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Donnerstag, 10. Januar 2019

Wie wir wurden, was wir waren: Die letzte Brigitte-Diät

Helga Köster: Brigitte Diät, Bertelsmann, 1974

Die Brigitte-Diät ist jetzt 50 Jahre alt. Das kecke, ausklappbare Cover des Jubiläumshefts mit nackter, hausbacken-harmloser Frau darauf hat mithin passend auch die Ästhetik eines Siebzigerjahre-Softpornos. Angeblich hat sich die Brigitte-Diät neu erfunden. Soll heißen, sie kommt jetzt mit Meditation als allererster "Säule" daher. Und mit einer App, die sich als Lockangebot für ein Abo beim Unternehmen Balloon entpuppt, das mit Brigitte-Rabatt im ersten Jahr ab 5 Euro im Monat zu haben ist. Es ist ein wahrlich mehr als verzweifelter Versuch einer Neuerfindung.

Ansonsten, soweit ich das überblicken konnte, ist alles eigentlich wie 1974. Heute wie damals besteht die Diät aus idiotisch lebensfern aufwendigen Rezepten für Minimalzeiten, die höchstens 500 Kalorien haben dürfen. Für zwei Portionen des "Be-Fit-Snacks" (ja, so heißt das Rezept - Facepalm) braucht man: 3 Bio-Eier Größe M, 2 EL geriebenen Parmesan, 50 g körnigen Frischkäse, gemahlenen, bunten Pfeffer, Salz, 2 EL gehackte Lauchzwiebeln, 2TL Olivenöl, 1 EL Butter, 2 Scheiben Brigitte Balance Brot mit Urgetreidesprossen (und das hier ist noch immer keine Satire), 2 "geputzte" Salatblätter und 60 g Gemüse-Antipasti aus dem Glas. Ergibt 375 Kalorien pro Portion. Da lobe ich mir doch fast den "Gegrillten Hummer mit gebackener Kartoffel von 1974. Dafür benötigte man nur 250 g Hummer im Stück, Salz, Pfeffer, 1 EL Öl, 1/2 TL Senf, 2 EL Buttermilch, Petersilie, Zitronenscheiben, Salatblätter und eine große Kartoffel. Und der ganze Kram hatte dann nur 300 Kalorien.

Ach ja, was soll frau von der Frau Huber nun auch noch groß erwarten? Sie ist so bieder wie die Klopapierrolle auf der Hutablage, farblos, nur mäßig bei der Sache (der Frauen) und ganz offenkundig nicht die hellste Kerze auf der Torte. Diejenigen, die sie 2013 zur alleinigen Chefredakteurin des sinkenden Schiffes gemacht haben, hätten es eigentlich kommen sehen müssen. Seit 2009 ist sie Mitglied der Chefredaktion der Brigitte und hat in ihrem schicken Eckbüro mit Elbblick im Angesicht der Digitalisierung selbstverständlich nicht verhindern können, dass die verkaufte Auflage des Magazins von 687.456 Exemplaren im dritten Quartal des Jahres 2010 auf 372.101 im dritten Quartal 2018 gesunken ist. 2013 waren es im zweiten Quartal übrigens noch 563.000 Exemplare. Sie hat sich auf ihrem sinkenden Kahn aber auch zu keiner Zeit getraut, alle Bedenken in den Wind zu schlagen und jetzt auf den letzten Metern, auf denen es ohnehin nicht mehr groß darauf ankommt, wenigstens endlich mal für ihre lesenden Schwestern und nicht gegen sie zu arbeiten - egal, ob das für die Auflage gut ist, oder nicht. Dafür fehlen ihr natürlich gänzlich Überzeugung und das Bewusstsein. Und bei Sätzen, wie diesem, fragt man sich, ob sie überhaupt noch bei Bewusstsein ist: "(Die Brigitte-Diät) ermöglichte es der ersten Frauengeneration nach dem Krieg, ihre Figur und damit auch sich selbst zu verändern, um ein paar Pfund erleichtert mit neuem Selbstbewusstsein aus der festgelegten Rolle des Heimchens am Herd herauszutreten." (Brigitte, Nr. 2, 2.1.2019)

Wenn man ihr Editorial zu 50 Jahren Brigitte-Diät liest, weiß man nicht, ob man vor Zorn oder Entsetzen platzen soll. Es ist mir nicht klar, wie sehr man sich selbst und seine Leserinnen verachten muss, um beim letzten Aufbäumen auf so kleinem Raum so viel toxische Dummheit und unverschämte geschichtliche Umdeutung zu verspritzen. In der Einleitung der Frau Huber, sowie im hinteren Teil des Blattes wird die Expertise eines Herrn Prof. Dr. Christoph Klotter von der Hochschule Fulda mehrfach bemüht, um die Herleitung Diät = Gleichberechtigung zu unterfüttern. Der bezeichnet die Brigitte-Diät nicht nur brav und zitierfähig als "ein Zeichen von Aufbruch und Emanzipation" (S.5), sondern gar als "Neustart" nach dem Schock der Naziherrschaft und versteigt sich später dann noch zu der verblüffenden Formulierung, das "Umsetzen der Brigitte-Diät" sei "also mit einer Kriegserklärung an das männliche Geschlecht verbunden" gewesen (S. 103). Die Kühnheit, mit der hier grober Unfug behauptet wird, ist beeindruckend, aber natürlich auch ausgesprochen frustrierend. Eigentlich würde man denken, dass ein Hinweis auf all die Diäten, die vor der Brigitte-Diät auch schon vermarktet worden sind, nicht wirklich notwendig ist. Das Ringen meiner Mutter um den Taillenumfang einer Elizabeth Taylor in den Fünfzigern geschah auch mithilfe einer Diät - und nicht einmal der wackere Herr Klotter vom wissenschaftlichen Beirat der Brigitte würde vermutlich noch den Nerv haben, hier allen Ernstes zu vermuten, dass es sich bei diesem Projekt um die emanzipatorische Rückeroberung der Selbstbestimmung über den eigenen Körper nach dem Ende der Nazidiktatur gehandelt haben könnte. Vom Körperkult der Nazis wollen wir hier erst lieber gar nicht anfangen - dann erholen wir uns nie mehr. Zur Sicherheit sei aber noch einmal festgehalten: Der Austausch eines Körperformkontrollsystems gegen ein anderes befreit einen logischerweise nicht von der einschränkenden und schwächenden Kontrolle selbst. Die Brigitte-Diät hat Frauen selbstverständlich niemals die Kontrolle über ihre Körper "zurückgegeben", sondern sie im Gegenteil seit Jahrzehnten erfolgreich weiterhin davon überzeugt, dass ihre Körper kontrolliert werden müssen, und die Markteinführung der Brigitte-Diät vor 50 Jahren wäre damit eigentlich eher als ein Backlash-Symptom zu bewerten (was sie bis heute geblieben ist) in einer Zeit, in der einige Frauen in der Tat um Gleichstellung kämpften (Alice Schwarzer) und andere leider eher nicht (Brigitte).

Man muss schon aus ziemlich perfidem und billigem Holz gemacht sein, um der eigenen Leserinnenschaft erzählen zu wollen, Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung stünden in engem Bündnis mit der Anfang der Siebziger endlich durch die Brigitte-Diät erlangten "Erlaubnis", sich eigenständig dünn zu hungern. Vor allem dann, wenn man es doch wirklich besser zu wissen scheint: In einem Artikel des Tagesspiegels vom 11.01.2018 wird der Herr Klotter nämlich so zitiert: "Diäten sind der ideale Einstieg in eine Essstörung."

Ich bin sicher, ich habe bereits mehrmals erwähnt, dass ich mit der Brigitte und ihrer Diät buchstäblich aufgewachsen bin? In der Tat sind wir zusammen aufgewachsen. Ich bin Jahrgang 1971. Die Diät offenbar nur drei Jahre älter. Meine Mutter war eine Leserin der Zeitschrift, so lange ich denken kann. Und das konnte ich bereits sehr früh. Meine erste Diät machte ich auch früh - regelmäßige Leserinnen wissen es bereits: Ich wurde von meiner Brigitte-lesenden und selbst, wenn auch schlanken, immer mal wieder diätelnden Mutter mit drei Jahren zum ersten Mal dazu verdonnert, einen kalorienreduzierten Ernährungsplan einzuhalten. Meine Mutter war keine Feministin. Ihr Kind schon. Das gab bald eine Menge Streit und Unbehagen angesichts meiner vermeintlichen Radikalität, besonders am Anfang. Dann, irgendwann später, kam mehr und mehr Zustimmung. Man mag es für Kleinkram halten, aber ein symbolischer Schritt auf dem Weg zur eigenen Emanzipation war für meine Mutter die Kündigung des Brigitte-Abos. Da war sie schon über sechzig, und hatte nach eigenen Angaben "endgültig genug von den Weihnachtsplätzchen und dem ganzen Quatsch".

Die oben abgebildete Ausgabe der Brigitte-Diät von 1974 habe ich vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt gefunden - es nicht das Original aus unserem Haushalt, mit der ich als Kind tyrannisiert worden bin. Das ist irgendwann irgendwo verschwunden. Als ich jetzt hineinsah und feststellte, wie biestig und fettphobisch das Büchlein tatsächlich ist, wurde mir umso klarer, dass ich in einer Atmosphäre und Umgebung, in der über mich als vermeintlich dickes Mädchen so gedacht wurde, nie eine echte Chance auf Normalität oder angemessenen Respekt hatte.

"Jeder fünfte ist viel zu fett. (...) Noch nie wurden so viele Selbstmorde mit Messer und Gabel begangen wie heute." (S. 7)

"Viele dicke Mütter nötigen ihre Kinder zum Essen. (...) Diese überfütterten Kinder werden dick und neigen auch als Erwachsene zu chronischer Freßlust." (S. 9)

"Kaufen Sie nichts Neues (keine neuen Kleider) - erst wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 24)

"Pflegen Sie Ihr Gesicht (...) während der Kur besonders sorgfältig. Damit Sie auch wirklich schön sind, wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 25)

"Lassen Sie sich nicht beirren, wenn Sie eine Abmagerungskur nötig haben." (S. 25)

"Kleben Sie das schlimmste Foto aus Ihrer "schwersten Zeit" sichtbar an den Kühlschrank. Bei diesem Anblick zuckt Ihre Hand - hoffentlich - sofort zurück!" (S. 26)

" (...) sündigen Sie trotz besseren Wissens (...), dann bestrafen Sie sich für diesen Fehltritt mit einer empfindlichen Spende in den Bauch Ihres Sparschweins," (S. 26)

"Heben Sie wenigstens ein Kleid (...) auf, in (das) Sie vor der Kur gepasst haben. (...) Am Ende der Kur, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben, sollten Sie sich in diesem Kleidungsstück im Familienkreis vorstellen. Das Gelächter dürfen Sie ruhig als neidlose Anerkennung werten." (S. 27)

"In Gesellschaft lässt es sich leichter hungern." (S. 29)

"Sahnetorten und Süßigkeiten sind auch in Zukunft Ihre ärgsten Feinde." (S. 34)

Was habe ich sonst noch zu 50 Jahren Brigitte-Diät zu sagen? Ach ja...

Nicht nur danke für nichts. Ich wünschte es wäre so. Aber ich verdanke der Brigitte und ihrer Diät in der Tat eine ganze Menge: Danke für vierzig Lebensjahre, die bestimmt waren von Selbsthass, Depressionen, Misshandlung des eigenen Körpers, durch Diäten und Selbstverachtung geraubte Energie, ein zerstörtes Selbstbild, ein aufgeschobenes Leben, Sommer ohne Besuche im Schwimmbad, den Wunsch, in der Öffentlichkeit unsichtbar zu sein, Schuldgefühle, Selbstbestrafung, verpasste Lebenschancen, weil der Mut und das Selbstbewusstsein schlicht fehlten, Ohnmachten in der S-Bahn vor Hunger, Erschöpfung, Freudlosigkeit, Einsamkeit und nicht zuletzt - eine in weiten Teilen komplett versaute Kindheit und Jugend. Danke, danke, danke ihr schlicht gestrickten Verräterinnen (die ihr immer wart und noch immer seid).

NH

Samstag, 4. Juli 2015

Follow me around 28: Graue Vorzeit



Wenn ich als Kind mal wieder mit aufgeschlagenen Knien am Garten der Nachbarin vorbei humpelte, einer echten Landpartie in Kittelschürze und grundsätzlich einer Plastikschüssel mit selbstgezogenem Gemüse im Arm, sagte sie immer: "Bis du heiratest, ist alles wieder gut." Das kann also noch alles etwas dauern.

Ich habe endlich Abzüge von alten Negativen machen lassen, die ich beim Äufräumen gefunden habe. Ich wusste, dass ich auf den Bildern bin, aber als ich sie dann in den Händen hielt, war ich mal wieder komplett erstaunt und verwirrt. Zunächst. Und dann war ich wieder verdammt wütend.

Die Bilder zeigen mich, so um die elf Jahre alt, auf einer im Garten improvisierten Wasserrutsche. Ich war immer groß und weit entwickelt für mein Alter. Andere Kinder holten mich erst ein paar Jahre später in der Pubertät so richtig ein. In den Köpfen meiner Eltern, meiner Umwelt und somit auch in meiner eigenen Gedankenwelt galt ich seit meinem dritten Lebensjahr als dick und damit für alle Beteiligten als dringend korrekturbedürftig.

Was ich heute auf den Bildern sehe, ist ein schöner, starker Körper mit langen Beinen, rundem Po und viel Spannung. Ich hätte eine Frau mit einem schönen, starken Körper und einem runden Po werden können, die sich gern bewegt, niemals hungert und keinen Anlass sieht, sich zu verstecken. Hätten sie mich einfach in Ruhe gelassen. Hätten sie mich nicht belogen und betrogen und gequält mit ihrem krankhaften Bestehen auf vermeintliche, körperliche "Normalität".

Obwohl ich bereits als Kleinkind Diäten gemacht habe, sieht es so aus, als ob ich mit elf durchaus noch eine Chance gehabt hätte, halbwegs unbeschadet aus der Sache rauszukommen. Wenn der Krieg gegen meinen Körper ab da aufgehört hätte. Hat er aber bekanntlich nicht. Und so wurde ich stattdessen nach jeder Diät immer runder, unsicherer und unglücklicher. Und übrigens auch unbeweglicher, denn wenn einem immer unterstellt wird, man sei unsportlich und faul (weil ja dick), dann fördert das nicht die Freude an Bewegung. Zwang und Vorwürfe machen traurig und verbreiten Stress. Nichts weiter.

Klar, ich wäre vermutlich nicht auf den Weg der Fettakzeptanz und des Fettaktivismus gelangt, aber was wäre mir alles erspart geblieben? Wie viel Selbsthass? Wie viel Scham? Wie viele Schwindelanfälle vor Hunger? Wie viele verpasste Chancen, weil ich mich und mein Fett so oft versteckt habe, und darum so selten zur rechten Zeit am rechten Ort war? Wie anders wäre mein Leben wohl verlaufen? Ich kann in letzter Zeit nicht mehr so recht aufhören, mir diese Frage zu stellen. Ich habe die Bitterkeit und schiere Empörung darüber schon öfter beschrieben. Sie wird aber mit der Zeit nicht kleiner, sondern nimmt zu. Ich frage mich nun, ob es je gut wird. Und wenn doch, dann wann endlich?



Räumungsverkauf



Ich hatte etwas Zeit auf dem Weg zum nächsten Termin, war gerade in der Gegend und dachte, "Ach, gehst du mal wieder zu Hagedorn". Davor hatte ich den Buchladen jahrelang nicht besucht, weil ich nicht mehr in der Nähe wohne. Wie sich herausstellte, kam ich gerade noch rechtzeitig, bevor der Buchladen meiner Kindheit und Schulzeit nach 40 Jahren geschlossen hat. Aus welchem Grund weiß ich nicht. Ich war so erschüttert, dass ich vergessen habe, zu fragen.

Stunden habe ich als Kind in der Bücherecke verbracht und mein Taschengeld dort für das ausgegeben, was ich mehr liebte als alles andere - Bücher. Weite Teile meiner Bilderbuchsammlung stammen von da. Ich war sechs, als ich mir dort selbst das erste "richtige Buch" gekauft habe (soll heißen ohne größere Buchstaben oder Handschrift für Leseanfänger). Aber nun ist Schluss. Wieder so ein Stück persönliche Geschichte weg. Und es wird einem ein wenig mulmig. Ist es wirklich schon so spät?

Mein erstes vom Taschengeld in der Bücherecke selbstgekauftes Buch - ich bin sicher, die Katze auf dem
Cover hat den Ausschlag gegeben. ; ) 
Noch eins der ersten "echten" Bücher, die ich mir selbst gekauft habe - da gab es offenbar  auch schon
immer eine Vorliebe für "Horror".
Der letzte Einkauf in der Bücherecke - trotzdem lauter Kinderbücher.

Die Suppe auslöffeln

Wie berichtet, bin ich nun wirklich beim "Meal Prepping", also beim strategischen Vorkochen angekommen. Die Küche wird so  nur einmal pro Woche chaotisch, wenn ich einen großen Pott vegane Gemüsesuppe koche, die für eine Woche reicht.

Was ich noch gelernt habe: Vegane Sour Cream und Vegannaise sind ok - tatsächlich besser, als ich gehofft hätte. Sojasahne und -milch gehen so.Veganer Käseersatz funktioniert für mich absolut nicht. Ich kann mich weder an den Geruch noch an die Konsistenz gewöhnen. Das bedeutet, ich müsste in Zukunft ohne Käse leben. Mist...


Männliche Anerkennung

Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, aber nun hatte auch ich in letzter Zeit Maskulisten-Besuch. Erst wenn die sich so richtig aufregen, weiß frau schließlich, sie ist auf dem richtigen Weg. Talk of male validation, huh? Wer wissen will, wie bescheuert die mich so finden und einen starken Magen hat - bitteschön.

Ich will nicht sagen, dass frau hier irgendwann über fast jede Art männlicher Aufmerksamkeit froh ist, aber seien wir ehrlich - der einzige "Sex on the Beach", den ich dieser Tage kriege, ist der von Penny.

My head is a jungle

Und ins Kino ist dann ob meines abwegigen Geschmackes wie bereits prognostiziert auch wieder keiner mitgekommen. Ich brauche jemanden, wie den Ewald meiner Nachbarin. Einen, der sich aus purer Liebe opfert. Denn ein Opfer wäre es wahrhaftig gewesen. Jurassic World hat wenig mehr zu bieten, als der Trailer bereits zeigt. Von der lächerlichen Continuity, die die Hauptdarstellerin immer wieder erst mit und dann nach dem nächsten Schnitt ohne hochhackige Schuhe auf der selben Hetzjagd durch den Dschungel rennen ließ, will ich gar nicht erst reden. Obwohl mich bei einer so teuren und massigen Produktion solche Basisfehler schon irgendwie ganz nervös und fassungslos machen. Aber ich ertrage auch keine schlechten, sinnlosen Geschichten mit unschlüssigen Übergängen mehr. Und was ich auch nicht ertrage, ist der ständige Hollywood-Backlash. Wir haben 2015, und in einem hochglänzenden Spielberg- Film für Kinder (wenn er am Ende auch haarsträubend brutal, komplett humorlos, langatmig und nervig ist) gibt es ganze vier weibliche Sprechrollen, von denen nur eine eine Hauptrolle (die Tante der zwei männlichen Kinder) ist, in einem wahren Heer von männlichen Darstellern. Am Ende hing ich nur noch gähnend im Sessel, nachdem mir das Popcorn ausgegangen war, und war schon fast zu schwach, um mich darüber zu ärgern, dass der Film auch noch Dicke basht. Weinerlicher Loser-Sicherheitsdienst-Mitarbeiter und Bösewicht - beide sind dicke Männer.

Komisch, dass mich ausgerechnet da dann die Sinnlosigkeit unserer Existenz überhaupt überfiel. Das tut sie immer wieder mal. Ich habe schon als Kind manchmal in den Himmel gesehen und kleine Panikattacken bekommen, weil mir siedend heiß klar wurde, dass ich nie wissen werde, was dahinter ist. Ich bin aus dem kalten Kino in die stickige Nacht gestolpert, und wusste nicht wohin mit mir.

Am Ende war es im Film übrigens der Mosasaurier, der alle gerettet hat. Mir gegenüber im Regal steht ein Mosasaurier-Zahn, den mir meine Mutter mal geschenkt hat, weil ich ja die Wassersaurier schon  immer am liebsten gemocht habe.

Vor ein paar Tagen habe ich von einer Übung gehört, die Menschen, die zu viel Kram horten, dabei helfen soll, zu bestimmen, welche von den Dingen, die sie besitzen ihnen wirklich am wichtigsten sind. Und ich habe sie auch gleich ausprobiert. Man soll sich vorstellen, das Haus brennt und man hat nur zwei Minuten, um ein paar Sachen zu retten. Für mich war die Sache klar: 1. Kater, 2. Transportkorb für Kater (der ist, das habe ich durch die Übung gelernt, im Notfall nicht gut genug erreichbar gewesen), 3. Handtasche und Telefon, 4. Jacke und Schuhe. Wenn ich dann noch Zeit hätte: Fotoalben, ein paar Bücher, ein Bild von der Wand. Wenn noch mehr Zeit wäre: eine ganz bestimmte Vase und vielleicht den Schmuck meiner Mutter. PENG. Plötzlich war es in meiner Vorstellung ganz leicht, auch den ganzen großen Rest meines Hausstandes zurückzulassen, den ich nach meinen vielen Aufräumaktionen noch besitze. Das Gefühl, dass ich mich immer leichter von Dingen trennen kann, macht mich sehr froh. Und erleichtert.


NH

© Candybeach.com 2015

Donnerstag, 14. November 2013

The Shoe Must Go On

Ich räume weiter aus. In den letzten Tagen abermals meinen Kleiderschrank. Nun musste alles gehen, was aktuell wirklich nicht passt. Ich habe jedes T-shirt, bei dem Zweifel bestanden, anprobiert. Was nicht über den Busen ging, flog raus. Die Maßnahme war notwendig, um auch die letzten betonfüßigen, womöglich in dunkler Tiefe verschütteten Diät-Pläne und Dünnsein-Phantasien aus ihren Ecken zu fegen und zur Strecke zu bringen. Meine Zukunft mag alles Mögliche sein, rosig oder grottig, aber dünn ist sie auf jeden Fall nicht. Denn während intuitives Essen zwar nicht zur Gewichtszunahme geführt hat, nehme ich damit auch nicht mehr ab. Der Diätterror hat ein veritables Ende gefunden. Die letzten wabernden, hinterhältigen Vorstellungen, womöglich doch noch eine "fitte 44" zu werden, allerdings auch.

Und dann waren auch noch einmal die Schuhe dran.

Was ich an meinem Gewicht weiterhin nicht mag, sind die platten, geschwollenen Füße, die es mit sich bringt - besonders im Sommer. Aber auch die wären mittlerweile nicht mehr gar so eine Kümmerniss, wenn es nicht um meine Leidenschaft für unbequeme Absätze ginge. Das ist die Fitness, um die es mir wirklich geht: Auf 15 cm hohen Absätzen schnell genug über eine befahrene Straße zu kommen.

Ein wichtiger erster Schritt, auch im Sinne von Selbstakzeptanz, war, mich dazu durchzuringen, Schuhe endlich in gemütlichen Größen zu kaufen, und nicht in der, die ich halt irgendwann mal hatte. Ich hatte mal Größe 38. Heutzutage kaufe ich am liebsten 40, oder zur Sicherheit manchmal sogar 41. Zwanzig Paar Schuhe mussten sodann gestern gehen, weil sie irgendwo drückten. Ich lasse mich nicht mehr unter Druck setzen. Schon gar nicht von einem dahergelaufenen Pump.

Um nach der bodenlosen Handtasche gleich noch ein weibliches Klischee zu bedienen: Jetzt besitze ich nur noch 87 Paar. ; ) Bei vier davon handelt es sich um Gummistiefel. Zwei Paar sind Turnschuhe. 36  haben einen Absatz über 9 cm. Fast genauso viele sind Ballerinas/"Flatties". Nicht mitgerechnet habe ich die vier Paar von meiner Mutter, die ich aufgehoben habe.

Lebenslauf 

Wie der Inhalt einer Tasche, erzählen auch Schuhsammlungen mitunter mehr oder weniger komplexe Geschichten über die Kuratorin, die sie zusammengetragen hat. Nicht umsonst gilt der Rat, erst einmal eine substanzielle Strecke in den Schuhen eines anderen zu gehen*, bevor man sich ein Urteil über ihn und seine Situation erlaubt. Meine Schuhe haben immer viel darüber erzählt, wer ich gerne gewesen wäre. Sie waren, wie meine Kleider, nur allzu oft Zukunfts- oder Belohnungsschuhe und in der trüben, dicken Gegenwart ohne Nutzen. So verrückt es klingt, aber bis vor nicht allzu langer Zeit wäre es mir beim Leben der Katze nicht in den Sinn gekommen, einfach High Heels in 41 zu kaufen. Für JETZT. Stattdessen war ich ja bekanntlich die meiste Zeit wie Aschenputtels Stiefschwester damit befasst, mir die Hacke abzuschneiden, um endlich PASSEND zu sein. Eine treffendere Metapher für Schlank- und Schönheitswahn, die fast zwangsläufig in Selbstverstümmelung münden, gibt es wohl kaum. Dass das nun jedoch anders ist und jeder Schuh hier auch endlich passt, kommt mir vor, wie ein Wunder.


*Ist außerdem der Name einer äußerst bemerkenswerten Gruppe von Aktivisten: Walk a mile in her shoes.

Meine alten Laufschuhe, in denen ich durch Los Angeles gerannt bin - auf der Flucht vor meinem eigenen Hinterteil. So war und ist es noch immer: was in Kuddewörde ein normaler Po ist, hat dort gefühlsmäßig die Größe eines Billboards. Ein Umstand, der noch immer maßgeblich weltweit dafür sorgt, dass Frauen sich im eigenen Körper fühlen, wie im falschen Film.


Letzter Neuzugang und Schnäppchen: 14,- statt 80,- Euro.


Oh, dem golden slippers! Angeblich gemacht für goldene Straßen... ; )


Warum meine Mutter nie nach China gereist ist, obwohl sie es immer wollte, weiß ich nicht. Aber offenbar gibt es viele Gründe, sein Leben aufzuschieben. In jedem Fall ist es eine Art Selbstbestrafung. Und führt buchstäblich ins Nichts. Ich habe nach ihrem Tod ihre Schuhe genommen - und bin damit über die Chinesische Mauer gelaufen. Es musste sein.


True Vintage: Schuhe von meiner Mutter aus den 70ern.


Geschenkte Schuhe. Angeblich rennt der Beschenkte ja damit davon. In diesem Fall nicht. Die Schuhe sind ungetragen. Und gut 15 Jahre alt.
 

Schuhe für ein Date, das nicht stattfand. Außerdem hat Schneewittchen genau die gleichen.

 
Schuhe in Startposition.


Schuh-Porn: Der längste Absatz im Schrank.


"Motivationsschuhe" anstelle eines Motivationskleides. Aus den Anfangszeiten des Blogs. Die Frage der Verkäuferin war damals, ob die dünnen Absätzchen mein Gewicht wohl (er-)tragen können. Die Antwort kommt mit ca.7 Jahren Verspätung : Ja. Können sie.


Als Kindergartenkind und Vorschülerin zählte ich sie zu meinen wichtigsten Besitztümern: Schwarze Lackschuhe. Und auch heute finde ich, kann es nicht schaden, ein Paar vorrätig zu haben.


© Nicola Hinz 2013

Sonntag, 1. April 2012

Keine Aprilscherze mehr

Also, zunächst ein Update zum vorangegangenen Beitrag - das dazugehörende Video kann man jetzt endlich auch in Deutschland sehen, und zwar nach wie vor hier.

Und dann noch das:

Ich mag ja immer das Erste von etwas. Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne…wobei fraglich ist, ob das beim tausendsten Diät-Beginn immer noch stimmt. Und ob das dann ein echter Anfang ist. Oder doch wieder nur das Ende…

Aber wisst ihr was? Die vorangegangene Übung, das gestrige Erstellen der „Thinspiration“ aus purer Empörung, stellt sich heute für mich als wertvoller Katalysator heraus. Gerade unter der Dusche habe ich – vermutlich zum ersten Mal überhaupt – gedacht „ICH HAB‘ DIE NASE SO VOLL VON ALL DEM MIST!“ und es NICHT sofort wieder gedanklich zurückgenommen! Ich habe die erste Hälfte meines Lebens damit verbracht, mich in meinem Körper schlecht zu fühlen, und das passiert mir in der zweiten, wenn ich eine habe, nicht noch einmal! Mit 40 fängt das Leben an, und ich rede hier nicht mehr von Kleidergrößen. Und manchmal schlägt die Weisheit ein, wie ein Blitz. Ich habe meine Entscheidung getroffen – nach all dem Hin und Her seit dem Beginn des Liedes der dicken Dame: Dünn werd‘ ich nicht mehr.

Und morgen räume ich aus: Alles, was kleiner ist, als eine 44, fliegt aus dem Kleiderschrank und wird an dünnere Frauen gebracht – ohne Groll und ohne Zweifel. Mein Platzproblem im Schrank wird sich buchstäblich in Luft auflösen. Vieles von dem, was da drin ist, ist noch gar nicht alt – so wie die gelben Jeans in Größe 40, die ich als neues Motivationsstück erst vor ein paar Tagen nach Haus getragen habe, getrieben von einem jahrzehntelangen Programm, dass das alles schon irgendwie irgendwann klappen wird – weil es das einfach MUSS. Ich bin nicht groß darin, mich von Lebensträumen und -zielen zu verabschieden. Dass ich es freiwillig tue, dürfte für mich das erste Mal sein. Ich verbeiße mich gern in der Wade des Lebens, und lasse wirklich nur äußerst widerwillig etwas ziehen, was ich für unerledigt halte.

Ich war immer mal wieder schlank. Einfach so – als Kind und als Teenager. Und später nach Diäten. Im zweiten Fall bin ich immer schneller wieder dick geworden, als ich in den Spiegel gucken konnte. Im ersten, und das bedauere ich heute wirklich besonders, wusste ich es einfach nicht. Für mich und für alle anderen um mich herum war es irgendwie immer klar, dass ich zu dick war. Heute sehe ich mir Fotos an und wundere mich. Und wünschte mir schon, ich könnte mit diesem Körper noch einmal von vorn anfangen. Und mit dem, was ich heute weiß.


Das bin ich mit meiner Mutter in Portugal, als ich 9 war.


Hier war ich auf Sylt und 11 Jahre. Wenig später gibt es keine Strandbilder mehr von mir – Fotos im Badeanzug waren mir dann zu peinlich.

Ich hätte niemals eine Diät machen sollen. Meine erste im Kindergarten nicht – und die, die ich eisern über viele Monate eigehalten habe, um zum Abitur in ein rotes Kostümchen Größe 36 zu passen, erst recht nicht. Denn danach ging der Jojo-Ärger erst richtig los. Das mit dem Kostüm hat übrigens nicht hingehauen – das passte zur Abschlussfeier noch immer nicht ganz. War ich wieder mal zu dick – dick ist halt auch und vor allem eine Frage des Standortes. Und nun ist es ohnehin zu spät, über verschüttetes Slim Fast zu jammern. Was ich jetzt will, ist eine gemütliche 44 (realistisch betrachtet noch immer die größte Größe, die in regulären Geschäften noch zu bekommen ist) – für meine Knie, und um gut Langstreckenflüge und Theaterbesuche auszuhalten. Denn DAS ist mir im Leben wichtig. Allerdings muss ich dieses Ziel, die Größe 44, nun auch erst einmal erreichen. Und anders, als mit einer Diät im weitesten Sinne wird auch das nicht zu schaffen sein. Aber ich denke mir, nachdem der perfektionistische Überhang nicht mehr mitgeschleppt werden muss und das wahre und endgültige Ziel in Sichtweite gerückt ist, kommt Suppe kommt Rat.

NH