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Samstag, 6. Dezember 2014

Follow me around 12: Geisterstunde

Im Zuge des Aussortierens und Aufräumens stieß ich dann noch auf diese Notiz, die ich am 12.08.2014 um ca. ein Uhr nachts aufgeregt auf einen Block gekritzelt habe:

"3x! Plötzlicher Schatten bewegt sich am Bücheregal vorbei. So weit oben wirft die Katze keinen Schatten. Eine Motte im Licht wäre ein hektischer Schatten. Das hier war ein gleitender, runder Schatten! Was war das?"

Ich weiß, dass der Vorbesitzer meiner Wohnung ein freundlicher, gebildeter und engagierter alter Herr mit Geschmack (Danke noch einmal für Parkett und Fliesen) war, der Nachbarn half und Sachen für die Eigentümergemeinschaft in die Hand nahm. Außerdem verbrachte er den Winter offenbar regelmäßig im Süden, und fror grundsätzlich nicht gern. Seine Sauna musste allerdings bei mir einer Abstellkammer weichen. Ich weiß auch, dass er offenbar im Flur der Wohnung verstorben ist. Das hat mir nie große Sorgen gemacht, denn wenn tote Menschen eine Energie hinterlassen, dann war seine immer freundlich-neutral.

Netz und doppelter Boden

Ich erinnere mich allerdings auch, dass ich in der Nacht damals überall in der Wohnung die Lichter angelassen habe. Nichts würde mich mehr erfreuen, als der Beweis, dass es Geister gibt. Außer vielleicht die Entdeckung eines Plesiosauriers im nahe gelegenen Tonteich. (Zur Erinnerung: I WANT TO believe. Allein mir fehlt der Glaube.) Aber natürlich gruselt mich die Vorstellung auch. 

So wie es mich in den letzten Tagen vor der Stille gefürchtet habe, die jedesmal eintrat, wenn es zufällig kein Geplapper von YouTube/einer DVD gab. Manchmal ist es noch gruseliger, von allen guten Geistern verlassen zu sein, als Schatten durch den Flur wandern zu sehen. Und ein wenig vor mich hingeweint habe ich zuletzt auch. Aus Einsamkeit und wohl wissend/begreifend, dass es niemanden gibt, der so richtig für mich zuständig ist bzw. es sein will. 

Solange man auf den eigenen zwei Beinen unablässig aufgeregt in der Welt herumläuft, weil man es kann, merkt man es nicht. Wenn man dann aber plötzlich länger als die eine geplante Nacht im Krankenhaus bleiben muss, und niemanden hat, der sich um den Kater kümmert, dann erinnert man sich, dass man im Guten wie im Schlechten eine One-Woman-Show ist. (Der Göttin sei Dank für die Damen von Kittys Haustierservice, dem A-Team für Katzennotfälle, die Corbinian dann ganz schnell und ganz großartig versorgt haben.) 

Überhaupt war es eine bescheuerte und ausgesprochen uninformierte Idee, den Nabelbruch ausgerechnet jetzt richten und mir ein Netz in den Bauch einsetzen zu lassen. Das ist keine kleine Sache, von der man sich mal schnell übers Wochenende erholt! Es ist eine höllisch schmerzhafte Angelegenheit, mit 8 Einstichstellen rund um den Bauch, in deren Nachspiel so mancher offenbar für bis zu vier Wochen krank geschrieben wird. Der Herr Professor und ich hatten denn auch während der abschließenden Ultraschalluntersuchung ein mittelschweres verbales Gerangel, bei dem er behauptete, all das hätte er mir vorher auch haarklein erklärt. Hatte er natürlich nicht. Nie im Leben hätte ich mit den aktuellen Stapeln auf meinem Schreibtisch im Hinterkopf einer Prozedur zugestimmt, die mich unter Umständen für einen Monat außer Gefecht hätte setzen können. Und wenn er auch nur noch eine einzige fettphobische Spitze mehr in meine Richtung geschickt hätte ("da ist erst mal die ganze Speckschicht, und da sind die Muskeln, aber da ist natürlich nicht viel zu sehen") wär er jetzt vielleicht auch krank geschrieben.

Nein, ich bin nicht froh. Auch weil die Schmerz-Situation sich seit einigen Tagen nicht mehr so richtig zu entwickeln scheint, bzw. weil es so viele Rückschläge gibt. Und ich kann mir nicht helfen - ich habe Angst vor dem Fremdkörper und davor, als chronische Schmerzpatientin zu enden. 

Eine Krankenschwester erklärte mir, dass man im Verlauf der Operation ja "aufgepumpt" wird, und dass das Gas regelmäßig viel Kummer bereitet, bis es sich endlich wieder aus dem Körper verabschiedet hat. Das kann offenbar dauern. Bis dahin wabert es hin und her und drückt. Ich bin also möglicherweise voll mit heißer, verkanteter Luft, die nicht die Kurve kriegt. Wer hätte das gedacht...ist ja fast wie in meinem Kopf. ; )

Die Küche

Wie sich beim Ausräumen des Kühlschrankes ebenfalls herausstellte, besitze ich noch drei Liter Buttermilch mit Melonengeschmack. Irgendwann am Jahresanfang 2014 gekauft, aber Milch dieser Art hält ja heutzutage länger als man selbst. Und verdammt - die werde ich auch noch austrinken, ob es aus kohlenhydrattechnischen Gründen gestattet ist, oder nicht. 

Mit dem Anbrennen läuft es ein wenig besser, seit ich mich daran gewöhnt habe, einen Timer zu stellen. Und ja - es gibt oft pochierten Lachs mit Salatgurke. Da kann ohnehin nicht so viel schief gehen. 

Nachdem ich nun mein äußerst erfolgreiches Programm, nur noch intuitiv und ohne ständige Nahrungspolizei im Kopf zu essen, wieder abbrechen musste, um meinen Zuckerwert in den Griff zu bekommen, ist mir das Essen in der Folge fast ein wenig vergangen. Mit dem Ergebnis, dass ich in absehbarer Zeit mal wieder ein UHU (unter einhundert kg) sein werde. Freude kommt da keine auf. Ich meine es so, wie ich es sage: Ich hätte lieber weiter angstfrei gegessen und mich weiterhin mit mit meinem Fett bekannt gemacht und angefreundet.

Das ist die Frage

Der Fragebogen am Jahresende - er ist mittlerweile Tradition, seit ich ihn für den Rückblick 2011 von Shushan übernommen und seitdem immer mal wieder ein wenig verändert habe. Im letzten Jahr, sah die Sache noch so aus.

1. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie war Dein Jahr? 5 (Das ist um 2 Punkte schlechter als 2013 und ist einem ganzen Strauß an Widrigkeiten geschuldet.) 

2. Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen (ca. 14 kg).

3. Haare länger oder kürzer? Länger. Ich mach damit ja jetzt auch einfach nichts mehr, bzw. komme nicht einmal dazu, einen Gedanken an meine Haare zu verschwenden. Es gibt Tage, da renne ich aus dem Haus, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel geworfen zu haben. Manchmal bin ich dann abends bei der Gesichtswäsche erstaunt, was ich da finde und frage mich, wie lange das da wohl schon klebt oder wächst. ; )

4. Mehr Kohle oder weniger? Am Ende wohl doch mehr.

5. Besseren Job oder schlechteren? Gleich.

6. Was war der schlechteste Film, den du 2014 gesehen hast? Wrong Turn 5. Die Tatsache, dass das Final Girl hier ausgehebelt wird und nicht mehr siegreich überlebt, wie es die Tradition eigentlich verlangt, fand ich erschreckend und perfide. Es ist ein fürchterlicher Film, bei dem einem der Spaß am Horror wirklich vergeht. 

7. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Nichts, nichts, nichts. ; ).

8. Mehr bewegt oder weniger? Weniger. Mehr Zeit auf dem Bürostuhl. Seeehr viel weniger Sex.

9. Die gefährlichste Unternehmung: Es gab keine. Das müsste sich im kommenden Jahr eigentlich wieder ändern.

10. Die teuerste Anschaffung: Es gab keine herausstechend teuren Anschaffungen mehr. Sollte ja ohnehin eher alles weg als neu hinzu. Die Licht-Enthaarungsmaschine vom letzten Jahr habe ich übrigens noch immer nicht in Betrieb genommen.

11. Das beste Essen: Garnelen. Mal wieder. Diesmal beim Chinesen um die Ecke. Dort war ich seit Jahren nicht, aber die Garnelen süß-sauer sind dort seit meiner Kindheit noch immer die besten, die ich kenne.

12. Das schönste Geschenk: Eine Reise nach Wien. : )

14. Die meiste Zeit verbracht wo? Vermutlich wieder am Schreibtisch. Oder im Auto.

15. Die größte Überraschung: Eine organisierte Wohnung, in der fast alles einen festen Platz hat, den man leicht erreichen kann, macht das Leben sehr viel besser, als ich es tatsächlich für möglich gehalten hätte. Es ist also nicht nur das Aussortieren. Es zählen auch das Sortieren und Anordnen der Dinge, die bleiben.

16. Die besten Investitionen: Eine gelbe Vase. Und eine Hotelbuchung.




17. Die wichtigste Erkenntnis: "Für alles einen Platz, und alles an seinem Platz" funktioniert. 

18. Was machst du zu Weihnachten? Ich schnipple die Zutaten für den Kartoffelsalat klein und schaue mir dabei Astrid Lindgrens "Michel" an. Wie jedes Jahr. Und ich werde schlafen, schlafen, schlafen.

19. Was wünschst du dir für das kommende Jahr? Liebe. Liebe. Liebe. Und noch viel mehr Geld. ; )

20. Und was jetzt? Jetzt versuche ich endlich mal wieder, ein Manuskript zu verkaufen. Außerdem habe ich ja schon so lange vor, versuchsweise einmal zu vloggen...

NH

Sonntag, 5. Oktober 2014

Follow me around 8: Mittendrin



Ich guckte eines Tages von oben auf meinen Bauch und stellte fest, dass er dieser Tage wie ein Spitzkohl aussieht. Also, wie gesagt - nur von oben jetzt. Ich habe eine punktuelle, ziemlich harte Ausstülpung oberhalb des Nabels, die entnervend in die Welt zeigt. Wenn ich mich setze oder liege, verschwindet sie. Das war offenbar  auch das Problem von zwei Ärzten, die es in den letzten Wochen mit meiner verbeulten Mitte zu tun bekommen hatten. "Legen Sie sich mal hin", hatte es schlicht nicht gebracht. Denn das, was man im Stehen hätte ertasten können, verschwand beim Liegen schlicht wieder durch ein Loch in seine Höhle. Meine Bauchhöhle, um genau zu sein. Die Darmschlingen, die sich durch meine Bauchdecke schlängeln, bzw. herauskippen, wenn ich stehe, sind offenbar wie flinke, listige Tierchen.

Ich wusste, irgendetwas stimmt nicht. Aber zwei Ärzte hatten mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Ich spürte die Beule, die ein wenig hin- und herwaberte, aber beim Stehen und gehen immer da war. Trotzdem dauerte es sage und schreibe bis gestern Abend, bis mich endlich so etwas wie Panik ergriff. Ich stand in der Küche und bekam keine Luft mehr. Dann wurde mir regelrecht blümerant. Mein Bauch fühlte sich an wie ein Korsett. Ich hasste, hasste, hasste ihn mit seinem unberechenbaren und aufdringlichen Inhalt und die Tatsache, dass er mich nun doch dazu zwang, mich ernsthaft mit ihm zu befassen. Vor meinem inneren Augen tanzten Bilder von Tumoren, die sich mit rasender Geschwindigkeit zu Globusgröße entwickeln und mich und mein Leben sprengen würden...

Zwar brachten mich eine Beruhigungstablette und etwas Recherche im Internet langsam wieder auf den Teppich, denn ich ich hatte einen Anfangsverdacht und dann nach ein paar Minuten fast so etwas wie eine Bestätigung desselben: Nabelbruch. Davon stirbt man nicht. Das sollte man nur irgendwann mal operieren lassen.

Aber sicher war ich mir natürlich erst, als ich heute in eine Notfallpraxis im Krankenhaus am Ort ging, und dem Arzt dort meinen nackten Bauch strategisch in aufrechter Position präsentierte. Der sagte: "Ja, das ist es. Man kann auch die Bruchöffnung fühlen." Dann schrieb er mir auf, bei welchem Professor er an meiner Stelle das Loch in der nächsten Zeit mal flicken lassen würde. (Jetzt hoffen wir mal, er und ich haben uns diagnostisch nicht total vertan.)

Zu viel Druck

Meine Mitte ist entzwei. Die Balance ist flöten, alles läuft in diesem Jahr noch etwas mehr aus dem Ruder als sonst, und ich werde offensichtlich und buchstäblich langsam dünnhäutiger, statt resilienter. Der Körper steckt nicht mehr weg, sondern serviert einem ein Projekt nach dem nächsten. Erst Haut, dann Zucker und jetzt ein Loch im Bauch. Ich weiß die umwerfende Symbolik zu schätzen. Aber ich habe keine Zeit, krank zu sein. Und ganz ehrlich: Es war beleibe nicht notwendig, mir jetzt abermals zu erklären, dass ich meine Mitte finden und mehr respektieren soll. Das weiß ich tatsächlich alles schon. Allein, ich kenne den Weg zu meiner Mitte nicht so recht.

Kram

Und  weil das so ist, habe ich, auch an diesem Wochenende, mal wieder begonnen zu graben. Im wahrsten Sinne des Wortes und in meiner persönlichen Geschichte zugleich. Denn mein nächster Lebensraum ist noch immer ein Ich-Museum ungeahnter Fülle. Vorgestern habe ich säckeweise alte Fotos und Dias fortgeworfen. Dann tatsächlich Bücher. Schwupps - in den Müll damit. Ich habe keine Zeit mehr, lange nach Abnehmern zu suchen. Ich muss die Organisation und Vereinfachung des Alltags endlich schaffen, um die Hände für Freude und Balance überhaupt frei zu haben.

Dass Kram einen erstickt und daran hindert, frei zu leben und sich nicht dauernd mit bombastischen Nebensächlichkeiten abzuplagen, ist klar. Wenn man an seine Lieblingsdinge nicht rankommt, oder Sachen nicht wegräumen kann, oder sich überall in der Wohnung kleine Horrorecken bilden, dann saugt das Energie und macht mich persönlich auch schon lebenslang fahrig und unzufrieden. Ich kämpfe gegen die Flut der Dinge solange ich denken kann. Auch bereits als Kind, als die ersten Bücherkisten in der Keller mussten, weil das Kinderzimmer zu klein wurde. Allerdings sind die Rückschläge schwer und die Energie und Konsequenz selten ausreichend. Einer meiner besonderen Feinde ist ja Kabelsalat. Das wird sich jetzt ändern. Alle Kabel werden demnächst zusammengerafft und BESCHRIFTET. Diesmal soll alles anders werden. Endgültig.

Im Bad habe ich eine Schachtel gefunden, in der sich alte Kosmetika von meiner Mutter befinden. Dass diese bisher nicht geöffnet worden ist, hat bestimmt seine Gründe. Es war halt noch nicht Zeit. Und ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass das Loslassen auch fünf Jahre später noch immer nicht komplett stattgefunden hat.* Die Existenz der inzwischen brüchigen Nivea-Creme in meinem Haushalt ist ein hervorragendes und vermutlich sogar ziemlich drastisches Beispiel für "emotional clutter". Das meiste, was wir haben, obwohl es keinen klaren Zweck erfüllt und eigentlich nur immer im Weg herumliegt, dürfte in diese Kategorie fallen. Fotos von Leuten, die meine Eltern (aber ich nicht) kannten. Bücher mit Widmung (an meinen Vater), die ich bestimmt nie lesen werde. Steine. Federn. Muscheln. Postkarten. Skizzenblöcke von meiner Mutter. CDs von Ex-Freunden mit Musik, dich ich nie so recht leiden konnte. Die Stühle aus dem Esszimmer meiner Kindheit, die ich immer mal aufarbeiten lassen wollte. Material für Kunstprojekte, die einfach nicht passieren. Und wer weiß, ob jemals.

Inzwischen gibt es ja massenhaft professionelle Hilfsangebote, um sein Leben auszumisten und sich von Ballast zu befreien. Vollgestopfte Häuser sind nichts ungewöhnliches. Das steht fest. Längst befasst sich auch die Wissenschaft mit dem Haben und Horten.

Wie bei allem, was das Leben besser machen soll, muss man ein wenig aufpassen, dass es nicht zur Ersatzreligion wird. Akribische Selbstorganisation als Selbstzweck ist genauso wenig zielführend wie ein Putzzwang, wenn es schließlich darum geht, sich der Macht der Dinge am Ende des Tages zu entziehen. Wenn sie sich in der weiteren Welt da draußen eigentlich nicht zurechtfinden, hilft es nichts, wenn Menschen in der Abstellkammer auch nicht die kleinste Kleinigkeit mehr dem Zufall überlassen. Obwohl es gelegentlich schon ausgesprochen faszinierend sein kann, sie dabei zu beobachten.

Obendrein kann es leicht dazu kommen, dass bei dem Unternehmen Selbst- und Haushaltsorganisation zunächst einmal noch mehr Kram ins Haus geschleppt wird... ; )





















*Vielleicht vlogge ich mal das Entpacken und Auflösen - als leicht morbide Alternative zum herkömmlichen "Unboxing".

NH