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Sonntag, 25. Oktober 2015

Schwamm drüber



"Schwamm drüber" ist quasi eine Bravo Girl in Buchform. Und aus den 50er Jahren. Es gehörte meiner Mutter, die beim Erscheinen des Buches gerade in der Pubertät und damit die Zielgruppe war. Ich selbst habe es "geerbt" und als Mädchen öfter mal darin geblättert, aber eher geschaut als gelesen. Die nostalgischen Illustrationen haben mir immer besonders gefallen. Auf denen waren natürlich alle Taillen winzig, aber Schönheitsideale, ihre Entstehung, Manifestierung und wie sie - damals und heute weiterhin - vorrangig gegen Frauen verwendet werden, haben mich damals naturgemäß nicht so umgetrieben wie heute, obwohl ich mich zu der Zeit natürlich mit meinem eigenen Körper auch bereits seit Jahren mitten im Krieg befand.

Rosemarie Harbert, die Autorin des Buches, war streng und hatte natürlich viele komplett unmögliche Ansichten. So war sie z.B. ohne Umschweife dafür, dass Eltern ihren Töchtern durchaus eine klatschen können, wenn die sich daneben benehmen. Bemerkenswerterweise verbuchte sie die Teilnahme an Miss-Wahlen als schlechtes Benehmen. Insgesamt wollte sie Mädchen halt lieber an- und bodenständigals als glamourös. Und sie riet, etwas Sagrotan ins Waschwasser zu schütten, wenn man seine Tage hat. Für so neumodischen Kram wie Tampons hatte sie auch nicht viel übrig. Und sie war strikt gegen lila Unterwäsche: "Lila (...) ist nichts anderes als ordinär, trage niemals Lila. Es ist noch häßlicher als schwarze Leibwäsche."

Andererseits betrachtete sie "Schönheit" an vielen Stellen aus erstaunlich moderner und im Vergleich zur Bravo Girl regelrecht feministischer Perspektive. Eigentlich, so berichtet sie in der Einleitung, sollte der Titel des Buches "Sei gefälligst schön". Das aber habe ihr ihre Tochter ausgeredet - mit Hinweis darauf, dass sich moderne Mädchen gar nichts vorschreiben ließen.

Über die Sorge, zu dick zu sein, sagt sie etwas, was sich erstaunlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen jüngerer Zeit deckt: "(...) deine vielbeklagte Dicke  ist (...) Kükenfett, das zu vielen Mädchen deines Alters einfach dazugehört, um so besser sind deine Nerven. Es läuft sich demnächst ab, wenn du Studentin bist oder Schuhkartons vom Lager herauftragen musst."

Auch mahnt sie dazu, sein Geld nicht ausschließlich für Mode und Kosmetik auf den Kopf zu hauen: "Eines Tages brauchst du eine Aussteuer, und es wird bereits Zeit, damit anzufangen. Nicht gleich mit drei Dutzend Küchentüchern (...); aber vielleicht ist schon ein kleines Bücherregal da, das dir allein gehört. Und sieben oder vierundzwanzig Bücher, in denen dein Name steht." ...Hatte ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass in meiner Familie ausnahmslos alle (Mutter, Vater und ich) ihre Bücher immer umgehend beschriftet und mit dem Datum des Erwerbs versehen haben?

Und dann kommt sie zu Schönheitswettbewerben und wird mehr als deutlich: "Schönheitsköniginnen sind nicht schön, das ist ein Irrtum. Sie sind Mädchen, die im Badeanzug über einen Laufsteg gehen (...) und dafür prämiert werden. Das hat nichts mit Schönheit zu tun. Es handelt sich um eine Fleischbeschau, die von der Badetrikot- und Strumpfindustrie finanziert wird. (...) Die Leute, die solche Veranstaltungen arrangieren, haben (...) die Vorstellung, daß die Schönheit des Menschen in Zentimetereinheiten festlegbar und feststellbar sei (...). Daß also Zollstock und Maßband das Maß für die Qualität von Menschen seien."

Und dann noch etwas, was meiner Auffasung nach damals wie heute ausgesprochen wahr war/ist: "In Antiquitätengeschäften sieht man schöne Granatringe, oder Ringe mit Gemmen, auch kunstvolle Korallenstücke. Diese so altmodisch wirkenden Dinge sind gerade für junge Mädchen , die ja nicht leicht in den Verdacht der Altjüngferlichkeit geraten, sehr apart (...)." : )

NH








Sonntag, 12. April 2015

Heim und Welt


Damals wie heute: In ihren Träumen. ; )

Anleitung zur Entwicklung einer Essstörung von 1964 (mit einem Schuss frühzeitlicher und bis heute beliebter  "Schlacken"-Esoterik) - endlich zum dünnen Wunschkörper mit Abführmitteln!

Das Archiv meines Vaters ist nun, über zwanzig Jahre nach seinem Tod, aussortiert und ausgedünnt auf sieben Ordner (ohne seine Briefe und Postkarten an mich). Erst vor ein paar Wochen habe ich festgestellt, dass ich tatsächlich Erbin eines gesamten Jahrgangs der Frauenzeitschrift "Heim und Welt" bin, was daran liegt, dass mein Vater als junger Journalist zwischen 1963 und 1964 für das Blatt gearbeitet hat.

Erst vor ein paar Tagen habe ich dann begonnen zu erahnen, was für ein Reichtum sich da auftut im Hinblick auf die Geschichte der Sozialisierung von Frauen. Jedes Blatt ist eine Schatzkiste an Kuriositäten - hoch amüsant und haarsträubend zugleich. Allerdings wird einem natürlich auch voller Wucht mal wieder klar, wie verdammt rau und unverblümt der öffentliche Ton damals (schon) war, wenn es darum ging, Frauen zu ermahnen, ja nicht aus dem Rahmen zu fallen (weder körperlich noch was ihr Verhalten betraf). Was heute die Unnachgiebigkeit von Photoshop ist, war damals eine mitunter noch ganz besonders spitze Feder: So musste die Callas ihre Schönheit "opfern" und sich in eine fette Monströsität verwandeln, um überhaupt noch richtig singen zu können...schier zum Kotzen so ein grauenhaftes Schicksal...




























































Zu trauen war einem weiblichen Körper bekanntlich noch nie. Zuzutrauen war ihm hingegen natürlich schon immer alles. Und Frauen, die ihn ins Arbeitsleben und womöglich gar auf die Karriereleiter zwangen, konnten dann auch ganz schnell erleben, was sie davon hatten. Das schweißtreibende Vorhaben, es Männern beruflich gleichzutun, führte zunächst einmal hierzu: Gestank. Verheerend, denn wenn Männer nun Frauen schon hören mussten - riechen wollten sie sie bitteschön nicht auch noch.

Bemerkenswert auch der "Rat der Woche" oben rechts. Da war wohl eher die "Ratte der Woche" am Werk, um den Geschlechtsgenossinnen was einzureden.

Wobei ich Ratten ja eigentlich mag...

Ratte der Woche: Lächeln ist entwicklungsgeschichtlich eine Unterwerfungsgeste!

Man kann drüber lächeln oder entsetzt sein. Aber sollte ich jemals vorgehabt haben, eines Tages doch noch eine "bezaubernde" Frau (also, jetzt nicht wie in "Hexe") zu werden, so kann ich den Plan nun endlich und mit großer Gewissheit verwerfen. Denn ich lächle ja grundsätzlich nur sehr widerwillig ohne Grund. Mein Leben, von der Kindheit in den Siebzigern bis heute, hat mich mithin immer wieder gelehrt, dass das bei einem weiblichen Menschen zumeist gar nicht gut ankommt. Ich sage es noch einmal: Wenn ich einen Groschen hätte für jede Ermahnung doch mal zu lächeln, über die Jahrzehnte hinweg unermüdlich verteilt von Fotografen, Lehrern, Männern, etc., hätte ich ihn schon längst, meinen apfelgrünen Porsche...Und auch in den Sechzigern wäre ich pausenlos unangenehm aufgefallen - und hätte ein Vermögen machen können:

Und auch hier: verschärftes Dicken-Bashing. 

Um aber noch einmal zum väterlichen Archiv im Allgemeinen zurückzukommen - was hat mein Vater wohl in der Pressemappe der Second Allied Tactical Air Force verwahrt? Richtig...Kunst. Um genau zu sein das Werk einer feministischen Avantgardistin. "Blattfrau mit Muschelaugen" von Nicola Hinz, vier Jahre alt. ; )

NH


Sonntag, 26. Oktober 2014

A blast from the past

Ach, dass ich das wirklich aufgehoben habe! Guckt mal, was ich beim Aussortieren meines "Archivs" gefunden habe - eine Anzeige aus den 80ern mit Kelly LeBrock und ihrem explodierten Haar als Werbeträgerin. Trotzdem: Der Slogan ist seitdem teils sowohl Running Joke als auch trotziges Lebensmotto in meinem Haushalt. Man sollte auch heute T-shirts in XXXL damit bedrucken lassen. Denn seien wir ehrlich - seit runde Körper in der Öffentlichkeit immer sichtbarer und selbstbewusster werden - womöglich vermischt sich offene Fettphobie tatsächlich hier und da mit Neid. Und wenn es noch nicht so ist - glauben wir einfach, wenn sie sagt, dass es irgendwann passieren wird. ; )

PS: Ich überlege, ob ich mir die Haare mal wieder blondieren sollte. Hm...,

NH