Samstag, 25. Januar 2014

Ein weites Feld

Angeblich war sie da - die Gerichtsvollzieherin. Das jedenfalls hat sie mir geschrieben. Aber ich leider nicht. Schade, denn ich hätte sie so gern beglückwünscht zu ihrer Berufswahl, die sie in meinem Fall zur Komplizin bei der Entrechtung von Bürgern zugunsten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks macht. Und quasi zur Eintreiberin einer Zwangsverdummungsgebühr.

Ich sehe nie öffentlich-rechtliches Fernsehen. Ich sehe im Prinzip überhaupt kein Fernsehen (und höre auch kein Radio) - und das aus dem selben Grund, aus dem ich so gut wie keine Frauenzeitschriften mehr lesen kann. Wenn ich es in letzter Zeit doch mal versucht habe, bin ich innerhalb weniger Minuten haarscharf am Herzkasper vorbeigeschrabbelt, weil ich mich so VERDAMMT aufgeregt habe. Ich schreie Fernseher an. Und ich bewerfe sie auch. Ich kann nicht anders.

Und ich kann die Haushaltsabgabe auch in Zukunft unmöglich regelmäßig oder gar pünktlich bezahlen, weil meine Hände schon bei dem Gedanken an das Ausfüllen der Überweisung beginnen zu zittern. Es ist eine Tortur, die ich mir nur so selten wie möglich antun kann. Wenn der öffentliche Rundfunk übrigens von niemandem für ein paar Monate mehr Geld bekommen würde, wäre das ganze Problem natürlich ohnehin schnell erledigt. Aber obwohl sich sehr viele Leute ärgern, empört sind, sich entmündigt fühlen, zahlen sie die Rundfunkgebühren trotzdem - und zwar aus dem selben Grund, aus dem Schutzgeld bezahlt wird. Sie wollen bitte ihre Ruhe haben. Im Vollstreckungsersuchen des Norddeuten Rundfunks an das für meinen Wohnort zuständige Amt steht übrigens der bemerkenswerte Satz: "Zur Pfändung von Sozialleistungen liegen uns keine Erkenntnisse vor, die der Billigkeit der Maßnahme widersprechen." Nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass auch blinde und taube Menschen seit Beginn des letzten Jahres Rundfunkgebühren zahlen. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes und in jeder Hinsicht a-soziales System. Wer das nicht glaubt, kann Berichten zufolge offenbar so ziemlich jeden fragen, der jemals Gast in einer von Markus Lanz geleiteten Gesprächsrunde und gleichzeitig nicht der Meinung des Moderators war. Oder Cher.

Häh?!

Ja, das Gezeter geht weiter. Was soll ich denn bitte machen, wenn ich in einer Publikation, die ich ansonsten auch geflissentlich meide, im Kundenmagazin meiner Krankenkasse, der DAK, in der Rubrik "Gesundheit und Beruf" plötzlich eine große 81 sehe und darunter folgendes Sätzchen: "...Prozent aller Magen-OPs für Übergewichtige erfolgten im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen." Ich starrte auf die 81. Ich drehte sie auf den Kopf. Ich wusste, hier war was im Busch. Und dann schrieb ich, glaube ich, die erste Leserinnen-Mail meines Lebens:

Sehr geehrte Frau Wehrmann,

auf Seite 4 der aktuellen Ausgabe von fit! versorgen Sie uns mit der
schlaglichtartigen Information, dass "81 Prozent aller Magen-OPs für
Übergewichtige im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen erfolgt sind".

Ich würde mich hierzu über die Beantwortung einiger ergänzender Fragen
freuen:

1. Um welche Art von Magenoperationen handelt es sich, bzw. welche Art von
Operationen an Mägen werden hier einbezogen? Was ist die Gesamtzahl der
gemeinten Operationen?

2. Handelt es sich hier um alle Magenoperationen in Deutschland? Oder
weltweit? Oder an Patientinnen der DAK?

3. Was war Ihre Annahme, inwiefern Ihre Leser von dieser isolierten,
verknappten Information über Magenoperationen profitieren?

Vielen Dank im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Nicola Hinz


Meine Antwort bekam ich einige Tage später von einer sehr freundlichen Frau Lüning. Sie teilte mir mit, dass (wie natürlich von mir vermutet) "Eingriffe mit Magenband und Magenballon sowie Magenverkleinerungen" gemeint seien, und dass davon im fraglichen Zeitraum 331 an DAK-Patienten vorgenommen worden waren. Hinsichtlich der Aussagekraft der Zahl schrieb Frau Lüning: "Wir fanden den Geschlechterunterschied auffällig und interessant, haben aber keine bestimmten Erwartungen an unsere Leser damit verbunden. Ich persönlich vermute, dass sich in dieser Zahl auch ausdrückt, dass Frauen nach wie vor unter größerem Druck stehen, was ihr Äußeres angeht, wobei schlanker mit attraktiver gleichgesetzt wird. (Anm. d. dicken Dame: BINGO!) Genauso könnte man aber sagen, dass Frauen besorgter um ihre Gesundheit sind und weniger Bedenken haben als Männer, zum Arzt zu gehen und sich helfen zu lassen." (Anm. d. dicken Dame: Das musste sie jetzt irgendwie noch anfügen, sonst wäre die 81 ja auf gar keinen Fall mehr neutral.) Außerdem verwies sie mich auf eben jene Pressemitteilung der DAK, aus der die oben genannte 81 stammt.

Natürlich ist das fit! Magazin meiner Krankenkasse voll mit mehr oder weniger unterschwelligen Angriffen auf Versicherte (Kunden), deren BMI nicht im vermeintlichen Idealbereich liegt. Und natürlich diente auch die 81 zu nichts Anderem, als eine flächendeckende, milde Anklage- und Ermahnungsatmosphäre aufrechtzuerhalten. Fette, faule Loser wie ich werden nicht eine Sekunde vom Haken gelassen. Wenn man das Magazin wirklich von vorn bis hinten durchblättert (und das ist auch eine Quälerei, der ich mich so bald nicht noch einmal aussetze), dann findet man auf 58 schmalbrüstigen Seiten stattliche neun inhaltliche sowie rhetorische Hinweise auf das Übel Übergewicht. Und dabei sind all die Ernährungs- und Bewegungstipps, in deren Einleitung zufällig keine "kneifende Hose" erwähnt wird, nicht mitgezählt.

Auf Seite 19 brüstet sich die DAK dann damit, dass sie noch immer mollige Kinder und Jugendliche in Adipositas-Kliniken und damit ganz selbstverständlich in die lebenslange Jojo-Falle schickt. Der schnieke Dr. Dankhoff, Leiter der entsprechenden "DAK-Fachklinik" (Haus Quickborn auf Sylt) ist übrigens jüngst für sein wissenschaftliches Wirken ausgezeichnet worden - und zwar von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter, also von Mitgliedern aus seiner eigenen Industrie. Das ist ungefähr so, als ob man ein Gremium aus Drogendealern über ihre Lieblingsware abstimmen lässt, und dann verkündet, der Stoff sei gut für alle, weil ja immerhin preisgekrönt.

Sie begreifen es einfach nicht. Sie lernen nichts. Sie verschicken Hefte voller Diät- und Fitnessstress und geben gleichzeitig die erstaunlichsten Tipps zum Stressabbau: Unternehmen Sie Dinge, die Ihnen guttun! (...) Oder entspannen Sie sich in der Sauna." Danke, Frank Meiners! Der Mann ist übrigens Diplom-Psychologe. Wenn man dann aus der Sauna herauskommt, sollte man sich dieser Tage allerdings wirklich den eindringlichen Rat des Diplom-Sportlehrers Uwe Dresel zu Herzen nehmen: "Gegen Eiszapfenfinger oder -zehen helfen eine doppelte Lage Handschuhe oder Socken." (DAK-Gesundheit fit! 1-2014, S. 50) Jahaa - das sind Experten! Und dafür, dass sie ihre Weisheiten unters Volk bringen, liebe Kinder, STERBEN BÄUME!

Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch die oben bereits erwähnte Pressemitteilung. Denn offenbar gilt selbst für die DAK der Schlachtruf "Schlank um jeden Preis" dann doch nicht mehr so uneingeschränkt, wenn es plötzlich wirklich um Preisschilder geht. Denn nicht nur die Zahl der bariatrischen (adipositaschirurgischen) Eingriffe nimmt zu - vor allem steigen die Preise pro Eingriff, weil die Operationen offenbar zunehmend größer, komplexer und schwerwiegender werden. 2,5 Millionen Euro haben die 331 Behandlungen im ersten Halbjahr 2013 gekostet. Die DAK, frau höre und staune, beginnt nun plötzlich, sich nicht nur Sorgen um ihr Geld, sondern angeblich auch um die Patienten zu machen, die das Risiko solcher Operationen auf sich nehmen sollen/wollen, und möchte fortan einer weiteren Ausweitung der Adipositaschirurgie entgegenwirken. Mithilfe von Ernährungsberatern (Anm. d. dicken Dame: Schnappatmung), Ärzten und Psychologen. Nun, mit dem Preisträger Dankhoff im Team dürfte das doch wohl kein Problem sein...

Was ich aus der selben Pressemitteilung übrigens auch erfuhr, ist die überraschende Tatsache, dass ich eine Kandidatin wäre, die sich locker und mit guten Chancen um einen Magenballon bewerben könnte. "XXL-Patienten" brauchen einen BMI über 40 und müssen mindestens seit 5 Jahren "XXL" sein. Außerdem muss man nachweisen, dass Diäten versagt haben. ; ) Wer es am Rücken oder Diabetes hat, braucht übrigens nur einen BMI von 35. Diese Informationen wirkten bei mir wie früher ein plötzlicher Blick auf das eigene, vorbeieilende Spiegelbild im Schaufensterglas - frau wusste irgendwie gar nicht, wie dick sie ist und erstarrte innerlich für einen Moment. Morbid adipös. Und reif für den OP.

Paracetamol gibt's ja nur noch in 20er-Packungen, damit man sich nicht aus Versehen vergiftet.

Ob ich wohl ein Magenband bekäme? Würde man an einer (soweit ich weiß) gesunden aber runden Frau eine derart schwerwiegende Operation durchführen - getrieben von gesellschaftlichem Fetthass, der natürlich mit dem Selbsthass vieler Patientinnen übereinstimmen dürfte? Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl dieser Operationen an Frauen (81 Prozent) im Grunde Schönheitsoperationen sind. Und ich hätte jetzt nicht übel Lust, ein solches Genehmigungverfahren tatsächlich TESTWEISE einmal zu betreiben...

Was denn jetzt noch?

Na, also bitte. Ich fang doch erst an. Ich habe mir nämlich nach sehr langer Zeit auch mal wieder einen Stern gekauft, um alles über das Diät-Duell zwischen der Frau Prochnow und dem Herrn Timmins zu erfahren. Beide sind Mitarbeiter des Sterns, beide haben abgespeckt und sind jetzt besser drauf. Offenbar haben noch zwei andere Kollegen am "Duell" teilgenommen. Die waren also zu viert, wodurch es strengenommen gar kein Duell gewesen ist, aber ich halte ja schon die Klappe. Der Herr Timmins hat das "Duell" übrigens für sich entschieden, aber "gewonnen haben alle vier" (Stern, 16.1.2014, S.69). Das ist ja ohnehin klar. Jeder, der Gewicht verliert, gewinnt. Das ist schließlich ein Naturgesetz.
 
Die Frau Prochnow ist sich, wie ja so viele ihrer dicken Schwestern, zudem sicher, dass in ihr "eine schlanke Frau steckt". Kein Wunder also, dass sie offenbar vor nicht allzu langer Zeit noch für zwei gegessen haben muss - warum wird man sonst so unförmig?............ Selbsthass sorgt für Auflage. Das wissen wir alle, denn viele von uns haben schließlich jahrzehntelang Zeitschriften mit dem Wort "Diät" auf dem Cover gekauft.Und Selbsthass ist bekanntlich heilbar. Durch Diäten eben. Wer weniger wiegt, kann immerhin weniger an sich hassen. Und was die Experten der DAK können, kann der des Sterns (Jens Reimer, Psychiater an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf) natürlich schon lange: "Zum Fernsehabend kann man sich jetzt eine Birne und ein paar Nüsse bereitlegen. Oder Ersatzrituale finden, die auch glücklich machen: Sport, Freunde treffen, raus in die Natur gehen." (Stern, 16.1.2014, S. 76) (Anm. d. dicken Dame: Aber heute Abend bitte nicht ohne doppelte Socken.) Wenn einen solcher Rat  nicht in die Arme eines Adipositas-Chirurgen treibt, dann weiß ich nicht was.
 
Wer genau hinsieht und womöglich auch noch darauf besteht, es hier und da genau zu nehmen, der ist nirgendwo sicher. Nicht einmal beim Einkaufsbummel durch einen Katalog für große Größen. Da wollte ich die Strickjacke doch gerade auf die Bestelliste setzen, als sich nervigerweise doch noch die Produktbeschreibung dazwischenschob: "...kaschiert in schlankem Schwarz raffiniert etwas mehr Figur..." (Emilia Lay, Kollektion Frühjahr/Sommer 2014, S. 13) Wie bitte kann man eigentlich mehr Figur haben als eine Figur?! Und wenn man noch immer findet, dass die eigenen Kundinnen sich eigentlich verhängen sollten, wieso vertickt man dann nicht einfach ehrlicherweise in Zukunft XXL-Burkas?! Na schön, 99,95 gespart.
 
Nicht lustig.
 
Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Herr bei finya.de, dass die "starke Schulter", nach der ich suchen würde "ja eine wirklich sehr starke Schulter" sein müsste. Ich gehe davon aus, dass er lustig sein wollte. Und vielleicht nur ein ganz bisschen unhöflich.Vermutlich dachte er, er könnte mit so lustigen Witzen bei einer lustigen Dicken sogar landen. Ich persönlich glaube ja, dass man selbst von der ungefähren Gehirnkapazität eines Mannes recht gut auf die Stärke seiner Schultern schließen kann. Und übrigens auch auf seine Penislänge. Das fand er nicht lustig.
 
Die offizielle Bezeichnung für einen großen Körperumfang ist bei Finya.de übrigens "durchaus beachtlich"...
 
The Shit List
 
UND DANN ist ja meine Frauenärztin vor ein paar Monaten in den Ruhestand gegangen. Das wäre nicht so schlimm gewesen, denn die Praxis war eine Gemeinschaftspraxis, und ihre Kollegin hat mich übernommen. Auch sie ist eine "fettakzeptierende" Ärztin. Das heißt, dass in dieser Praxis Gewicht bisher kein echtes Thema war, bzw. nicht zum Vorwurf gemacht und womöglich gegen die Patientinnen verwendet wurde. Und die meisten von uns dürften wissen, wie schwierig so etwas mitunter zu finden ist. Aber seit Jahresbeginn hat eine ehemalige Nachbarin von mir den Platz meiner ehemaligen Frauenärztin übernommen  - und ich muss mir nun doch eine neue Praxis suchen, weil diese nur über meine Leiche erfahren wird, was in meinem Uterus vorgeht. Ich will auch ihre verdammte Unterschrift nicht auf meinen Rezepten. Sollte jemand von euch eine gute Frauenärztin in und um Hamburg empfehlen können, bitte ich um sachdienliche Hinweise: office(at)nicola-hinz.com
 
Ja, die Nachbarn. Und die Provinz. Genau genommen hat uns das Landleben nicht wirklich gut getan. Insbesondere meiner Mutter nicht, aus der einfach keine Landfrau und Kirchenchorsängerin zu machen war, egal mit wie viel vordergründigem Elan sie ihr eigenes Gemüse zog und Blumen arrangierte. Die Welt im Dorf der "Zugezogenen" war ihr immer viel zu eng, trotz des weiten Blickes über die Felder, die mich als Kind geprägt und auch heute noch meine weiten Felder sind. Das Drehbuch meines Aufwachsens und Lebens in der Gegend war randvoll mit Charaktären, die ihre eigene Existenz nie hinterfragten, aber ohne Not und mit entnervender Selbstverständlichkeit in die anderer eingriffen.

Ich arbeite nun schon seit einiger Zeit an einem Projekt/einer kleinen Performance, das die befriedigende und abschließende Bewältigung alten und neueren Grolls zum Gegenstand hat. Teil dieses Vorhabens ist die Shit List. Sie ist ziemlich lang, es war unerwartet anstrengend, sie zu erstellen, und sie umfasst neben ehemaligen Nachbarn z.B. auch alle, die mir je das Gefühl gegeben haben, einen falschen Körper zu haben. (Zumindest alle, an die ich mich noch erinnern kann.) Sie wird das Thema eines weiteren Posts sein. Und jetzt steht auch noch der Norddeutsche Rundfunk drauf.

NH






© Nicola Hinz 2014

 

Kommentare:

  1. Gut gebrüllt, Löwin!!!!
    Und sehr schöne Fotos ^^ trotz des dunklen Winters gibt es zwischendurch doch immer mal wieder den einen oder anderen Lichtblick :-)
    P.s. Ich schaue auch kaum noch fern. Aber den Mut, den du hast, den brächte ich vermutlich nicht auf. Vor Allem deshalb weil doch nun die Nutzung eines "modernen Rundfunkgerätes" namens Computer allein schon die Verpflichtung der Zwangsabgabe nach sich zieht.
    Bin gespannt zu hören, wie es mit der Sache OP und GEZ weitergeht!

    Ganz liebe Grüsse
    Andrea

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  2. Liebe Nicola,

    leider ist die Dame, die dir geantwortet hat, wohl nicht gut über die Inhalte, die sie schreibt, informiert. Das erklärt auch, warum diese unglaublich informativen Texte in deiner Mitgliederzeitung eher auf Allgemeinplätzen beruhen.

    Da ich selbst gerade das Verfahren zu einer bariatrischen OP durchgemacht habe, kann ich dir sagen, dass derzeit hauptsächlich Schlauchmägen und Magenbypässe operiert werden. Und letztere durchaus medizinische Erfolge vorweisen können, da sie Diabetes erheblich verbessern können. Magenballons und -bänder sind aufgrund der hohen Komplikationsraten nur noch in Einzelfällen indiziert.

    Es stößt mir sehr auf, dass gerade du solche OPs als sinnlose Schönheits-OPs abtust. Zum einen siehst du schon an der geringen Zahl der OPs, dass diese eben (noch - zum Glück!) nicht gängig sind und (zu Recht!) ein sehr umfängliches Antragsverfahren voraussetzen. Zum zweiten sind es zu einem Gros Menschen mit einem BMI von 50-60+ oder gravierenden metabolischen Erkrankungen, die sich zu einer solchen OP entschließen. Da geht es auch gesundheitlich schon ans Eingemachte und nicht um den Wunsch den Models der Vogue nachzueifern oder dem "Fetthass der Gesellschaft" zu entgehen. Den Menschen, die diesen Weg wählen kopflosen Konformitätsdrang zu unterstellen, empfinde ich als ebenso diskriminierend wie die fehlende Akzeptanz Übergewichtiger.

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  3. @Anonym

    Nun, da sind trotz allem die 81 Prozent, die mich noch immer stutzig machen. Warum fast nur Frauen?

    Statistisch gibt es mehr dicke Männer als Frauen in Deutschland. Und die ganz dicken Männer in Deutschland sind dicker, als die ganz dicken Frauen. Das bedeutet sie hätten mindestens genauso viel "Bedarf", wenn nicht mehr. Wo sind sie also? Auf dem Operationstisch sind sie nicht - jedenfalls nicht, wenn sie bei der DAK versichert sind.

    Aber das wirft natürlich eine Vielzahl hochinteressanter Fragen auf - z. B. wie "dick" war die durchschnittliche Patientin und wie "dick" der durchschnittliche Patient im ersten Halbjahr 2013 eigentlich? Das müsste die DAK (und andere Kassen) ja eigentlich auch wissen...

    Ich beginne ja erst, mich mit dem Thema zu beschäftigen - aber damit werde ich mich hier hier ganz bestimmt noch öfter auseinandersetzen.

    LG
    Nicola

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  4. @Andrea

    Ja, man muss sich die Lichtblicke suchen! : )

    Bei der neuen "Haushaltsabgabe" ist es ja egal, ob du Fernseher, Computer oder Augen besitzt - wenn du irgendwo WOHNST, muss dein Haushalt zahlen. Ich fand und finde das System unerträglich - SO EINEN HALS krieg ich schon wieder! ; )

    Liebe Grüße zurück
    Nicola

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  5. @ Nicola: Vielleicht aus dem gleichen Grund, warum nur 20% der Männer an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen. Mich stört hier einfach die blinde Annahme, dass es sich nur um weitere Auswüchse des Schlankheitswahns handelt.

    Ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung schildern: In allen Selbsthilfegruppen, die ich zu diesem Thema besucht habe, stimmte ebenfalls in etwa die Relation von Männern und Frauen. Und sicherlich ist das andere Rollenbild der Frau an dieser ungleichen Verteilung nicht unschuldig. Die meisten Frauen waren Mütter, trugen Verantwortung und hatten immer größere Probleme ihren Alltag zu bewältigen. Männer können hier vielleicht auch gesellschaftlich-akzeptierter leichter die Augen vor extremer Adipositas verschließen.

    Aber dennoch finde ich den Aspekt wichtig, dass Adipositas ab einem bestimmten Grad tatsächlich von der Gesellschaft auch als Krankheit akzeptiert werden muss. Ihr Göttinnen-Aktfoto-Akzeptanz-Programm in allen Ehren - aber das funktioniert nunmal nur bis zu dem Punkt, wo noch ein normales Leben möglich ist und Adipositas lediglich als kosmetisches Problem betrachtet werden kann.


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  6. @Anonym

    Also, ich denke, wenn wir uns in dieser Gesellschaft über irgendetwas einig sind, dann darüber, dass Fett ungesund ist.(Und natürlich hässlich, das selbstverständlich auch.) Aber vor allem ungesund - und zwar bekanntlich ALLES, was über der Fantasiezahl 25 (BMI)liegt. Das muss alles pausenlos bekämpft werden!

    Es ist doch exakt jenes tiefverwurzelte und nach wie vor fast unerschütterliche gesellschaftliche Mantra, das die Basis für Diskriminierung darstellt!

    Sie leben tatsächlich in einer Umgebung, in der Dicksein (noch) nicht als "krank" betrachtet wird? Mit Verlaub - WO GENAU ist das?

    Viele Grüße
    Nicola

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  7. Das ist ja nun Quatsch! Ich hatte auf eine sachliche Diskussion gehofft, polemische Antworten helfen hier nun wahrlich niemandem weiter. Nachdem ich seit vielen Jahren Ihren Blog sehr, sehr gerne lese, wundere ich mich wirklich über Ihre Reaktion. Es geht doch überhaupt nicht um BMI unterhalb der 50.

    Sie können sehr froh sein, wenn Sie gesund sind und Adipositas lediglich als optisches Problem sehen. Aber gehen Sie doch mal in eine Selbsthilfegruppe, in der Menschen sitzen, die um eine bariatrische OP kämpfen, teilweise über viele juristische Instanzen hinweg. Dann bekommen Sie vielleicht ein wenig Verständnis dafür, dass es durchaus auch viele Übergewichtige gibt, die sich wünschen, dass Adipositas als Krankheit anerkannt wird. Bei den meisten Krankenkassen ist das nämlich nicht der Fall - da können Sie bei Ihrer eigenen beginnen - die hat in diesem Feld ja einen sehr speziellen Ruf.

    Ihre Frage lautet doch eher: Wann beginnt Übergewicht? Warum ist ein Mensch, der nicht der norm entspricht für die Gesellschaft hässlich/inakzeptabel?

    Da bin ich völlig auf Ihrer Seite, dass die Grenze zum Schlanksein von den Medien/der Gesellschaft gesunken ist und hier eine sehr gefährliche Propaganda betrieben wird. Aber die, die meinen BMI 30 wäre eine Katastrophe, sind meiner Erfahrung nach nicht die Zielgruppe für bariatrische OPs.

    Sie können Menschen, die weit über 200 Kilo wiegen nicht erzählen, dass sie lediglich ein wenig mehr Selbstbewusstsein brauchen. Bitte sprechen Sie doch mal persönlich mit den oberflächlichen Operierten - ich bin sehr gespannt, ob Sie dann noch genau so überheblich auf gesellschaftliche Klischees verweisen können.

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  8. @Anonym

    Aber die Zahl der Eingriffe nimmt doch stetig zu. Also werden doch immer mehr genehmigt. Das müsste doch ein Zeichen für eine Entwicklung in ihrem Sinne sein, und alles nur eine Frage der Zeit.

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  9. Mein BMI ist jetzt übrigens 44. Mein höchster war 51.

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  10. Das aus meiner Sicht Dramatische ist ja, dass Menschen (egal, ob mehr Frauen oder Männer) bereit sind, eine so schwere Operation an sich durchführen zu lassen. Eine Operation, die ihr Leben für immer beeinflussen wird. Und zwar nicht nur positiv, weil das Gewicht sinkt, sondern eben auch, weil sie längst nicht mehr alles essen dürfen, es zu Komplikationen kommen kann ect.


    Ich will nicht darüber urteilen, wie wichtig Schlanksein ist. Ich bin der Meinung, dass jeder mit seinem Aussehen akzeptiert werden sollte, aber ich weiß, dass die Realität eine andere ist. Aber WENN man denn schlank(er) sein will, dann müsste es doch jedem Betroffenen und seinem Umfeld (Familie, Ärzte, Therapeuten, Freunde ect.) an Anliegen sein, das nicht mit der Brachial-Methode OP anzugehen. Kann natürlich auch nur an meinem persönlichen Unverständnis dafür liegen, dass jemand freilig in ein Krankenhaus bzw. in den OP geht.
    Grüße
    Anne

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  11. @Anne

    Ja, Adipositaschirurgie scheint ziemlich rabiat zu sein - vor allem bei den möglicherweise erst später eintretenden Komplikationen. Bei dem Katalog habe ich spontan an Bestrafung gedacht. Wer nicht mit Hilfe der Ernährungsberaterin abnehmen will, muss fühlen. "Normalität" muss hier auf jeden Fall ziemlich hart erkauft werden.

    LG
    Nicola

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