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Mittwoch, 6. Mai 2020

Corona-Lockdown Tag 51




Frauen im Bücherregal


Jetzt stehen sie vor den feministischen Geschichtsbüchern. Die Platzierung war nicht bewusst. Allerdings ist die Chance, in meinen Regalen vor einem feministischen Buch zu stehen, ohnehin ziemlich gut. Rechts vom Foto beginnt übrigens die Abteilung über Hexen und Magie. Das Bild zeigt meine Großmutter Elisabeth (links) mit ihren Schwestern und ihrer Mutter (meiner Urgroßmutter Maria) in der Mitte

Der Göttin sei Dank, hat frau endlich mal wieder Zeit, ein ganzes Buch zu lesen.

Seit Weihnachten bin ich im Besitz eines Kindles. Ein Geschenk von Oliver, um dem kompletten Recluttering der ohnehin noch immer ziemlich vollen Bücherregale entgegenzuwirken. Seitdem habe ich das Gerät mit Büchern befüllt, die ich jetzt in der „Krise“ endlich lesen kann.

Grundsätzlich komme ich mit der Maschine nicht besonders gut klar. Ich finde die Navigation sperrig und ich gerate beim Wischen immerzu an Stellen, zu denen ich gar nicht wollte. Und was mich wirklich bis aufs Blut nervt, ist, dass in den Büchern, die von anderen Lesern weltweit am meisten markierten Stellen – man mag es kaum glauben – automatisch...MARKIERT werden! Mit der Angabe, wie viele Leute den Kram auf ihrem Kindle angestrichen haben. Was für ein absoluter Scheiß! Was zur Hölle soll das denn?!,Wie verdammt übergriffig ist das bitte?!!? Bei Selbsthilfebüchern kann da bei ein paar tausend Verzweifelten höllisch viel Markierung zusammenkommen. Das gesamte Mistbuch ist mitunter mit Markierungen versehen.......Ich muss unbedingt herausfinden, wie frau das abstellt......

Abgesehen davon: Sag‘ mir, was in deinem Kindle ist, und ich sage dir, wer du bist:

Mein zwanzigjähriges Ich hockt in meinem Kindle. Ich wollte immer so dringend beruflich sehr, sehr, sehr erfolgreich werden. Allerdings mit dem "Richtigen und Guten" - und selbstverständlich mit unbedingter Integrität. Dass das so gut wie unmöglich ist, weiß ich 30 Jahre später auch, danke sehr. Ich war bei meinem eigenen Leben dabei. Aber hier ist nun wie vormals der Beweis – frau ändert sich niemals wirklich:

This is Marketing
Choose Wonder Over Worry
Show Your Work!
Keep Going
Superfans – The Easy Way to Stand Out…
One Million Followers
The 1-Page Marketing Plan
How to Do Nothing
The Power of Small
Declutter – The get-real guide to creating calm from chaos
Overwhelmed – How to work, love and play when no one has the time
Agatha Christie’s Complete Secret Notebooks
Grit – The Power of Passion and Perseverance
How Not To Die
The Courage to Be Disliked
Essentialism – The Disciplined Pursuit of Less
The Daily Stoic
The Art of Discarding
Goodbye, things
A Monk’s Guide to a Clean House and Mind
How To Get Internet Famous
The Fat Studies Reader
Love-Based Online Marketing
ikigai – The Japanese Guide to Finding Your Purpose in Life





Auf Instagram war das Bild meiner Sammlung von Wirtschaftsmagazinen nicht beliebt. 

Nur sieben Likes. Vielleicht nicht flauschig genug. Oder schlicht nicht ausreichend upbeat.* Sowas passiert mir ja immerzu. Die Unterschrift lautete #sotunalsob. So tun, als ob ich wirklich Bedarf und Aufnahmefähigkeit für so viel hippe und prätentiöse Business-Weisheit hätte. Und so tun, als ob ich den Kram wirklich lesen würde und er nicht nur dekorativ herumliegt. Und so tun, als könnte ich vierstellige Summen für Aktentaschen oder Kostüme ausgeben. So tun, als könnte ich es mir leisten, überhaupt Geld für solche Zeitschriften herauszuwerfen.Die Krise bringt eine dazu, viel Quatsch zu machen.


Zum Beispiel Ex-Boyfriends googeln. 

Weil frau morgens um vier nichts mehr einfällt, was sie sonst noch googeln könnte.Für den Einen war es nicht sehr ergiebig, für den Anderen nicht sehr erfreulich. Allerdings bin ich offenbar nicht die Einzige, die in diesen Tagen spät nachts auf der Straße der Beziehungserinnerungen herumschleicht, denn ich habe beim digitalen Decluttern in einem alten, nicht mehr benutzten Mailaccount frische Nachrichten von Menschen gefunden, mit denen ich offenbar mal über Online-Datingportale Kontakt hatte. In 2015. Das weiß ich zumindest  in einem Fall genau, weil der Schreiber unseren alten E-Mail-Thread einfach wiederverwendet hat, um sich fünf Jahre später unverhofft an mich zu wenden. Meiner Erinnerung an ihn hat das allerdings auch nicht auf die Sprünge geholfen.

Dann fiel mir ein, dass ich ja damals mit wissenschaftlichem Eifer über meine Männerbekanntschaften Buch geführt habe. Aber offenbar haben es beide gar nicht erst in eben jene Aufzeichnungen geschafft - vermutlich, weil es kein persönliches Treffen gegeben hat. Komisch, dass Männer glauben, frau würde sich nach so langer Zeit noch erinnern, und es nicht für nötig halten, sich vorsichtshalber noch einmal vorstellen. Erstaunlich auch, dass sie uralte Internetbekanntschaften auf Halde verwahren, um dann inmitten einer Kontaktsperre einfach mal zu testen, was womöglich so geht. Pffft. Der letzte Eintrag im Büchlein war ja Oliver. Kurz vor Weihnachten 2016.

Ja, ich bin dabei, digital auszumisten. Und obwohl es sich nicht um Gegenstände handelt, geht es doch sehr häufig um emotionalen Clutter und/oder vergleichsweise viel Aufwand bei der Abwicklung. Um ein Konto zu löschen, braucht frau ihre Zugangsdaten. Die sie natürlich nicht mehr hat! Offenbar bin ich seit 2017 Mitglied in einem Forum, in dem über natürliche Familienplanung diskutiert wird. Das ist höchst mysteriös. Und ein wenig verstörend. Und mein Konto bei Live Jasmin sollte ich vielleicht auch endlich kündigen - obwohl frau ja nie weiß, ob sie nicht doch irgendwann noch einmal die Chance auf einen Nebendienst ergreifen will. Ich meine, ich könnte ja auch spontanes Kommunikationstraining in ungewöhnlichem Ambiente anbieten.

Natürlich sitzen auch wir viel vor dem Fernseher.

Das hat auch sein Gutes, denn dabei bin ich auf diese drei Filme gestoßen, die ich nun unbedingt empfehlen kann. Auch den letzten - und das komplett ohne Ironie.



Death Wish

Idiotenparade

Ich habe übrigens während der Corona-Krise nicht zugenommen. Nicht ein Kilo. Aber das ist ja jetzt der ganz große, trendige Witz, das ewig und überall herumwabernde Meme. Weil wir die "Krise" alle zu Haus auf dem Sofa verbringen, haben wir jetzt alle viereckige Augen vom Glotzen und sind außerdem fett, soll heißen unansehnlich und verachtenswert geworden. Also alle, die es vorher nicht waren. Für so Leute wie mich hat sich da natürlich nicht viel verändert. Obendrein soll es Menschen geben, die im Augenblick überhaupt nicht so genau wissen, wovon sie sich ernähren sollen. Zum Beispiel, weil die Tafeln schließen mussten. Auch vor dem Hintergrund ist diese klamaukige Fettphobie für Fortgeschrittene degoutant.

Für ihre Rundfunkgebühr bekommt frau ebenfalls im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zuverlässig Dickenbashing um die Ohren gehauen, und das jetzt noch häufiger als sonst. Satiresendungen wie die heute show oder extra 3 könnten vermutlich mittlerweile ganze Sonderausgaben mit Clips bestücken, in denen ausschließlich Dickenbeschimpfung stattfindet. Verallgemeinert wird in diesen Formaten ja ohnehin noch immer regelmäßig und auf altherrliche Weise. Auch gern unter Ausschluss aller Menschen, die nicht mit einer Frau verheiratet sind: "Wenn Sie dann mit Ihrer Frau im Supermarkt stehen..."

Grund zum Ärgern gibt es ja immer genug, aber in diesen Zeiten wird die Linse natürlich noch schärfer als sonst. Ich bin bekanntlich so fürchterlich schlecht darin, irgendetwas auszublenden. Und sobald sich auf der Terrasse  gegenüber etwas regt, geht bei mir der Blutdruck hoch. Meine Nachbarn feudeln und fegen täglich ihre Terrasse. Seit zwei Monaten. Denn so lange gehen die beiden nun nicht mehr weg. Bevor sie sich dann stundenlang in der Sonne rösten und dabei murmeln, beharken sie mit einer Puppenharke den Kies ihres Steingartens. Neulich hat der männliche Teil des Paares mit einem Sandkastenschäufelchen tatsächlich über den Zaun gelangt und in unserem Garten auf ein Unkraut eingedroschen, das ihm offenbar zu gefährlich nah am Zaun wuchs. Das hatte zur Folge, dass er es mit Oliver zu tun bekam, und unser Unkraut hoffentlich in Zukunft in Ruhe lässt. Noch besser wäre es natürlich, wir könnten alle wieder aus dem Haus.

Und dann ist da noch der Besuch in der hiesigen Tankstelle. Dort gibt es Warnschilder auf Augenhöhe und gelbe Pfeile auf dem Boden, wo frau bitte im großen Bogen hinein- und dann wieder hinauszugehen hat. You know, wegen Corona und dem Sicherheitsabstand. Ich schwöre - jedesmal, wenn ich in den letzten Wochen dort getankt und bezahlt habe, drehe ich mich um und renne fast direkt in irgendeine Frau, die direkt hinter mir steht, weil sie am Eingang in die falsche Richtung gelaufen ist. WTF?

Und dann noch dieses:

Gestern hörte ich plötzlich ein energisches und systematisches Rupfen hinter mir, als ich am Schreibtisch saß. Als ich mich erstaunt umdrehte, flatterte eine Meise aus der Terrassentür auf einen Ast. Aber nur, um kurz danach wiederzukommen, und das Katzenhaar von der Fußmatte, die innen auf der Schwelle liegt, einzusammeln. Das Schnäbelchen war schon ganz voll und sie hüpfte weiter herein und unter die Bank an der Wand, weil da noch mehr so schöne Wollmäuse lagen. Die waren ihr aber dann doch zu groß. Einmal flog sie weg und kam mit leerem Schnabel wieder, um sich erneut an die Arbeit zu machen. Ich saß ganz still und konnte mein Glück kaum fassen. Wie gut, dass ich so schlampig bin und hier so viele Flusen herumflattern. Ein Nest, das mit Katzenhaar gepolstert wird - was für ein merkwürdiges Wunder ist das? :)


*optimistisch

NH



Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff :) - den gäbe es hier:

Freitag, 17. April 2020

Corona-Lockdown Tag 33


Das Ende des Ich-Museums


Wenn frau Glück hat, lernt sie ja immer noch etwas dazu. Ich dachte wirklich, ein Tagebuch für fünf Jahre wäre eine gute Idee. Jeden Tag ein oder zwei Sätze mit dem Ergebnis, dass frau die Einträge aus fünf Jahren hinterher direkt miteinander vergleichen kann. Ich nehme an, vergleichen ist hier das entscheidende Stichwort. Mit einem Tagebuch, in dem die Beiträge für das gleiche Datum über fünf Jahre hinweg übereinander gestapelt sind, kann frau sich vortrefflich mit sich selbst messen. Mit anderen Leuten sollen wir das ja nicht mehr, hüstel. Das ist nicht mehr in Mode. Neid und Fremdbestimmung und all das Zeug.

Unnötig zu sagen - ich habe es selbstverständlich nicht bis ins fünfte Jahr geschafft. Ich habe am ersten Januar 2019 mit den Aufzeichnungen begonnen und das Ganze bis zum sechsten knallhart durchgezogen. Dann folgten nur noch sporadische Einträge und ab dem siebzehnten März war dann komplett Schluss.

Ich kenne mich gut aus, mit angeblich persönlichkeits- und bewusstseinsbildenden gestalterischen Langzeitherausforderungen. Weil ich immer total an Persönlichkeits- und Bewusstseinsbildung geglaubt habe. Ich schlage vor, dass frau möglichst jung damit anfängt, denn dann hat sie noch genug Zeit und Hoffnung. Also, Lebenszeit. Und Hoffnung, dass alles gut bzw. besser wird, wenn sie sich nur genug anstrengt. Mit Anfang zwanzig habe ich zu diesem Zweck mal drei Monate lang jeden Tag ein Bild getuscht. Und das war nur eines von vielen Selbstfindungsprojekten, dass seine Grundlage in langfristiger Wiederholung der gleichen Rituale hat. Leider gab es da noch kein Instagram. : ) Denn in den sozialen Medien kommen solche Challenges ja heute noch immer besonders gut an.

Jetzt bin ich 48 Jahre alt. Und der letzte Eintrag in meinem Fünfjahrestagebuch lautet so:

16.04.2020

Es klappt eben einfach nicht. Die Zeit all dieser Projekte zur Selbstdokumentierung ist nun wirklich abgelaufen. Und offenbar bin ich sogar im Jahr verrutscht. (Anm.: Ich hatte meinen Text einfach im oberen Feld begonnen. Technisch war das ja aber 2019.) Wie schrecklich schnell die Zeit vergeht. Und wie schrecklich wenig sich verändert. Das Büchlein fand ich so hübsch und sinnvoll. Aber was mittlerweile längst überwiegt, ist die Klarheit, dass ich sterben werde. Bis dahin muss ich noch so viel erledigen. Das wäre ein verdammt guter Grund, entscheidend weniger für das Ich-Museum zu ramschen. 

Und wenn ich dann tot bin, liest das hier ohnehin keiner mehr. Das ist so. Das ist es. So, wie es jetzt aussieht, wird niemand je ein Buch über mich schreiben wollen und sich dann über den ganzen Gedankensalat freuen. Keine wird nach mir jemals all dieses Papier brauchen. Ich habe es gebraucht, um mich zu retten und um Klarheit und Trost zu finden. Ich habe zu bestimmten Zeiten um mein Leben geschrieben. Jetzt müsste ich ja eigentlich endlich mal leben. 

Es ist die Wahrheit. Lange schon erkannt, aber nicht wirklich umgesetzt - trotz all des Ausmistens. Das Buch jedoch kommt vom Regal. Es wird mich nicht länger daran erinnern, dass ich der Challenge nicht gewachsen war. Das nervt, selbst wenn die Challenge selbst komplett bedeutungslos ist.

Als ich jung war, habe ich eifrig und täglich Tagebuch geführt. Und, wie oben berichtet, mitunter um mein Leben geschrieben. Wenn frau die alten Bücher durchgeht, ist immer wieder am erschütterndsten, wie sich die Bilder gleichen. Nichts ändert sich wirklich. Ich vermute, in den meisten Leben nicht. Was ich herauslese, war und ist noch immer meine Realität. Ich strample heute auch noch erheblich, um nicht vor Gram unterzugehen. Und ich habe stapelweise schriftliche Souvenirs daran, dass es kaum jemals anders war.

Weil das Schreiben aber am Ende auch nicht zu großen Schritten verhilft, dient mein aktuelles Tagebuch (unten im Bild, Nr. 42 - jahaa, meine Tagebücher sind durchnummeriert), das ich im Dezember 2017 begonnen habe, hauptsächlich zum Einkleben von Eintrittskarten zu verschiedenen Veranstaltungen. Wenn ich vom verramschten Ich-Museum rede, meine ich auch das. Festhalten ist noch immer das Motto. Jeden Eindruck. Jedes Bild. Jede Erinnerung. Jede Idee. Und es ist so verdammt schwer, die persönliche Geschichte nicht mehr so erst zu nehmen. Been there, done that* - und dann weg mit all den Dingen, die zum Erlebnis gehört haben. Das wäre was. Aber das schaffe ich noch immer nur mit großer Mühe.

Wenn ich schon nichts vom Geschehen behalten darf, muss ich nämlich wenigsten eintausend Fotos machen. Die Zahl der Bilder auf meinen externen Festplatten liegt im oberen sechstelligen Bereich. Und ich fotografiere erst seit ca. 10 Jahren regelmäßig digital. Von der Anzahl der Fotokisten aus der Zeit davor wollen wir gar nicht erst reden. Bei zwei externen Festplatten gibt es von jedem Bild oder Video selbstverständlich zur Sicherheit zwei Kopien. Frau kann nie zu vorsichtig sein bei der Konservierung der eigenen Geschichte. Natürlich nimmt auch die Pflege und Ordnung digitaler Dinge Zeit und Konzentration, die woanders viel besser dazu dienen könnten, das Leben in der Spur zu halten. Und auch hier gilt: Niemand will das noch sehen, wenn ich nicht mehr da bin. Und ich sollte wirklich andere Dinge zu tun haben, als (buchstäblich) eine Million Bilder noch einmal durchzuarbeiten. Es ist lächerlich, so zu tun, als müsse man seine Erinnerungen für die Nachwelt ordnen, so als wolle sie noch etwas davon haben oder studieren. Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber ich bin mir ziemlich sicher, das gilt selbst dann, wenn frau Kinder hat.

Das aktuelle Tagebuch
Überhaupt - Notizbücher. In Erwartung großer Dinge, dich ich natürlich im Laufe meines Leben noch handschriftlich zu Papier bringen werden, habe ich es bei mindestens drei Dutzend nicht über mich gebracht, sie im Zuge des großen Aussortierens aus dem Haus zu schaffen und zu spenden. Die Überschätzung der eigenen Großartigkeit und Produktivität ist auch bei Menschen mit vordergründig eher geringem Selbstbewusstsein oft ein heimlicher Anlass zum Hamstern. Von Baumaterial und Kunstbedarf zum Beispiel. Aber während ich Farben und Leinwände vor ein paar Jahren kistenweise weggegeben habe, blieben die leeren Bücher da. Die Kartons mit den Glasperlen übrigens auch - aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Natürlich finde ich sie auch einfach nur schön. Ich liebe Papier. Ich lieber Läden, in denen es Papier zu kaufen gibt. Aber ich lebe eben offenbar auch weiterhin mit der geheimen Resterwartung, vor meinem Ableben einen Jahrhundertroman mit einem Füller zu erschaffen. Würde mir das gelingen, wären womöglich Literaturwissenschaftler*innen auch wieder an meinen 42 Tagebüchern interessiert. Hurra! Wie gut, dass ich sie alle so übersichtlich archiviert habe.

Möglicherweise widerspricht es dem im Rest dieses Post geäußerten Ansatz, dass die Gegenwart wichtiger sein sollte, als (t65zzzrfttttttttttttttt - Nachricht vom Kater) alter, sentimetaler Kram, aber ich habe in den letzten Wochen gern Coco Peru dabei zugesehen und zugehört, wie sie auf YouTube die Geschichten von Gegenständen in Ihrem Haushalt erzählt. Das tut sie anlässlich der Corona-Ausgangssperre in Kalifornien, bei der sie nun allein zu Haus ihre Schätze wiederentdeckt. Dabei spricht sie zwar Englisch, aber sehr klar und deutlich. Ich kann die Reihe zur allgemeinen Aufmunterung empfehlen. Dinge stehen natürlich nicht nur zwischen uns und einem leichteren Leben. Es gibt ein paar Dinge, die muss frau behalten, weil in ihnen eben doch der Geist des Ereignisses wohnt. Allerdings dürfen sie dann nicht tief in Kisten und Schränken ohne angemessene Würdigung vergraben sein. ; )

*Hab' ich schon gesehen, hab' ich schon gemacht.


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NH

Sonntag, 5. April 2020

Corona-Lockdown Tag 21



Schön ist das nicht.


Ich bin ja keine, die das Leben liebt. Ich bin eine, die am Leben hängt, weil sie immer hofft, dass gleich noch was ganz Tolles passiert. 

Wohlgemerkt, es muss schon einfach so passieren, denn um Großartiges planvoll herbeizuführen - dazu fehlt mir seit jeher die nötige Energie, bzw. das anpackende oder verbissene Gemüt einer konventionell als erfolgreich wahrgenommenen Persönlichkeit. Natürlich wäre ich viel erfolgreicher, wenn ich trotz Krise und allgemein nicht so doller Verfassung früh morgens, sagen wir mal so um sechs, aufstehen und all das tun würde, was dafür notwendig ist, damit alles viel besser läuft. Der Versuch, alles zu tun, wenn frau für nur viel weniger Kraft hat, würde vermutlich wie immer direkt in die Selbstoptimierungsfalle führen. Frau denkt, das Unmögliche muss jetzt endlich doch gehen. Diesmal wird der inneren Antagonistin bestimmt beizukommen sein. Aber dann geht, so wie vormals, fast nichts und frau fühlt sich noch viel bescheuerter als vorher. Und die Verzweiflung über das erneute Versagen lähmt zusätzlich.

Jetzt hätte ich doch endlich mal Zeit für Rückengymnastik und Weiterbildung und Werbung und Social Media Networking und das Erstellen einer eigenen App. Ja, ist klar. Geschafft habe ich in drei Wochen weitgehend untätiger Corona-Krise meine Ablage (bis auf den Batzen von Dokumenten, die noch eingescannt werden sollen, versteht sich). Dafür habe ich mittlerweile alle Episoden der DDR-Kinderserie Spuk im Hochhaus gesehen. Stellenweise fast ein wenig wie Fellini...

Währenddessen geht Oliver in regelmäßigen Abständen mit dem Hund raus und kommt mit den merkwürdigsten Geschichten zurück. Der Sachsenwald steht voller Autos mit hamburger Kennzeichen, dabei ist Schleswig-Holstein für Touristen gesperrt. Am Bahnhof treffen sich Grüppchen von Fahrradfahrer*innen zur gemeinsamen Ausfahrt, die garantiert nicht alle im selben Haushalt wohnen. Ein paar Häuser weiter sitzen lauter junge Leute im Garten und scheinen tatsächlich noch immer so etwas wie eine Party zu feiern. Auf dem Gehweg vor dem Haus schieben Großeltern ihre Enkel vergnügt in einer Schubkarre hin und her - und just in diesem Augenblick sehe ich gerade eine alte Frau aus dem Nachbarbunker mit ihrem Enkel über den Parkplatz gehen. Die wohnen übrigens auch nicht zusammen... Millionen von Menschen zerbröselt die wirtschaftliche Existenz, während vor allem auch diejenigen, deretwegen wir das alles hier in der Hauptsache veranstalten, sich mitunter an gar nichts halten, um sich selbst und andere zu schützen. Das macht mich sauer. Verdammt noch viel saurer, als ich es naturgegeben ohnehin schon bin. Und die Sonne hilft ebenfalls überhaupt nicht. Was wir bräuchten, wären fortgesetzte Schneestürme bis Ende April.

Beim Sortieren von Papieren bin ich auf einen Ordner mit Themen für das Blog gestoßen. Zum Teil sind da sogar schon fast fertige Texte drin. Handschriftlich. Einiges werde ich nicht mehr verwenden, weil es sich inzwischen komplett überholt hat. Für andere Themen ist jetzt mitten in der Krise ihre Zeit definitiv gekommen, z.B.für das Folgende. Der Text stammt aus dem Winter 2018. Der Inhalt ist allerdings so aktuell wie damals.

Ich werde unsichtbar 


Unlängst haben sich zwei Frauen beinahe auf mich gesetzt. Am selben Ort. In einem zeitlichen Abstand von ca. 15 Minuten. Ich saß auf einer Bank an einem Tisch des Restaurants im Völkerkundemusem in Hamburg (heute heißt es Markk) und wartete auf Oliver, der dabei war, das Essen zu holen. Seit über einem Jahrzehnt esse ich einmal im Jahr im Herbst die Sieben Köstlichkeiten vom Büffet, wenn ich zum Markt der Völker gehe.

Während ich so in meiner Tasche herumkramte, näherten sich von linkes hinten eine junge und eine alte Frau. Die Junge hielt ein Baby im Arm. Die Alte verkündete, dass sie - ach ja - Glück gehat hätten, freie Plätze gefunden zu haben. Während der Platz mir gegenüber tatsächlich frei war, saß auf meinem Platz ja...ich. Die laute Oma schob sich mir nichts dir nichts in meine Reihe und zwang mich und Oliver, der gerade mit unseren Tellern angekommen war und sich gesetzt hatte, uns aneinanderzuquetschen. Ich sah ihn an und fragte laut: "Sag mal, kannst du mich sehen?" Er guckte mich verwirrt an, worauf ich ihm meine Befürchtung erklärte, nun endgültig unsichtbar geworden zu sein. Woraufhin die Idiotin sich munter und unerklärlich ahnungslos in unsere Unterhaltung einklinkte und bekundete, dass sie manchmal auch das Gefühl habe, nicht gesehen zu werden. Insbesondere Ausländer seien ja oft so unhöflich. Aber ihre Lösung sei es nun, sich bewusst innerlich groß zu machen. Dabei lächelte sie mir aufmunternd zu. Offenbar war alles mal wieder nur eine Frage der inneren Einstellung, und ich hatte die falsche. Darum hatte sie ja jetzt auch meinen Platz.

Dann allerdings wurde neben ihrer Tochter ein Platz auf der gegenüberliegenden Bank frei, und so setzte sie sich um, um näher bei der Enkelin zu sein. Ich war gerade auf meinen alten Platz zurückgerückt, als abermals von links hinten eine Frau kam und sich fröhlich fast auf meinen Schoß setzte. Sie hatte einen Mann im Schlepptau, und weil Oliver und ich ja fast mit dem Essen fertig zu sein schienen, passte das ja richtig super. Oliver und ich starrten uns an, und ich schwöre, in diesem Augenblick hatte jeder am Tisch enormes Glück, dass ich es vor lauter Verblüffung wieder nicht so recht schaffte, mich innerlich ganz groß zu machen. Tatsächlich muss man zugeben, dass wir wohl eher die Flucht vor so viel Unverschämtheit und Blödheit nahmen. Wir rafften das Geschirr zusammen und stießen noch so etwas wie "Jetzt reicht's!" aus, woraufhin die Frau mit angeschlossenem Mann fröhlich rief: "Es war aber nicht unsere Absicht, Sie zu vertreiben!", während sie bereits unsere Plätze eingenommen hatten. Ich machte kehrt, ging auf sie zu und zischte: "Und WAS GENAU war dann Ihre Absicht?" Ich konnte Olivers Sorge um den Landfrieden hinter mir spüren und sah die gähnende Leere in den Augen der nun nicht mehr ganz so fröhlichen Frau. Und dann entschied ich mich, einfach zu gehen. 

Es war, so meine ich mich zu erinnen, in einem Interview mit Bascha Mika, in dem ich zum ersten Mal von der Unsichtbarkeit der mittelalten Frau gehört habe. Ich weiß nicht mehr, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieses Phänomen sich tatsächlich als Lebenrealität manifestieren könnte. Kurz, ich hielt es für Quatsch, bis es anfing, mir zu passieren. Ich bin jetzt Ende vierzig, und Frauen, die deutlich älter sind, setzen sich auf mich drauf, wie auf ein Möbel. Ich kann mit 110 kg Lebendgewicht, von durchschnittlicher Körperhöhe und eingehüllt in pinkfarbene Wolle vorn in der Schlange beim Bäcker stehen und der Mann mit dem grauen Gesicht und der grauen Windjacke hinter mir kommt plötzlich vor mir dran. Neulich spazierte ein Herr bei Aldi in der Schlange kurzerhand an mir vorbei und stellte sich vor mir an. Er bemerkte seinen Fehler allerdings irgendwie doch noch und war ein wenig beleidigt, als ich ihm nahelegte, seinen Platz jetzt einfach zu behalten, denn sowas würde mir jetzt ohnehin andauernd passieren. Offenbar falle ich außerdem mittlerweile aus jeder Rangordnung heraus. Alte Frauen laufen grundsätzlich in mich hinein, wenn ich nicht Platz mache, genauso wie junge Männer. 

Als dicke Frau kannnte ich bisher das zermürbende Spannungsfeld aus der Unsichtbarkeit als weiblicher Mensch einer- und der Hypervisibilität als devianter Körper andererseits. Das ist übrigens auch ein verdammt unangenehmer Zustand. Ob komplette Unsichtbarkeit besser ist? Wenn ich demnächst ungehindert durchs Weißen Haus schlendern kann, dann ja.

Da ist noch mehr...
in dem Ordner mit Blogmaterial, das sich lohnen würde. Hoffentlich komme ich in den nächsten Tagen wieder in die Puschen - bis dahin #bleibtzuHause.

NH


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Sonntag, 21. August 2016

Follow me around 51: Herbst wäre mir lieber

Angeblich soll es nächste Woche noch einmal heiß werden. Von mir aus muss das wirklich nicht mehr sein. So lange ich denken kann, atme ich immer auf, wenn das Licht gelber und milchiger wird, und ich zum ersten Mal im Jahr ganz sicher den Herbst riechen kann. Seit über zehn Jahren habe ich zu meinem persönlichen, gefühlten Herbstanfang immer das distinkte Bedürfnis, eine große Kanne süßen Tee zu kochen und einen Vicar Of Dibley-Marathon abzuhalten. Ohne Kuhmilch im Tee ist das allerdings nicht ganz so befriedigend, wie sonst.

1635 Gegenstände weniger

Und den gestrigen Samstag habe ich im Keller verbracht. Hin und wieder besuchten mich der Kater oder neugierige Nachbarn, die alle paar Stunden ausriefen "Du bist ja noch iiiimmer hier!" und die Gelegenheit nutzten, sich über ihr Zusammenleben mit ihrem eigenen Kram auszubreiten. Offenbar kann dazu jeder etwas beitragen. Allerdings hat offenbar kaum jemand so viele Kisten voll mit Weihnachts- und Osterdekoration, wie ich. Das Publikum staunte jedenfalls nicht schlecht. Und Herr Zeymer brachte mir am Ende eine Flasche Bebivita-Saft mit Eisen. Ich muss ausgesprochen bedürftig gewirkt haben. Und ich war dankbar für den gelegentlichen Small Talk. Es war irgendwie tröstlich. Ich bin zwar nicht von Leuten umgeben, mit denen ich zumeist wenig gemeinsam habe und die mir die meiste Zeit gehörig auf den Wecker gehen, aber allein bin ich hier im Haus nicht.

Dabei lief es nicht besonders gut.Von fünfzehn Kisten sind dreizehn noch da. Elf davon voll mit Weihnachtskugeln in jeder Form und Farbe (ich meine das so), Rehen, Eichhörnchen, Adventskalendern, verschneiten Häusern mit Beleuchtung und allem anderen. Mir war nicht klar, wie sehr die 
Feiertage und was sie atmosphärisch und in meiner Geschichte repräsentieren, an mir kleben. Natürlich nicht im religiösen Sinne. Sondern im Hinblick auf Idealvorstellungen. Insbesondere die Feiertage am Jahresende sind ja oft überfrachtet von Hoffnungen auf Harmonie, Ruhe und Frieden. Und diese innere Perfektion soll sich auch noch im Äußeren wiederspiegeln. Traditionell waren Erwartungen und Enttäuschungen im Angesicht der Realität in meiner Familie stets besonders hoch und groß. Wenn man hinzuzählt, dass die Weihnachtsfeierei vor allem für mich auch immer als Übergang ins neue, noch unbeschädigte Jahr und damit in eine frische und viel erfolgreiche Zukunft fungierten, wird mir noch deutlicher, warum ich erstens selbst so viel Weihnachtskrempel habe (denn das meiste davon stammt nicht mehr aus dem Nachlass meiner Mutter), und warum ich ihn auch jetzt nicht wirklich rauswerfen kann. Obwohl meine Weihnachtsdekoration seit dem Tod meiner Mutter ohnehin eher spärlich ausfällt. Die Hoffnung dass alles irgendwann besser wird, gepaart mit der immerwährenden Überzeugung, dass auch alles auf jeden Fall besser werden MUSS, ist diejenige, die sich in diesem Haus noch immer am verbissensten behauptet. Da gibt es weiterhin die Vision, dass ich eines Tages den deckenhohen Weihnachtsbaum meiner Kindheit, der, obwohl er komplett gerade, symmetrisch und perfekt geschmückt war, dummerweise die meiste Zeit mitten auf einem familiären Schlachtfeld stand, für mich zurückerobere, den Anlass und den Platz für ihn finde, und ihn mit all meinen bunten und exzentrischen Ornamenten zum ersten Mal zum Mittelpunkt einer gänzlich glücklichen Festivität mache. Wer weiß...vielleicht brauche ich einfach auch nur noch ein Jahrzehnt, um das ganze Zeug dann doch bei ebay zu verkloppen. Hoffnungen und Ansprüche werden bekanntlich automatisch kleiner, wenn einem die Zeit ausgeht.

Außerdem ist der Keller natürlich noch lange nicht fertig. Während die gestrige Aktion nun sehr langwierig war, aber platzmäßig wenig Fortschritt beschert hat, hoffe ich (mal wieder), dass die verbleibenden Kisten und Gegenstände sich weniger gegen meine Bemühungen stemmen werden, sie endlich freizusetzen. Es ist mein erklärtes Ziel, meinen Keller in Zukunft vom Eingang bis zum Fenster an der gegenüberliegenden Wand durchschreiten zu können, ohne irgendetwas aus dem Weg räumen, bzw. ausweichen zu müssen. 

Gesund und reich

Bekanntlich gibt es in meiner Wohnung selbst ja auch noch genug Baustellen. In der letzen Woche habe ich meinen Schreibtisch und die Rollschränke mit dem Bürobedarf  bearbeitet. Das war nicht annähernd so schwer, wie die Weihnachtskisten, hat aber auch mal wieder sehr eindrucksvoll gezeigt, wie penetrant die Zeuginnen gescheiterter Selbstverbesserung hier überall um mich herum lauern. Ich hatte für 2016 drei Kalender angelegt, um die Fortschritte in drei verschiedenen Kategorien genau zu dokumentieren und zu "steuern". Das waren Finanzen, Gesundheit, sowie berufliche Weiterentwicklung. Beim Ausräumen habe ich sie gefunden. Und sie waren alle leer. Nun sind sie alle im Müll. Vom Stapel Pro- und Contra-Blöcke, um effizienter Entscheidungen zu treffen, habe ich mich dagegen nicht trennen können. Ebenso wenig vom Formularblock für Bestellungen beim Universum. Ich weiß natürlich immer nicht, ob ich lachen oder heulen soll, wenn er mir in die Hände fällt, aber trotzdem...er ist Anschauungsmaterial für die Spirale der Selbstverbesserung, die leicht mal bis hinab ins magische Denken führt.

Im Auto höre ich in diesen Tagen die Hörbücher von Rebecca Niazi-Shahabi. Immer wieder von vorn, weil ich hoffe, dass ich etwas Grundsätzliches mitnehmen werde. Sie rät bekanntlich, den Kampf um Selbstoptimierung schlicht an den Nagel zu hängen, und damit ein zufriedeneres Leben zu führen. Aber so wie das Aufgeben von Diäten, ist das Aufgeben von Selbstoptimierung selbstverständlich ebenfalls alles andere als einfach. Denn auch hier muss man am Ende Hoffnungen und all die wunderbaren, ausgedachten Märchen über das eigene eigentliche Leben und die wilden Phantasien über persönliche Möglichkeiten, die man alle hätte, wenn man nur ganz anders oder zumindest ganz dünn wäre, aufgeben. Das ist schmerzhaft und erfordert viel Übung. Und ist natürlich ironischerweise genau genommen auch eine Art Selbstverbesserungsprojekt. 

Das alles hat mich dann aber auch nicht davon abgehalten, beim Besuch einer Buchhandlung vor ein paar Tagen, zusätzlich zu den Filofax-Einlagen für 2017 auch noch einen kofferschweren, in faux Leder gebundenen Planner zu erwerben - im DIN A4 Format und mit genug Platz für To-Do-Listen und Notizen. Ich kann halt (noch) immer nicht anders.

Mir wurde übrigens klar, dass ich offenbar schon verdammt lange nicht mehr besonders gründlich durch einen Buchladen gegangen war - ich weiß, man soll den Einzelhandel um die Ecke im Existenzkampf gegen das Internet unterstützen. Aber erstens gebe ich ohnehin nicht mehr viel Geld aus, weil ich wenig habe und dummerweise ist der Service von echten Menschen um die Ecke meiner Erfahrung nach durchaus öfter mal so schlecht und regelrecht unfreundlich, als ob sie diese Unterstützung wirklich nicht nötig haben. Obendrein sind Buchläden jetzt offenbar in der Hauptsache Papeterie- und Geschenkartikelhandlungen mit Regalen voll mit Kaffeebechern, Döschen mit Pfefferminz und vorrangig leeren Büchern, auf denen die selben verzweifelten Motivationssätze stehen, wie in den Werken in der Selbsthilfe- und Esoterik-Abteilung: "Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine Spuren." Wenigstens ist es um solch ein Geschirr nicht schade, wenn man es an die Wand wirft.

Die Frauenabteilung war angesichts all der vielen pastelligen Illustrationen auf den Deckblättern der aufgestapelten romantischen Komödien schwer von der für Mädchen zu unterscheiden. Zu meiner Zeit standen da ja noch lauter Taschenbücher aus dem Fischer Verlag. Die hatten ein Programm, das "Die Frau in der Gesellschaft" hieß und durch das Venussymbol am Buchrücken leicht zu erkennen war (ich weiß, ich weiß - zuletzt haben die Hera Lind gedruckt). Bei Rowohlt hieß die entsprechende Buchreihe "Neue Frau". Die wurde 1997 eingestellt...seufz. Und als mittelalte, elitäre Kampfelse glaube ich in der Tat, dass wir momentan direkt und immer tiefer in den verdummten Salat steuern, den wir dann haben werden...

Klug und erfolgreich

Meine Prüfung zur Psychotherapeutin HP kann ich hier in Schleswig Holstein übrigens allem Anschein nach erst in über einem Jahr ablegen. Weil die Prüfung nur einmal im Jahr stattfindet. Und in diesem Jahr fand sie statt, als ich noch im Unterricht saß. Das gibt mir jetzt also Zeit bis Oktober 2017, um mich vorzubereiten. Mir ist natürlich schon wieder unbegreiflich, wie hier von Behörden mit den persönlichen Biographien und der Lebensplanung der Bürgerinnen umgegangen wird, und ich könnte mich seitenweise echauffieren. Stattdessen werde ich jetzt mal ein Formular ausfüllen, um beim Universum jemanden zu bestellen, der mich beizeiten abfragt. Und zwischendurch auf mich aufpasst, so dass ich bis zum Prüfungstermin nicht schon längst entweder im Gefängnis oder in einer Burnout-Klinik gelandet bin.

NH



Sonntag, 16. November 2014

Follow me around 10: Verschlüsselt


Das hier wird am Ende womöglich ein echter Tagebucheintrag. 

Vor Kurzem hat mir jemand gesagt, dass ich der Typ Frau bin, der doch garantiert ein Tagebuch führt. Ich habe vergessen zu fragen, was das wohl für ein Frauentyp ist, aber recht hatte derjenige zufällig trotzdem.

Das ist natürlich nicht wirklich ein Geheimnis - schließlich hat dieses Blog mal als "Diät-Tagebuch" begonnen. Überhaupt war ich immer sehr gründlich in der Archivierung meiner persönlichen Geschichte und Befindlichkeiten. Und das seit 1984. Da war ich zwölf, schwer verliebt in John Taylor von Duran Duran und wurde am 31.Oktober Vegetarierin (das sollte für die nächsten 12 Jahre so bleiben). Ich machte Diät, hatte oft Kopfweh und Zukunftsängste und arbeitete unablässig daran, ein besseres Ich zu werden. Auch dazu dienten die Aufzeichnungen - zur ständigen Selbstüberprüfung. Außerdem sprach ich mit meinem Tagebuch in der ersten Person. Es war ein "Du".

Im Laufe der Jahre kamen zum Haupttagebuch dann sogar noch andere Bände hinzu, um bestimmte Unterkategorien abzudecken - Ernährungstagebücher, Bücher mit Tageszielen und Tagesbewertungen und vor zwei Jahren ein Online-Dating-Tagebuch, das mittlerweile, wie bereits berichtet, schon wieder im Ruhestand und halbleer ist. Außerdem habe ich seit 2000 ein "Freubuch", gebunden in rosa Wildseide, in dem nicht der Alltag sondern nur herausragend gute und glückbringende Ereignisse festgehalten werden sollten. Bisher enthält das Buch zwanzig Einträge, davon sind sieben aus dem Jahr 2013.

Inzwischen fülle ich mein vierzigstes Tagebuch. Allerdings nicht mehr sehr regelmäßig. Der letzte Eintrag ist vom 16. Juni. Das Bedürfnis der ständigen Selbstbespiegelung sinkt offenbar, obwohl es sicher noch immer ziemlich ausgeprägt ist.

Es gab Zeiten, in denen habe ich buchstäblich um mein Leben geschrieben. Um eine minimale innere Ordnung zu erhalten und sich tatsächlich an irgendetwas festzuhalten - und wenn es ein Füller war. Heute rettet mich das Schreiben nicht mehr so zuverlässig. Manchmal strengt es mich regelrecht an, einen Stift zu halten, dann wieder macht mir die Alltagsanalyse eher Angst oder Kopfzerbrechen, als dass sie mich beruhigt.

Tagebuchseite - Mittneunziger

Liebes Tagebuch,

ich wünsche mir, dass mir etwas einfach Wunderbares passiert. Etwas Kühnes, Großes und Wildes. Wie ein freundliches Gewitter. Etwas, das ich selbst nicht ausdenken könnte und dann kaum glauben kann. Und am besten gleich.

Gute Nacht
Nicki

Freubuch in Pink zwischen Tagebuch Nr. 1 (grün) und Nr. 40.

NH

Montag, 28. April 2014

Ausgelesen: Ich bleib so scheiße wie ich bin

Anfang zwanzig war ich eine große Freundin des positiven Denkens. Und ich war jeden Tag zutiefst verzweifelt, weil ich gar nicht so schnell denken konnte, wie meine Ansprüche an mich selbst immer weiter und fast stündlich wuchsen. Ich hatte nicht weniger im Sinn, als irgendwann einen Oscar für Regie oder Drehbuch zu gewinnen. Und vielleicht einen Rockstar zu heiraten. In keinem von diesen beiden Szenarien war ich ein Gramm schwerer als 50 kg. Natürlich nicht. Das Leben, das ich vor mir hatte, war so großartig und atemberaubend, dass es mich schaffte, bevor es überhaupt begann, was dazu führte, dass ich meinen ursprünglich äußerst strategisch gewählten Studienort Los Angeles nach nur zwei Jahren wieder verließ, statt ihn zur Heimat und zum Schauplatz meines glanzvollen Kunstschaffens zu machen. Ich konnte einfach nicht mehr. Und daran änderten auch ein Berg an Lebenshilfe-Büchern und Tapeten aus Post-Its, die mir bestätigten, wie wunderbar und fähig ich war, NICHTS. Das war das erste, große Scheitern...
 
 
Es wäre ganz schön gewesen, Rebecca Niazi-Shahabis "Ich bleib so scheiße wie ich bin" damals schon zu haben. Aber womöglich musste ich ohnehin erst alt genug werden, um seine Botschaft überhaupt kapieren und schätzen zu können. Schließlich habe ich auch erst vor zwei Jahren begriffen, dass Diäten Scheiße sind. Während mich an John C. Parkins "Fuck It!" der Titel selbst am allermeisten beeindruckt hat, war die Lektüre von "Ich bleib so scheiße wie ich bin" für mich im Ganzen erholsam, erhellend und erheiternd. Nicht von vorn bis hinten ganz und gar logisch und konsequent. Aber ich habe das Buch am Ende trotzdem zugeklappt, und zu mir gesagt: "Ganz genauso isses!"

Was ich gelernt habe / was ich eigentlich schon wusste, aber nun noch besser weiß:

 
Das antagonistische Prinzip ist keine Frage der Disziplin - es tritt automatisch, naturgegeben und bei jedem auf: Sobald man sich vornimmt, mehr Sport zu treiben, weniger Schokolade zu essen und kein Geld mehr zum Fenster rauszuwerfen, wird das Bedürfnis, mit 500 g Toblerone auf der Couch zu sitzen und im Internet nach neuen Schuhe zu suchen nur umso größer. Man hat also immer gute Chancen, zu scheitern, wenn man sich grundlegend verändern, bzw. ein "besserer" Mensch werden will. Wenn man aber bei der Selbstoptimierung versagt, was fast unvermeidbar ist, dann entsteht ein Kreislauf aus Selbstzweifeln und Schuld. Man wird ganz klar nicht dünner, weil man einen schwachen Charakter hat. Den gilt es zu bekämpfen, damit man dann das Fett / die Zigaretten / die Faulheit überwinden kann. Und schwupp, hat man für den Rest seines Lebens ganz hervorragende Gründe, sich mies zu fühlen.

Wo der innere Schweinehund mit Disziplin und Überzeugungskraft nicht zu überwinden ist, kommt die Idee des positiven Denkens ins Spiel. Man muss nur richtig fest daran galuben, dass man reich, berühmt und beliebt wird, dann werden sich diese Gedanken in der Realität manifestieren. Oder auch nicht. Aber dann hat man ja wieder selbst Schuld, weil man nicht in der Lage ist, positiv genug zu denken. Muss man halt noch härter an sich arbeiten...

Auch wer glaubt, sich mit körperlicher und charakterlicher Selbstoptimierung eine Pole-Position auf dem Beziehungsmarkt zu sichern, kann das alles laut Niazi-Shahabi gleich wieder vergessen. Offenbar gibt es Erhebungen darüber, dass Männer tatsächlich Angst vor schönen Frauen haben, also vor solchen, die gängigen Schönheitsidealen am meisten entsprechen. Diese haben darum oft regelrecht Probleme, einen Partner zu finden. Die Frauen, die in Bars angesprochen werden, sind die, die signalisieren, dass sie angesprochen werden wollen. Und nicht die, die strahlend schön sind. Ich habe ja schon seit Langem vor, als dicke Dame mal wieder ein Bar-Experiment zu starten. In den letzten Jahren war es immer so, dass ich als dicke Frau in Bars den ganzen Abend total unbehelligt verbringen konnte. Da wollte keiner was. Lag das nun wirklich am Fett, bzw. meiner Unattraktivität? Oder daran, dass Männer mich für eine sauertöpfische Zicke halten? Na, vielleicht werde ich das zu einerem späteren Zeitpunkt noch genauer erforschen...

Ist eine Frau überdurchschnittlich schön UND gebildet, kann sie sich den Traum von einer stabilen, langfristigen Beziehung offenbar statistisch gleich ganz abschminken. Wer wirklich auf dem Heiratsmarkt am besten abzusetzen ist, und sich zusätzlich am meisten Hoffnung darauf machen kann, mit seinem Partner obendrein alt zu werden, das sind in der Tat eher durchschnittliche, graue Mäuse mit realistischen Erwartungen, was den eigenen Marktwert betrifft. Das gilt für Männlein wie Weiblein, und heißt, dass man hier eigentlich die Arschkarte gezogen hat, wenn man zu toll ist.

Was die Ansprüche an potentielle Partner angeht, so kann ich ja auch wenig aus meiner Haut. Dafür kann ich bei der Gefühlswelt des anderen mit Abstrichen leben. Ich verbringe lieber Zeit mit jemandem, den ich großartiger finde, als er mich, als mit jemandem, der verrückt nach mir ist, aber mir auf den Wecker fällt. Was uns zu dem Märchen bringt, dass man erst sich selbst lieben müsse, um jemand anderen lieben zu können. Das ist natürlich Blödsinn. Habe ich schon immer gesagt. Ich habe mich die meiste Zeit meines Lebens nicht geliebt. Das steht fest. Aber ich war immer (und ich bestehe absolut darauf, dass dieses zutreffend ist) in der Lage, andere (Katzen und einige Menschen) wie wild zu lieben. Ohne guten Grund und ziemlich bedingungslos - und aus vollstem Herzen. Ich bin sehr froh und stolz, dass es so ist.

Trotzdem: Wenn es, wie immer in Frauenmagazinen und Ratgebern verbreitet, wirklich die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Partnerschaft sein sollte, dass man auch allein total glücklich und mit sich und der Welt im Reinen ist, dann haben die meisten Single-Frauen noch einen verdammten Batzen Arbeit vor sich. Niazi-Shahabi gibt zu bedenken, dass derjenige, der als Single komplett glücklich ist, ja eigentlich auch gar keinen Partner mehr braucht, denn: "Wer keinen Machtkampf will, sollte keine Beziehung führen." (S. 193) In Liebesbeziehungen regiert nicht die Vernunft. Oft übrigens auch nicht die helle Freude. Und sie sind genauso schwer zu optimieren, wie die beteiligten Parteien selbst.

Nach der Perfektionierung des Körpers und der Beziehung geht es an die Karriere. Dabei gibt die Autorin zu bedenken, dass Höchstleistungen, die durch fortwährende Arbeit und Anstrengung erbracht werden, oft den Stress und die investierte Lebenszeit nicht wert sind. Das Glück über erreichte Erfolge verpufft erwiesenerweise schnell. Zusätzlich erzeugt Erfolg mehr Druck - er macht, so Niazi-Shahabi, unfrei. Karriere macht in der Regel außerdem nur der, der sich wirksam anpasst. Aber auch wer hart arbeitet und sich an die Regeln hält, ist nicht automatisch erfolgreich. Erfolg ist, mehr als wir gemeinhin annehmen, reiner Zufall, beziehungsweise ein Ergebnis der Umstände. Leute, die erfolgreich sind, haben oft einfach nur mehr Glück, als andere. Manche bereits bei ihrer Geburt. Hierzu kann man übrigens auch in Malcolm Gladwells "Überflieger" noch Erstaunliches erfahren.

Fazit: Es ist nicht schlimm, übergroße Träume aufzugeben. Denn das müssen wir alle irgendwann. Es ist viel schlimmer, seine Lebensfreude aufzuschieben und sich erpressbar zu machen, bis man dünn, fit, schön, klug, interessant, schlagfertig, selbstbewusst, erfolgreich, beziehungsfähig, oderweißdergeierwasauchimmer ist. Das ist natürlich auch unser Grundsatz hier am Strand. Darum: Gutes Buch.

NH