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Dienstag, 3. Dezember 2019

Adventsblog 2: Alte weiße Männer



Ich wohne in Aumühle. Das ist ein am Sachsenwald gelegener Villenvorort am Rand von Hamburg. Als solcher ist er der natürliche Lebensraum der ältesten und weißesten Männer, die es gibt. Mit Jagdschein, Porsche Cayenne und dem unerschütterlichen Wissen, dass Ihnen alles, was sie haben, seien es Dinge oder Privilegien, auch absolut zusteht. Das ist ja vermutlich genau das, was einen alten, weißen Mann ausmacht: Der Mangel an Selbstzweifeln und Reflektiertheit gepaart mit der Weigerung, endlich Verantwortung für die Konsequenzen der eigenen Lebensweise und Welthaltung zu übernehmen. 

Wenn ich übrigens einen Euro hätte für jeden Fall, in dem sich ein alter, weißer Mann in meinem Wohnort anschickt, mir in seiner panzerartigen Dreckschleuder die Vorfahrt zu nehmen und dann wutentbrannt mit den Händen fuchtelt und mir einen Vogel zeigt, weil ich nicht für ihn bremse, dann hätte ich mittlerweile ein ganz hübsch gemästetes Sparschwein. Möge diese Anekdote als Symbol dienen für die grundsätzliche Sicht der Dinge durch die Brille alter, weißer Männer: Im Unrecht sein, andere gefährden und dann um sich schlagen, wenn jene Anderen sich das nicht mehr gefallen lassen.

Sie sind das Problem. Und das hört natürlich niemand gern. Gleichzeitig ist es in der Tat so, dass sie ein Problem sind, dass sich wenigstens zum Teil auf natürliche Weise erledigen wird. Zumindest in den USA wird vom Census Bureau nämlich für 2044 damit gerechnet, dass die Bevölkerungsgruppe der weißen US-Amerikaner ab da zahlenmäßig zur Minderheit wird, bzw. dass ihr Anteil unter 50% fällt. Das wird höchstwahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf kommende politische Wahlergebnisse haben. Es soll Leute geben, die auch das nicht gern hören wollen. Darunter vermutlich haufenweise alte, weiße Männer. Dabei sollten die sich vermutlich besser mal Sorgen um die Auswirkungen des Klimawandels im Jahr 2044 machen. Aber das setzt natürlich voraus, dass man an den Klimawandel glaubt.

Meine Feststellung, dass der alte, weiße Mann das Problem ist, ist natürlich schon wieder schrecklich undiplomatisch und unausgewogen - und geradezu gemein. Das liegt daran, dass ich undiplomatisch und gemein bin. Nicht so Sophie Passmann, deren Buch "Alte weiße Männer" ja den Untertitel "Ein Schlichtungsversuch" trägt. Ich dachte, das sei ironisch gemeint und griff munter zu. Natürlich hätte ich mir die Lektüre auch gleich ganz ersparen können, hätte ich die Rückseite nur aufmerksamer gelesen, denn dort attestiert Anne Will der Autorin, "unbestechlichen Feminismus" gäbe "es auch in lustig". Lustiger Feminismus...der Traum aller Maskulisten.

Ob der Feminismus der Frau Passmann unbestechlich ist, würde ich auf jeden Fall für fraglich halten. Dass er nicht sehr entschlossen ist, liegt zumindest in diesem Werk klar auf der Hand. Besonders lustig fand ich das Ganze dann auch nicht mehr. Für ihr Buch hat sie Männer aus Medien und Politik getroffen und sich mit Ihnen über das Thema Feminismus unterhalten. Den Zugang zu diesen Männern ermöglichten ihr ein gewisser Bekanntheitsgrad (Neo Magazin Royale, Zeit Magazin, etc.) und (meine Vermutung) die zu erwartende Harmlosigkeit. 

Das Problem der Frau Passmann ist, dass sie Zugang nicht nur bekommen, sondern ganz offenkundig auch behalten wollte, nachdem das Buch veröffentlicht worden war. Nur einer der Kotzbrocken wird auch am Ende als solcher portraitiert werden - der unsägliche Rainer Langhans. Anderen Antifeministen wie Ulf Poschardt oder Kai Diekmann wird am Ende keine Rechnung serviert, nicht für Überheblich- noch für regelrechte Schlüpfrigkeiten, offenbar weder im Gespräch selbst noch hinterher im Buch. Die Frau Passmann findet (fast) alle ihre Gesprächspartner klug und wundert sich umso mehr, dass sie dumme Witze machen, die sie ihnen dann aber auch "entspannt durchgehen lässt" (S. 109) - und das immer und immer wieder. 

Ein wenig ist es so, als ob die Frau Passmann ein Buch über schräge Blind Dates geschrieben hat. Es gibt viel Weißwein und ständig wird gegessen. Meistens will sie das Gegenüber lieber nicht wieder treffen, aber lässt dennoch ein gerüttelt Maß von deplatzierten Flirtversuchen und Anbiederung über sich ergehen, weil alles andere vermutlich zu peinlich oder unhöflich wäre. 

Ein ums andere Mal weiß die lustige Feministin aber auch gar nichts mehr zu sagen: "Ich öffne den Mund, sage aber nichts." (S. 252); "Mein Mund steht offen." (S. 253); "Ich presse die Lippen zusammen." (S. 80). Bei dieser Art des feministischen Kampfes haben alte, weiße Männer nicht viel zu befürchten. Dabei sagt Passmann in ihrem Vorwort selbst: "Die Machtfrage wird nie höflich gestellt..." (S. 11). Dann tut sie das genaue Gegenteil und das wird dann gedruckt. Vorsatz für 2020: Keine schlechten Bücher mehr lesen.

Natürlich gibt es auch alte, weiße Frauen. Das erste Mal, als ich diese Bezeichnung öffentlich gehört habe, beschrieb sie Barbara Schöneberger als Reaktion auf deren grotesken Rant über Männer, die Make-up tragen. Erst beledigt sie dicke Menschen, jetzt mag sie auch keine geschminkten Männer...ich glaube ja die Frau Schöneberger ist gar keine Frau, sondern ein alter, weißer Troll.

NH



Sonntag, 1. Dezember 2019

Adventsblog 1: Nach Hause



Trigger Warning: Lustig wird es hier nicht.

Da haben wir es wieder fast geschafft - das Jahr ist vorbei. Zeit für den Fragebogen, der hier mittlerweile zur Tradition geworden ist. Eine der Fragen ist für gewöhnlich, was das "Lieblingslied" des vergangenen Jahres war.

Vor ein paar Tagen habe ich durch Zufall Catie Turners "Home" auf YouTube entdeckt. Und aus heiterem Himmel Rotz und Wasser geheult.

Wenn man mich fragt, wie es mir geht, antworte ich bereits seit Jahren: "Danke, man tut immer sein Bestes." Dabei lächle ich und vermutlich denken die Meisten, ich mache einen drolligen Witz. Dabei ist es mein voller Ernst und die absolute Wahrheit. Aus Unterhaltungen mit meinen Leserinnen weiß ich aber auch, dass viele ganz genau verstehen dürften, was ich meine.

Catie Turners Lied beginnt mit "I miss you when I least expect it" (Ich vermisse dich dann, wenn ich es am wenigsten erwarte) Mittendrin heißt es "I just wanna go home" (Ich will einfach nur nach Hause). Es waren wohl diese beiden Stellen im Text, die mich besonders erwischt und aufgemischt haben.

Es war wieder kein leichtes Jahr. Wenn ich mich durch den Alltag boxe und in der Tat immer mein Bestes versuche, rede ich oft mit mir selbst (natürlich nur, wenn ich mit mir allein bin : )), besonders morgens. Mein reflexartiges Grundeingestellungsmantra ist: "Ich will nach Hause. Ich will nur noch nach Hause. Bitte lasst mich doch endlich nach Hause." Offenbar bricht sich in dieser Ansprache das kulturell tief verwurzelte Konzept einer unsichtbaren aber zuständigen Instanz Bahn. Es überrascht mich immer wieder, denn natürlich bin ich nicht religiös. Manchmal wünschte ich, ich könnte es sein. So, wie ich mir manchmal wünsche, ich könnte mich einfach mal sinnlos betrinken. Aber ich kann weder das Eine noch das Andere, denn wenn ich etwas mehr hasse als alles andere, dann ist es, Kontrolle abzugeben.

Meiner Mutter habe ich kurz vor ihrem Tod verordnet, dass sie nicht sterben dürfe, denn ohne sie würde ich kein Zuhause mehr haben. Auch das war die Wahrheit.

Jetzt bin ich fast 48 Jahre alt und statt sich von der Zeit heilen zu lassen, wird meine Haut immer dünner. Mir sind bis heute zu viele weggestorben und mir war nicht klar, wie nah unter der Oberfläche die Trauer sich, vermischt mit panischer Verlustangst, abgelagert hat. Mir graut es vor noch mehr Gräbern. Und wenn es nur eine weitere kleine Katzenurne im Regal ist. Die Verluste bis hierher stapeln sich wie die Kisten im Keller. Und die dazugehörenden Schmerzen brechen unerwartet aus dem Unterholz.

Wenn mir irgendetwas Erzählenswürdiges passiert, ist der erste Impuls auch nach 10 Jahren noch zumeist, es meiner Mutter erzählen zu wollen. Das verschiebt sich nun ein wenig, und Oliver rückt langsam an die Stelle des wichtigsten Empfängers für Neuigkeiten.

Wie dem auch sei, es ist ein schönes und tieftrauriges Lied. Der Rest des Fragebogens kommt später.

NH



Sonntag, 3. Dezember 2017

Zurück in die Zukunft 2

Extreme kitsching...


Alles wie zuvor...ich konnte mir nicht helfen und habe auch seit ich im letzten Jahr meinen Vorrat an Weihnachtskarten endgültig auflösen und abschicken wollte weiter aufgestockt. Konfrontiert mit hyperkitschigen, weihnachtlichen Kinderbuchillustration auf Hallmark-Karten im Zehnerpack werde ich trotz bester Vorsätze und klarer Einsicht immer wieder zur willenlosen Einkäuferin. Oh, all die getriggerten Kindheitserinnerungen und -wünsche! Und erst recht die Geschichten, die hinter den Toren und Türen zu wohnen scheinen...auch heute noch.

Weihnachtsschneckenpost 2017


Wie dem auch sei...ich habe nun beschlossen, es geht in die zweite Runde.Insbesondere nachdem ich heute mit einer Freundin beim Adventskaffee ausgiebig darüber geklagt habe, dass bestimmte Traditionen, die für die gedankliche Verbundenheit mit anderen Menschen stehen, immer mehr Disziplinlosigkeit, Egozentrik und zeitlicher Überfrachtung zum Opfer fallen. Ja, ich bin spätestens in diesem Jahr so alt, dass ich die gute alte Zeit beweine, und dass mit aller gebotenen Übertreibung und der angemessenen Dramatik.

Was mich zur Weihnachtskartenmission dieses Jahres bringt. Natürlich bin ich wieder mal ein wenig spät dran, aber bis eben wusste ich halt selbst nicht wirklich, dass es eine geben würde. Wer von euch gern eine Weihnachtskarte per Schneckenpost von mir bekommen will, kann mir bis zum 10. Dezember 2017 (einschließlich) seine Adresse schicken, und zwar an office(at)nicola-hinz.com oder über das Kontaktformular oben rechts. Ich verspreche wieder hoch und heilig, dass ihr nichts weiter als eine Weihnachtskarte aus meinem Bestand von mir erhaltet und keine Werbung für Kochtöpfe, Zimmerbrunnen oder Zahnzusatzversicherungen. In diesem Sinne - habt eine schöne erste Adventswoche.

NH