Posts mit dem Label Mutter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mutter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Decluttering: Handtaschenreport

Anders als früher, habe ich diesmal unter dieser Rubrik nicht nur meine Handtasche gelehrt und aufgeräumt (obwohl ich das auch mal wieder tun könnte), sondern mich mit meinem gesamten Taschenbestand beschäftigt. Das war langwierig - das entstandene Video ist fast eine Stunde lang. Aber es war auch für mich interessant, den "Trennungkampf" noch einmal von außen beobachten zu können. Das schwierige, innere Verhandeln für und wider einen Gegenstand, den ich oftmals seit Jahen nicht gesehen, geschweige denn benutzt habe. Es hängt noch immer so viel an den Dingen. Insbesondere die Handtaschen meiner Mutter waren eine Herausforderung. Denn hier ging es insgesamt um die letzten Überlebenden - ich weiß, ich werde nicht müde, es zu betonen, aber ALLES, was ich besitze ist bereits viele Male bearbeitet worden im Kampf gegen die Dinge.

Eigentlich sollte 2019 dieser Kampf ja beendet werden. Ein für alle Mal. Dummerweise wird das Jahr langsam kurz und der Angriff auf den Keller ist noch nicht einmal gedanklich groß begonnen worden. Das Ziel aber bleibt. Ich gebe mich erst zu Silvester geschlagen und verspreche, das nächste Vlog kommt aus eben jenem Keller.

Bis dahin - hier ist mein Taschenfilmchen:




NH



MEHR LESESTOFF GIBT ES HIER:




Freitag, 19. April 2019

Endometrium - Revisited


Krebs


Am 11. April wäre meine Mutter 76 Jahre alt geworden. Sie ist 2009 gestorben - an Eierstockkrebs. Mit dem Tod meiner Mutter wurde ich sterblich. Da war ich Ende dreißig.

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass der Tod meiner Mutter das Schlimmste sein würde, was mir passieren kann. Und das war er auch, glaube ich. Darum bin ich zwischendurch immer mal wieder erstaunt, dass ich den Tod meiner Mutter überlebt habe. Gleichwohl nicht ohne immer und ewig bleibende Blessuren.

Im Sommer 2009 habe ich quasi im Universitätsklinikum Eppendorf gewohnt. Meine Mutter wurde mit Nebenwirkungen ihrer zweiten Chemo eingeliefert und verstarb dort zweieinhalb Monate später. Streng genommen nicht am Krebs. Sondern an einer Lungenentzündung.

Ich schlief in den letzten Tagen bei ihr auf der Palliativstation, aber in den Wochen davor pendelte ich zwischen Eppendorf und Reinbek, einem Vorort, in dem ich damals wohnte, und wo der Kater darauf wartete, Futter und etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Manchmal fuhr ich mehrmals am Tag hin und her. Ich schleppte Obst und Blumen aus ihrem Garten und frische Kleidung und Kosmetika und Fotoalben ins Krankenhaus. Die Fotoalben wünschte sie sich, vermutlich, um Bilanz zu ziehen. Und ich rannte und fuhr wie betäubt immer über die gleichen, schweren Wege. Und hatte bald Angst, sie nicht mehr lebend vorzufinden, wenn ich zu lange wegblieb.

Ich habe ein paar Male eine Kamera laufen lassen, als ich das Krankenhaus verließ oder dort wieder ankam. Obwohl die Zeit fürchterlich war, wollte ich auf keinen Fall vergessen, wie es war. Die Clips kommen jetzt zum Einsatz, weil ich offenbar mit meiner Verarbeitung am richtigen Punkt angekommen bin. Und ja, das Video beschreibt in seiner Zähigkeit und Wackeligkeit die quälerischen Tage ziemlich gut.



Krebsvorstufe


2012 habe ich hier auf dem Blog ein Bild von einem blutigen Stückchen meines Endometriums ( meiner Gebärmutterschleimhaut) gepostet. Das gefiel einigen Leserinnen damals nicht besonders, aber ich war ja noch nie kleinlich, wenn es um die Preisgabe von Dingen geht, die aus meiner Sicht eben Beides sind: privat, aber auch politisch. Heute freue ich mich regelrecht, dass ich meiner Gebärmutterschleimhaut ein wenig Raum im Internet gegeben habe, denn mittlerweile habe ich keine mehr.

Die Beschäftigung mit den Organen meines Unterleibes kam nicht von ungefähr. Ich war offenkundig durch die Geschichte meiner Mutter traumatisiert und gleichzeitig froh, nicht von eben jenem Unterleib schon längst getötet worden zu sein. Da ich vor dem Ableben meiner Mutter unsterblich gewesen war, hatte ich konsequenterweise auch auf regelmäßige gynäkologische Sicherheitsüberprüfungen verzichtet. Überhaupt war ich nur in absoluten Notfällen in Wartezimmern anzutreffen. Ich hatte keine Zeit und keine Lust, und als ich dann aufgescheucht durch die Erkrankung meiner Mutter damit begann, regelmäßige Untersuchungen machen zu lassen, brach natürlich, wie hätte es auch anders sein können, die Hölle über mich herein.

Denn es stellte sich heraus, dass mein Unterleib, so wie mein ganzer Körper, aus medizinischer Sicht, nicht regelrecht war. Er hatte ständig Zysten an den Eierstöcken und immer wieder eine viel zu hoch aufgebaute Gebärmutterschleimhaut. Mein Wiedereinstieg in das Vorsorgekarussell war der Startschuss für ein Jahrzehnt voll ständiger Überwachung, Diagnostik und (vielleicht irrationaler aber dennoch unbezwingbarer) Todesangst. Ausschabungen, Bluttests und Bauchspiegelungen sowie die Entnahme eines Eierstockes, um ihn besser unters Mikroskop legen zu können - ich ließ nichts aus. All das und alles immer mit dem Aktenvermerk der familiären Vorbelastung.

Allerdings war nie was. 

Bis zum März dieses Jahres, als in meinem Endometrium atypische Zellen gefunden wurden. Also quasi eine Krebsvorstufe. Etwas, das vielleicht bösartig werden könnte. Die Ärztin, die die Abrasio im UKE vorgenommen hatte, hatte mir gesagt, alles sähe normal aus, und ich würde den histologischen Befund per Post bekommen, es sei denn, irgendetwas Ernstes liege vor. Dann würde sie mich anrufen. Aber davon ginge sie ja nun wirklich nicht aus...

Und dann rief sie an, und ich war nicht zu Hause. 

Es war, als sähe ich mich selbst in einem Film. Während ich ihre Nachricht abhörte und dann versuchte, sie zurückzurufen, warf ich mit zittrigen Händen Dinge um und fing an zu schluchzen, als ich sie nicht erreichte und stattdessen in der Warteschleife gefangen war. Ich war erledigt. Ich war mir absolut sicher, dass meine familiäre Vorbelastung mich jetzt nach all den Jahren der Panik tatsächlich eingeholt hatte. Und in meinem Testament stand noch immer meine Mutter als Erbin! Ich war nicht vorbereitet. Und ich hatte noch so viel auf meiner Bucket List. Ich redete laut und verheult auf das Personal der Gynäkologie ein, als ich endlich verbunden wurde und bekam so vermutlich die Sonderbehandlung einer Nachricht direkt aus dem OP, in dem meine Ärztin gerade stand und arbeitete: Alles nicht tragisch, aber muss gemacht werden.

Nun habe ich also keine Gebärmutter mehr. Ich habe sie in dem Krankenhaus gelassen, in dem ich meine Mutter verloren habe. Ich lag auf derselben Station, wie sie zunächst auch. Vielleicht sogar im selben Zimmer - daran erinnere ich mich nicht. Vielleicht war es auch das daneben. Der Weg auf die Station war wieder schwer. Als ich mit meinem Rollköfferchen an den Geschäften auf dem sogenannten "Boulevard" vorbeischepperte, musste ich ein wenig weinen. Außerdem wurde mir schwindlig und ich schlingerte so vor mich hin. Die Entscheidung für das Krankenhaus war übrigens dennoch eine Bewusste. Ich halte die Versorgung dort trotz allem noch immer für die sicherste, die man hier in Hamburg bekommen kann.

Ab jetzt wird es nach einem Jahrzehnt der Angst vermutlich ruhiger werden. Ich habe zwei Gründe zur Sorge weniger, denn der Eileiter zum verbleibenden Eierstock ist auch entfernt worden. Offenbar legt die aktuelle Forschung nahe, dass Eierstockkrebs im Eileiter beginnt und nicht im Eierstock selbst. Meine Mutter hatte auch mit Mitte vierzig eine Hysterektomie. Hätte man damals die Eileiter nicht stehenlassen, wäre sie womöglich noch hier. Es bringt nichts, sich mit solchen Überlegungen zu belasten - ich weiß. Ich habe eben Glück, dass ich erst heute 47 bin.

Oder schon 47. Über die Lebensmitte hinaus. Und mit einer Bucket List (Liste der Dinge, die frau vor ihrem Tod erleben und erledigen will) bis in den Himmel. Man könnte meinen, dass ich mich, nachdem das Theater mit meiner Gebärmutter nun ein gutes Ende gefunden hat, jetzt endlich mit frischem Mut sogleich an die Abarbeitung der Punkte auf eben jener Liste machen sollte. Aber ich fühle mich noch immer ein wenig betäubt. So, wie man nach dem Abschluss großer und anstrengender Projekte mitunter erst einmal ein wenig orientierungslos ist. Auch will ich mir nicht gleich schon wieder neue Sorgen machen - Sorgen, dass ich einfach nicht genug aus meinem Leben mache.

Und so schließe ich einfach mit Kylie Minogues "Dancing". Es ist vielleicht ein wenig kitschig, aber es scheint mir nicht unpassend. Das Wortspiel "I wanna go out dancing" (Ich will tanzen gehen oder Ich will tanzend sterben) hat es mir angetan - besonders auch vor dem Hintergrund, dass Kylie Minogue selbst Krebserfahrung hat.


Blick von meinem Bett im UKE - April 2019

Nachtwanderung durch die Station - UKE April 2019

UKE 2009

Das Zimmer meiner Mutter - UKE 2009

Auf dem Weg nach Hause vom UKE 2009

Meine Mutter nach ihrer Chemotherapie

NH

Sonntag, 29. November 2015

Rachekörper

Unter "Revenge Body" versteht man für gewöhnlich einen Körper, der nach dem unfreundlichen Ende einer Beziehung umfassend getunt und verschlankt worden ist, so dass der/die Verflossene sich gleißend grün vor Eifersucht in den Hintern beißt, weil er/sie solch heiße Ware hat ziehen lassen und sie nun nie wieder in seine Finger kriegen wird.


Für mich selbst ist das Konzept des Rachekörpers ein alter Hut, denn ich hatte Zeit meines Lebens sehr bunte und detailreiche Rachephantasien, und mein Körper spielte dabei tatsächlich fast immer eine entscheidende Rolle im Drehbuch.

Das lag zum einen daran, dass mein Körper(umfang) eben auch zumeist das zentrale Element der zu rächenden Verletzungen darstellte. Andererseits habe ich zwei Dinge sehr früh verinnerlicht: Erstens natürlich, dass es in unserer Gesellschaft  kaum etwas gibt, das der gültigen Legende zufolge glücklicher macht, als Dünnsein. Und zweitens, dass Leute sich über nichts mehr ärgern, als über das Glück anderer. Das heißt, um sich mit jemandem über Gewichtsabnahme aufrichtig zu freuen, muss man denjenigen wahrhaftig sehr gern haben, oder mindestens so sehr in sich selbst ruhen, wie Mutter Theresa. Ansonsten wird man es ihm vermutlich genauso wenig gönnen, wie einen Lotteriegewinn - auch wenn man selbst schon dünn ist.

Meine Mutter etwa, war schlank. Und ich war 28 Jahre jünger als sie. Und ihre Tochter. Ein echtes Wunschkind, übrigens. Sie war es, die mich im Kindergartenalter meine erste Diät machen ließ und maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, dass ich meinen Körper die meiste Zeit meines Lebens als Feind gesehen habe. Paradoxerweise hatte aber ausgerechnet sie, als ich erwachsen wurde, nur bedingt und nur höchst inkonsequent noch ein Interesse daran, dass ich langfristig schlank blieb. Im Rückblick muss man es ganz klar sagen - sie sabotierte sogar Diätversuche, schleppte mir ungefragt und unerwünscht Essen ins Haus, als ich bei ihr ausgezogen war, und schickte es mir sogar in die USA hinterher. Es war deutlich, dass sie das Scheitern von Diäten, bzw. eine erneute Gewichtszunahme mehr begrüßte als bedauerte, denn diese Wendungen hatten für sie jedesmal gleich zwei zufriedenstellende Auswirkungen: Die Tochter war abermals fett und somit sexuell "neutralisiert" - das machte sie emotional wieder abhängiger von ihrer Mutter und damit zuverlässiger. Und außerdem konnte man ihr ihr Versagen immer weiter unter die Nase reiben, was vermutlich gut für den eigenen Selbstwert war. Sie gewann bei diesem Spiel also immer. Mit diesen nur scheinbar widersprüchlichen Strategien des Tochter-Bashings war sie letztendlich jedoch auch nur eine Miniatur der uns umgebenden fettphobischen Gesellschaft. Die legt auch keinen echten Wert darauf, dass alle Dicken für immer dünn werden. Sie braucht die Dicken schließlich dringend, um sie zu verachten und zu piesacken.

Die Psychologin Catherine Herriger, deren Buch "Die böse Mutter" mir bereits 1990 (da war ich 19) in die Hände fiel, legt darin sehr plausibel dar, was auch meine Erfahrung reflektierte - dass es Mütter gibt, die ihre Töchter "kastrieren" und so auch als Erwachsene an sich binden, indem sie dafür sorgen, dass diese dick werden und dadurch erhebliche Startschwierigkeiten haben, wenn sie ein eigenes Leben gestalten wollen. Auch sinkt mit steigendem Gewicht die Gefahr, dass die Tochter eine Partnerschaft eingeht, und damit dem Einfluss der Mutter entzogen wird, bzw. nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht. Ich habe damals ein Paar Sätze im Einband des Buches notiert, die ich von meiner Mutter regelmäßig im Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme zu hören bekam. Tatsächlich hat mich meine eigentlich zutiefst schlankheitsbesessene, perfektionistische Mutter regelmäßig zum Aufessen ermahnt: "Das bisschen wirst du doch noch schaffen."...Was das alles mal wieder beweist, ist, dass man Umstände nicht automatisch ändern kann, nur weil man sie ziemlich genau durchschaut.

Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass die Ergebnisse einer Diät nicht erhalten werden können, so hoch ist, dass es ihrer Nachhilfe gar nicht bedurft hätte. Sie hatte die ganze Arbeit schon in meiner Kindheit erledigt, und ich saß als Teenager längst in der Jojo-Falle.

Ich muss sagen, ich freue mich darauf, Leute zu ärgern. Diesmal, im Zuge des "Thin Privilege Project", werde ich auf jeden Fall nicht zu verwirrt und nach innen gerichtet sein, um an verkniffenen, falschen Komplimenten von Menschen, die es viel besser fanden, als man keine "Konkurrenz" war, Spaß zu haben. Diesmal nehme ich das alles mit, wenn es kommt. Bekanntlich stehe ich ja auf Rache. ; )

NH

Freitag, 5. Dezember 2014

Follow me around 11: Unboxing

Im Zuge meines Organisierungs- und Aussortierungs-/Trennungsprojekts habe ich nun die Kiste geöffnet, in der ich die übrig gebliebenen Kosmetika meiner Mutter bis heute aufgehoben habe. Nein, gefilmt habe ich das "Unboxing" nicht, obwohl es ja angedacht war. Mir ist bewusst, dass das Aufbewahren von Hustenbonbons und benutzter Seife einen morbiden Hauch mit sich trägt. Aber es war meine Art, zu trauern. Bis jetzt, denn heute ist es Zeit für die meisten der Gegenstände zu gehen. Weil ich bekanntlich so viel Platz brauche, wie ich mir nur erkämpfen kann - gedanklich und natürlich räumlich. Dass hier eine ganz klare Verbindung besteht, war mir ja schon immer klar. Aber erst jetzt lichtet es sich um mich herum so deutlich, dass ich den Effekt anhaltender Ordnung und Klarheit der Dinge zum ersten Mal so richtig zu spüren beginne. Und dabei bin ich noch lange nicht fertig damit, meine Vergangenheit zu bändigen und zusätzlich die täglichen Material- und Informationsschlachten zu koordinieren. Ich kann es gar nicht erwarten, zu erfahren, wie viel leichter das Leben dann wohl erst sein wird.

Was nun die Kosmetik-Box meiner Mutter angeht, so treffen keine der folgenden Kriterien, die einem eigentlich dabei helfen sollen, zu entscheiden, ob man etwas wegschmeißt oder nicht, auf ihren Inhalt zu: 1. Benutzt du es? 2. Brauchst du es? 3. Liebst du es? Ich benutze und liebe nichts aus der Box. (vielleicht mit Ausnahme des Lippenstiftes und des Lavendelwassers). Trotzdem habe ich nicht alles weggeworfen.Vielleicht könnte man am ehesten sagen, ich brauche den kleinen Rest einfach wirklich noch, um mich weiter zu verabschieden. Wie gesagt, ich bin ja noch längst nicht fertig...

Ist noch geblieben: die letzte Flasche des Eau de Toilettes. Meine Mutter war wie ich - 
sie wechselte selten im Leben den Duft.
Die Puderdose aus der Handtasche.Estee Lauder und nachfüllbar.
Uralter Lippenstift - und wenn ich "uralt" sage, dann  meine ich ca. aus den 60er Jahren. Von Revlon. Auch nachfüllbar. Ein Beweis, dass das Festhalten von Gegenständen in der Familie liegt.
Eine Cremedose von Avon - vermutlich auch aus den 60ern. Ich habe als Kind damit gespielt. Früher war mal eine Parfum-Creme drin - mit dem Namen "RAPTURE".
Lavendelwasser - ein Erbstück von meiner Großmutter. Ich habe mich nicht getraut, es zu öffnen.
Nagelschere - noch ein Erbstück von der Mutter meiner Mutter, war aber durchaus noch lange in Gebrauch in unserem Haushalt.
Lippenstifte - mit charakteristischen Abnutzungsformen.
Meine Mutter hatte (fast) immer rote Fußnägel.
Und ja - ihre Loyalität Dingen gegenüber war mitunter fast unendlich. Diese Klammern kamen in den letzten Jahren jeden Morgen beim Föhnen zum Einsatz.
Der Kamm.
Die letzte Dose Nivea.

Schlussendlich: Die kleine Box bleibt. Alles, was in der großen ist, geht.












NH

© Candybeach.com 2014

Donnerstag, 14. November 2013

The Shoe Must Go On

Ich räume weiter aus. In den letzten Tagen abermals meinen Kleiderschrank. Nun musste alles gehen, was aktuell wirklich nicht passt. Ich habe jedes T-shirt, bei dem Zweifel bestanden, anprobiert. Was nicht über den Busen ging, flog raus. Die Maßnahme war notwendig, um auch die letzten betonfüßigen, womöglich in dunkler Tiefe verschütteten Diät-Pläne und Dünnsein-Phantasien aus ihren Ecken zu fegen und zur Strecke zu bringen. Meine Zukunft mag alles Mögliche sein, rosig oder grottig, aber dünn ist sie auf jeden Fall nicht. Denn während intuitives Essen zwar nicht zur Gewichtszunahme geführt hat, nehme ich damit auch nicht mehr ab. Der Diätterror hat ein veritables Ende gefunden. Die letzten wabernden, hinterhältigen Vorstellungen, womöglich doch noch eine "fitte 44" zu werden, allerdings auch.

Und dann waren auch noch einmal die Schuhe dran.

Was ich an meinem Gewicht weiterhin nicht mag, sind die platten, geschwollenen Füße, die es mit sich bringt - besonders im Sommer. Aber auch die wären mittlerweile nicht mehr gar so eine Kümmerniss, wenn es nicht um meine Leidenschaft für unbequeme Absätze ginge. Das ist die Fitness, um die es mir wirklich geht: Auf 15 cm hohen Absätzen schnell genug über eine befahrene Straße zu kommen.

Ein wichtiger erster Schritt, auch im Sinne von Selbstakzeptanz, war, mich dazu durchzuringen, Schuhe endlich in gemütlichen Größen zu kaufen, und nicht in der, die ich halt irgendwann mal hatte. Ich hatte mal Größe 38. Heutzutage kaufe ich am liebsten 40, oder zur Sicherheit manchmal sogar 41. Zwanzig Paar Schuhe mussten sodann gestern gehen, weil sie irgendwo drückten. Ich lasse mich nicht mehr unter Druck setzen. Schon gar nicht von einem dahergelaufenen Pump.

Um nach der bodenlosen Handtasche gleich noch ein weibliches Klischee zu bedienen: Jetzt besitze ich nur noch 87 Paar. ; ) Bei vier davon handelt es sich um Gummistiefel. Zwei Paar sind Turnschuhe. 36  haben einen Absatz über 9 cm. Fast genauso viele sind Ballerinas/"Flatties". Nicht mitgerechnet habe ich die vier Paar von meiner Mutter, die ich aufgehoben habe.

Lebenslauf 

Wie der Inhalt einer Tasche, erzählen auch Schuhsammlungen mitunter mehr oder weniger komplexe Geschichten über die Kuratorin, die sie zusammengetragen hat. Nicht umsonst gilt der Rat, erst einmal eine substanzielle Strecke in den Schuhen eines anderen zu gehen*, bevor man sich ein Urteil über ihn und seine Situation erlaubt. Meine Schuhe haben immer viel darüber erzählt, wer ich gerne gewesen wäre. Sie waren, wie meine Kleider, nur allzu oft Zukunfts- oder Belohnungsschuhe und in der trüben, dicken Gegenwart ohne Nutzen. So verrückt es klingt, aber bis vor nicht allzu langer Zeit wäre es mir beim Leben der Katze nicht in den Sinn gekommen, einfach High Heels in 41 zu kaufen. Für JETZT. Stattdessen war ich ja bekanntlich die meiste Zeit wie Aschenputtels Stiefschwester damit befasst, mir die Hacke abzuschneiden, um endlich PASSEND zu sein. Eine treffendere Metapher für Schlank- und Schönheitswahn, die fast zwangsläufig in Selbstverstümmelung münden, gibt es wohl kaum. Dass das nun jedoch anders ist und jeder Schuh hier auch endlich passt, kommt mir vor, wie ein Wunder.


*Ist außerdem der Name einer äußerst bemerkenswerten Gruppe von Aktivisten: Walk a mile in her shoes.

Meine alten Laufschuhe, in denen ich durch Los Angeles gerannt bin - auf der Flucht vor meinem eigenen Hinterteil. So war und ist es noch immer: was in Kuddewörde ein normaler Po ist, hat dort gefühlsmäßig die Größe eines Billboards. Ein Umstand, der noch immer maßgeblich weltweit dafür sorgt, dass Frauen sich im eigenen Körper fühlen, wie im falschen Film.


Letzter Neuzugang und Schnäppchen: 14,- statt 80,- Euro.


Oh, dem golden slippers! Angeblich gemacht für goldene Straßen... ; )


Warum meine Mutter nie nach China gereist ist, obwohl sie es immer wollte, weiß ich nicht. Aber offenbar gibt es viele Gründe, sein Leben aufzuschieben. In jedem Fall ist es eine Art Selbstbestrafung. Und führt buchstäblich ins Nichts. Ich habe nach ihrem Tod ihre Schuhe genommen - und bin damit über die Chinesische Mauer gelaufen. Es musste sein.


True Vintage: Schuhe von meiner Mutter aus den 70ern.


Geschenkte Schuhe. Angeblich rennt der Beschenkte ja damit davon. In diesem Fall nicht. Die Schuhe sind ungetragen. Und gut 15 Jahre alt.
 

Schuhe für ein Date, das nicht stattfand. Außerdem hat Schneewittchen genau die gleichen.

 
Schuhe in Startposition.


Schuh-Porn: Der längste Absatz im Schrank.


"Motivationsschuhe" anstelle eines Motivationskleides. Aus den Anfangszeiten des Blogs. Die Frage der Verkäuferin war damals, ob die dünnen Absätzchen mein Gewicht wohl (er-)tragen können. Die Antwort kommt mit ca.7 Jahren Verspätung : Ja. Können sie.


Als Kindergartenkind und Vorschülerin zählte ich sie zu meinen wichtigsten Besitztümern: Schwarze Lackschuhe. Und auch heute finde ich, kann es nicht schaden, ein Paar vorrätig zu haben.


© Nicola Hinz 2013

Mittwoch, 13. Juni 2012

THE UGLY GIRL PROJECT: Vintage I*



* Startig to see your mother's face in the mirror. / Wenn man anfängt, das Gesicht seiner Mutter im Spiegel zu sehen.

© Nicola Hinz 2012