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Freitag, 15. Juni 2018

Ausgelesen: "Nicht direkt perfekt" von Nicole Jäger

"Ich mache mir immer Gedanken darüber, wie ich wohl gerade aussehe. Immer." (S. 10)


Einer meiner Vorsätze für 2018 war, keine schlechten Bücher mehr zu lesen. Hat bekanntlich mal wieder nicht geklappt. Erst die relative Enttäuschung über Magda Albrechts biederes "Fatshionsta" und nun auch noch das.

Obwohl es im Fall von Nicole Jägers "Nicht direkt perfekt" streng genommen keinerlei Enttäuschung gab - es bestanden ohnehin keine großen Hoffnungen. Das Buch ist erwartungsgemäß sprachlich daneben und vollgestopft mit Quatsch. Und dann noch mit den Wiederholungen von eben jenem Quatsch. Im Zuge ihrer unsäglichen, SIEBZEHN!!!seitigen Danksagung bedankt sich Nicole Jäger übrigens auch bei ihrer Lektorin Susanne Frank. Jeder gequälten Leserin, die sich bis zu diesem Punkt durchgearbeitet hat, bleibt nur noch, mit letzter Kraft aufzuheulen: "Wofüüür?!" Bei der Vorstellung, wie unerträglich der Ausgangstext tatsächlich gewesen sein muss, wenn hier wirklich noch eine professionelle Nachbearbeitung erfolgt sein soll, kräuseln sich einem die Fußnägel hoch. Selten habe ich ein Buch in Händen gehalten, bei dem so klar war, dass hier irgendwie und wie auch immer Papier gefüllt werden sollte. Weil man halt unbedingt einen Nachfolger für den vorangegangenen Bestseller "Die Fettlöserin" herauspressen wollte.

Dummerweise ist der Nachfolger (zumindest relativ) gefloppt. Nicht wegen des Lektorats, das war beim Vorgänger wie gesagt auch nicht besser. Sondern, weil die (vermutliche) Superlügengeschichte vom Rekordgewicht von 340 kg, die den ersten Erguss weit ins Land trug, im zweiten Werk eben nicht mehr zieht. Denn die Frau Jäger nimmt nicht mehr ab. Sie hat es noch immer vor. Jedenfalls sagt sie das. Aber sie tut es nicht. Ganz so, wie wahrscheinlich die meisten ihrer zuvor begeisterten Leserinnen.

Glauben sollte man der Frau Jäger sodann auch im zweiten Werk nicht allzu viel. Das Buch ist nicht nur verdammt langatmig und redundant - es war offenbar der Versuch, auf einen komplett artfremden Zug aufzuspringen und sich weibliche Selbstakzeptanz (im allerweitesten Sinne) als neues Betätigungsfeld und Einnahmequelle unter den Nagel zu reißen. Solange es mit dem Dünnwerden nichts wird, nimmt sie eben einen Umweg über die Selbstakzeptanz. Ist ja jetzt auch irgendwie in.

Auf der Hand liegt, dass die Frau Jäger auch ganz ohne gezielten Umbau der Wahrheit hierbei ein substantielles Glaubwürdigkeitsproblem hat, hat sie doch im Vorgängerbuch tausendmal ihren Leserinnen in deren Ärsche treten wollen, damit sie bitteschön endlich abnehmen. Auch so etwas, was das Lektorat damals nicht verhindert hat. Eine deutliche Distanzierung von ihrem ursprünglichen Lob des Diätens nimmt Frau Jäger im neueren Werk mithin nicht vor.

Dafür verrät jedoch der Titel "Nicht direkt perfekt"schon genau, was dann zwischen den Buchdeckeln hauptsächlich stattfindet - von der Gültigkeit von Schönheitsnormen mag sich die Autorin gedanklich gar nicht trennen, denn offenbar gibt es in ihrer Welt sehr wohl so etwas wie ein "perfektes" Äußeres sowie deutliche Abweichungen davon. Das führt zum einen dazu, dass ihre Solidarität mit der "nicht direkt perfekten Leserinnenschaft" nur eine verlogene ist - so wie die von Frauenzeitschriften in der Regel auch. Zum anderen veranlasst es die Autorin zu einer auf verwirrende Weise selbstbeweihräuchernden Selbstdarstellung als eine Mischung aus einsamer Drama Queen, kapriziöser Sitcom-Protagonistin und Femme Fatale. Tatsächlich bezeichnet sie sich quer durch das Buch hindurch selbst als "Diva". Bei den kuscheligen Aufzählungen ihrer "Schwächen" (das dünne Haar, die hängende Haut, die chaotische "Künstlerseele" (S. 251)) scheint es sich mithin lediglich um Koketterie zu handeln, die sich vor dem Hintergrund ihrer eigentlichen Grandiosität zwecks Sympathierhalts eben einfach schickt.

Wenn frau den Schilderungen der Frau Jäger glauben mag, dann ist sie in der Tat ein männermordender Vamp, ein veritabler Penis-Magnet, bei dem große, breitschultrige Männer vom vordersten Ende der Nahrungskette in Bars und Clubs regelmäßig Schlange stehen. Das Buch fängt an mit Film Noir für Anspruchslose: "Ein Club, ein Abend, ein angekratztes Ego, ein paar Gin und plötzlich war er da." (S. 9) Und geht dann auch schön platt weiter: "Der Boy neben mir ist auch nice (...) und sowie er guckt, werde ich schon bald herausfinden, wie sein Body aussieht." (S. 11)

Wieder und wieder jubelt uns die Autorin ihren vermeintlich immensen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Frau-Mann-Beziehung unter: "Mein Körpergefühl habe ich mir erarbeitet, erheult, erfickt..." (S. 66) "Ich brauchte Männer, die mir auf den Hintern (...) und ab und an sogar ins Gesicht guckten. (...) ich brauchte schlechte One-Night-Stands, tausend Laufmaschen, abgebrochene Absätze, verlaufenes Make-up, beschissene Beziehungen..." (S. 67/68) "Ich wurde schon für alle möglichen Arten von Frauen verlassen..." (S. 149) "Ich habe schon so manche Beziehung (...) gegen die Wand gesetzt..." (S. 175) "Ich trennte mich. Man trennte sich von mir. Man trennte sich im beiderseitigen Einverständnis, wie es immer so schön heißt,..." (S. 176)

Und dann wäre da ja auch noch eine in die Brüche gegangene Ehe zeitlich unterzubringen, bei deren Aufarbeitung im Buch die Frau Jäger ihrem verspießerten Ex mit einer gehörigen Portion Bitterkeit so richtig eins überbrät: "Eine Trennung, die das Ende einer Beziehung markierte, die vom ersten Tag an ein Ablaufdatum hatte." (S. 180) Und er ging ihr "auf die Eier, die er nicht hatte." (S. 185) Autsch...

Da staunt der Laie und Nicola wundert sich. Die hat bekanntlich unter großen Anstrengungen das Erstbuch komplett gelesen und fragt sich, wann die Frau Jäger bis Mitte dreißig bloß all diese Millionen von Affären und Beziehungen gehabt haben will, auch im Hinblick auf die Tatsache, dass sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer besonders dating-relevanten Jahre in einem Körper verbracht haben muss, mit dem es mitunter gar nicht so leicht gewesen sein kann, sich ohne Hilfe zu bewegen, geschweige denn mit ihm in tausenden von Nachtclubs Horden von Verehrern abzuwehren. Wenn die erste Lebensgeschichte stimmen soll, scheint die zweite schlicht nicht machbar.

Was hilft es anderen Frauen überhaupt, wenn man ihnen erzählt, was für eine Sexbombe man ("trotz" eines Gewichts von 170 kg und damit einer erheblichen Abweichung von gängigen Schönheitsnormen) ist? Wäre es nicht sinnvoller, zu verkünden, dass es schlicht für niemanden wichtig ist, eine Sexbombe zu sein?  Das würde der Frau Jäger freilich niemals in den Sinn kommen, denn: "Ich für meinen Teil bin jedenfalls in keinem Moment schöner als in jenem, in dem mich ein Mann begehrt." (S. 218)

Davon handelt im Grunde das ganze lange Buch. 

Von der Validierung durch männliche Zustimmung und der Tatsache, dass bestehende Körpernormen durchaus gelten, aber für das Gelingen individueller Lebensgeschichten, insbesondere in sexueller Hinsicht, nicht immer von ganz sooo großer Bedeutung sein müssen, wenn Frau eben nur anderweitig genug Großartigkeit entwickeln kann. Wie frau das macht? Nun, frau ist natürlich selbst dafür verantwortlich. Und natürlich selbst schuld, wenn es ihr nicht gelingen mag: "Ich glaube, das Problem liegt nicht im Spiegelbild und auch nicht im Auge des Betrachters, sondern in unseren eigenen Köpfen." (S. 82) Alles findet eh nur "in unseren Köpfen statt." (S. 83) Und "letztlich haben wir alle an dieser Misere Schuld." (S. 129)

Sprach's, und hub an zu einer bemerkenswerten Body-Shaming-Tirade: "...Meister-Verkorkserin meiner eigenen Figur..." (S. 51), "...dick zu sein ist kein Drama..." (S. 35), "Scheiß drauf, dass du nicht perfekt bist..." (S. 131), "...weil man figürlich nicht der Knaller ist..." (S. 151), "...darf ich mich wohlfühlen (...), obwohl ich nicht so perfekt aussehe?" (S. 205), "...obwohl ich genau weiß, ich sehe aus wie eine gestrandete Boje." (S. 242) "...und wenn alles straffer, schlanker (...) oder filigraner wäre, wäre es vielleicht auch nicht schlecht." (S. 117), "...aber, Himmel!, sehe ich nackt beschissen aus. Das lässt sich nicht schönreden." (S. 79), "Du darfst gerne 'Problemzonen' haben..." (S. 63), u.s.w.

Wenigstens ist die Menstruation nichts Ekliges. Das erklärt die Frau Jäger uns in befremdlicher Breite zwischen Seite 88 und Seite 105, denn offenbar "huschen nicht wenige Frauen durch Drogeriemärkte und verstecken ihre Tampons und Binden unter ein paar Bananen..." (S. 89) Donnerwetter. So einen Satz muss frau ja auch erst einmal erdenken, aufschreiben und dann selbst aushalten. Damit hat die Frau Jäger nebst Lektorats-"Vasallin" Frank (S. 250) jedoch erwartungsgemäß ganz und gar keine Probleme. Ganz im Gegenteil - für ein wenig Pathologisierung der menstruierenden Frau findet sich natürlich immer noch ein Plätzchen auf dem Papier: "PMS macht aus uns weinerliche Lappen, ekelhafte Furien, gemeine Drachen, todtraurige Gestalten, hoffnungslose Jungfern und heroische Kriegerinnen. (...) Und wir sind machtlos dagegen." (S. 101)

Was mir noch aufgefallen ist: Im Kapitel "Große Schwester" (ab S. 133) geht es um eine Essstörung, die im Diätratgeber meines Wissens nach nicht wirklich thematisiert worden ist. Die Frau Jäger gibt hier nun aber an, esssüchtig zu sein, stilisiert ihre Essstörung mit Pomp und Pathos zur Person und spricht sie direkt an. In der Tat handelt es sich bei der Essstörung um die "große Schwester" aus der Überschrift (S. 141), was mich ganz frappierend an meine Nachforschungen in der Pro-Ana-Bewegung vor ein paar Jahren erinnert hat. Da bekam Ana (die Anorexie) ebenfalls die Rolle einer ganz besonderen, düsteren Freundin und Begleiterin in den Leben der Betroffenen zugesprochen. Über die Rolle der großen Schwester im Leben der Frau Jäger mag ich nicht wirklich noch mehr spekulieren - immerhin droht sie: "Ich bringe zur nächsten emotionalen Messerstecherei meine große Schwester mit." (S. 146) Aber ein wenig gruselig ist das jetzt schon, oder? Might wanna get that checked out.*

Ach, und, als ob nicht alles schon fürchterlich genug wäre, redet die Frau Jäger zu guter Letzt auch noch über Feminismus. Warum eigentlich - das hat sich mir einfach nicht erschlossen. Und mir fällt erst recht kein Grund ein, warum das irgendeine lesen sollte. Wer Beweise braucht: "In dem Moment, in dem Männer nicht mehr Kerle sein dürfen und Frauen dafür welche sein sollen, läuft meinem Erachten nach etwas ganz fürchterlich schief." (S. 228) Nun ist es schon so, dass die Frau Jäger dafür ist, dass alle die gleichen Rechte haben. Aber sie will auf keinen Fall damit aufhören müssen, sich zu rasieren. (S. 233) Facepalm. Sie weiß selbstverständlich auch, dass wir "selbst den unangenehmsten Zeitgenossinnen unter ihnen (den Feministinnen) verdanken, dass wir heute stehen, wo wir stehen" (S. 231), aber der Begriff Feministin ist nun einmal so "muffig" und "schlimm verstaubt". (S. 226) Noch einmal: Facepalm.

Interessant wird das Buch für mich nur an einer einzigen Stelle, weil ich dort einen Schimmer Wahrhaftigkeit vermute - und, wie so oft, ist die Wahrheit nicht beabsichtigt. Aus heiterem Himmel betreibt die Frau Jäger Publikumsbeschimpfung. Angriffe im Internet setzen ihr offenbar sehr viel mehr zu, als es professionell wäre. Sie schreibt diese dem Neid der Angreifer auf sie zu und ist zutiefst enttäuscht darüber, dass Ihre Fans sie nicht mehr und wirkungsvoller verteidigen. Offenbar haben die nicht wirklich begriffen, wer sie eigentlich ist: "Weil Neid eben doch von allen Seiten hässlich ist und die Community der 'Zu-mir-Halter' allem Anschein nach vergesslich ist, wenn Worte wie Pflastersteine fliegen und die Luft brennt, ich dabei zusehen muss, wie der 'Ich stehe hinter dir'-Fresseaufreißer wegrennt, immer dann, dann, (nein, kein Typo) wenn ich einen Wingman bräuchte." (S. 246)

Nein, zu beneiden ist sie wirklich nicht.


NH

*Da würde ich an deiner Stelle mal einen Arzt fragen.



Donnerstag, 25. Mai 2017

Nachgetragen

Fette Logik


Die Frau Herrmann hat meine Rezension ihres Buches auf ihrem Blog "kurz" kommentiert. Gaaanz kurz - auf nur sieben ultrakurzen Seiten. Dabei beschwert sie sich in der Hauptsache darüber, dass ich sie quasi durchgehend mit Absicht aus dem Zusammenhang zitiert hätte und dass die Kritik von mir als Frau an ihr als Frau schlicht "unfeministisch" sei. Insbesondere bezieht sie sich darauf, dass ich ihren Status als vermeintliches "Stalkingopfer" nicht als Ausrede dafür akzeptiert habe, dass es aus unklaren Gründen unmöglich war, die Doktorarbeit der Frau Hermann (die offenbar gar nicht Frau Hermann heißt), einzusehen. 

Ihre Leser tröten in den Kommentaren unter ihrem Kommentar, oh Wunder, nur zu gern ins gleiche Horn: "Der Feminismus ist eben (...) keine Bürgerrerchtsbewegung, sondern eher eine Art Sekte;..."; "Genderterror..."; "Femifaschomob..."; "Feministische Kritik fällt in jeder Lebenslage so aus. Gegen alles und jeden."; "(...) diese Frauen, die sich selbst so aggressiv als Feministin bezeichnen sind nur eins: Rassisten der reinsten Form."; (...) hat mir der Feminismus (...) nix zu bieten außer Dresche. Insbesondere wenn ich auch noch eine weiße Hautfarbe habe..." Undsogehtdasseitenweiseweiter.

Lasst mich dazu nur dieses noch kurz einwerfen: "Opferabo", anyone?

Dabei verdankt die Frau Hermann den Erfolg ihres dumpfen Büchleins in der Tat maßgeblich ausgerechnet gerade jenem Netzfeminismus, über den sie und ihre Blogleser sich so vortrefflich echauffieren können. Auf einem "Diät-Blog" wohlgemerkt...hüstel/augenroll. Hätten sich Feministinnen nämlich nicht vernehmbar im Cyberspace über sie geärgert, wären die traurigen Männer vom virtuellen Maskulistenstammtisch ihr nicht in aufgebrachten Schwärmen zur Seite gesprungen und hätten so viel Lärm und Werbung für sie gemacht. Und zwar so vehement, fanatisch und nachhaltig, dass da in den Weiten des Internets keine betuliche Presseabteilung irgendeines Verlages je ernsthaft mitkommen könnte. Es ist übrigens noch immer schier unmöglich, bei Amazon eine negative Bewertung für das Werk abzugeben, ohne dass einem ihre Anhänger oder gar die Autorin selbst über den Mund fahren. Das Buch, das die Frau Hermann als Cartoonistin herausgebracht hat, scheint übrigens nicht annähernd die gleiche Liebe und Unterstützung zu erfahren.

Noch einmal ganz langsam für alle, die es noch immer nicht begriffen haben, zum Mitschreiben: Die Frau Hermann hat KEIN Diät-Buch geschrieben Sie hat auch KEIN Buch über "Diätmythen" geschrieben. Sie hat ein Anti-Fettakzeptanz-Buch verfasst. Denn Fettakzeptanz ist eine Filiale des (Netz-)Feminismus. Die Frau Hermann ist eine erbitterte Anti-Feministin und kein verdammter Fitness-Guru. 

Wenn man immer ganz anders verstanden wird, als man wirklich verstanden werden will, dann hat man halt ein echtes Vermittlungsproblem. Man kann nicht pausenlos aus Zusammenhängen gerissen werden, wenn die Zusammenhänge weitgehend zusammen hängen, bzw. stimmen. Wenn alles, was man sagt, "aus dem Kontext gerissen wird", sobald es überhaupt zitiert wird, ist das schon...na, sagen wir mal...bemerkenswert. Das scheint irgendwie seltsamerweise auch immer Leuten mit dem gleichen unfreundlichen Weltbild zu passieren. Ständige Probleme mit den selbstverfassten Zusammenhängen, wie die Frau Hermann sie hat, bekommt man eben nur, wenn man entweder ein ganz anderes Selbstbild hat, als der Rest der Welt, oder aber man das eine sein, aber bitteschön zumindest von bestimmten Teilen des Publikums als das andere wahrgenommen werden will.

Wenn man z.B. mich aus dem Zusammenhang reißt, bleibt am Ende trotzdem immer die böse, dicke, linke Feministin. Da bin ich mir ziemlich sicher. Denn ganz genau die bin ich auch.

Direkt unperfekt


 Und wo wir gerade bei Frauen sind, die andere Frauen berufsmäßig vor den Bus schubsen: 

Nicole Jäger, selbsternannter fetter Diätcoach, hat offenbar Probleme beim Abnehmen. Das kann passieren. Im Prinzip ist es normal. Und normalerweise läge es mir selbstverständlich fern, dieses in irgendeiner Form kritisch zu erwähnen, wenn die Frau Jäger nicht mit einem Buch und Bühnenprogramm berühmt geworden wäre, in dem sie nicht nur behauptet hat, einst "selbstverschuldet" 340 kg gewogen zu haben, sondern auch noch allen anderen Dicken mit einer unerträglichen und obendrein total unglaubwürdigen Moralkeule von Buch eins auf die Rübe gegeben hätte. 

Das Nachfolgewerk der Frau Jäger, "Nicht direkt perfekt", erscheint offenbar im September. Der Untertitel lautet "Die nackte Wahrheit über das Frausein" und Ziel der Frau Jäger ist es angeblich, ab jetzt jeder Frau zu ihrem "Recht auf ein positives Körpergefühl (und) auf Weiblichkeit" (amazon.de) zu verhelfen. Das ist man doch erst einmal beruhigt, dass Frauen tatsächlich ein verbrieftes Recht auf Weiblichkeit haben....Und dann fragt man sich, was denn wohl eine Frau automatisch ist, wenn nicht weiblich. Und dann begreift man, dass "unperfekte" Frauen in unserer Kultur natürlich mitnichten einfach so weiblich sind. Auch und ganz besonders nicht in den Augen der Frau Jäger, die immerhin ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, wie faul, dumm und scheiße Dicke sind. Weiblichkeit muss man sich "verdienen". Und mit nichts verliert man den Status des Weibchens zuverlässiger als mit Hässlichkeit, Fett oder Feminismus : ). Es wird wieder um Äußerlichkeiten gehen, bei der Frau Jäger. Mit dem Inneren hat sie es nämlich nicht so. Dummerweise eben auch nicht so sehr mit dem Abnehmen. Darum tritt sie jetzt plötzlich dafür ein, dass man als Frau auch irgendwie halbwegs okay ist, wenn man eben "nicht direkt perfekt" ist (denn dellig, alt, dick, zu groß, zu klein, mit dünnen Haaren, etc. kann man eben niemals perfekt sein) und wird sich so weltbewegenden Fragen widmen wie "Und warum ziehen alle beim Sex den Bauch ein?" (amazon.de)

Tun übrigens gar nicht alle. Ich nicht. Just sayin'.

Wenn die nackte Wahrheit über das Frausein der Frau Jäger ungefähr soviel Wahrheitsgehalt hat, wie die Geschichte von den 340 kg Ausgangsgewicht, dann sollte man wenigstens dafür sorgen, dass die eigene Tochter das Buch nicht in die Finger kriegt. 

Man fragt sich ja noch immer, wie das eigentlich passieren konnte, oder? Dass keiner der Milliarden von Journalisten, die die Frau Jäger in den letzten zu ihren buchstäblich märchenhaften Abnehmerfolgen befragt haben, jemals genauer wissen wollte, wie es sich eigentlich so angefühlt hat, im Körper der schwersten Frau der Welt* zu leben? Und warum dieser zusätzliche Superlativ eigentlich nie Teil der werbeträchtigen Geschichte war?

*Als schwerste, lebende Frau der Welt wurde Pauline Potter 2012 mit 293,6 kg ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen. Diesen Titel hat ihr bisher offenbar keiner streitig machen wollen. Tatsächlich wurde ihr Gewicht je nach Nachrichtenmedium und Zeitpunkt zwischen knapp 300 und 330 kg angegeben. Wenn man sich die Bilder von Pauline Potter zu Höchstgewichtszeiten ansieht, erscheint es einem umso absurder und unbegreiflicher, dass die Lebenssituation der Frau Jäger mit einem angeblich sogar noch höheren Gewicht bei der Berichterstattung nicht erheblich stärker oder eigentlich überhaupt mal substantiell dokumentiert und thematisiert worden ist. 


NH

Sonntag, 14. Februar 2016

Ausgelesen: "Die Fettlöserin" von Nicole Jäger, Rowohlt, 2016

Are you just making this shit up as you go along?*


Nicole Jäger ist eine berühmte dicke Frau. Das verdankt sie maßgeblich der Tatsache, dass sie eine gute Dicke ist. Sie übernimmt nämlich höchstselbst die "Verantwortung für ihr Leben", und tritt in ihrer Eigenschaft als "Fettlöserin" sich selbst und ihren Leserinnen pausenlos in den Hintern, damit sie alle zusammen endlich abnehmen.

Bereits an diesem Punkt wird es ausgesprochen ärgerlich und man fragt sich alle paar Seiten, was um alles in der Welt sich nicht die Autorin, sondern die Lektorin am Ende bloß dabei gedacht hat, so eine Arbeit abzuliefern: Arschhochkriegen, Tod durch Arsch-nicht-Hochgekriegt, weil man seinen Arsch nicht hochbekommt, in den Hintern treten, den Hintern aufreißen, wenn man seinen hübschen Hintern hochbekommt, Arsch hoch, Baby!, meinen schweren Hintern zu bewegen, bekomm deinen schönen Arsch hoch, beweg deinen Hintern, ich ihm notfalls in den Hintern trete, deinen hübschen Hintern vom Sofa schwingst...

Andere Wiederholungen, die es am Ende fast unerträglich machen, sich durch die 286 Seiten, von denen meiner Auffassung nach mindestens die Hälfte hätte gestrichen werden müssen, zu wursteln, sind diese: eklig, scheiße, Selbstbetrug, seien wir doch mal ehrlich, Arschloch, faule Sau, Bullshit. Und das sind nur die, die ich angestrichen habe, weil sie den Ton des Buches maßgeblich prägen. Die Autorin versucht, sich zwischen rotzigem Pausenclown, Diva und Marine Corps General zu positionieren. Dabei macht sie sich als gute Dicke selbst runter, aber auch ihr Publikum gleich mit. Nebenbei jammert sie sehr wohl, während sie sich quasi im selben Atemzug jegliche Jämmerlichkeit verbeten hat.

Und dann auch noch das:

 Nothing tastes as good as skinny feels. (Kate Moss)
(...) nichts auf der Welt schmeckt so gut, wie Lebensqualität sich anfühlt, (...). (Nicole Jäger)

Selbst das abgewandelte und gern auf Pro-Ana-Seiten verwendete Kate-Moss-Zitat kommt gleich zweimal in der "Fettlöserin" vor - auf Seite 176 und 265. Dadurch, dass man etwas pausenlos wiederholt, wird es aber nicht automatisch richtiger. Oder gar wahr. Oder überhaupt sinnvoll.

Die eigentlichen Alleinstellungsmerkmale, die Nicole Jäger im Diätgeschäft zur selbsternannten "faulen Sau" machen, die dieser Tage durch die Medien getrieben wird, sind natürlich zwei Dinge: Sie hat, so die Legende, mal 340 kg gewogen und sich auf die Hälfte runtergehungert. Sie hat sodann, wie so viele Großabnehmerinnen, ihre Diät zur Karriere gemacht und ist nun ein "fetter Abnehmcoach" mit schicker Praxis in Eppendorf und eigenem Bühnenprogramm ("Ich darf das, ich bin selber dick"). Das ist eine echt gute Geschichte, auf die unsere diätbesessene Öffentlichkeit nur gewartet hat. Und während wir von Abnahmerfolgen bis 100 kg mittlerweile schon so oft gehört haben, dass es eigentlich nicht mehr so richtig kribbelt, sind 170, respektive 340 kg doch noch ziemlich hohe Hausnummern, mit denen sich Schlagzeilen machen lassen.

Nicole Jäger ist übrigens strikt dagegen, dass Dicke eine Diät machen, um abzunehmen. Hat aber natürlich ein Diät-Buch geschrieben. Das absurde Phänomen, dass Diäten out sind, Abnehmen aber weiter in, führt ja auch vermehrt in Frauenmagazinen zu den absonderlichsten Gedankenverrenkungen und Definitionen dessen, was denn nun eine Diät eigentlich ist. Wenn es schön aussieht, ist es keine Diät. Wenn es noch halbwegs "gesund" ist, ist es keine Diät. Wenn man davon nicht stirbt, ist es keine Diät...Wenn man dabei hin und wieder Nudeln und Schokolade essen darf, ist es keine Diät. Wenn man lieber mehr Sport treibt, statt Kalorien einzusparen, ist es keine Diät.

In der Welt der "Fettlöserin" verläuft die Grenze zur Diät nicht da, wo Nahrung zum Zwecke des Abnehmens grundsätzlich reduziert wird, denn dann könnte sie ihre Ablehnung gegen Diäten nicht mehr rechtfertigen, sondern dort, wo die verabreichte Kalorienzahl unter den Anforderungen des Grundumsatzes eines Individuums liegt. Und das kann in der Tat verdammt niedrig werden. Nur dann macht man aber in ihren Augen eine Diät. Und nur dann gibt es hinterher einen Jojo-Effekt. Sagt sie. Aber das stimmt natürlich beides nicht. Der Körper wird selbstverständlich auch Defizite bei der Deckung des Gesamtumsatzes ausgleichen (darum nimmt er ja auch dabei ab) und wird versuchen, Verluste so gering wie möglich zu halten, bzw. wird sich bei mehr Zufuhr entsprechend für kommende Engpässe rüsten. Diät bleibt Diät. Egal, wie wir es nennen und was unsere Präferenzen sind. Und es ist halt nun einmal die Tragik des biestigen Paradoxons, mit der die meisten von uns eine lange Zeit unseres Lebens konfrontiert gewesen sind, dass das, was durch Diäten ensteht (ein sehr hohes Gewicht), sich nur durch eine Diät wieder rückgängig machen lässt.

Die Autorin beharrt darauf, dass der, der abnehmen will, "essen muss" (S.151) und hat obendrein ganz entschieden etwas gegen Low Carb und Formula-Diäten. Letzteren gibt sie die Schuld an eben jenem Jojo-Erlebnis, das sie angeblich vor ca. drei Jahren provozierte, als sie aus purer Dummheit und Verzweiflung in einer zweimonatigen Phase des Stillstandes auf der Waage zu eben jenen griff, und ihr Gewicht damit "binnen kürzester Zeit" von 180 auf 150 kg reduzierte (S. 201).

Weil ihr Stoffwechsel damit total aus der Spur geriet, nahm sie die dreißig Kilo (und mehr) wieder zu. Und wog zu ihrer Hochzeit im Jahr danach "deutlich über 200 Kilo" (S. 205). Im April 2014 twitterte Nicole Jäger allerdings ein Bild von sich, das laut ihrer Angabe von 2010 war und sie deutlich erschlankt mit 142 kg zeigte. Es liegt mir persönlich fern, hier weiter Internet-Detektivin zu spielen (das tun andere, oft nicht sehr sympathische Zeitgenossen schon genug), aber da das Buch von ihrer so außergewöhnlichen persönlichen Geschichte lebt, waren es nicht nur die Wiederholungen, sondern auch die vielen Widersprüche und Auslassungen im Buch selbst, die es so anstrengend machten zu folgen.

Irgendwann machte eine dicke aber augenscheinlich doch relativ lebensfrohe und "normale" achtzehnjährige Nicole Jäger, die zuvor als Teenager eine schwere Hüftverletzung hatte überstehen müssen, ihr Abitur und zog von zu Hause aus. Wonach sie offenkundig eines Morgens im Alter von 26 Jahren aufwachte und just 200 kg zugelegt hatte. Selbstverständlich schuldet uns die Autorin keinen Einblick in die Zeit zwischen diesen beiden Stationen oder gar eine Erklärung. Aber es ist natürlich auch die gähnende Lücke an genau dieser grundlegenden Stelle, die der Geschichte den Wind aus den Segeln und die Glaubwürdigkeit nimmt. Die Weigerung, hinzusehen, was alles wirklich passiert sein MUSS (auch der Seele), damit man am Ende 340 kg wiegt und die Wohnung nicht mehr verlassen kann, spiegelt sich dann natürlich auch in dem Versteifen darauf, dass sie eben einfach nur zu dämlich gewesen sei: "Ich hatte es versaut." So viel zur Verknüpfung von dumm/faul und dick, die sich folgerichtig durch das ganze Werk zieht.

Das Buch hätte unter anderen Umständen womöglich ein starker Selbsterfahrungsbericht werden können - das merkt man vereinzelt an gerade solchen Stellen, an denen es sich die Autorin entgegen ihrer eigenen Überzeugung erlaubt, zu "jammern" und Gefühle und Ängste im Hinblick auf ihr Dicksein beschreibt, die sie offenbar durchaus auch gelegentlich hat/hatte, wenn sie gerade mal vergisst, dagegen anzuschreien.

Statt dessen ergeht sich die Autorin in langatmigen ungefähren sowie beliebigen semi-wissenschaftlichen Darstellungen zu Ernährungsfragen, die schon lange keiner mehr stellt. Ein ganzes Kapitel darüber, warum die Ananas-Diät Quatsch ist? Echt jetzt? Und wie gut, dass das hier nun auch endlich mal einer gesagt hat: "Burger machen einen nicht fetter, als Knäckebrot es tun würde, es kommt auf die Menge an." (S.127) Jahaa, das ist sie offenbar - die gnadenlose Ehrlichkeit, die Dicke endlich aus ihrem Selbstmitleid reißt.

Nicole Jäger berichtet, dass sie sich mit ihrem Höchstgewicht von 340 kg gegen eine bariatrische Magen-OP entschieden hat, obwohl der Antrag bereits genehmigt worden war. Stattdessen beschloss sie, eine 2-Prozent-Frau zu werden, nachdem sie gehört hatte, dass nur zwei Prozent aller Menschen mit einem BMI über 45 es schaffen, ohne eben jene OP langfristig dünner zu werden. Die Herausforderung, allein auf weiter Flur das fast Unmögliche zu schaffen, weckte ihren "Kampfgeist" (S. 71). Heute lädt sie ihre Leserinnen alle dazu ein, 2-Prozent-Frauen zu werden. So wie Millionäre gern Nichtmillionären Bücher verkaufen, in denen sie erklären, wie das schier Unmögliche dann für nur 12,99 eben doch für alle möglich wird.

Wer es glaubt, wird - vermutlich - trotzdem nicht dünn.


NACHTRAG: Die Rezension zum zweiten Werk der Frau Jäger (Nicht direkt perfekt) gibt es hier.



NH


*Denkst du dir diesen ganzen Scheiß eigentlich nur aus, während du einfach immer weiter redest?