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Donnerstag, 12. März 2026

Frühling


Die Sonne im Eingang.



Willow in der Sonne.

Ich habe einen Baum eingepflanzt, den ich schon immer im Garten haben wollte. Eine Trauerweide, die jetzt neben dem Teich steht. "Der Wind in den Weiden" war eines meiner Lieblingsbücher als ich ein Kind war. Wie ich immer wieder gern erzähle, erfreut mich auch heute noch kaum etwas so sehr, wie Geschichten von kleinen Wildtieren, die in Höhlen, Kaffeekannen, Pilzen oder Baumstämmen wohnen. Hoffentlich wächst sie schnell. Die Weide.

Endlich ist der Schnee weg und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben erleichtert, dass die Sonne scheint. Ich bin keine Freundin von prallem Sonnenschein, war ich noch nie, aber die Katzen saugen jeden Strahl gierig mit allen Seidenhärchen auf. Sie halten ihre Kuschelbäuche der Sonne entegegen, als ob es darum ginge, einen inneren Vorrat anzulegen. Offenbar waren wir alle komplett ausgezehrt. Der Winter hat uns alle total erledigt. Willow scheint es auch sonst besser zu gehen - sie ist weniger nervös und zoomt abends mit Tippi fröhlich von einem Ende des Hauses zum anderen. In der (noch immer nicht fertig eingeräumten) Bibliothek hat sie sich auf einem Sessel einen speziellen Ort in der Nachmittagssonne organisiert, um den sie nicht konkurrieren muss. Sie ist auch viel allein im Catio.

Ich bin nun auch ein wenig wie der Mauwurf in Kenneth Grahames "The Wind in the Willows" - ich rieche den Frühling und komme auf Ideen, die mich aus dem Haus treiben. Darum auch die Weide. Aber abgesehen davon läuft alles weiter schleppend. Und was sich nicht schleppt, das triggert. Die meiste Zeit verbringe ich mit dem Kampf gegen Angst und Gram. Ich habe Angst vor der Zukunft. Und mit dem Frühling beginnt sie naturgemäß immer, besonders erfolgreich zu sprießen. Überall frische und erfolgreiche Anfänge in der Natur - das war noch nie hilfreich, wenn frau selbst dem Druck des Alltags alles entgegen stemmt, was sie erübrigen kann und damit natürlich kaum Resourcen hat für große Pläne und persönliche Ziele.

Frühjahrsmüde bin ich ja immer. 

Insgeheim würde ich noch immer gern schön und reich werden. Und glücklich. Manch eine Programmierung sitzt so tief - frau wird sie niemals los. Was blöd ist, weil meine verstimmte Disposition eben auch immer so hartnäckig war, dass es nie für das Durchhalten großer Erfolgs- oder Selbstverbesserungsprogramme gereicht hat. Frau hat eine ziemlich genaue Ahnung, was zu tun wäre, um massiv etwas im Äußeren zu verändern, allein ihr fehlt der Saft. Und zwar schon immer. Aber seit jeher ploppt alle Nase lang der Wunsch auf, einfach doch noch einmal "alles in Angriff" zu nehmen - und bei dem Vorhaben zu gewinnen. Fit werden. Gesund werden. Finanziell stabil werden. Vegan werden. Politisch aktiv werden. Beliebt werden. Fröhlich werden. Organisiert werden. Wieder lesen. Wieder schreiben. Endlich mal schreiben, was erfolgreich ist. Endlich Gehör finden. Endlich gesehen werden. Sie lässt sich nicht abschütteln. Die Vorstellung, ich hätte mehr sein müssen und können - und es sei der Zeitpunkt zum Aufgeben noch gar nicht gekommen. Eine Vorstellung wie ein Klotz am Bein. Ich wünschte, ich könnte einfach aufgeben. So richtg, wirklich und umfassend. Meine Bucket List, mein unrealistisches Selbstbild, meine Ansprüche, meine Erwartungen, Angst vor der Sinnlosigkeit, alles. Aber nicht einmal das klappt. 

Am rechten Fuß habe ich einen mittleren Zeh, der seit Monaten so entzündet ist, dass er beim Laufen fast immer in verschiedenen Intensitäten schmerzt. Eine Behandlung mit Antibiotika war unlängst nur mäßig wirksam. Ich glaube ja, mir sitzen die enttäuschten Hoffnungen im Zeh. Sie erschweren jeden Schritt und hören nie auf zu nörgeln und zu sticheln. Auch das ist übrigens nichts Neues. Meine Füße haben in über 50 Jahren immer wieder ebenso überzeugende wie unberechenbare  Gründe gefunden, mich nicht angemessen zu tragen. Sie sind eine angewachsene, täglich gültige Metapher. Die tatsächlichen Ursachen blieben mithin zumeist unklar. Ich erinnere mich an eine sehr lange Phase mit Mitte Dreißig, in der ich jeden Morgen die ersten Minuten auf Zehenspitzen gehen musste, weil es zu schmerzhaft war, aus dem Bett frisch aufgestanden mit der ganzen Sohle aufzutreten.

Immerhin haben ein paar Fische im Teich den Winter überlebt. Das hatte ich nicht erwartet. Aber da kamen sie plötzlich an die Oberfläche. Sie wollten wohl auch zur Sonne.

NH

Sonntag, 15. Februar 2026

Winter


Ich bin zum ersten Mal fest angestellt. Nachdem mich eine Auftraggeberin nach etlichen Jahren der Zusammenarbeit ohne Vorwarnung kurz vor Weihnachten vor die Tür gesetzt hatte, habe ich in höchster Panik im Internet nach Optionen gesucht und bin ausgerechnet bei Instagram zum ersten Job als angestellte Arbeitnehmerin meines Lebens gekommen - Teilzeit, mit Sozialabgaben und Krankenkasse und Urlaubstagen und all dem. Außerdem auch eine durchaus sinnvolle Tätigkeit.

Aber ich war bisher immer selbständig. Ich habe mich mit Mitte zwanzig und mitten im Studium als Freiberuflerin in die Welt der unabhängigen Arbeit begeben und nie zurückgeschaut. Ich wollte nie Vorgesetzte - ich traf auf die Vorgesetzten von anderen Leuten in Besprechungszimmern und war zumeist verdammt erleichtert, dass diese Leute mir keine Vorschriften machen konnten. Ich hörte die Geschichten von anderen über ihre Chef*innen und war heilfroh, nur eine einzige Chefin je gehabt zu haben - mich selbst. Ich hatte nie das Bedürfnis, mir mit Kompromissen und stillem Rückzug/Groll die vermeintliche Sicherheit zu erkaufen, die ein festes Arbeitsverhältnis angeblich mit sich bringt. Ich habe nie verstimmt oder sehnsüchtig an dem Umstand geknabbert, dass frau mit sozialversicherungspflichtigem Job “auch mal krank werden konnte” ohne sofortige finanzielle Einbußen. Auch dann nicht, wenn ich krank war. Was so gut wie nie vorkam. Ich war nicht zu krank, um zu arbeiten. Ich war vielleicht zu krank, um im Rest meines Lebens klarzukommen. Aber ich falle nicht aus, wenn es darum geht, wirtschaftlich weiter irgendwie über die Runden zu kommen - auch ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich habe mich immer zusammengerissen, wie es meine Mutter mir beigebracht hat. Freiheit macht glücklicher als eine höchst trügerische Sicherheit. Ich war meine Sicherheit. Mit Ach und Krach. Und zusammengerissen bis zum Reißen.

Ich war also nie neidisch auf feste Arbeitsplätze. Als freier Coach und Beraterin in Unternehmen war mir immer klar, dass die Absicherung dort einen nicht geringen Preis hatte und mitunter durch Wegducken und Aushalten erhalten wurde. Ich war allerdings sehr wohl manchmal neidisch darauf, wie versorgt (mit Geld und Status) andere Frauen durch ihre Beziehungen zu sein schienen. Ich hätte zu bestimmten Zeiten im Leben gern daran geglaubt, dass es möglich ist, Verantwortung und Belastungen des Alltags, aber auch die Mühen der allgemeinen Lebensplanung, hin und wieder abzugeben oder zumindest einigermaßen gerecht zu teilen. Es ist mir bekanntlich nie gelungen, einen Lebenspartner zu finden, mit dem das möglich gewesen wäre. Und ich weiß natürlich, dass es den meisten heterosexuellen Cis-Frauen nicht wirklich gelingt. Allen voran meine Mutter.


Sie hat zugegebenermaßen ordentlich Status und Versorgung durch ihre Ehe mit meinem Vater an Land gezogen. Dafür ist er irgendwann im Laufe ihrer Schwangerschaft mit mir eines Morgens vom Frühstückstisch aufgestanden, um sie zu würgen. Meine Mutter war vor ihrer Trauung schwanger geworden, weil sie unbedingt ein Kind wollte (mich) und meine Existenz zur Voraussetzung für eine Eheschließung gemacht hatte, damit sich mein mittelalter Vater (47 Jahre), der schon eine Tochter hatte, es sich nach der Hochzeit nicht plötzlich anders überlegen würde - so wie ihr erster Ehemann. Die Schneiderin, die ihr Hochzeitskleid nähte, überredete sie, den Mann, der sie gewürgt hatte, doch noch zu heiraten, weil das Kind (ich) doch einen Namen brauchte. Also den Nachnamen meines würgenden Vaters. 


In meiner Familie gab es danach meines Wissens nach keine körperliche Gewalt. Nur die Bedrohlichkeit, die das abwegige und unvorhersehbare Verhalten eines Alkoholikers mit Waffenschein so täglich mit sich brachte. 


Der Schnee liegt wie eine Kruste aus weißem Schorf um mein Haus herum. Zu bestimmten Zeiten in diesem Winter hatte ich panische Angst vor den Schneemengen auf meinem alten Dach. Ja, ich wohne im Hexenhaus am Wald, aber während der erste Winter, in dem ich auch eingezogen war, in erschöpfter aber auch triumphaler Hoffnung vorüberzog, habe ich nach dem ersten Jahr der vielen großen und kleinen Katastrophen in den letzten Monaten so sehr gefroren, wie noch nie zuvor in meinem Leben - innerlich wie äußerlich. Das Haus scheint nicht mehr warm zu werden - auch dann nicht, wenn das Feuer im Ofen lodert und gleichzeitig die Heizung voll aufgedreht ist (was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann). Der Dauerfrost droht mit Unberechenbarkeit und Zerstörung an Bauwerk und Anlagen.


Ich fürchte, mein Zitrusbaum hat trotz unordentlicher und zielloser Verhüllung in der Garage nicht überlebt. Er ist über fünfzig Jahre alt. ICH habe ihn vor über fünfzig Jahren gepflanzt. Meine Mutter gab mir einen Kern und zeigte mir, wie ich ihn in der Erde eines Blumentopfes versenken sollte, damit einst ein Baum daraus werden würde. Und eben jenen symbolträchtigen Baum haben das Haus im Wald und all die Umstände, die es mit sich gebracht hat, womöglich in unserem zweiten Winter dahingerafft. Ich konnte ihn nicht retten. Ich konnte ihn nicht mehr ins Gästehaus verschieben. Ich hatte Rücken und Füße. Und ich habe gefroren wie noch nie. Und der Baum hat übrigens nie geblüht - darum war auch immer unklar, ob er eine Zitrone oder Orange ist. Aber Kerne aus einer Supermarktorange erzeugen offenbar keine blühenden Bäume. Natürlich nicht…


Die letzten Jahre waren ein unendlicher Fall über eine Böschung. Hier und da konnte frau sich am Gestrüpp festkrallen, um die Vehemenz zu drosseln. Nicht selten hat sie sich dabei Hände und Arme zerkratzt, musste vor Schmerzen wieder loslassen und fand nie echten Halt. Von außen hätte das keine gesehen oder auch nur vermutet. Nicht einmal mein eigener Psychiater hat mir vor Jahrzehnten zunächst geglaubt, dass mein Kampf, im und am Leben zu bleiben, nicht nur echt, sondern auch verdammt verzweifelt, verbissen und vor allem für immer war. Ich kannte nichts Anderes. Ich kenne nichts Anderes. Frau könnte denken, der Kampf wird durch Vertrautheit einfacher. Aber das ist nicht so. Der Körper wird müder. Die Enttäuschung und die Wut über die vertane Zeit werden größer und roher. Die Hoffnung auf Erklärung - wofür das alles? - und Erlösung/Erleichterung wird jedoch mit jeder Sekunde, in der ich frierend strample und klammere, durchscheinender und brüchig. Sie wabert und geistert und verglüht. Ich frage mich jeden Tag, wann sie wohl ausläuft. Und wie lebt es sich dann?


Irgendwie muss das Leben noch ein wenig friedlich und ein bisschen schöner werden, damit nicht alles umsonst war. 


Willow hat neue gesundheitliche Probleme. Vor einem knappen Jahr ist sie fast gestorben und hat nun vermutlich mit neurologischen Langzeiteffekten zu tun. Ich wünsche mir so sehr, dass es ihr endlich wieder richtig gut geht. Für Tippi wünsche ich mir das auch, denn der geht die wunderliche Willow ziemlich auf die Nerven.


Und die Zeit läuft. Immer. 


Ich hoffe, ich wiederhole mich nicht dauernd. Ich hoffe wirklich, ich wiederhole mich nicht dauernd.


Und ich habe zum zweiten Mal ein totes Reh im Garten gefunden. Am hinteren Tor, das in den Wald führt. Da lag es, äußerlich scheinbar unversehrt, reglos im ewigen Schnee.


NH


Donnerstag, 9. Dezember 2021

Das Ende

 




Corbinian ist tot.

Ich musste ihn einschläfern lassen. Zwischen dem Augenblick, an dem ich begriff, dass irgendetwas nicht stimmt und seiner Einäscherung lagen ungefähr vier Wochen. Er hatte Krebs und ist nur 11 Jahre alt geworden. Nun ist Tippi allein. Mal wieder. Sie ist noch nicht einmal zwei Jahre auf der Welt, aber hat bereits drei maßgebliche Abschiede hinter sich - von ihrer Mutter und den Geschwistern, von einer Mitkatze, die Teil ihrer ersten Menschenfamilie war -  und jetzt ist ihr nach nicht einmal 10 Monaten ihr großer, dicker Freund aus heiterem Himmel weggestorben. Die beiden waren ein sagenhaftes Team. Sie hat ihn aufgemischt und er hat mit großer Freude, Geduld und angemessener Achtsamkeit mit ihr gerangelt - und seine Lieblingsplätze und Dreamies mit ihr geteilt. Seine Abwesenheit ist täglich ein Schock. 




Dieses ist der zweite und letzte Blogeintrag in diesem Jahr. Es war auch so ziemlich schauerlich, aber, wie durch das Ableben des Katers erneut bewiesen, geht es immer noch ein wenig bescheuerter.

In ein paar Tagen werde ich 50. Ein halbes Jahrhundert dahin. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, es fühlt sich nicht an, wie ein Grund zur Freude. Zuviel Ungemach schiebt sich ins Bild, wenn ich Bilanz ziehe über das Leben bis hierher. Verstellt den Blick. Was ich in fünf Jahrzehnten gelernt habe, ist, dass die Dinge sehr viel öfter schiefgehen als nicht. Komisch, wie unmöglich eine solche Prognose einer mit zwanzig vorgekommen wäre. Obwohl ich natürlich auch keine besonders fröhliche Zwanzigjährige war. Trotzdem hätte ich damals niemals glauben können, dass es eigentlich kein Gewinnen gibt. Ich habe, genau genommen, sogar verdammt lange damit gerechnet, dass noch alles wirklich gut wird. 

Aber überlebt. Zumindest das. 

Der Fragebogen zum Jahresende entfällt natürlich - bis auf die folgende Playlist der von mir meistgehörten Lieder. 


Danger Dan - Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt



Vermutlich könnte frau bei zwei Beiträgen pro Jahr auch von einem Ende des Blogs sprechen. Tatsächlich hätte ich genug Wut und Ärger für zehn Blogs. Zusätzlich habe ich seit Ewigkeiten Pläne für die Gründung eines Clubs der dicken Damen. Aber genug Energie habe ich dafür gerade nicht. Und wenn frau es genau betrachtet, auch nicht mehr genug Inhalte. Es gibt im Grunde nichts Neues zu sagen. Denn es ändert sich ja auch nichts. Irgendwann erwischt es uns wohl alle, die Motivation kracht in den Keller und zwar auf Nimmerwiedersehen - feministische Fettakzeptanz war nun einmal noch nie ein lohnendes Thema, wenn frau eigentlich gern beliebt und erfolgreich oder auch einfach nur im Ansatz wirksam wäre. Mit großer Verblüffung verfolge ich die Instagram-Posts von Kate Harding. Sie war eine meiner Heldinnen auf meiner Reise zur Selbstakzeptanz. Heute: Fotos von ihrem Hund. Und sonst kaum noch etwas.

Kommt gut in 2022 an.

NH

Dienstag, 27. August 2019

Decluttering: Eine Dose für 99 Cent



Ich mag Behälter. Es ist von wirklich großer Wichtigkeit für mich, dass alles in meiner Wohnung seine eigene Wohnung hat. Wenn etwas ins Haus kommt, das keinen festen Platz hat, wird es leicht stressig. Bei mir hat nicht nur alles ein Zuhause - in den meisten Fällen hat es auch ein Türschild. Ein Label Maker ist seit vielen Jahren eine meiner Lieblingsmaschinen.

Ich habe auch einen Karton - auf dem steht "Dosen". In eben jenem Karton wohnen Dosen, die gerade keine eigene Aufgabe bzw. Inhalt haben. Der Karton ist voll, und ich brauche absolut keine leeren Dosen mehr.

Vor der Preis-Oase in Altona stand sie mit vielen anderen ihrer Art, aufgetürmt in einer großen Pappkiste. Ich nahm sie mit ins Geschäft und trug sie schuldbewusst mit mir durch die Gänge. Ich wollte sie natürlich am Ende der Reise zurücklegen, wusste, dass ich es wahrscheinlich nicht tun würde und überlegte angestrengt, warum nicht.

Früher waren die Dinge, die angeschafft wurden, zumeist für eine bessere Zukunft.

Oder das, was man sich halt so darunter vorstellte. Kleider für den dünnen Körper - der Klassiker. Kunstbedarf für das zukünftige Atelier. Keksausstecher für zukünftige Bäckerei. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und erklärt, warum das Aussortieren der Dinge immer und immer wieder so anstrengend ist. Das Ausmisten einer besseren Zukunft, die nicht stattgefunden hat, bzw. in der die ganzen hoffnungsfrohen Accessoires gar nicht gebraucht worden sind, ist und bleibt eine emotional hochaufgeladene Arbeit.

Was triggern Dinge heute?

Mit der unverschämten Buntheit und dem kitschig-freundlichen Mischdesign der Dose assoziierte ich offenbar eine Zeit die in meine Kindheit ragt und die Erwartungen an die Zukunft, die damals in der Luft lagen. Die Dose erinnerte mich urplötzlich wenn auch undeutlich an das, was war und gleichzeitig an das, was damals noch kommen sollte. Außerdem mag ich die putzige Spießigkeit und das damit einhergehende verschwommene Gefühl von Sicherheit.

Neue Dinge...sie triggern immer öfter etwas Altes: alte Erwartungen, alte Überzeugungen. Oder die Sehnsucht nach einer anderen alten Realität, die es jedoch so nie gab. Sie triggern die Rückversetzung in eine Zeit und Situation, in der noch bestimmte Hoffnungen bestanden und in der es sich vermeintlich noch lohnte, sich auf die bessere Zukunft vorzubereiten. Kein Wunder, dass ich die Dose schwermütig durch die Preis-Oase vor mir her getragen habe wie bei einer Prozession.

Dass mir die Zeit ausgeht, wird mir immer klarer. Alles begann bekannterweise mit dem Tod meiner Mutter. Ungefähr da war der Punkt der Wende. Die Nostalgie nahm zu - der Glaube an eine bessere Zukunft nahm ab. Das Verbittern über verpasste Ziele begann, sich so richtig hoch aufzubäumen. Ebenso ging das Suchen nach Antworten in der Vergangenheit so richtig los. Als ich nach dem Tod meiner Mutter nach Kettwig fuhr, um das Haus zu besuchen, in dem ich zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr gelebt hatte, konnte ich es (in mir) nicht wiederfinden. Ich hatte natürlich die Adresse. Aber ich konnte mich um nichts in der Welt mehr an das erinnern, von dem ich geschworen hätte, dass ich es immer wieder erkennen würde.

Dafür erkenne ich Lichtverhältnisse und Gerüche - und eben Farben und Muster - wieder. Milde bis geisterhafte Déjavus werden nach der ersten Hälfte meines Lebens mehr und mehr zu alltäglichen Vorkommnissen.

Tagebucheintrag 18.07.2011:

"Dass ich in der Hälfte meines Lebens bin, merke ich daran, dass ich bewusst und sofort jedes Licht wiedererkennen kann. Das Licht jeder Jahreszeit und jeder Tageszeit und jedes Wetters. Ich fahre durch die Landschaften meiner Kindheit und weiß, dass ich angefüllt mit unerzählten Geschichten und ungedrehten Filmen sterben werde. Voll bis an den Rand mit unerledigten Ideen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht."

Tagebucheintrag 14.08.2016

"Ich habe die tiefe Sehnsucht, in die Vergangenheit zurückzukehren, und sie zu heilen. Und vielleicht zu verstehen. Darum auch noch immer das gelegentliche physische Zirkeln um das Haus am Rand der Feldmark, in dem ich aufgewachsen bin. Wie Simon und Desi Ruges "Katze mit Hut" würde ich es gern glücklich wohnen. Ich habe eine Million von alternativen Hausgeschichten im Kopf. Jede besser als die, die meine bisher war."

Statt in einem glücklichen Haus habe ich mich nach dem Tod meiner Mutter dann aber mit Ende Dreißig vorsorglich und ängstlich in einer seniorInnenengerechten Wohnung geparkt. Ohne Garten für den Pool, den ich immer wollte. Dafür ebenerdig und mit Supermarkt, Ärzten, Bahnanbindung und Pflegediensten um die Ecke.

Mein eigentlicher Plan im Leben war es ja bekanntlich, nach dem College in Los Angeles, wo ich immerhin bereits wohnte, auf die Filmschule zu gehen und dann die damals als klassisch geltende Laufbahn vom Personal Assistant über die Regieassistenz bis hin zur Oscar-gewinnenden Drehbchautorin hinzulegen. Und das alles auf hohen Absätzen. Mein zukünftiger Wunscharbeitgeber war übrigens die Firma Miramax. Hätte das wirklich geklappt, bzw. wäre ich nicht seelisch vorzeitig aus den Latschen gekippt, anstatt mit einem Clipboard und Mobiltelefon über Studiogelände zu klappern, hätte ich nicht nur für eine der innovativsten Produktionsfirmen in Hollywood gearbeitet, sondern auch für Harvey Weinstein. Der Harvey Weinstein, der seit den 80er Jahren Dutzende, wenn nicht Hunderte von Frauen sexuell genötig oder vergewaltigt hat.

Sollte ich also womöglich froh sein, dass es nicht so gekommen ist, wie ich es mir eigentlich fest vorgenommen hatte? Die Erkenntnis, dass der Preis für Vieles, was wir für erstrebenswert halten, hoch und oft viel zu hoch ist, ist mir trotz allem noch immer keine Beruhigung.

Wenn so viel an einem Muster, einer Farbe, einem Lichteinfall oder einem Geruch hängt, wie soll es auch leicht sein, sich zu trennen? Die Dose  ist nun zum Symbol geworden - für nicht weniger als die Endlichkeit und Unkontrollierbarkeit des Lebens. Das dürfte es auch unmöglich machen, sie in näherer Zukunft wieder auszusortieren. Das macht sie selbst also ebenfalls unkontrollierbar. Und das ist die Tyrannei der Dinge.



NH


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Sonntag, 11. Dezember 2016

Follow me around 53: 45


Selfie, 29.11.2016

Schneckenpost

Die Weihnachtskarten aus meiner kleinen Schneckenpostaktion sind nun alle geschrieben und verschickt. Die Resonanz war erheblich größer, als ich erwartet hatte. Das hat mich natürlich sehr gefreut, aber ich hatte auch Sorge, dass mir irgendetwas logistisch entgleitet (und nicht nur am Ende meine Handschrift), bzw. dass ich etwas übersehe oder verwechsle. Wenn jemand von euch, die mir ihre Adresse haben zukommen lassen, bis Anfang kommender Woche aus irgendeinem Grunde keine Karte erhalten hat, dann sagt bitte einfach Bescheid - noch ist ja Zeit. : ) Ach, und an die, die mir mitteilten, ich solle sie bitte wissen lassen, ob ich ihre Adresse haben möchte, um ihnen dann eine Karte schicken zu können: Nö, will ich nicht. What the hell, ladies?!

Für die lieben Antworten, von denen ich auch bereits einige bekommen habe, möchte ich mich hier bereits schon einmal ganz herzlich bedanken. (Das tue ich auch noch persönlich, aber das wird noch ein wenig dauern.) Das gilt auch für eure vielen freundlichen und ermunternden Nachrichten, die ihr zusammen mit euren Adressen geschickt habt. Ich bin auch deshalb ausgesprochen fröhlich darüber, dass ich die Idee mit den Karten hatte, weil ich plötzlich von so vielen "stillen Mitleserinnen" gehört habe. Das war ein wirklich schönes Geburtstagsgeschenk. Und bewegend war es auch.Dafür noch einmal vielen, vielen Dank!

Gute Fragen

Und schwupp, ist es schon wieder Zeit für den alljährlichen Fragebogen. Seit 2011 fülle ich ihn nun aus - immer mit kleinen Abwandlungen. Die vorangegangenen Ergebnisse sind hier zu finden.

1. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie war Dein Jahr? 4. 

2. Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. 

3. Haare länger oder kürzer? Gleich. Und auf dem Weg zurück zu Mausbraun.

4. Mehr Geld oder weniger? Weniger.

5. Mehr Blogleserinnen, oder weniger? Mehr.

6. Was war das beste Buch, das du 2016 gelesen hast? The Sound of a Wild Snail  eating von Elizabeth Tova Bailey.

7. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Nichts und wieder nichts.

8. Mehr bewegt oder weniger? Weniger. Schockstarre sozusagen.

9. Die teuerste Anschaffung: Ein Notebook, weil das alte unerwartet den letzten Schnaufer getan hat. 

10. Der beste Film, den du 2016 gesehen hast: Where to Invade Next? von Michael Moore.

11. Das schönste Geschenk: Vielleicht kommt es ja noch.

13. Die meiste Zeit wo verbracht? Alles wie zuvor. Schreibtisch, Auto, Bett. Und im Keller, um auszumisten.

14. Die größte Enttäuschung: Wo anfangen?

15. Die beste Investition: Ein Einhorn-Körnerkissen mit ziemlich gereiztem Gesichtsausdruck. Wir werden uns gut verstehen.


16. Die wichtigste Erkenntnis: Ich brauche einen Mann tatsächlich so dringend wie ein Fisch ein Fahrrad.

17. Was machst du zu Weihnachten? Noch immer Kartoffelsalat, Michel in der Suppenschüssel, selbstbestellte und von Amazon liebevoll verpackte Geschenke...wieder keine Reise.

18. Was wünschst du dir für das kommende Jahr? Mehr Geld. Weniger Kram. Mehr Klarsicht. Und die eiserne Härte einer Margaret Thatcher in eigener Sache.

19. Was ist dein wichtigstes Ziel für 2017: Urlaub. Irgendwie. Irgendwohin.

20. Und was jetzt? Jetzt bin ich offiziell Mittvierzigerin. Ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo die Jahre geblieben sind, aber das bringt eine Orientierungslosigkeit und Verblüffung mit sich, die ich auch zu Themen des Blogs machen werde. Im kommenden Jahr werde ich mein Bloggerei wieder regelmäßiger betreiben. In den Kommentaren gab es außerdem eine Frage zum Stand des Thin Privilege Projects. Nachdem ich in letzter Zeit  immer mal wieder der irrigen Annahme aufgesessen bin, es könnte da in meiner Zukunft womöglich jemanden geben, der es bedauern würde, wenn ich meinen Körperumfang verringere, ist es nun doch mein erklärter Plan, damit weiterzumachen. Außerdem bin ich seit Beginn meiner letzten Ausräumphase bei 2140 Gegenständen angekommen. Und das ist auch längst noch nicht das Ende.

Gute Vorsätze

Ich saß in meinem Auto auf einem Parkplatz vor einem öffentlichen Schwimmbad in Hamburg-Volksdorf. Minuten zuvor war ich in eine Parklücke gefahren und kramte gerade meine sieben Sache zusammen, als einer von diesen panzerartigen Geländewagen mir gegenüber links ranfuhr und hielt. Ihm entstieg ein junger Mann mit wallendem Bart und ernster Miene. Er kam auf mich zu und klopfte an meine Beifahrerscheibe. Als ich sie verwundert herunterließ, erklärte er mir mit einer sonoren Mischung aus unterdrückter Anklage und Appell, dass ich den Parkplatz zu Unrecht besetzt hätte, denn am anderen Ende des Parkplatzes sei eine Familie mit drei kleinen Kinder in einem Kleinbus, die schon viel länger nach einem Parkplatz suchen würden als ich. Außerdem war er darüber unterrichtet, dass die Familie zum allem Überfluss auch noch in größter Eile war, weil sie nämlich auf dem Weg in den Kindergottesdienst war, der gleich beginnen sollte, und er war der Ansicht, dass ich ihnen angesichts all dieser Faktoren meinen Platz überlassen müsste.

Ich bin schließlich keine Frau mit Mann und Kindern und Kleinbus und christlichem Glauben. Und so habe ich in den Augen von  bestimmten Leuten gefälligst Platz zu machen für die, die wichtiger sind, weil sie so viel mehr gesellschaftlich anerkanntes Gedöns bei sich tragen. Ich war, bin und bleibe für immer die alleinstehende Frau im Kleinwagen. Was kann die schon Wichtiges vorhaben? Allerdings würde ich jede Wette machen, dass auch Ersatzjesus sich niemals dazu verstiegen hätte, einem männlichen Mittvierziger im, sagen wir mal Porsche Cayenne, die selbe Botschaft zu überbringen. "Frau im Kleinwagen" ist eben nicht nur ein symbolischer Status. Er wirkt sich auch immer wieder verdammt real aus.

Das Blöde ist, dass man trotz aller Antennen und Sirenen mitunter über die nassforsche Unverschämtheit der Welt so verblüfft ist, dass man es in den ersten Schrecksekunden auch nach jahrzehntelangem Training mitunter nicht schafft, sich gedanklich angemessen zurechtzurütteln und aufzubäumen. Ich war zunächst sprachlos. Und mich durchzuckte stattdessen tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Hatte ich den Leuten womöglich ihren Platz gestohlen, ohne es zu bemerken? Ich starrte dem Bartträger erst unschlüssig hinterher, als er wieder zu seinem Auto stapfte...und dann gab ich meine Parklücke auf. Ich fuhr raus, und der Minibus fuhr rein.

Was ich hätte sagen sollen, ist natürlich dieses: "Gott ist tot. Und ich gehe jetzt schwimmen." Und das nächste Mal (und das kommt bestimmt) werde ich auch ganz genau das tun. So wahr mir die Göttin helfe.

NH