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Sonntag, 15. Februar 2026

Winter


Ich bin zum ersten Mal fest angestellt. Nachdem mich eine Auftraggeberin nach etlichen Jahren der Zusammenarbeit ohne Vorwarnung kurz vor Weihnachten vor die Tür gesetzt hatte, habe ich in höchster Panik im Internet nach Optionen gesucht und bin ausgerechnet bei Instagram zum ersten Job als angestellte Arbeitnehmerin meines Lebens gekommen - Teilzeit, mit Sozialabgaben und Krankenkasse und Urlaubstagen und all dem. Außerdem auch eine durchaus sinnvolle Tätigkeit.

Aber ich war bisher immer selbständig. Ich habe mich mit Mitte zwanzig und mitten im Studium als Freiberuflerin in die Welt der unabhängigen Arbeit begeben und nie zurückgeschaut. Ich wollte nie Vorgesetzte - ich traf auf die Vorgesetzten von anderen Leuten in Besprechungszimmern und war zumeist verdammt erleichtert, dass diese Leute mir keine Vorschriften machen konnten. Ich hörte die Geschichten von anderen über ihre Chef*innen und war heilfroh, nur eine einzige Chefin je gehabt zu haben - mich selbst. Ich hatte nie das Bedürfnis, mir mit Kompromissen und stillem Rückzug/Groll die vermeintliche Sicherheit zu erkaufen, die ein festes Arbeitsverhältnis angeblich mit sich bringt. Ich habe nie verstimmt oder sehnsüchtig an dem Umstand geknabbert, dass frau mit sozialversicherungspflichtigem Job “auch mal krank werden konnte” ohne sofortige finanzielle Einbußen. Auch dann nicht, wenn ich krank war. Was so gut wie nie vorkam. Ich war nicht zu krank, um zu arbeiten. Ich war vielleicht zu krank, um im Rest meines Lebens klarzukommen. Aber ich falle nicht aus, wenn es darum geht, wirtschaftlich weiter irgendwie über die Runden zu kommen - auch ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich habe mich immer zusammengerissen, wie es meine Mutter mir beigebracht hat. Freiheit macht glücklicher als eine höchst trügerische Sicherheit. Ich war meine Sicherheit. Mit Ach und Krach. Und zusammengerissen bis zum Reißen.

Ich war also nie neidisch auf feste Arbeitsplätze. Als freier Coach und Beraterin in Unternehmen war mir immer klar, dass die Absicherung dort einen nicht geringen Preis hatte und mitunter durch Wegducken und Aushalten erhalten wurde. Ich war allerdings sehr wohl manchmal neidisch darauf, wie versorgt (mit Geld und Status) andere Frauen durch ihre Beziehungen zu sein schienen. Ich hätte zu bestimmten Zeiten im Leben gern daran geglaubt, dass es möglich ist, Verantwortung und Belastungen des Alltags, aber auch die Mühen der allgemeinen Lebensplanung, hin und wieder abzugeben oder zumindest einigermaßen gerecht zu teilen. Es ist mir bekanntlich nie gelungen, einen Lebenspartner zu finden, mit dem das möglich gewesen wäre. Und ich weiß natürlich, dass es den meisten heterosexuellen Cis-Frauen nicht wirklich gelingt. Allen voran meine Mutter.


Sie hat zugegebenermaßen ordentlich Status und Versorgung durch ihre Ehe mit meinem Vater an Land gezogen. Dafür ist er irgendwann im Laufe ihrer Schwangerschaft mit mir eines Morgens vom Frühstückstisch aufgestanden, um sie zu würgen. Meine Mutter war vor ihrer Trauung schwanger geworden, weil sie unbedingt ein Kind wollte (mich) und meine Existenz zur Voraussetzung für eine Eheschließung gemacht hatte, damit sich mein mittelalter Vater (47 Jahre), der schon eine Tochter hatte, es sich nach der Hochzeit nicht plötzlich anders überlegen würde - so wie ihr erster Ehemann. Die Schneiderin, die ihr Hochzeitskleid nähte, überredete sie, den Mann, der sie gewürgt hatte, doch noch zu heiraten, weil das Kind (ich) doch einen Namen brauchte. Also den Nachnamen meines würgenden Vaters. 


In meiner Familie gab es danach meines Wissens nach keine körperliche Gewalt. Nur die Bedrohlichkeit, die das abwegige und unvorhersehbare Verhalten eines Alkoholikers mit Waffenschein so täglich mit sich brachte. 


Der Schnee liegt wie eine Kruste aus weißem Schorf um mein Haus herum. Zu bestimmten Zeiten in diesem Winter hatte ich panische Angst vor den Schneemengen auf meinem alten Dach. Ja, ich wohne im Hexenhaus am Wald, aber während der erste Winter, in dem ich auch eingezogen war, in erschöpfter aber auch triumphaler Hoffnung vorüberzog, habe ich nach dem ersten Jahr der vielen großen und kleinen Katastrophen in den letzten Monaten so sehr gefroren, wie noch nie zuvor in meinem Leben - innerlich wie äußerlich. Das Haus scheint nicht mehr warm zu werden - auch dann nicht, wenn das Feuer im Ofen lodert und gleichzeitig die Heizung voll aufgedreht ist (was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann). Der Dauerfrost droht mit Unberechenbarkeit und Zerstörung an Bauwerk und Anlagen.


Ich fürchte, mein Zitrusbaum hat trotz unordentlicher und zielloser Verhüllung in der Garage nicht überlebt. Er ist über fünfzig Jahre alt. ICH habe ihn vor über fünfzig Jahren gepflanzt. Meine Mutter gab mir einen Kern und zeigte mir, wie ich ihn in der Erde eines Blumentopfes versenken sollte, damit einst ein Baum daraus werden würde. Und eben jenen symbolträchtigen Baum haben das Haus im Wald und all die Umstände, die es mit sich gebracht hat, womöglich in unserem zweiten Winter dahingerafft. Ich konnte ihn nicht retten. Ich konnte ihn nicht mehr ins Gästehaus verschieben. Ich hatte Rücken und Füße. Und ich habe gefroren wie noch nie. Und der Baum hat übrigens nie geblüht - darum war auch immer unklar, ob er eine Zitrone oder Orange ist. Aber Kerne aus einer Supermarktorange erzeugen offenbar keine blühenden Bäume. Natürlich nicht…


Die letzten Jahre waren ein unendlicher Fall über eine Böschung. Hier und da konnte frau sich am Gestrüpp festkrallen, um die Vehemenz zu drosseln. Nicht selten hat sie sich dabei Hände und Arme zerkratzt, musste vor Schmerzen wieder loslassen und fand nie echten Halt. Von außen hätte das keine gesehen oder auch nur vermutet. Nicht einmal mein eigener Psychiater hat mir vor Jahrzehnten zunächst geglaubt, dass mein Kampf, im und am Leben zu bleiben, nicht nur echt, sondern auch verdammt verzweifelt, verbissen und vor allem für immer war. Ich kannte nichts Anderes. Ich kenne nichts Anderes. Frau könnte denken, der Kampf wird durch Vertrautheit einfacher. Aber das ist nicht so. Der Körper wird müder. Die Enttäuschung und die Wut über die vertane Zeit werden größer und roher. Die Hoffnung auf Erklärung - wofür das alles? - und Erlösung/Erleichterung wird jedoch mit jeder Sekunde, in der ich frierend strample und klammere, durchscheinender und brüchig. Sie wabert und geistert und verglüht. Ich frage mich jeden Tag, wann sie wohl ausläuft. Und wie lebt es sich dann?


Irgendwie muss das Leben noch ein wenig friedlich und ein bisschen schöner werden, damit nicht alles umsonst war. 


Willow hat neue gesundheitliche Probleme. Vor einem knappen Jahr ist sie fast gestorben und hat nun vermutlich mit neurologischen Langzeiteffekten zu tun. Ich wünsche mir so sehr, dass es ihr endlich wieder richtig gut geht. Für Tippi wünsche ich mir das auch, denn der geht die wunderliche Willow ziemlich auf die Nerven.


Und die Zeit läuft. Immer. 


Ich hoffe, ich wiederhole mich nicht dauernd. Ich hoffe wirklich, ich wiederhole mich nicht dauernd.


Und ich habe zum zweiten Mal ein totes Reh im Garten gefunden. Am hinteren Tor, das in den Wald führt. Da lag es, äußerlich scheinbar unversehrt, reglos im ewigen Schnee.


NH


Samstag, 8. August 2015

Damenbart

I woke up one morning, I looked like Arafat!*

(Sophia, The Golden Girls)


Seit ich Anfang zwanzig bin, entferne ich mir die Haare über der Oberlippe. Genau genommen habe ich in Los Angeles damit angefangen. Die Epiliercreme (Surgi Cream) fürs Gesicht habe ich ein paar Jahre später, als ich wieder nach Deutschland zurückzog, quasi tonnenweise im Koffer importiert, weil es sowas Gutes in Deutschland nicht gab (und noch immer nicht gibt) - und das Internet mit seinen Einkaufsmöglichkeiten im Prinzip auch noch nicht so wirklich. Wann ich eigentlich begonnen habe, Achseln und Beine regelmäßig zu rasieren, weiß ich gar nicht mehr. Aber es muss vor meinem sechzehnten Geburtstag gewesen sein, weil ich nämlich beim Vorbereitungsseminar für das Austauschjahr in den USA ganz und gar nicht überrascht war, als man uns erklärte, genau das müssten wir dort tun, um nicht unangenehm aufzufallen. Die Karikatur der Europäerin an sich ist ja in den USA auch heute noch notorisch haarig. Vorbild fürs Rasieren war meine Mutter, klar. Die hatte sich, glaube ich schon immer die Haare an den Beinen entfernt. Ich erinnere mich auch noch an den beißenden Geruch ihrer Enthaarungscreme vor ein paar Jahrzehnten. 

Als ich vor über zwei Jahren begann, meine Bikinizone/meinen Unterleib wieder öfter herzuzeigen, gab es bei mir, wie immer in solchen Phasen, einen kompletten Kahlschlag - hauptsächlich fürs Gefühl, aber auch für die Optik. Denn ich finde meine Pussy so schöner. Dass ich abseits der Stoßzeiten nicht ganz so penibel bin, was ihre Enthaarung angeht, liegt daran, dass ich tatsächlich bis heute kein komplett wirksames Mittel gegen die anschließende Reizung der Haut gefunden habe. Gleich nach dem Rasieren Cortison aufzutragen, ist meiner Erfahrung nach noch immer die beste Lösung. Die Haare mit Wachs entfernen zu lassen, kommt nicht in Frage. Das muss man irgendwo machen lassen, und das ist mir - im wahrsten Sinne des Wortes - zu aufrissig. In den Tiefen meines Kleiderschrankes steht seit Jahren eine Wunderlichtmaschine zur Epilierung. Unbenutzt, denn sie macht mir irgendwie Angst.

Die Männer, die mir in jüngerer Vergangenheit so begegnet sind, teilen diese Vorliebe für haarlose Unterwelten übrigens zu einem erstaunlich hohen Anteil nicht. Auch das ist offenbar nur wieder einer dieser Mythen über das, was Männer angeblich von Frauen wollen. (Denen fallen ja auch gern immer und immer wieder Feministinnen anheim.**) Eine ganze Reihe sprach sich für üppiges Buschland aus, und ich hatte sogar ein, zwei Anfragen, ob im Hinblick auf eine Langzeitpespektive für unsere Verbindung nicht vielleicht auch das Muschihaar in der gemeinsamen Zukunft wieder länger werden dürfte. 

Darf es nicht. Und was noch hinzu kommt: Wenn ich in nahen Kontakt mit männlichen Unterleibern komme, ist es mir seit jeher sehr, sehr, sehr viel lieber, diese sind rasiert oder zumindest sorgfältig getrimmt.Tatsächlich ist das langfristg eine echte Forderung, die ich an einen Partner habe. Wenn ich es mir aussuchen kann, ist mir auch sonst überall weniger Haar lieber. Achseln, Beine, Rücken, Brust, Gesicht - glatt und frisch poliert macht mir grundsätzlich mehr Freude als stoppelig oder flaumig. Ich habe überdies auch durchaus nichts gegen kurz geschorene Köpfe, die fühlen sich nämlich wirklich gut an.

Ist es unfeministisch, seine Körperhaare zu entfernen?

Insbesondere Achselhaare sind ein neues/altes Symbol für weibliche Rebellion gegen gängige Körper- und Weiblichkeitsnormen. Twitter (#hairyarmpits) und Instagram sind gegenwärtig voll mit Selfies, auf denen zum Teil buntgefärbtes, aber auf jeden Fall unbeschnittenes obwohl weibliches Achselhaar stolz präsentiert wird. Und Madonna als Trendsetterin machte selbstverständlich bereits im letzten Jahr mit ihren Achseln Schlagzeilen.

Ich gebe zu, dass ich noch immer gelegentlich zusammenzucke, wenn ich plötzlich Haare unter Achseln oder unter Feinstrumpfhosen sehe. Aber ich weiß, dass das mein eigenes Problem ist, und nicht das der Achselhaarträgerin. Haarlosigkeit ist ein sich immer weiter durchsetzender und immer mehr verpflichtend werdender Körperstandard, der sich eher zufällig mit meinen persönlichen Präferenzen deckt. 

Trotzdem ist mir natürlich bewusst, dass der Zwang, seinen natürlichen Körper auf bestimmte Weise zu bearbeiten und herzurichten, im Hinblick auf Körperbehaarung für viele andere auch genau das ist - ein gesellschaftlich erzeugter Zwang und dem entsprechend eine Belastung. Das ist falsch und unfair. Schließlich geht es mir mit meinem Körperfett genauso. Das soll ja auch immer weg, wenn man die Gesellschaft fragt. Wie wir hier am Strand dazu stehen, dürfte klar sein: Jeder muss das Recht haben, so zu bleiben, wie er ist, oder sich äußerlich so zu verändern, wie er will, ohne Häme, Verunglimpfung und Diskriminierung fürchten zu müssen.

Es ist immer schwer, der gesellschaftlichen Forderung, den Körper gewissen Normen entsprechend zu gestalten und unter Kontrolle zu bringen, etwas entgegenzusetzen. Schließlich geht es dabei stets um nicht weniger, als darum "nachzuweisen", dass frau auch wirklich weiblich ist. Die Drohung, dass einer der Status "richtige" Frau entzogen werden könnte, wenn frau sich nicht an einen Haufen von Körper- und Verhaltensregeln hält, hängt schließlich immerzu über unseren Köpfen. Das muss man erst einmal aushalten. Am Ende ist es eben auch diese Drohung, die Frauen daran hindert, sich selbst als "Feministin" zu bezeichnen. Oder die Haare schlicht da zu lassen, wo sie sind, wenn sie eigentlich gar keine Lust mehr dazu haben, sich zu rasieren. 

Die Perlen an der absurden Kette der Disqualifizierung sind ohnehin immer die gleichen: Weiblichen Körperstandards nicht entsprechend + kämpferisch/selbstbestimmt = Lesbe = Feministin = unweiblich.

Damenbart

Ich glaube, ich war wohl Anfang dreißig, als ich die ersten zwei drahtigen, dunklen und stets rasant nachwachsenden Stoppeln an meinem Kinn fand. Das fiel zeitlich ungefähr mit der Entdeckung einiger langer an meinen Brustwarzen sprießenden Haaren zusammen. Mittlerweile sind es am Kinn ungefähr ein Dutzend. Haare im Gesicht stehen natürlich ganz besonders stark für "Vermannweiblichung". Und wenn ich sie für ein paar Tage nicht mit einer Pinzette wegzupfe, werden sie schnell - zumindest in meiner eigenen Wahrnehmung - deutlich sichtbar. Darüber bin ich nicht wirklich froh. Aber manchmal habe ich wenig Zeit und finde es zu mühsam, meine Barthaare zu bearbeiten. Und dann gehe ich neuerdings einfach so vor die Tür. Das ist dann quasi meine eigene, gelegentliche Übung in haariger Selbstakzeptanz und selbstbewusster "Unweiblichkeit".


*Eines Morgens bin ich aufgewacht und sah aus wie Arafat.



**Ach, und für alle, die es zusätzlich noch interessiert: Mein Blog-Post zum Thema Körperhaare von 2008. Er war eine Antwort auf einen Artikel in der Emma, in dem der Enthaarungszwang auf, wie ich fand, falschen Prämissen basierend kritisiert wurde:

Regula Stämpfli ist dagegen. Sie findet, die Intimrasur ist ein Politikum: „Im Zeitalter der Bio-Politiken rückt der nackte Körper ins Zentrum. Immer mehr Menschen entledigen sich ihrer Scham(haare).“ Daher fordert sie, das Schamhaar – und damit offenbar auch die Scham – sollen bleiben, wo sie sind – und vielleicht auch noch möglichst schön buschig. Im Zuge der in die Jahre gekommenen PorNO-Kampagne der EMMA, wird in der aktuellen Ausgabe auf zwei Seiten unter der verwirrenden Überschrift „Politisch Korrekt? – Die Scham ist vorbei“ mal wieder gewettert – gegen die Pornographisierung der Kultur, der Gesellschaft, der Welt, die sich natürlich in letzter Instanz am Körper der Frau vollzieht. Da wird hergezogen, nicht nur über das Rasieren von Schamhaaren, sondern natürlich auch über Brüste, „rausgestreckte Ärsche“ und „Plusterlippen“. Da wird verächtlich über „Nuttenlook“ gelästert, so dass man sich als EMMA-Leserin plötzlich vorkommt, als wäre man in einer Nachmittgastalkshow zu Gast (Thema: Du siehst aus wie ein Flittchen – Zieh dir was an!). Besonders unschön wird es, als Regula Stämpfli ihr offenbar bekannten Müttern, die sonst „jeden Kindervergewaltiger am liebsten kastrieren möchten“, vorwirft, ihre Töchter „als Mini-Playboyhäschen“ herzurichten, weil sie den Mädchen erlauben, T-shirts mit Bunny-Logo zu tragen. In der guten alten Zeit des Feminismus war es ja noch so – da galt der Grundsatz, dass eine Frau/ein Mädchen anhaben darf, was sie/es will und dass kein Mann aus der Kleidung oder der Aufmachung einer Frau irgendwelche Rechte herleiten durfte. Insofern dürften sich T-shirts mit Bunny-Logo für die Tochter und Verachtung für Kinderschänder  NICHT wirklich groß behindern. Bei Frau Stämpfli und dem Magazin, das ihre wilde Anti-Schamrasur-Rede gedruckt hat, hat man was das betrifft, offenbar und betrüblicherweise die Orientierung verloren. Aber Frau Stämpfli hat natürlich noch mehr zu beklagen: Amerikanerinnen machen Strip-Kurse und lesen Sex-Ratgeber mit Titeln wie „How to Make Love Lika a Porn Star“, weil sie, wie die Regula nur Kopfschütteln abtun kann, so hoffen, IHRE Weiblichkeit und IHRE Sexualität zu entdecken. Und man kann gerade der „weißen Mittelschichtsfrau“ in Minnesota nur wünschen, dass sie die Suche nicht aufgibt. Die Pornographie generiert mitnichten nur Abbilder weiblicher Unterwerfung. Es ist kein Zufall und auch kein Unglück, dass das Bild des Pornostars heute aus einem bestimmten Blickwinkel auch als Ausdruck einer bestimmten Komponente weiblicher Freiheit betrachtet werden kann. Frauenfiguren in Pornos sind oftmals überaus fordernd, entschlossen, aktiv und bestimmend. Was sie vermutlich eher selten sind, ist gehemmt. Die Hauptrolle spielen sie ohnehin. In vielen Pornos werden Männer ganz und gar durch Plastikspielzeug ersetzt. All das sind Gründe, warum „der Pornostar“ im wahren Leben die meisten Männer wohl eher in Panik versetzen würde, käme er plötzlich wirklich durch die Schlafzimmertür. (Außerdem wüssten viele Männer ohne die Pornographie vermutlich noch immer nichts von der Existenz der Klitoris.) Der gedankliche Fehler, den die EMMA-Frauen mit erschütternder und unerbittlicher Starrhalsigkeit machen, ist die Annahme, dass Frauen das alles (Stripkurse, Unterwäsche, hohe Absätze, Kosmetik, Schönheitsoperationen) täten, um Männern zu gefallen. Das ist aber doch gar nicht wahr. Zumindest  stimmt es für viele nicht. Sie tun es tatsächlich für SICH. Wo Regula systematische Entblößung und Herrichtung der Ware Frau vermutet, spielen Männer oft schon lange gar keine Rolle mehr. Oder sie sind Zuschauer und Statisten. Um männliche Wunschvorstellungen geht es hingegen immerzu in den PorNO-Aktionen der EMMA. Frauen verkleiden sich, spielen mit Phantasien (auch Machtphantasien soll es geben), probieren was aus. Und fühlen SICH womöglich plötzlich zum ersten Mal so richtig sexy, wenn sie unbeobachtet im eigenen Keller um eine Striptease-Stange wirbeln. Fast könnte der Eindruck entstehen, offensive und bunt verpackte weibliche Sexualität ist Emma-Frauen nicht geheuer. Aber es gibt viele Arten des Ausdrucks sexueller Identität. Und die Intimrasur kann eine von ihnen sein. Auch wenn Frau Stämpfli das „stechende und juckende“ Kratzen nach einer solchen beklagt: Tatsache ist auch, dass weniger Haar einen gefühlstechnisch ganz schön weit nach vorn bringen kann ; ). Was wirklich anstößig ist, ist nicht der (angebliche) Verlust der Scham. Was wirklich anstößig ist, Frau Stämpfli, ist es, in einem zweiseitigen Artikel über vermeintlich sexuelle Objektisierung fünfmal das Wort „Kindermöse“ unterzubringen. Da würde frau gleich im Anschluss ihr EMMA-Abo kündigen. Wenn sie noch eins hätte.
Wer jetzt was zur Aufheiterung braucht: Fettes Brot haben ein ironisches, wildes Liedchen darüber gemacht, wie es mit Männerphantasien und ihrer Gültigkeit im echten Leben wirklich so ist. Bezeichnender Titel: „Bettina– zieh dir bitte etwas an“.

NH

Donnerstag, 23. April 2015

Theo und die Maskulisten

"If you're not outraged, you're not paying attention."*

(Die Damen vom Women & Women First Book Shop, Portlandia, Staffel 1, Episode 1)


Erster Buchtipp der Woche


Schrift wird ohnehin komplett überbewertet. ; ) www.hotguysandbabyanimals.com

Die Maskulisten

Maskulisten oder Aktivisten/Anhänger der modernen Männerrechtsbewegung, betrachten Männer als Opfer in einer Welt, die mittlerweile von Frauen dominiert wird. Ihr Ziel ist es, die "feministische Unterwanderung" der Gesellschaft zu stoppen und die Rechte von Männern zu stärken. Die Subkultur der Maskulisten überlappt deutlich mit denen von Familienfundamentalisten, Hobbybiologisten, Homophobikern, Rassisten und Neonazis.

Ihr Hauptaktionsfeld ist noch immer das Internet, wo Maskulisten sich gern in den Kommentarspalten oder bei Twitter tummeln, um die eigene Weltanschauung zu verbreiten und zu verteidigen. Zwei der wichtigsten Anlaufstellen im Netz sind "Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land" und "WikiMANNia".

Zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung in Deutschland zählen u.a. der Autor Arne Hoffmann, Bernhard Lassahn (ja genau - der hat Käpt'n Blaubär erfunden) und Eugen Maus (Gründer von "MANNdat").

Und es kam schlimmer: Die dicke Feministin. 

Das maskulistische Weltbild ist zum Bersten vollgestopft mit Feindbildern - neben gierigen Exfrauen und herrischen Kindsmüttern, sind da nicht nur Feministinnen an sich, sondern gern auch mal Schwule und "Ausländer" und...andere Männer im Allgemeinen. Denn Männer die nicht gegen eine Gleichstellung der Geschlechter sind, werden in der Szene u.a als "lila Pudel" bezeichnet.


Ein neueres, aber selbstverständlich nur allzu offensichtliches Feindbild ist die Fettakzeptanz-Bewegung. Die dazugehörige Gleichung ist keine Überraschung: Dicke Frau = hässlich = erfolglos bei Männern = Lesbe = Feministin. In den USA, wo Fat Pride und Fat Feminism natürlich öffentlich ohnehin viel sichtbarer sind, als hier, nimmt auch der maskulistische Widerstand in diese Richtung verstärkt zu. Fast amüsant finde ich die Tatsache, dass die Argumente der Wahl oft ausgerechnet auf die angebliche Gesundheitsgefährdung der fetten Feministin abstellen. Andere bemühen gar kulturgeschichtliche Betrachtungen oder die Evolution als Kampfmittel.


"Wenn der Staat Gleichberechtigung verordnen will, 
sollte er (...) mit gutem Beispiel vorangehen" 

Das war eine Unterüberschrift zu einem Artikel in der Zeit (Nr. 11, 12.03.2015) von Elisabeth Niejahr. Es ging um gleiche Bezahlung für Männer und Frauen, und nur um das klar zu sagen: Die Elisabeth ist schon dafür. Was mir als ehemaliger und genervter Zeitleserin nur gleich wieder auffiel, war der trotzige Seitenhieb beim Einstieg...

Denn das Lamentieren und Sticheln über "staatlich verordneten Feminismus" und den drohenden Untergang der Männlichkeit/Männer in unserer Gesellschaft wurden in der Zeit in den letzten Jahren so vehement betrieben, dass ich bekanntlich auf die Lektüre der "Bravo für Abiturienten" (Volker Pispers - ja ich wiederhole es immer wieder gern;)) mittlerweile komplett verzichte und auf dem Klo nur noch das manager magazin (kein Witz übrigens) lese, denn das ist nicht ganz so anti-feministisch und reaktionär.

Außerdem kann man das Elend ja irgendwann nicht mehr mit ansehen, auch nicht in der wöchentlichen Zeitung...Jungen versagen grundsätzlich alle in der Schule, weil die Lehrerinnen sie hassen, und die, die danach nicht durch eine feministische Opferkultur verunglimpft als Vergewaltiger im Knast landen, schuften sich zu Tode, um den Unterhalt für Ex-Ehefrauen und Kinder zu sichern, wobei sie ihre letzte Energie im Kampf ums Besuchsrecht lassen und dann im zarten Durchschnittsalter von 78 Jahren und ewig lange vor den Frauen (die werden im Durchschnitt 83 Jahre) verglühen. Und dann will ihnen Alice Schwarzer auch noch das Recht streitig machen, sich zwischendurch gelegentlich eine Zwangsprostituierte zu kaufen.

Im Ernst: Die Männerrechtsbewegung (Maskulismus) ist vielleicht hauptsächlich, aber eben nicht nur eine Subkultur zutiefst verstörter und wütender (zumeist weißer, heterosexueller) Männer, die sich im Zuge ihres privaten, verzweifelten Ringens um Identität und männliche Selbsteinordnung vor dem Bildschirm (zumeist anonym) Luft machen. Die Weltbilder und die Wut der Frauenhasser (ja, das sind sie - und nicht vorrangig Männerechtler) schwappen auch zunehmend wieder in den Mainstream, in Form von mehr oder weniger vorsichtig dosierter Feminismuskritik. Die Zeit macht mit, der Spiegel macht mit, der Focus macht mit, die FAZ macht mit, die Welt macht erst recht mit. Die Uni Düsseldorf macht mit und richtet "Männerkongresse" aus, auf denen es eher maskulistisch als wissenschaftlich zugeht. Und damit das Ganze dann gar nicht so frauenfeindlich wirkt, werden gern weibliche Antifeministen vorgeschickt.

Theo

Vielleicht sollte frau einfach mal einen Mann fragen, wie es sich aus seiner Sicht mit der voranschreitenden Entrechtung des männlichen Geschlechts verhält.

Um genau zu sein, sollte frau Theo fragen, denn frau kann sich darauf verlassen, dass er eine Meinung hat. Außerdem gehört Theo natürlich zu der Bevölkerungsgruppe, die weltweit augenscheinlich am allerwenigsten (soll heißen so gut wie nie - außer vielleicht im Damenklo oder bei einer Stillgruppe) Diskriminierung erfährt. Er ist männlich, weiß, Westeuropäer, heterosexuell, mittelalt, akademisch gebildet, wirtschaftlich stabil, groß, hatte insgesamt viel Glück im Hinblick auf das Erfüllen geltender körperlicher Attraktivitätsstandards und hat keine Behinderung. Dennoch ist er einer, für dessen Rechte Arne Hoffmann et. al. "kämpfen".



Ich: Willst du denn, dass die für deine Rechte kämpfen?

Theo: Für welche Rechte?

Ich: Zum Beispiel dein Recht auf blaue Überraschungseier.

Theo: Also, von der Häsin hier wirst du nicht viel abkriegen.

Ich: Wie findest du das, dass es spezielle Überraschungseier für Mädchen gibt?

Theo: Kommt darauf an, was drin ist...Oh, das ist ne Katze! Mit so einer kleinen Schleife im Haar!...Oder ist das ein Fuchs? Das könnte auch ein Fuchs sein!

Ich : Auf jeden Fall ist es ein Ring.

Theo: Ach, das ist ja toll!...Ist mir aber zu klein. Wie ich das finde, dass es Mädcheneier gibt?

Ich: Als sie vor ein paar Jahren auf den Markt kamen, gab es eine Protestwelle von Feministinnen. Die haben gegen die systematische "Pinkisierung" von Mädchen protestiert. Dann hat die Feministin Antje Schrupp eine sehr interessante Analyse geschrieben, die besagt, dass das pinkfarbene Ei für Mädchen nur eine"zusätzliche" Option ist. Sie können beides - "Mädchen" und "Für alle". Jungs nicht. Das pinkfarbene Ei ist eher so ein Warnschild für sie, denn wer sich als Junge in Mädchenwelten begibt, muss mit erheblichem Spott rechnen.

Theo: Aber Jungs können sich die Eier doch auch kaufen, wenn sie wollen. 

Ich: Das werden sich die meisten nicht trauen.

Theo: Das sollte man schon ihnen überlassen. Vielleicht ja irgendwann doch.

Ich: Es gab, soweit ich weiß, bisher kein blaues Überraschungsei - jedenfalls nicht durchgängig. Ist das unfair?

Theo: Ja, natürlich ist es das.

Ich: Ich habe dich ja vorhin schon gefragt, ob du von der Männerrechtsbewegung eigentlich schon mal gehört hast, und du hast gesagt...

Theo:...nein. Aber von einer Bewegung von Vätern, die keine Rechte an ihren Kindern haben, und sich zur gegenseitigen Unterstützung organisieren. Ich nehme an, deren Anliegen haben schon ihre Berechtigung.

Ich: Leider gibt es oft recht deutliche Verbindungen zwischen Väterrechtlern und Maskulisten. Und beide Gruppen stilisieren sich gern zu Opfern. Bist du Maskulisten noch nie im Internet begegnet?

Theo: Nein, nicht bewusst.

Ich: Und bist du bisher überhaupt groß mit Feministinnen in Berührung gekommen?

Theo:...Naja...Mit einer Feministin zumindest. Und wenn das alles so extreme Tanten sind, wie du...

Ich: Sind Feministinnen Männerhasserinnen?

Theo: Ich könnte mir schon vorstellen, dass es verschiedene Strömungen und dass es auch durchaus Männerhass unter einigen Feministinnen gibt. Grundsätzlich ist es mein Eindruck, dass die Botschaft oft schon sehr unlocker bis aggressiv rüberkommt. Aber nicht jeder Rezipient ist schlau genug, um zu begreifen, dass Ton und Botschaft nicht das Gleiche sind. Und dann erreicht man die Dummen wohl noch schlechter, als vermutlich ohnehin schon.

Ich: Fühlst du dich Frauen gegenüber in unserer Gesellschaft benachteiligt?

Theo: Nein.

Ich: Hast du dich aufgrund deines Mannseins jemals diskriminiert gefühlt?

Theo: Nein. Und es bringt auch nichts, auf alten Privilegien herumzureiten. 

Ich: Dann brauchst du auch keine Männerechtsbewegung, die für deine Rechte kämpft? Und es braucht keine Gegenbewegung zum Feminismus für Ausgewogenheit?

Theo: Nein. Der Feminismus gehört unterstützt. Bis auf so Männerhasserinnen wie dich.

Ich: Schau mal auf diese Website und sag mir, ob du nun womöglich ein "lila Pudel" bist?

Theo: Nein, bin ich nicht. Sich für Frauenrechte auszusprechen, ohne allerdings aktiv irgendwas beizutragen, ggf. mit Ausnahme dieses Interviews, macht noch keinen Pudel. Des Weiteren bin ich durchaus "pro Mann" - als Mitglied dieses Geschlechts. Das ist aber nicht gleich "gegen Frau".

Ich: Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land?

Theo (spielt mit dem Ring aus dem Ei):...Was?...Wie viel Gleichberechtigung verdient das Land?

Ich: ...VERTRÄGT das Land. Das ist der Titel einer maskulistischen Plattform im Netz.

Theo: Na, so viel wie nötig, oder? Wenn es darum geht, Diskriminerung durch eine entsprechende Gesetzgebung zu verhindern, dann kann man aufhören, wenn alle gleich wenig diskriminiert werden. Es wäre natürlich schöner, Menschen könnten so etwas ohne Vorschriften regeln. Mir scheint allerdings, die Frage selbst dient ohnehin nur dazu, Unfrieden zu stiften.

Ich: Du hast mal gesagt, du würdest dich gern mal mit Alice Schwarzer unterhalten.

Theo: Oh Gott, hast du etwa ihre Telefonnummer? Ich fand sie früher richtig gut - als Kind schon. Als ich sie immer in Talkshows gesehen habe. Heute ist sie ja leider durch so ein paar Entwicklungen doch eher ein beschädigter Popstar. Wie man hört, macht sie sich wohl heute auch viele Feinde im eigenen Lager. Aber sie war natürlich auch schon immer so eine Kampflesbe wie du...

Ich: (sehe mir einfach wieder Theos Bizeps an und stelle mir vor, wie aufregend er erst mit einem flauschigen Katzenkind auf dem Arm aussähe...Hoppla, war das jetzt etwa männerfeindlich? ; ))

Letzter Buchtipp der Woche


The Guy's Guide To Feminism von zwei Männern:  Michael Kaufmann und Michael Kimmel (Seal Press,  2011)

Das "Feminismus-Handbuch für Männer" ist eine  humorvolle, schnelle und klar aufgebaute Aufstellung von zum Feminismus gehörenden Stichworten: Sex, Berufswelt, Religion, Gewalt, Männerrechte, etc. Die Erläuterungen und Überlegungen sollen Männern im Prinzip vermitteln, dass sie selbst in ihrem Leben und Alltag von der Gleichstellung von Frauen durchaus  profitieren. 

Das Buch enthält einen Fragebogen, mit dem Mann überprüfen kann, ob er sich womöglich bereits mit Feminismus "angesteckt" hat, ohne es zu wissen. Denn die Definition von "Feminist" ist einfach: Jemand, der für die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichheit der Geschlechter ist. Das kann fast jeden treffen. ; )


*"Wenn du nicht empört bist, passt du nicht gut genug auf."

NH