Mittwoch, 12. Juni 2019

Decluttering: Haben Sie auch so ein Problem mit Anthropomorphismus?



Seit Beginn des Jahres habe ich 639 Dinge aussortiert. Regelmäßige Leserinnen wissen, dass es über die letzten Jahre tausende und seit meiner Kindheit Zehntausende Dinge waren, mit denen ich mich auseinandersetzen und über die ich Entscheidungen fällen musste, weil die Dinge sich immer und immer wieder ausgebreitet haben, wie eine massige Hydra über deren schnarchende Köpfe man pausenlos stolpert und im eigenen Zuhause einfach nicht vorankommt. Mit dem Putzen nicht. Mit der Selbstorganisation nicht. Mit Entspannung und Freude nicht. Denn Dinge im Übermaß erzeugen Stress. Das ist wissenschaftlich untersucht worden und stimmt tatsächlich für Frauen mehr als für Männer.

Mir wurde bereits mein Kinderzimmer regelmäßig zu voll und zu unübersichtlich. Vor allem die Bücherregale quollen in Blitzgeschwindigkeit immer wieder über, nachdem ich eingeschult worden war und richtig lesen konnte. Erst packte ich den Überschuss in Kisten und lagerte diese im Keller. Später wurden regelmäßig Dinge gespendet. Oder auf dem Flohmarkt angeboten.

Oh, die Zahl der Flohmärkte, auf denen ich in meinem Leben herumgesessen habe. Oh, die Sonntage, an denen man um vier Uhr aufsteht, um sich am Zielort mit anderen VerkäuferInnen über die Platzvergabe zu streiten. Oh, die Hitze, der Regen, der Wind, die alles durcheinander bringen...und oh, die Erleichterung bei jedem Teil, das den Tapeziertisch im Austausch für einen Minimalbetrag verließ. Finanziell lohnte sich das Ganze selten. Unterhaltsam war es zumeist weniger als anstrengend und ärgerlich. Die letzten Male bin ich mit übereifrig und verbissen um Centbeträge handelnden KundInnen zunehmend regelrecht aneinandergeraten. Tatsächlich habe ich ihnen Gegenstände aus der Hand genommen und ihnen erklärt, ich würde das Ding lieber der nächsten, die es will schenken, als es ihnen zu überlassen. Ich sah ein, dass das ein sicheres Zeichen dafür war, diese Phase meines Lebens endgültig abzuschließen. Keine Flohmärkte mehr. Jedenfalls nicht hinter dem Verkaufstisch.

Ohnehin war der Flohmarkt immer nur eine von einer Reihe mehr oder weniger erfolgreicher Strategien, Dinge, die man für wertvoll hielt, nicht kampflos und umsonst dem roten Kreuz zu überlassen. Dabei setzte sich der empfundene Wert in der Regel zu verschiedenen Anteilen aus emotionalen und echten monetären Erwartungen zusammen. Schließlich hatte man für den Pullover selbst 80 Euro bezahlt. Damals vor zwanzig Jahren. Weil er so schön orange und kuschelig war, und man sich damit im Winterurlaub in einer verschneiten Hütte visualisiert hatte. Nun war er ungetragen, der Traum dahin, der Kleiderschrank viel zu voll und der Pullover nichts mehr wert. Wenn man sowas tausendmal aushalten und dann einen Entscheidung über die Gegenstände fällen muss, kann das schon ganz schön schlauchen.

2009 war das Jahr der großen Flut der Dinge, denn da starb meine Mutter. Ich erbte den Inhalt eines mittelgroßen Hauses voll mit Dingen und verbrachte über zwei Monate vor Ort, um sie zu sichten und zu sortieren. Jeder Gegenstand in dem Haus ist durch meine Hände gegangen, bevor über sein Schicksal entschieden wurde. Und während das Haus meiner Mutter überhaupt nicht unordentlich oder vollgestopft gewirkt hatte, wurde sehr schnell klar, was für Geheimnisse Schränke und Abstellräume im Zaum gehalten hatten.

Eigentlich dachte ich am Ende, dass ich gar nicht so viel von ihr behalten hatte - bis die Umzugsleute weg waren und der Rest des Nachlasses meiner Mutter mein gesamtes Wohnzimmer von Wand zu Wand (und bis zur Decke) füllte und nur noch ein sehr schmaler Gang bis zu Fenster freigeblieben war. Am Abbau dieser Festung aus Sachen arbeite ich bis heute. Ich musste meinen eigenen Haushalt verkleinern, um ihren (und zum Teil den meines Vaters) zu integrieren. Trotzdem war der Kram noch immer zu viel für den Platz, den ich hatte und habe. Und der Kram, der alles verstopfte, war, selbstverständlich, hochemotional besetzt. Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich noch Tupperware aus den Sechzigern besitze?

Wie dem auch sei - 2019 wird das Jahr sein, in dem ich den Kampf gegen die Tyrannei der Dinge gewinne. Eine Niederlage kommt nicht in Frage. Ende 2019 werde ich in einer klar strukturierten, organisierten Wohnung wohnen, die leicht zu managen ist und in der keine SChublade klemmt, weil sie zu viel enthält. Ich werde in meinen Keller hinein gehen können, un einfach so das finden, was ich brauche. Und ich werde Kleider auf ihren Stangen locker hin und her schieben können.

Dass das weiterhin eine schwierige Angelegenheit ist, die mit viel Seelensuche, Selbsterkenntnis und Verhaltenssteuerung einhergeht, ist klar. Ich habe noch einmal ein Video dazu gedreht - in dem rede ich auch über Anthropomorphismus und darüber, dass der nichts als Scherereien macht...




NH


Kommentare:

  1. Viel Glück beim Ausmisten, liebe Nicola. Ich versuche auch schon ein halbes Jahr, mein Haus um die Gegenstände zu erleichtern (natürlich vorrangig Bücher und Klamotten), die es und ich nicht mehr benötigen. Es wird wohl noch mein Restleben dauern, das Aussortieren, seufz.

    Lachen mußte ich bei der Flohmarktschilderung, auch ich habe solche unverschämten Käuferinnen erlebt, die mich sprachlos zurückließen. Entweder weil sie ungefragt in noch nicht ausgepackten Kisten wühlten, oder aber meinten, sie müßten die restlichen 20 Cent nicht bezahlen.
    Bei Letzterer habe ich hinterhergerufen, (also doch nicht ganz so sprachlos), sie müsse mit einem Fluch rechnen, da ich eine Hexe sei.

    Also keine Flohmärkte mehr, nur möchte meine Tochter so gerne....

    Wie auch immer, ich freu mich, von dir zu lesen, schau mit jetzt das Video an.

    Beste Grüße - Brigitte B.

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    1. Liebe Brigitte,

      ...und? Hast du sie ein wenig verflucht? : ) Verdient hätte sie es. Irgendwie geht es ab einem bestimmten Punkt ja nicht mehr um die 20 Cent, sondern Respekt.

      Danke, Glück kann ich brauchen. Es ist wirklich unglaublich, wie der Kram noch immer aus den Schränken wächst, wenn ich ihn mir jetzt auch zum X-ten Mal vornehme.

      Dir auch viel Erfolg - und dass das Ausmisten kein Lebensprojekt wird.

      Liebe Grüße
      Nicola

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    2. Liebe Nicola,

      naja, ein Fluch war es nicht ganz, ich habe ihr nur gewünscht, dass ihr Kind (wurde noch geschoben, es ging um eine große Plüschente, die das Kind schon im Arm hatte) als Teenager unausstehlich wird. Eigentlich kann man davon garantiert ausgehen :), - bei der geizigen Mutter...

      Habe jetzt auch das Video angesehen, zwei drei Sachen sind doch schnell zu erledigen: Stein draußen im Garten irgendwo hinlegen (aus früheren Urlauben (Alpen, Schwarzwald, Franken)liegen irgendwo in meinem Garten auch riesige Steine, die ich mitschleppen mußte, unglaublich). Den Bienensamen schmeiß auf ein Bankett, also Seitenstreifen. Den Rest leg einfach irgendwohin, mit einem kleinen Zettel: suche neue Besitzer.Hier ist das so Weitergeben noch nicht Mode (plattes Land), aber bei meiner Schwester in Essen habe ich schon Computer auf der Strasse stehen sehen. Und nein, ich war heroisch und lasse alles stehen/liegen. Darauf bin ich stolz.

      Und ach ja, die Tüte hätte ich gerne :))))).

      Viel Glück weiterhin beim Aussortieren, bei mir krankt es im Moment ein wenig an der Motivation, aber ich muß, meine Tochter hat uns zu einem - Kreisch - Flohmarkt angemeldet.

      Beste Grüße - Brigitte

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  2. Oh mein Gott, ich kann nicht nur jeden Satz so unterschreiben, ich würde auch sofort in Deine Wohnung einziehen. So viele hübsche Dinge (Hasenlampen und bunte Verpackungstüten!!!) und ordentlicher ist es da auch! :-) Ich muss ehrlich sagen, meine Ausräumbemühungen lassen mich immer ein bisschen zweifeln. Einerseits hätte ich es manchmal gerne minimalistischer um mich herum, weil Unordnung so viel Energie zieht. Aber dann liebe ich auch diese verwünschenen, verrückten, übervollen Märchen-Welten, wo man ein Marmeladenglas sucht und stattdesen eine hübsche bunte Keksdose findet (oder Blumensamen, Plüschtiergedöns...). Ein postmoderner Garten, wo statt Pflanzen Dinge sprießen. Um der Vernunft wenigstens etwas Raum zu bieten, versuche ich's jetzt mit "Quantität statt Qualität", also von allen nutzlosen Verpackungen darf nur die hübscheste bleiben usw. Das hilft etwas. - Und danke für die Motivation!

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    1. Vielen Dank, aber das ist ja nur ein sehr kleiner Ausschnitt meiner Wohnverhältnisse. : ) Weil insbesondere beim Aussortieren ja immer vorübergehend neues Chaos entsteht, ist es bei mir in der Tat gerade mal wieder so, wie im Urwald der Dinge. Sie sind überall, bevölkern den Boden und die Oberflächen und widersetzen sich ihrer Entsorgung. Minimalismus ist auch für mich nicht wirklich etwas - dazu habe ich Hasen und Bücher tatsächlich zu gern.
      Liebe Grüße
      Nicola

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    2. Bin gespannt auf neue Aufräum-Abenteuer! Viele Grüße

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