Montag, 5. August 2013

Das Schweigen der Männer


"Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst."   
(Marie Antoinette)

Ich spreche ja kein Schweigen. Ich verstehe es weder in Wort noch Schrift, und in meiner Welt ist keine Antwort genau das, was sie ist - KEINE Antwort.

Es ist offenbar eine Sprache der Sprachlosen, und wie sprachlos Männer sein können, war mir bis zu meinem Online-Dating-Projekt gar nicht so klar. Dass jemand nicht anruft, obwohl er es angekündigt hat, war mir so gut wie nicht passiert. Dass jemand mitten in einer schriftlichen Kommunikation per E-mail oder Chat ohne Warnung und auf Nimmerwiedersehen verschwindet, war mir nicht untergekommen. Dass jemand zu einer Verabredung nicht auftaucht und sich hinterher nicht entschuldigt, war ziemlich unvorstellbar - es sei denn, er lag tot im Graben. Heutzutage und vor allem mit Internetbekanntschaften scheint das überhaupt keine ungewöhnliche Sache zu sein. Das bestätigen auch Freundinnen, die ich zum Thema befragt habe. Ich selbst habe dann ja zeitnah einmal nachgehakt, was sich derjenige dabei gedacht haben mag, nicht aufzutauchen und dann auch noch zu schweigen. Um dann doch noch folgende aufschlussreiche Antwort zu erhalten: "Ich war mir nicht sicher, ob du kommst." Das ergibt Sinn - er hat mich schlicht verdächtigt, genau so dysfunktional zu sein, wie er. Sein Fernbleiben war sozusagen vorausschauende Selbstverteidigung. Dumm nur, dass ich halt nicht bin, wie er und seinerzeit pünktlich aber leider versetzt und vor Wut in meinen Wein schnaubend im Restaurant saß.

Also halten wir an dieser Stelle erst einmal fest: Jemanden anzuschweigen, weil man nichts mehr von ihm will, aber zu feige ist, dieses klipp und klar (und mit ein wenig Respekt) bekanntzugeben, ist ein Umstand, der letztendlich nicht allzu sehr verblüfft. Der Typ bleibt wortlos weg, weil ihm die Eier, die Worte und die Kinderstube fehlen. Und er steht einfach nicht auf dich. Schon klar. Wenn es halt wirklich so einfach wäre...

In seinem wissenschaftlichen Meisterwerk "Brunftzeit" (kürzlich in der Hoffnung auf spontane Erleuchtung als Mängelexemplar vom Grabbeltisch erworben) setzt der Autor Humfrey Hunter verwirrte Frauen denn auch mit brutaler Klarheit in Kenntnis: "Das Einzige, was Sie ganz sicher wissen, wenn ein Mann Sie nicht anruft ist, dass er Sie nicht anruft."...Aaah ja...Der Autor legt immerhin noch nahe, dass ein Mann, der nicht anruft, wahrscheinlich "nicht sonderlich interessiert ist. Oder rufen Sie etwa Leute, die sie mögen, nicht an?" Nun, mein lieber Humfrey, ich rufe seit Monaten 24 Stunden am Tag jemanden, den ich mag, nicht an. Weil ich mich nicht traue. Das einzig Gute daran ist, dass der andere auch nicht auf den Anruf wartet. So viel dazu. Und sogar der Herr Hunter räumt einige Seiten später ein, "dass es tatsächlich Geschlechtsgenossen gibt, die Frauen nicht anrufen, obwohl sie sie nett finden." Grrr...oh du Hölle...3,95 für nix.

Wirklich frustrierend wird es, wenn nach einer persönlichen Begegnung alle Zeichen klar auf Sympathie stehen und es sogar Abmachungen über eine Fortsetzung gibt - und DANN der Rest trotzdem und unvorhersehbar nur noch Schweigen ist. Hätte sich eine Bekannte im Rahmen einer wahren Wirbelwindromanze in der Nähe einer Drive-In-Hochzeitskapelle befunden, wäre sie am Ende eines stürmischen Wochenendes vermutlich verheiratet nach Hause gekommen. Im Anschluss hörte sie dann jedoch nie wieder etwas von ihrem großen Fang. Sie fragt sich noch immer, wie sie die Situation so komplett missdeuten konnte. Aber hat sie das? Vielleicht sollte man sich eher fragen, was im Kopf des Schweigenden in der Zwischenzeit explodiert ist, dass er nicht einmal mehr eine angemessene (oder auch holprige) Verabschiedung hinbekam?

Dass jemand alle zwei Wochen oder so für einen halben Tag offenbar ganz verrückt nach mir ist, aber in der Zwischenzeit scheinbar so gar kein Bedürfnis verspürt, sich mit mir zu befassen, ist mir allerdings im Prinzip auch unverständlich. Und es stört mich natürlich. Und ewig wird das Ganze so dann auch nicht Bestand haben. (Darum würde ich mich weiß Göttin auch nicht zur Geliebten eignen.) Er hat zumindest versucht, es zu erklären, als ich mich am Anfang unserer Geschichte beklagte: Er sagte, ich sei unentspannt. Und er wolle die Spannung erhalten (?!?)...AAALSO, während ich mir ziemlich sicher bin, dass ihm an dieser Argumentation bis heute nichts Eigenartiges auffallen würde, muss ich doch zugeben, dass er zumindest teilweise recht hat. Ich bin tatsächlich nicht sonderlich entspannt, wenn ich jemanden dringend will. Und ich halte das - ja hört nur und staunt - für absolut normal und regelrecht wünschenswert. (Und ich freue mich übrigens auch wie blöde, von jemandem zu hören, den ich ihn dringend will.) Nicht dass Sprachlosigkeit in jedem Fall bedeutet, dass die Betroffenen nicht in der Lage wären, aus dem Stand ausladende Vorlesungen zu halten und einem im Restaurant oder im Bett die Welt zu erklären. Aber sie haben oft keine Fragen. Und sie beantworten auch ungern welche. Sprachlosigkeit in diesem Sinne ist die Verweigerung von tatsächlichem Austausch. Manchmal gekoppelt an den Anspruch, der/die Angeschwiegene möge bitteschön ein wenig besser im Gedankenlesen werden. Denn dafür braucht man kein Telefon. Und es spart Zeit.

So manch einer will also die Spannung erhalten, indem er schweigt...Nun, in dem einen oder anderen Fall mag es unter Umständen grundsätzlich die bessere Strategie sein, die Klappe zu halten, um überhaupt irgendetwas und nicht zuletzt den Schein (aufrecht) zu erhalten. Dummerweise sind es meiner Erfahrung nach jedoch gerade oft nicht die, von denen man sich wünscht, sie würden verstummen, die es dann auch tun.

Aber auch sonst ist das alles natürlich nur eine Frage der Art von Spannung, die erzeugt werden soll. Nicht ohne Grund spricht man von "Schweigefolter". Und jedes Kind weiß, dass es schmerzhafter ist, ignoriert zu werden, als sich anschreien zu lassen. Schweigen mag gelegentlich ein Ausdruck von Hilflosigkeit oder zwar ärgerlicher, im Kern jedoch unschuldiger Gedankenlosigkeit sein. Aber viel wahrscheinlicher ist es zumeist eine (zumindest unbewusst eingesetzte) Machtgeste und eine autoritäre Disziplinierungsmaßnahme. Wer schweigt, bestraft und weist in Schranken. Wer schweigt, kontrolliert, aber konserviert die Situation auch wie einen toten Schmetterling, indem er sie einfriert und eine Klärung/Befreiung unmöglich macht. Schweigen ist eine Waffe. Warum es eine Frau nach einem fraglos überkuscheligen Wochenende womöglich "verdient", wie ein ungezogenes Kind bestraft und weggestoßen zu werden, bzw. warum Mann sich urplötzlich mit Waffengewalt gegen sie verteidigen muss, ist vermutlich mehr eine gender-philosophische Frage als alles andere. Warum jemand andere Menschen allein dafür bestraft, dass sie ihn gern haben, ist wiederum eine Frage für die nächste Therapiesitzung...

Ich jedenfalls will quasseln und mich gegebenenfalls auch gern ein wenig herumstreiten. Ich will TEXT. (Zur Not nehme ich auch Symbole.) Und ich will einen beinharten, unerschrockenen Kerl, den ich jederzeit anrufen (weil ich weiß, dass er sich im Prinzip freut und dadurch nicht emotional überfordert ist) und fragen kann: "Und wie war dein Tag?" Und der dann sagt: "Du glaubst nicht, was jetzt schon wieder passiert ist!" Ja, DAS ist in der Tat der Grad an Intimität, den ich langfristig wieder anstrebe. Offenbar in diesen Zeiten eine ziemlich große Bestellung - ich weiß. ; )

Ich gehe jetzt wieder zurück in die Sommerpause. Mal sehen, was ich da noch so finde... ; )


NH
 

Kommentare:

  1. Nicola, ich sach Dir, das ist die schleichende Schwedifizierung der Gesellschaft! Schweden – nicht nur die Männer, aber die besonders – schweigen immer, wenn sie sich (noch) nicht 100% sicher sind oder wenn sie sich unsicher fühlen oder jemanden nicht verletzen wollen oder es noch keine Gelegenheit für ein Gruppenmeeting gab (okay, beim Daten kannst Du den letzten Grund streichen). Jedenfalls quasi meistens. Aber wenn sie nicht schweigen, dann heißt das was!

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  2. Ist das wirklich so? Ha, das klingt wie ein Ort mit Nervenzusammenbruchsgarantie für hektische Gemüter wie mich! ; ) Gewöhnt man sich daran?

    Liebe Grüße
    Nicola

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  3. Schwedifizierung, Norwegerifizierung- möglich. Aber in Deutschland ist es eher so, daß Menschen, die schweigen, einfach nix zu sagen haben. Was sind denn das für Vollpfosten, die nichtmal angerufen werden können um über sowas völlig normales wie den eigenen Tagesablauf zu erzählen.Wer braucht denn sowas! Ob Mann, Frau oder was auch immer.

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  4. Vermutlich hast du recht: Wer braucht das?

    Aber dann: Einige Menschen sind halt mitunter doch komplexes Geräte, und manch ein Vollpfosten mag sich gar wünschen, keiner zu sein...was macht man mit denen? ; )

    Liebe Grüße
    Nicola

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  5. Meinst Du wirklich das so ein stummer Fisch auf Dauer mit Dir mithalten könnte? Ist da nicht jedes gequälte Wort eh nur Zeitverschwendung?

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  6. Manche Fische schillern halt so schön. ; )
    Gruß
    Nicola

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  7. Liebe Nicola,

    das ist in der Tat ein absolutes No-Go von dem Herrn Dir gegenüber. Im Grunde kannste so einen nur abhaken - insofern die Gefühle das halt zulassen.

    Mir hat ein Buch dabei geholfen, solche Menschen besser zu verstehen - und auch mich selbst, denn schliesslich hab ich mir solche Kerle ja auch immer mit absoluter Treffsicherheit rausgesucht. Falls Du interessiert bist, nenne ich Dir einfach mal den Buchtitel: "Nah und doch so fern" - Beziehungsangst und ihre Folgen von Steven Carter und Julia Sokol. Hat mir persönlich in einigen Dingen jedenfalls die Augen geöffnet.

    Liebe Grüsse
    Maja

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  8. Liebe Maja,

    vielen Dank für den Tipp - das scheint eine interessante Lektüre zu sein - allerdings habe ich mir vorgenommen, keine einsame "Beziehungsarbeit" mehr zu leisten und womöglich auch noch für die Männer in meinem Leben die Bücher zu lesen, die sie gefälligst selbst lesen sollten. Denn ICH habe ja weder Bindungs-/Verlustangst, noch Kommunikationsschwierigkeiten noch lähmenden Stolz, etc... ; ).

    Liebe Grüße
    Nicola

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  9. Servus,

    heute erwarten die Jungs, dass die Frauen die komplette Arbeit machen. Ich ertappe mich bei meinen Online-Dates, dass ich die Nachrichten schreibe, die ich eigentlich vom Mann erwarte. Bin bei den Dates witzig, charmant und unterhaltsam. Die Kerle, nicht. Und ich habe festgeatellt, dass ich darauf aber sowas von überhaupt keine Lust habe. ICH möchte unterhalten, umworben und angerufen werden. Punkt. Die kriegen ja nicht mal mehr ein Kompliment raus. Und ich bin verwöhnt! So beziehungsunfähig mein Ex auch ist, ich wurde mit Komplimenten überschüttet, war die Schönste, Beste und Tollste überhaupt. Ich hatte jetzt 3 Dates in den letzten 2 Wochen, KEINEM dieser Deppen kam auch nur ansatzweise etwas komplimentaratiges über die Lippen. Ja geht's noch??? Online schreiben sie schon, wie toll sie mein Profil finden, aber dann live und in Farbe kommt nichts mehr. Das ist mir zu doof und ich treffe mich lieber wieder mit meinen charmanten, intelligenten und anregenden schwulen Freunden...

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  10. Schwule Freunde sind immer großartig - leider halt nicht die Lösung für alles. ; )

    LG
    Nicola

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  11. Ja, man gewöhnt sich dran. In gewissen Bereichen. Ist aber schon schwierig, wenn das eigene Auto von der Müllabfuhr zu Klump gefahren wurde und die Sachbearbeiterin der Versicherung sechs Wochen auf kommunikative Tauchstation geht und man nicht weiß, ob man je die Kosten ersetzt bekommen wird. Und die Männer reden auch, wenn man einmal mit ihnen zusammen ist. Nur die Annäherung gestaltet sich zuweilen eben etwas schwieriger.

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