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Freitag, 17. Juli 2020

Krempelgespräche Teil 1

Eigentlich sollte es ein Video über den Kampf gegen die Dinge sein, der einfach nicht endet - aber eigentlich ist es wohl mindestens ebenso ein Katzenvideo geworden. Damit müsste es dann ja eigentlich auch sehr viel häufiger gesehen werden, als all die anderen.

Obwohl ich ihn im letzten Winter unter dem Eindruck des Erfolgserlebnisses in meinem Keller ausgerufen hatte - den großen Sieg - ist klar, dass ich mich zu früh gefreut hatte. Das Problem ist, dass noch immer zu viel seinen Weg in meinen Haushalt findet, das da gar nicht erst sein sollte. Während also Aussortieren in großem Stile nicht mehr das Hauptthema ist, geht es nun darum, Dinge gar nicht erst aufzunehmen und dann naturgemäß wieder verwalten und abwickeln zu müssen. Die genaue und kleinschrittige Auseinandersetzung mit einzelnen Gegenständen dient nach wie vor der Analyse und Betrachtung der emotionalen und gedanklichen Blockaden, die eine immer wieder daran hindern, sich schneller von Krempel zu lösen, was regelmäßig dazu führt, dass der Erhalt der Erfolge und Bemühungen der letzten Jahre in Gefahr gerät. Clutter-Jojo - the struggle is real!

Einen Teil 2 wird es noch geben, dafür wird schon neues Material gesammelt, was noch immer nicht besonders schwierig ist. Ich hoffe aber, dass ich dann selbst endlich genug von diesem Projekt gelernt habe. ICh WILL einfach endlich fertig sein. Und das nicht mit den Nerven. Allerdings ist da ja noch die Garage...





NH


Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff :) - den gäbe es hier:

Dienstag, 27. August 2019

Decluttering: Eine Dose für 99 Cent



Ich mag Behälter. Es ist von wirklich großer Wichtigkeit für mich, dass alles in meiner Wohnung seine eigene Wohnung hat. Wenn etwas ins Haus kommt, das keinen festen Platz hat, wird es leicht stressig. Bei mir hat nicht nur alles ein Zuhause - in den meisten Fällen hat es auch ein Türschild. Ein Label Maker ist seit vielen Jahren eine meiner Lieblingsmaschinen.

Ich habe auch einen Karton - auf dem steht "Dosen". In eben jenem Karton wohnen Dosen, die gerade keine eigene Aufgabe bzw. Inhalt haben. Der Karton ist voll, und ich brauche absolut keine leeren Dosen mehr.

Vor der Preis-Oase in Altona stand sie mit vielen anderen ihrer Art, aufgetürmt in einer großen Pappkiste. Ich nahm sie mit ins Geschäft und trug sie schuldbewusst mit mir durch die Gänge. Ich wollte sie natürlich am Ende der Reise zurücklegen, wusste, dass ich es wahrscheinlich nicht tun würde und überlegte angestrengt, warum nicht.

Früher waren die Dinge, die angeschafft wurden, zumeist für eine bessere Zukunft.

Oder das, was man sich halt so darunter vorstellte. Kleider für den dünnen Körper - der Klassiker. Kunstbedarf für das zukünftige Atelier. Keksausstecher für zukünftige Bäckerei. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und erklärt, warum das Aussortieren der Dinge immer und immer wieder so anstrengend ist. Das Ausmisten einer besseren Zukunft, die nicht stattgefunden hat, bzw. in der die ganzen hoffnungsfrohen Accessoires gar nicht gebraucht worden sind, ist und bleibt eine emotional hochaufgeladene Arbeit.

Was triggern Dinge heute?

Mit der unverschämten Buntheit und dem kitschig-freundlichen Mischdesign der Dose assoziierte ich offenbar eine Zeit die in meine Kindheit ragt und die Erwartungen an die Zukunft, die damals in der Luft lagen. Die Dose erinnerte mich urplötzlich wenn auch undeutlich an das, was war und gleichzeitig an das, was damals noch kommen sollte. Außerdem mag ich die putzige Spießigkeit und das damit einhergehende verschwommene Gefühl von Sicherheit.

Neue Dinge...sie triggern immer öfter etwas Altes: alte Erwartungen, alte Überzeugungen. Oder die Sehnsucht nach einer anderen alten Realität, die es jedoch so nie gab. Sie triggern die Rückversetzung in eine Zeit und Situation, in der noch bestimmte Hoffnungen bestanden und in der es sich vermeintlich noch lohnte, sich auf die bessere Zukunft vorzubereiten. Kein Wunder, dass ich die Dose schwermütig durch die Preis-Oase vor mir her getragen habe wie bei einer Prozession.

Dass mir die Zeit ausgeht, wird mir immer klarer. Alles begann bekannterweise mit dem Tod meiner Mutter. Ungefähr da war der Punkt der Wende. Die Nostalgie nahm zu - der Glaube an eine bessere Zukunft nahm ab. Das Verbittern über verpasste Ziele begann, sich so richtig hoch aufzubäumen. Ebenso ging das Suchen nach Antworten in der Vergangenheit so richtig los. Als ich nach dem Tod meiner Mutter nach Kettwig fuhr, um das Haus zu besuchen, in dem ich zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr gelebt hatte, konnte ich es (in mir) nicht wiederfinden. Ich hatte natürlich die Adresse. Aber ich konnte mich um nichts in der Welt mehr an das erinnern, von dem ich geschworen hätte, dass ich es immer wieder erkennen würde.

Dafür erkenne ich Lichtverhältnisse und Gerüche - und eben Farben und Muster - wieder. Milde bis geisterhafte Déjavus werden nach der ersten Hälfte meines Lebens mehr und mehr zu alltäglichen Vorkommnissen.

Tagebucheintrag 18.07.2011:

"Dass ich in der Hälfte meines Lebens bin, merke ich daran, dass ich bewusst und sofort jedes Licht wiedererkennen kann. Das Licht jeder Jahreszeit und jeder Tageszeit und jedes Wetters. Ich fahre durch die Landschaften meiner Kindheit und weiß, dass ich angefüllt mit unerzählten Geschichten und ungedrehten Filmen sterben werde. Voll bis an den Rand mit unerledigten Ideen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht."

Tagebucheintrag 14.08.2016

"Ich habe die tiefe Sehnsucht, in die Vergangenheit zurückzukehren, und sie zu heilen. Und vielleicht zu verstehen. Darum auch noch immer das gelegentliche physische Zirkeln um das Haus am Rand der Feldmark, in dem ich aufgewachsen bin. Wie Simon und Desi Ruges "Katze mit Hut" würde ich es gern glücklich wohnen. Ich habe eine Million von alternativen Hausgeschichten im Kopf. Jede besser als die, die meine bisher war."

Statt in einem glücklichen Haus habe ich mich nach dem Tod meiner Mutter dann aber mit Ende Dreißig vorsorglich und ängstlich in einer seniorInnenengerechten Wohnung geparkt. Ohne Garten für den Pool, den ich immer wollte. Dafür ebenerdig und mit Supermarkt, Ärzten, Bahnanbindung und Pflegediensten um die Ecke.

Mein eigentlicher Plan im Leben war es ja bekanntlich, nach dem College in Los Angeles, wo ich immerhin bereits wohnte, auf die Filmschule zu gehen und dann die damals als klassisch geltende Laufbahn vom Personal Assistant über die Regieassistenz bis hin zur Oscar-gewinnenden Drehbchautorin hinzulegen. Und das alles auf hohen Absätzen. Mein zukünftiger Wunscharbeitgeber war übrigens die Firma Miramax. Hätte das wirklich geklappt, bzw. wäre ich nicht seelisch vorzeitig aus den Latschen gekippt, anstatt mit einem Clipboard und Mobiltelefon über Studiogelände zu klappern, hätte ich nicht nur für eine der innovativsten Produktionsfirmen in Hollywood gearbeitet, sondern auch für Harvey Weinstein. Der Harvey Weinstein, der seit den 80er Jahren Dutzende, wenn nicht Hunderte von Frauen sexuell genötig oder vergewaltigt hat.

Sollte ich also womöglich froh sein, dass es nicht so gekommen ist, wie ich es mir eigentlich fest vorgenommen hatte? Die Erkenntnis, dass der Preis für Vieles, was wir für erstrebenswert halten, hoch und oft viel zu hoch ist, ist mir trotz allem noch immer keine Beruhigung.

Wenn so viel an einem Muster, einer Farbe, einem Lichteinfall oder einem Geruch hängt, wie soll es auch leicht sein, sich zu trennen? Die Dose  ist nun zum Symbol geworden - für nicht weniger als die Endlichkeit und Unkontrollierbarkeit des Lebens. Das dürfte es auch unmöglich machen, sie in näherer Zukunft wieder auszusortieren. Das macht sie selbst also ebenfalls unkontrollierbar. Und das ist die Tyrannei der Dinge.



NH


MEHR LESESTOFF GIBT ES HIER:


Mittwoch, 12. Juni 2019

Decluttering: Haben Sie auch so ein Problem mit Anthropomorphismus?



Seit Beginn des Jahres habe ich 639 Dinge aussortiert. Regelmäßige Leserinnen wissen, dass es über die letzten Jahre tausende und seit meiner Kindheit Zehntausende Dinge waren, mit denen ich mich auseinandersetzen und über die ich Entscheidungen fällen musste, weil die Dinge sich immer und immer wieder ausgebreitet haben, wie eine massige Hydra über deren schnarchende Köpfe man pausenlos stolpert und im eigenen Zuhause einfach nicht vorankommt. Mit dem Putzen nicht. Mit der Selbstorganisation nicht. Mit Entspannung und Freude nicht. Denn Dinge im Übermaß erzeugen Stress. Das ist wissenschaftlich untersucht worden und stimmt tatsächlich für Frauen mehr als für Männer.

Mir wurde bereits mein Kinderzimmer regelmäßig zu voll und zu unübersichtlich. Vor allem die Bücherregale quollen in Blitzgeschwindigkeit immer wieder über, nachdem ich eingeschult worden war und richtig lesen konnte. Erst packte ich den Überschuss in Kisten und lagerte diese im Keller. Später wurden regelmäßig Dinge gespendet. Oder auf dem Flohmarkt angeboten.

Oh, die Zahl der Flohmärkte, auf denen ich in meinem Leben herumgesessen habe. Oh, die Sonntage, an denen man um vier Uhr aufsteht, um sich am Zielort mit anderen VerkäuferInnen über die Platzvergabe zu streiten. Oh, die Hitze, der Regen, der Wind, die alles durcheinander bringen...und oh, die Erleichterung bei jedem Teil, das den Tapeziertisch im Austausch für einen Minimalbetrag verließ. Finanziell lohnte sich das Ganze selten. Unterhaltsam war es zumeist weniger als anstrengend und ärgerlich. Die letzten Male bin ich mit übereifrig und verbissen um Centbeträge handelnden KundInnen zunehmend regelrecht aneinandergeraten. Tatsächlich habe ich ihnen Gegenstände aus der Hand genommen und ihnen erklärt, ich würde das Ding lieber der nächsten, die es will schenken, als es ihnen zu überlassen. Ich sah ein, dass das ein sicheres Zeichen dafür war, diese Phase meines Lebens endgültig abzuschließen. Keine Flohmärkte mehr. Jedenfalls nicht hinter dem Verkaufstisch.

Ohnehin war der Flohmarkt immer nur eine von einer Reihe mehr oder weniger erfolgreicher Strategien, Dinge, die man für wertvoll hielt, nicht kampflos und umsonst dem roten Kreuz zu überlassen. Dabei setzte sich der empfundene Wert in der Regel zu verschiedenen Anteilen aus emotionalen und echten monetären Erwartungen zusammen. Schließlich hatte man für den Pullover selbst 80 Euro bezahlt. Damals vor zwanzig Jahren. Weil er so schön orange und kuschelig war, und man sich damit im Winterurlaub in einer verschneiten Hütte visualisiert hatte. Nun war er ungetragen, der Traum dahin, der Kleiderschrank viel zu voll und der Pullover nichts mehr wert. Wenn man sowas tausendmal aushalten und dann einen Entscheidung über die Gegenstände fällen muss, kann das schon ganz schön schlauchen.

2009 war das Jahr der großen Flut der Dinge, denn da starb meine Mutter. Ich erbte den Inhalt eines mittelgroßen Hauses voll mit Dingen und verbrachte über zwei Monate vor Ort, um sie zu sichten und zu sortieren. Jeder Gegenstand in dem Haus ist durch meine Hände gegangen, bevor über sein Schicksal entschieden wurde. Und während das Haus meiner Mutter überhaupt nicht unordentlich oder vollgestopft gewirkt hatte, wurde sehr schnell klar, was für Geheimnisse Schränke und Abstellräume im Zaum gehalten hatten.

Eigentlich dachte ich am Ende, dass ich gar nicht so viel von ihr behalten hatte - bis die Umzugsleute weg waren und der Rest des Nachlasses meiner Mutter mein gesamtes Wohnzimmer von Wand zu Wand (und bis zur Decke) füllte und nur noch ein sehr schmaler Gang bis zu Fenster freigeblieben war. Am Abbau dieser Festung aus Sachen arbeite ich bis heute. Ich musste meinen eigenen Haushalt verkleinern, um ihren (und zum Teil den meines Vaters) zu integrieren. Trotzdem war der Kram noch immer zu viel für den Platz, den ich hatte und habe. Und der Kram, der alles verstopfte, war, selbstverständlich, hochemotional besetzt. Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich noch Tupperware aus den Sechzigern besitze?

Wie dem auch sei - 2019 wird das Jahr sein, in dem ich den Kampf gegen die Tyrannei der Dinge gewinne. Eine Niederlage kommt nicht in Frage. Ende 2019 werde ich in einer klar strukturierten, organisierten Wohnung wohnen, die leicht zu managen ist und in der keine Schublade klemmt, weil sie zu viel enthält. Ich werde in meinen Keller hineingehen können, und einfach so das finden, was ich brauche. Und ich werde Kleider auf ihren Stangen locker hin und her schieben können.

Dass das weiterhin eine schwierige Angelegenheit ist, die mit viel Seelensuche, Selbsterkenntnis und Verhaltenssteuerung einhergeht, ist klar. Ich habe noch einmal ein Video dazu gedreht - in dem rede ich auch über Anthropomorphismus und darüber, dass der nichts als Scherereien macht...




Mehr zum Thema: PLATZ DA!


NH


Freitag, 25. Mai 2018

VLOGGING: Decluttering 1 / Aussortieren


Ich habe das im letzten Post versprochene erste Video zum Ausmisten tatsächlich gedreht und, zack!, auch einfach gleich veröffentlicht. Sehen könnt ihr es HIER. 

Ich plaudere darin ein wenig über die Tücken des Aussortierens von emotionalem und anderem Kram, den man aus höchst irrationalen aber auch vielfältigen Gründen überhaupt jemals aufgehoben hat. Bei dem Filmchen handelt es sich auch um so eine Art Auftaktveranstaltung zum Themenkreis Horten und Aufräumen, weil ich dazu noch eine ganze Reihe von Beiträgen plane. Denn ich befinde mich bekanntlich seit Jahren (wenn nicht Jahrzehnten) und immer weiter im Kampf gegen die Dinge in meinem unmittelbaren Lebensraum. Und wenn ich Kampf sage, dann meine ich das auch ganz genau so. Außerdem wird man halt irgendwann beim langjährigen Ringen mit der eigenen Problematik ganz nebenbei auch zur Expertin für eben diese. Wenn es um Strategien und Methoden des Ausmistens geht, macht mir so leicht keine was vor. Wie auf dem weiten Feld der Diäten habe ich alles ausprobiert und vieles scheitern sehen.

Allerdings werde ich nicht aufhören, aufzuräumen. Anders als im Falle von Diäten, bin ich hier nach wie vor überzeugt, dass sich der Kampf lohnt, und dass das erwünschte Ergebnis auch erhalten werden kann. Denn das Leben ist so viel einfacher, wenn alles im Haus einen Platz hat, der idealerweise auch noch leicht zu erreichen ist. Gerade heute habe ich im Auto so darüber nachgedacht, dass ich eigentlich mittlerweile nur noch sehr wenig Zeit damit verbringe, Dinge zu suchen. Die Regel "ein Platz für alles und alles an seinem Platz" ist bei mir zu Hause tatsächlich inzwischen umgesetzt worden. Mein größtes Problem ist nun, den Strom von Dingen, die hereinkommen, wirksamer zu verringern. Soll heißen: Ich schleppe noch immer viel zu viel neuen Kram an, der oft erst einmal keinen Platz hat. Und das nicht nur organisatorisch, sondern buchstäblich. Dann muss Altes raus, um Platz zu schaffen. Aber sich zu trennen, ist oft nicht einfach, Und dann kommt alles ins Stocken, Ärger und Überforderung blühen ganz schnell wieder in grellen Farben und man bekommt das vertraute Gefühl, schlicht niemals wirklich Herrin der Lage zu sein.

Meine Herausforderungen für die kommenden Monate liegen im Keller (mal wieder), in der Küche, dem Schafzimmer und dem Kabäuschen. Also eigentlich überall, wobei Schlafzimmer und Keller am gruseligsten sind. Der Keller ist, nachdem er bereits ein paarmal recht aufgeräumt und organisiert gewesen ist, im Augenblick wieder so voll, dass mir Kartons entgegen fallen, wenn ich die Tür öffne.

Im Schlafzimmer ist der Kleiderschrank das größte Projekt. Darin ist im Augenblick nicht genug Luft für all meine Kleider. Die stehen zum Teil in Wäschekörben davor. Gleichzeitig habe ich Schwierigkeiten, im vollgestopften Schrank meine Kleidung für den Tag morgens schnell und einfach zu finden. Das größte Ziel ist aber Vereinfachung. Ich bestehe quasi darauf, dass der Alltag leicht wird. Da ist überhaupt der Grund, warum ich das Chaos und die Dinge so verbissen aufhalten will.

Und irgendwann werde ich dann die Kamera todesmutig in den Keller tragen. Da gibt es genug  Material für einen zünftigen Messie-Mehrteiler. Aber vorerst nun erst einmal eine milde Einleitung auf YouTube. Es würde mich übrigens außerordentlich interessieren, über euer Verhältnis zu den Dingen auch etwas zu erfahren. : )

NH