch heute noch in ihrer Vehemenz weitgehend unerklärlichen, negativ gefärbten Überreaktionen führte. Allerdings bin ich überzeugt, dass das zum Teil imaginierte Fett als Basis und Ursache allen anderen Übels begriffen wurde. Und damit wurde alles zwangsläufig zum Übel. Denn aus Fett kann ja nichts Gutes werden - ironischerweise offenbar nicht einmal Brüste.

Der Göttin sei Dank begriff ich später natürlich selbst, dass ein wirklich großer Busen eine wirklich feine Sache sein kann. Aber was war das für ein hartes Stück Arbeit. So schwierig, wie es heute ist, mich als dicke Frau zu akzeptieren, war es als Teenager, sich überhaupt als Inhaberin eines Frauenkörpers und einer Sexualität zu akzeptieren. Denn was ich zwischen Scham und Chaos und Diäten verinnerlicht hatte, war, dass es hier selbstverständlich nichts zu feiern gab. Frausein war kein Grund, die Korken knallen zu lassen. Jedenfalls nicht, wenn man als Frau in einem so unmöglichen Körper steckte, den man dauernd daran hindern musste, aus dem Rahmen zu fallen.

Wäre ich Mutter einer Tochter, würde ich Frausein-Parties feiern. Der erste BH, die erste Regel, alles ein willkommener Anlass, Wunderkerzen auf eine Torte zu stecken und auf eine knallbunte Pinata einzudreschen, bis es Schokobrüstchen regnet. Wenn ich es recht überlege, könnte ich natürlich genau solch eine Veranstaltung doch noch für mich selbst organisieren - quasi rückwirkend. Obwohl ich mit 85 H kein Problem mehr habe - außer gelegentlich beim BH-Kauf. Das war bisher eine der leichteren Stationen auf dem Weg zur Selbstakzeptanz. (Augenblicklich arbeite ich an den Oberschenkeln und den Knien - und das, so viel kann ich schon sagen, ist beileibe kein Spaziergang auf der Promenade ; ) .)

Hin und wieder wäre es mir lieber, mein Busen sähe weniger echt und mehr wie der von Pamela Anderson aus. Für einen kurzen Augenblick hatte ich dann auch vor einigen Jahren die Idee, operativ gegen die Folgen der Schwerkraft vorzugehen. Aber diese wurde dann schnell wieder verworfen - nicht etwa aus Vernunft oder Angst vor Komplikationen, sondern weil ich damals zu dem Schluss kam, dass es sich nicht lohnt, für viel Geld eine straffe Brust an einen ansonsten ohnehin "inakzeptablen", weil zu fleischigen Körper zu zimmern...Oh Mann, Selbstverachtung ist ein Ungetüm mit seiner sehr eigenen Sicht der Dinge. Und vielen verwirrten Köpfen. Und immerzu wächst einer nach.

Bounce Your Boobies!

Wie dem auch sei - für eine Party braucht man Musik! Es war nicht ganz leicht, Kompositionen über Busen oberhalb des Ballermann-Niveaus auszumachen.Von Rusty Warren, ihres Zeichens Comedienne und Feministin, habe ich dann aber doch noch gleich zwei großartige Darbietungen gefunden, in denen stolz wippende Brüste gar als Symbol für die zu erkämpfende Freiheit ihrer Besitzerinnen dienen: Bounce Your Boobies und Knockers Up.

Außerdem denke ich, dass die folgenden Nicht-Profis ihre eigene und die Oberweite anderer Frauen mit ihren Kompositionen auf wirklich angemessene Weise feiern: Boobie Songs von Baby Smith, Shanna Hoar und The Boobebos.

Ach, und eine passende männliche Stimme gab es zu guter Letzt dann auch noch: Joe Walsh ; ).

P.S. "Mehrbusen" gibt's bei vongestern. ; )

NH