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Donnerstag, 10. Januar 2019

Wie wir wurden, was wir waren: Die letzte Brigitte-Diät

Helga Köster: Brigitte Diät, Bertelsmann, 1974

Die Brigitte-Diät ist jetzt 50 Jahre alt. Das kecke, ausklappbare Cover des Jubiläumshefts mit nackter, hausbacken-harmloser Frau darauf hat mithin passend auch die Ästhetik eines Siebzigerjahre-Softpornos. Angeblich hat sich die Brigitte-Diät neu erfunden. Soll heißen, sie kommt jetzt mit Meditation als allererster "Säule" daher. Und mit einer App, die sich als Lockangebot für ein Abo beim Unternehmen Balloon entpuppt, das mit Brigitte-Rabatt im ersten Jahr ab 5 Euro im Monat zu haben ist. Es ist ein wahrlich mehr als verzweifelter Versuch einer Neuerfindung.

Ansonsten, soweit ich das überblicken konnte, ist alles eigentlich wie 1974. Heute wie damals besteht die Diät aus idiotisch lebensfern aufwendigen Rezepten für Minimalzeiten, die höchstens 500 Kalorien haben dürfen. Für zwei Portionen des "Be-Fit-Snacks" (ja, so heißt das Rezept - Facepalm) braucht man: 3 Bio-Eier Größe M, 2 EL geriebenen Parmesan, 50 g körnigen Frischkäse, gemahlenen, bunten Pfeffer, Salz, 2 EL gehackte Lauchzwiebeln, 2TL Olivenöl, 1 EL Butter, 2 Scheiben Brigitte Balance Brot mit Urgetreidesprossen (und das hier ist noch immer keine Satire), 2 "geputzte" Salatblätter und 60 g Gemüse-Antipasti aus dem Glas. Ergibt 375 Kalorien pro Portion. Da lobe ich mir doch fast den "Gegrillten Hummer mit gebackener Kartoffel von 1974. Dafür benötigte man nur 250 g Hummer im Stück, Salz, Pfeffer, 1 EL Öl, 1/2 TL Senf, 2 EL Buttermilch, Petersilie, Zitronenscheiben, Salatblätter und eine große Kartoffel. Und der ganze Kram hatte dann nur 300 Kalorien.

Ach ja, was soll frau von der Frau Huber nun auch noch groß erwarten? Sie ist so bieder wie die Klopapierrolle auf der Hutablage, farblos, nur mäßig bei der Sache (der Frauen) und ganz offenkundig nicht die hellste Kerze auf der Torte. Diejenigen, die sie 2013 zur alleinigen Chefredakteurin des sinkenden Schiffes gemacht haben, hätten es eigentlich kommen sehen müssen. Seit 2009 ist sie Mitglied der Chefredaktion der Brigitte und hat in ihrem schicken Eckbüro mit Elbblick im Angesicht der Digitalisierung selbstverständlich nicht verhindern können, dass die verkaufte Auflage des Magazins von 687.456 Exemplaren im dritten Quartal des Jahres 2010 auf 372.101 im dritten Quartal 2018 gesunken ist. 2013 waren es im zweiten Quartal übrigens noch 563.000 Exemplare. Sie hat sich auf ihrem sinkenden Kahn aber auch zu keiner Zeit getraut, alle Bedenken in den Wind zu schlagen und jetzt auf den letzten Metern, auf denen es ohnehin nicht mehr groß darauf ankommt, wenigstens endlich mal für ihre lesenden Schwestern und nicht gegen sie zu arbeiten - egal, ob das für die Auflage gut ist, oder nicht. Dafür fehlen ihr natürlich gänzlich Überzeugung und das Bewusstsein. Und bei Sätzen, wie diesem, fragt man sich, ob sie überhaupt noch bei Bewusstsein ist: "(Die Brigitte-Diät) ermöglichte es der ersten Frauengeneration nach dem Krieg, ihre Figur und damit auch sich selbst zu verändern, um ein paar Pfund erleichtert mit neuem Selbstbewusstsein aus der festgelegten Rolle des Heimchens am Herd herauszutreten." (Brigitte, Nr. 2, 2.1.2019)

Wenn man ihr Editorial zu 50 Jahren Brigitte-Diät liest, weiß man nicht, ob man vor Zorn oder Entsetzen platzen soll. Es ist mir nicht klar, wie sehr man sich selbst und seine Leserinnen verachten muss, um beim letzten Aufbäumen auf so kleinem Raum so viel toxische Dummheit und unverschämte geschichtliche Umdeutung zu verspritzen. In der Einleitung der Frau Huber, sowie im hinteren Teil des Blattes wird die Expertise eines Herrn Prof. Dr. Christoph Klotter von der Hochschule Fulda mehrfach bemüht, um die Herleitung Diät = Gleichberechtigung zu unterfüttern. Der bezeichnet die Brigitte-Diät nicht nur brav und zitierfähig als "ein Zeichen von Aufbruch und Emanzipation" (S.5), sondern gar als "Neustart" nach dem Schock der Naziherrschaft und versteigt sich später dann noch zu der verblüffenden Formulierung, das "Umsetzen der Brigitte-Diät" sei "also mit einer Kriegserklärung an das männliche Geschlecht verbunden" gewesen (S. 103). Die Kühnheit, mit der hier grober Unfug behauptet wird, ist beeindruckend, aber natürlich auch ausgesprochen frustrierend. Eigentlich würde man denken, dass ein Hinweis auf all die Diäten, die vor der Brigitte-Diät auch schon vermarktet worden sind, nicht wirklich notwendig ist. Das Ringen meiner Mutter um den Taillenumfang einer Elizabeth Taylor in den Fünfzigern geschah auch mithilfe einer Diät - und nicht einmal der wackere Herr Klotter vom wissenschaftlichen Beirat der Brigitte würde vermutlich noch den Nerv haben, hier allen Ernstes zu vermuten, dass es sich bei diesem Projekt um die emanzipatorische Rückeroberung der Selbstbestimmung über den eigenen Körper nach dem Ende der Nazidiktatur gehandelt haben könnte. Vom Körperkult der Nazis wollen wir hier erst lieber gar nicht anfangen - dann erholen wir uns nie mehr. Zur Sicherheit sei aber noch einmal festgehalten: Der Austausch eines Körperformkontrollsystems gegen ein anderes befreit einen logischerweise nicht von der einschränkenden und schwächenden Kontrolle selbst. Die Brigitte-Diät hat Frauen selbstverständlich niemals die Kontrolle über ihre Körper "zurückgegeben", sondern sie im Gegenteil seit Jahrzehnten erfolgreich weiterhin davon überzeugt, dass ihre Körper kontrolliert werden müssen, und die Markteinführung der Brigitte-Diät vor 50 Jahren wäre damit eigentlich eher als ein Backlash-Symptom zu bewerten (was sie bis heute geblieben ist) in einer Zeit, in der einige Frauen in der Tat um Gleichstellung kämpften (Alice Schwarzer) und andere leider eher nicht (Brigitte).

Man muss schon aus ziemlich perfidem und billigem Holz gemacht sein, um der eigenen Leserinnenschaft erzählen zu wollen, Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung stünden in engem Bündnis mit der Anfang der Siebziger endlich durch die Brigitte-Diät erlangten "Erlaubnis", sich eigenständig dünn zu hungern. Vor allem dann, wenn man es doch wirklich besser zu wissen scheint: In einem Artikel des Tagesspiegels vom 11.01.2018 wird der Herr Klotter nämlich so zitiert: "Diäten sind der ideale Einstieg in eine Essstörung."

Ich bin sicher, ich habe bereits mehrmals erwähnt, dass ich mit der Brigitte und ihrer Diät buchstäblich aufgewachsen bin? In der Tat sind wir zusammen aufgewachsen. Ich bin Jahrgang 1971. Die Diät offenbar nur drei Jahre älter. Meine Mutter war eine Leserin der Zeitschrift, so lange ich denken kann. Und das konnte ich bereits sehr früh. Meine erste Diät machte ich auch früh - regelmäßige Leserinnen wissen es bereits: Ich wurde von meiner Brigitte-lesenden und selbst, wenn auch schlanken, immer mal wieder diätelnden Mutter mit drei Jahren zum ersten Mal dazu verdonnert, einen kalorienreduzierten Ernährungsplan einzuhalten. Meine Mutter war keine Feministin. Ihr Kind schon. Das gab bald eine Menge Streit und Unbehagen angesichts meiner vermeintlichen Radikalität, besonders am Anfang. Dann, irgendwann später, kam mehr und mehr Zustimmung. Man mag es für Kleinkram halten, aber ein symbolischer Schritt auf dem Weg zur eigenen Emanzipation war für meine Mutter die Kündigung des Brigitte-Abos. Da war sie schon über sechzig, und hatte nach eigenen Angaben "endgültig genug von den Weihnachtsplätzchen und dem ganzen Quatsch".

Die oben abgebildete Ausgabe der Brigitte-Diät von 1974 habe ich vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt gefunden - es nicht das Original aus unserem Haushalt, mit der ich als Kind tyrannisiert worden bin. Das ist irgendwann irgendwo verschwunden. Als ich jetzt hineinsah und feststellte, wie biestig und fettphobisch das Büchlein tatsächlich ist, wurde mir umso klarer, dass ich in einer Atmosphäre und Umgebung, in der über mich als vermeintlich dickes Mädchen so gedacht wurde, nie eine echte Chance auf Normalität oder angemessenen Respekt hatte.

"Jeder fünfte ist viel zu fett. (...) Noch nie wurden so viele Selbstmorde mit Messer und Gabel begangen wie heute." (S. 7)

"Viele dicke Mütter nötigen ihre Kinder zum Essen. (...) Diese überfütterten Kinder werden dick und neigen auch als Erwachsene zu chronischer Freßlust." (S. 9)

"Kaufen Sie nichts Neues (keine neuen Kleider) - erst wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 24)

"Pflegen Sie Ihr Gesicht (...) während der Kur besonders sorgfältig. Damit Sie auch wirklich schön sind, wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 25)

"Lassen Sie sich nicht beirren, wenn Sie eine Abmagerungskur nötig haben." (S. 25)

"Kleben Sie das schlimmste Foto aus Ihrer "schwersten Zeit" sichtbar an den Kühlschrank. Bei diesem Anblick zuckt Ihre Hand - hoffentlich - sofort zurück!" (S. 26)

" (...) sündigen Sie trotz besseren Wissens (...), dann bestrafen Sie sich für diesen Fehltritt mit einer empfindlichen Spende in den Bauch Ihres Sparschweins," (S. 26)

"Heben Sie wenigstens ein Kleid (...) auf, in (das) Sie vor der Kur gepasst haben. (...) Am Ende der Kur, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben, sollten Sie sich in diesem Kleidungsstück im Familienkreis vorstellen. Das Gelächter dürfen Sie ruhig als neidlose Anerkennung werten." (S. 27)

"In Gesellschaft lässt es sich leichter hungern." (S. 29)

"Sahnetorten und Süßigkeiten sind auch in Zukunft Ihre ärgsten Feinde." (S. 34)

Was habe ich sonst noch zu 50 Jahren Brigitte-Diät zu sagen? Ach ja...

Nicht nur danke für nichts. Ich wünschte es wäre so. Aber ich verdanke der Brigitte und ihrer Diät in der Tat eine ganze Menge: Danke für vierzig Lebensjahre, die bestimmt waren von Selbsthass, Depressionen, Misshandlung des eigenen Körpers, durch Diäten und Selbstverachtung geraubte Energie, ein zerstörtes Selbstbild, ein aufgeschobenes Leben, Sommer ohne Besuche im Schwimmbad, den Wunsch, in der Öffentlichkeit unsichtbar zu sein, Schuldgefühle, Selbstbestrafung, verpasste Lebenschancen, weil der Mut und das Selbstbewusstsein schlicht fehlten, Ohnmachten in der S-Bahn vor Hunger, Erschöpfung, Freudlosigkeit, Einsamkeit und nicht zuletzt - eine in weiten Teilen komplett versaute Kindheit und Jugend. Danke, danke, danke ihr schlicht gestrickten Verräterinnen (die ihr immer wart und noch immer seid).

NH

Samstag, 8. August 2015

Damenbart

I woke up one morning, I looked like Arafat!*

(Sophia, The Golden Girls)


Seit ich Anfang zwanzig bin, entferne ich mir die Haare über der Oberlippe. Genau genommen habe ich in Los Angeles damit angefangen. Die Epiliercreme (Surgi Cream) fürs Gesicht habe ich ein paar Jahre später, als ich wieder nach Deutschland zurückzog, quasi tonnenweise im Koffer importiert, weil es sowas Gutes in Deutschland nicht gab (und noch immer nicht gibt) - und das Internet mit seinen Einkaufsmöglichkeiten im Prinzip auch noch nicht so wirklich. Wann ich eigentlich begonnen habe, Achseln und Beine regelmäßig zu rasieren, weiß ich gar nicht mehr. Aber es muss vor meinem sechzehnten Geburtstag gewesen sein, weil ich nämlich beim Vorbereitungsseminar für das Austauschjahr in den USA ganz und gar nicht überrascht war, als man uns erklärte, genau das müssten wir dort tun, um nicht unangenehm aufzufallen. Die Karikatur der Europäerin an sich ist ja in den USA auch heute noch notorisch haarig. Vorbild fürs Rasieren war meine Mutter, klar. Die hatte sich, glaube ich schon immer die Haare an den Beinen entfernt. Ich erinnere mich auch noch an den beißenden Geruch ihrer Enthaarungscreme vor ein paar Jahrzehnten. 

Als ich vor über zwei Jahren begann, meine Bikinizone/meinen Unterleib wieder öfter herzuzeigen, gab es bei mir, wie immer in solchen Phasen, einen kompletten Kahlschlag - hauptsächlich fürs Gefühl, aber auch für die Optik. Denn ich finde meine Pussy so schöner. Dass ich abseits der Stoßzeiten nicht ganz so penibel bin, was ihre Enthaarung angeht, liegt daran, dass ich tatsächlich bis heute kein komplett wirksames Mittel gegen die anschließende Reizung der Haut gefunden habe. Gleich nach dem Rasieren Cortison aufzutragen, ist meiner Erfahrung nach noch immer die beste Lösung. Die Haare mit Wachs entfernen zu lassen, kommt nicht in Frage. Das muss man irgendwo machen lassen, und das ist mir - im wahrsten Sinne des Wortes - zu aufrissig. In den Tiefen meines Kleiderschrankes steht seit Jahren eine Wunderlichtmaschine zur Epilierung. Unbenutzt, denn sie macht mir irgendwie Angst.

Die Männer, die mir in jüngerer Vergangenheit so begegnet sind, teilen diese Vorliebe für haarlose Unterwelten übrigens zu einem erstaunlich hohen Anteil nicht. Auch das ist offenbar nur wieder einer dieser Mythen über das, was Männer angeblich von Frauen wollen. (Denen fallen ja auch gern immer und immer wieder Feministinnen anheim.**) Eine ganze Reihe sprach sich für üppiges Buschland aus, und ich hatte sogar ein, zwei Anfragen, ob im Hinblick auf eine Langzeitpespektive für unsere Verbindung nicht vielleicht auch das Muschihaar in der gemeinsamen Zukunft wieder länger werden dürfte. 

Darf es nicht. Und was noch hinzu kommt: Wenn ich in nahen Kontakt mit männlichen Unterleibern komme, ist es mir seit jeher sehr, sehr, sehr viel lieber, diese sind rasiert oder zumindest sorgfältig getrimmt.Tatsächlich ist das langfristg eine echte Forderung, die ich an einen Partner habe. Wenn ich es mir aussuchen kann, ist mir auch sonst überall weniger Haar lieber. Achseln, Beine, Rücken, Brust, Gesicht - glatt und frisch poliert macht mir grundsätzlich mehr Freude als stoppelig oder flaumig. Ich habe überdies auch durchaus nichts gegen kurz geschorene Köpfe, die fühlen sich nämlich wirklich gut an.

Ist es unfeministisch, seine Körperhaare zu entfernen?

Insbesondere Achselhaare sind ein neues/altes Symbol für weibliche Rebellion gegen gängige Körper- und Weiblichkeitsnormen. Twitter (#hairyarmpits) und Instagram sind gegenwärtig voll mit Selfies, auf denen zum Teil buntgefärbtes, aber auf jeden Fall unbeschnittenes obwohl weibliches Achselhaar stolz präsentiert wird. Und Madonna als Trendsetterin machte selbstverständlich bereits im letzten Jahr mit ihren Achseln Schlagzeilen.

Ich gebe zu, dass ich noch immer gelegentlich zusammenzucke, wenn ich plötzlich Haare unter Achseln oder unter Feinstrumpfhosen sehe. Aber ich weiß, dass das mein eigenes Problem ist, und nicht das der Achselhaarträgerin. Haarlosigkeit ist ein sich immer weiter durchsetzender und immer mehr verpflichtend werdender Körperstandard, der sich eher zufällig mit meinen persönlichen Präferenzen deckt. 

Trotzdem ist mir natürlich bewusst, dass der Zwang, seinen natürlichen Körper auf bestimmte Weise zu bearbeiten und herzurichten, im Hinblick auf Körperbehaarung für viele andere auch genau das ist - ein gesellschaftlich erzeugter Zwang und dem entsprechend eine Belastung. Das ist falsch und unfair. Schließlich geht es mir mit meinem Körperfett genauso. Das soll ja auch immer weg, wenn man die Gesellschaft fragt. Wie wir hier am Strand dazu stehen, dürfte klar sein: Jeder muss das Recht haben, so zu bleiben, wie er ist, oder sich äußerlich so zu verändern, wie er will, ohne Häme, Verunglimpfung und Diskriminierung fürchten zu müssen.

Es ist immer schwer, der gesellschaftlichen Forderung, den Körper gewissen Normen entsprechend zu gestalten und unter Kontrolle zu bringen, etwas entgegenzusetzen. Schließlich geht es dabei stets um nicht weniger, als darum "nachzuweisen", dass frau auch wirklich weiblich ist. Die Drohung, dass einer der Status "richtige" Frau entzogen werden könnte, wenn frau sich nicht an einen Haufen von Körper- und Verhaltensregeln hält, hängt schließlich immerzu über unseren Köpfen. Das muss man erst einmal aushalten. Am Ende ist es eben auch diese Drohung, die Frauen daran hindert, sich selbst als "Feministin" zu bezeichnen. Oder die Haare schlicht da zu lassen, wo sie sind, wenn sie eigentlich gar keine Lust mehr dazu haben, sich zu rasieren. 

Die Perlen an der absurden Kette der Disqualifizierung sind ohnehin immer die gleichen: Weiblichen Körperstandards nicht entsprechend + kämpferisch/selbstbestimmt = Lesbe = Feministin = unweiblich.

Damenbart

Ich glaube, ich war wohl Anfang dreißig, als ich die ersten zwei drahtigen, dunklen und stets rasant nachwachsenden Stoppeln an meinem Kinn fand. Das fiel zeitlich ungefähr mit der Entdeckung einiger langer an meinen Brustwarzen sprießenden Haaren zusammen. Mittlerweile sind es am Kinn ungefähr ein Dutzend. Haare im Gesicht stehen natürlich ganz besonders stark für "Vermannweiblichung". Und wenn ich sie für ein paar Tage nicht mit einer Pinzette wegzupfe, werden sie schnell - zumindest in meiner eigenen Wahrnehmung - deutlich sichtbar. Darüber bin ich nicht wirklich froh. Aber manchmal habe ich wenig Zeit und finde es zu mühsam, meine Barthaare zu bearbeiten. Und dann gehe ich neuerdings einfach so vor die Tür. Das ist dann quasi meine eigene, gelegentliche Übung in haariger Selbstakzeptanz und selbstbewusster "Unweiblichkeit".


*Eines Morgens bin ich aufgewacht und sah aus wie Arafat.



**Ach, und für alle, die es zusätzlich noch interessiert: Mein Blog-Post zum Thema Körperhaare von 2008. Er war eine Antwort auf einen Artikel in der Emma, in dem der Enthaarungszwang auf, wie ich fand, falschen Prämissen basierend kritisiert wurde:

Regula Stämpfli ist dagegen. Sie findet, die Intimrasur ist ein Politikum: „Im Zeitalter der Bio-Politiken rückt der nackte Körper ins Zentrum. Immer mehr Menschen entledigen sich ihrer Scham(haare).“ Daher fordert sie, das Schamhaar – und damit offenbar auch die Scham – sollen bleiben, wo sie sind – und vielleicht auch noch möglichst schön buschig. Im Zuge der in die Jahre gekommenen PorNO-Kampagne der EMMA, wird in der aktuellen Ausgabe auf zwei Seiten unter der verwirrenden Überschrift „Politisch Korrekt? – Die Scham ist vorbei“ mal wieder gewettert – gegen die Pornographisierung der Kultur, der Gesellschaft, der Welt, die sich natürlich in letzter Instanz am Körper der Frau vollzieht. Da wird hergezogen, nicht nur über das Rasieren von Schamhaaren, sondern natürlich auch über Brüste, „rausgestreckte Ärsche“ und „Plusterlippen“. Da wird verächtlich über „Nuttenlook“ gelästert, so dass man sich als EMMA-Leserin plötzlich vorkommt, als wäre man in einer Nachmittgastalkshow zu Gast (Thema: Du siehst aus wie ein Flittchen – Zieh dir was an!). Besonders unschön wird es, als Regula Stämpfli ihr offenbar bekannten Müttern, die sonst „jeden Kindervergewaltiger am liebsten kastrieren möchten“, vorwirft, ihre Töchter „als Mini-Playboyhäschen“ herzurichten, weil sie den Mädchen erlauben, T-shirts mit Bunny-Logo zu tragen. In der guten alten Zeit des Feminismus war es ja noch so – da galt der Grundsatz, dass eine Frau/ein Mädchen anhaben darf, was sie/es will und dass kein Mann aus der Kleidung oder der Aufmachung einer Frau irgendwelche Rechte herleiten durfte. Insofern dürften sich T-shirts mit Bunny-Logo für die Tochter und Verachtung für Kinderschänder  NICHT wirklich groß behindern. Bei Frau Stämpfli und dem Magazin, das ihre wilde Anti-Schamrasur-Rede gedruckt hat, hat man was das betrifft, offenbar und betrüblicherweise die Orientierung verloren. Aber Frau Stämpfli hat natürlich noch mehr zu beklagen: Amerikanerinnen machen Strip-Kurse und lesen Sex-Ratgeber mit Titeln wie „How to Make Love Lika a Porn Star“, weil sie, wie die Regula nur Kopfschütteln abtun kann, so hoffen, IHRE Weiblichkeit und IHRE Sexualität zu entdecken. Und man kann gerade der „weißen Mittelschichtsfrau“ in Minnesota nur wünschen, dass sie die Suche nicht aufgibt. Die Pornographie generiert mitnichten nur Abbilder weiblicher Unterwerfung. Es ist kein Zufall und auch kein Unglück, dass das Bild des Pornostars heute aus einem bestimmten Blickwinkel auch als Ausdruck einer bestimmten Komponente weiblicher Freiheit betrachtet werden kann. Frauenfiguren in Pornos sind oftmals überaus fordernd, entschlossen, aktiv und bestimmend. Was sie vermutlich eher selten sind, ist gehemmt. Die Hauptrolle spielen sie ohnehin. In vielen Pornos werden Männer ganz und gar durch Plastikspielzeug ersetzt. All das sind Gründe, warum „der Pornostar“ im wahren Leben die meisten Männer wohl eher in Panik versetzen würde, käme er plötzlich wirklich durch die Schlafzimmertür. (Außerdem wüssten viele Männer ohne die Pornographie vermutlich noch immer nichts von der Existenz der Klitoris.) Der gedankliche Fehler, den die EMMA-Frauen mit erschütternder und unerbittlicher Starrhalsigkeit machen, ist die Annahme, dass Frauen das alles (Stripkurse, Unterwäsche, hohe Absätze, Kosmetik, Schönheitsoperationen) täten, um Männern zu gefallen. Das ist aber doch gar nicht wahr. Zumindest  stimmt es für viele nicht. Sie tun es tatsächlich für SICH. Wo Regula systematische Entblößung und Herrichtung der Ware Frau vermutet, spielen Männer oft schon lange gar keine Rolle mehr. Oder sie sind Zuschauer und Statisten. Um männliche Wunschvorstellungen geht es hingegen immerzu in den PorNO-Aktionen der EMMA. Frauen verkleiden sich, spielen mit Phantasien (auch Machtphantasien soll es geben), probieren was aus. Und fühlen SICH womöglich plötzlich zum ersten Mal so richtig sexy, wenn sie unbeobachtet im eigenen Keller um eine Striptease-Stange wirbeln. Fast könnte der Eindruck entstehen, offensive und bunt verpackte weibliche Sexualität ist Emma-Frauen nicht geheuer. Aber es gibt viele Arten des Ausdrucks sexueller Identität. Und die Intimrasur kann eine von ihnen sein. Auch wenn Frau Stämpfli das „stechende und juckende“ Kratzen nach einer solchen beklagt: Tatsache ist auch, dass weniger Haar einen gefühlstechnisch ganz schön weit nach vorn bringen kann ; ). Was wirklich anstößig ist, ist nicht der (angebliche) Verlust der Scham. Was wirklich anstößig ist, Frau Stämpfli, ist es, in einem zweiseitigen Artikel über vermeintlich sexuelle Objektisierung fünfmal das Wort „Kindermöse“ unterzubringen. Da würde frau gleich im Anschluss ihr EMMA-Abo kündigen. Wenn sie noch eins hätte.
Wer jetzt was zur Aufheiterung braucht: Fettes Brot haben ein ironisches, wildes Liedchen darüber gemacht, wie es mit Männerphantasien und ihrer Gültigkeit im echten Leben wirklich so ist. Bezeichnender Titel: „Bettina– zieh dir bitte etwas an“.

NH

Donnerstag, 23. April 2015

Theo und die Maskulisten

"If you're not outraged, you're not paying attention."*

(Die Damen vom Women & Women First Book Shop, Portlandia, Staffel 1, Episode 1)


Erster Buchtipp der Woche


Schrift wird ohnehin komplett überbewertet. ; ) www.hotguysandbabyanimals.com

Die Maskulisten

Maskulisten oder Aktivisten/Anhänger der modernen Männerrechtsbewegung, betrachten Männer als Opfer in einer Welt, die mittlerweile von Frauen dominiert wird. Ihr Ziel ist es, die "feministische Unterwanderung" der Gesellschaft zu stoppen und die Rechte von Männern zu stärken. Die Subkultur der Maskulisten überlappt deutlich mit denen von Familienfundamentalisten, Hobbybiologisten, Homophobikern, Rassisten und Neonazis.

Ihr Hauptaktionsfeld ist noch immer das Internet, wo Maskulisten sich gern in den Kommentarspalten oder bei Twitter tummeln, um die eigene Weltanschauung zu verbreiten und zu verteidigen. Zwei der wichtigsten Anlaufstellen im Netz sind "Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land" und "WikiMANNia".

Zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung in Deutschland zählen u.a. der Autor Arne Hoffmann, Bernhard Lassahn (ja genau - der hat Käpt'n Blaubär erfunden) und Eugen Maus (Gründer von "MANNdat").

Und es kam schlimmer: Die dicke Feministin. 

Das maskulistische Weltbild ist zum Bersten vollgestopft mit Feindbildern - neben gierigen Exfrauen und herrischen Kindsmüttern, sind da nicht nur Feministinnen an sich, sondern gern auch mal Schwule und "Ausländer" und...andere Männer im Allgemeinen. Denn Männer die nicht gegen eine Gleichstellung der Geschlechter sind, werden in der Szene u.a als "lila Pudel" bezeichnet.


Ein neueres, aber selbstverständlich nur allzu offensichtliches Feindbild ist die Fettakzeptanz-Bewegung. Die dazugehörige Gleichung ist keine Überraschung: Dicke Frau = hässlich = erfolglos bei Männern = Lesbe = Feministin. In den USA, wo Fat Pride und Fat Feminism natürlich öffentlich ohnehin viel sichtbarer sind, als hier, nimmt auch der maskulistische Widerstand in diese Richtung verstärkt zu. Fast amüsant finde ich die Tatsache, dass die Argumente der Wahl oft ausgerechnet auf die angebliche Gesundheitsgefährdung der fetten Feministin abstellen. Andere bemühen gar kulturgeschichtliche Betrachtungen oder die Evolution als Kampfmittel.


"Wenn der Staat Gleichberechtigung verordnen will, 
sollte er (...) mit gutem Beispiel vorangehen" 

Das war eine Unterüberschrift zu einem Artikel in der Zeit (Nr. 11, 12.03.2015) von Elisabeth Niejahr. Es ging um gleiche Bezahlung für Männer und Frauen, und nur um das klar zu sagen: Die Elisabeth ist schon dafür. Was mir als ehemaliger und genervter Zeitleserin nur gleich wieder auffiel, war der trotzige Seitenhieb beim Einstieg...

Denn das Lamentieren und Sticheln über "staatlich verordneten Feminismus" und den drohenden Untergang der Männlichkeit/Männer in unserer Gesellschaft wurden in der Zeit in den letzten Jahren so vehement betrieben, dass ich bekanntlich auf die Lektüre der "Bravo für Abiturienten" (Volker Pispers - ja ich wiederhole es immer wieder gern;)) mittlerweile komplett verzichte und auf dem Klo nur noch das manager magazin (kein Witz übrigens) lese, denn das ist nicht ganz so anti-feministisch und reaktionär.

Außerdem kann man das Elend ja irgendwann nicht mehr mit ansehen, auch nicht in der wöchentlichen Zeitung...Jungen versagen grundsätzlich alle in der Schule, weil die Lehrerinnen sie hassen, und die, die danach nicht durch eine feministische Opferkultur verunglimpft als Vergewaltiger im Knast landen, schuften sich zu Tode, um den Unterhalt für Ex-Ehefrauen und Kinder zu sichern, wobei sie ihre letzte Energie im Kampf ums Besuchsrecht lassen und dann im zarten Durchschnittsalter von 78 Jahren und ewig lange vor den Frauen (die werden im Durchschnitt 83 Jahre) verglühen. Und dann will ihnen Alice Schwarzer auch noch das Recht streitig machen, sich zwischendurch gelegentlich eine Zwangsprostituierte zu kaufen.

Im Ernst: Die Männerrechtsbewegung (Maskulismus) ist vielleicht hauptsächlich, aber eben nicht nur eine Subkultur zutiefst verstörter und wütender (zumeist weißer, heterosexueller) Männer, die sich im Zuge ihres privaten, verzweifelten Ringens um Identität und männliche Selbsteinordnung vor dem Bildschirm (zumeist anonym) Luft machen. Die Weltbilder und die Wut der Frauenhasser (ja, das sind sie - und nicht vorrangig Männerechtler) schwappen auch zunehmend wieder in den Mainstream, in Form von mehr oder weniger vorsichtig dosierter Feminismuskritik. Die Zeit macht mit, der Spiegel macht mit, der Focus macht mit, die FAZ macht mit, die Welt macht erst recht mit. Die Uni Düsseldorf macht mit und richtet "Männerkongresse" aus, auf denen es eher maskulistisch als wissenschaftlich zugeht. Und damit das Ganze dann gar nicht so frauenfeindlich wirkt, werden gern weibliche Antifeministen vorgeschickt.

Theo

Vielleicht sollte frau einfach mal einen Mann fragen, wie es sich aus seiner Sicht mit der voranschreitenden Entrechtung des männlichen Geschlechts verhält.

Um genau zu sein, sollte frau Theo fragen, denn frau kann sich darauf verlassen, dass er eine Meinung hat. Außerdem gehört Theo natürlich zu der Bevölkerungsgruppe, die weltweit augenscheinlich am allerwenigsten (soll heißen so gut wie nie - außer vielleicht im Damenklo oder bei einer Stillgruppe) Diskriminierung erfährt. Er ist männlich, weiß, Westeuropäer, heterosexuell, mittelalt, akademisch gebildet, wirtschaftlich stabil, groß, hatte insgesamt viel Glück im Hinblick auf das Erfüllen geltender körperlicher Attraktivitätsstandards und hat keine Behinderung. Dennoch ist er einer, für dessen Rechte Arne Hoffmann et. al. "kämpfen".



Ich: Willst du denn, dass die für deine Rechte kämpfen?

Theo: Für welche Rechte?

Ich: Zum Beispiel dein Recht auf blaue Überraschungseier.

Theo: Also, von der Häsin hier wirst du nicht viel abkriegen.

Ich: Wie findest du das, dass es spezielle Überraschungseier für Mädchen gibt?

Theo: Kommt darauf an, was drin ist...Oh, das ist ne Katze! Mit so einer kleinen Schleife im Haar!...Oder ist das ein Fuchs? Das könnte auch ein Fuchs sein!

Ich : Auf jeden Fall ist es ein Ring.

Theo: Ach, das ist ja toll!...Ist mir aber zu klein. Wie ich das finde, dass es Mädcheneier gibt?

Ich: Als sie vor ein paar Jahren auf den Markt kamen, gab es eine Protestwelle von Feministinnen. Die haben gegen die systematische "Pinkisierung" von Mädchen protestiert. Dann hat die Feministin Antje Schrupp eine sehr interessante Analyse geschrieben, die besagt, dass das pinkfarbene Ei für Mädchen nur eine"zusätzliche" Option ist. Sie können beides - "Mädchen" und "Für alle". Jungs nicht. Das pinkfarbene Ei ist eher so ein Warnschild für sie, denn wer sich als Junge in Mädchenwelten begibt, muss mit erheblichem Spott rechnen.

Theo: Aber Jungs können sich die Eier doch auch kaufen, wenn sie wollen. 

Ich: Das werden sich die meisten nicht trauen.

Theo: Das sollte man schon ihnen überlassen. Vielleicht ja irgendwann doch.

Ich: Es gab, soweit ich weiß, bisher kein blaues Überraschungsei - jedenfalls nicht durchgängig. Ist das unfair?

Theo: Ja, natürlich ist es das.

Ich: Ich habe dich ja vorhin schon gefragt, ob du von der Männerrechtsbewegung eigentlich schon mal gehört hast, und du hast gesagt...

Theo:...nein. Aber von einer Bewegung von Vätern, die keine Rechte an ihren Kindern haben, und sich zur gegenseitigen Unterstützung organisieren. Ich nehme an, deren Anliegen haben schon ihre Berechtigung.

Ich: Leider gibt es oft recht deutliche Verbindungen zwischen Väterrechtlern und Maskulisten. Und beide Gruppen stilisieren sich gern zu Opfern. Bist du Maskulisten noch nie im Internet begegnet?

Theo: Nein, nicht bewusst.

Ich: Und bist du bisher überhaupt groß mit Feministinnen in Berührung gekommen?

Theo:...Naja...Mit einer Feministin zumindest. Und wenn das alles so extreme Tanten sind, wie du...

Ich: Sind Feministinnen Männerhasserinnen?

Theo: Ich könnte mir schon vorstellen, dass es verschiedene Strömungen und dass es auch durchaus Männerhass unter einigen Feministinnen gibt. Grundsätzlich ist es mein Eindruck, dass die Botschaft oft schon sehr unlocker bis aggressiv rüberkommt. Aber nicht jeder Rezipient ist schlau genug, um zu begreifen, dass Ton und Botschaft nicht das Gleiche sind. Und dann erreicht man die Dummen wohl noch schlechter, als vermutlich ohnehin schon.

Ich: Fühlst du dich Frauen gegenüber in unserer Gesellschaft benachteiligt?

Theo: Nein.

Ich: Hast du dich aufgrund deines Mannseins jemals diskriminiert gefühlt?

Theo: Nein. Und es bringt auch nichts, auf alten Privilegien herumzureiten. 

Ich: Dann brauchst du auch keine Männerechtsbewegung, die für deine Rechte kämpft? Und es braucht keine Gegenbewegung zum Feminismus für Ausgewogenheit?

Theo: Nein. Der Feminismus gehört unterstützt. Bis auf so Männerhasserinnen wie dich.

Ich: Schau mal auf diese Website und sag mir, ob du nun womöglich ein "lila Pudel" bist?

Theo: Nein, bin ich nicht. Sich für Frauenrechte auszusprechen, ohne allerdings aktiv irgendwas beizutragen, ggf. mit Ausnahme dieses Interviews, macht noch keinen Pudel. Des Weiteren bin ich durchaus "pro Mann" - als Mitglied dieses Geschlechts. Das ist aber nicht gleich "gegen Frau".

Ich: Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land?

Theo (spielt mit dem Ring aus dem Ei):...Was?...Wie viel Gleichberechtigung verdient das Land?

Ich: ...VERTRÄGT das Land. Das ist der Titel einer maskulistischen Plattform im Netz.

Theo: Na, so viel wie nötig, oder? Wenn es darum geht, Diskriminerung durch eine entsprechende Gesetzgebung zu verhindern, dann kann man aufhören, wenn alle gleich wenig diskriminiert werden. Es wäre natürlich schöner, Menschen könnten so etwas ohne Vorschriften regeln. Mir scheint allerdings, die Frage selbst dient ohnehin nur dazu, Unfrieden zu stiften.

Ich: Du hast mal gesagt, du würdest dich gern mal mit Alice Schwarzer unterhalten.

Theo: Oh Gott, hast du etwa ihre Telefonnummer? Ich fand sie früher richtig gut - als Kind schon. Als ich sie immer in Talkshows gesehen habe. Heute ist sie ja leider durch so ein paar Entwicklungen doch eher ein beschädigter Popstar. Wie man hört, macht sie sich wohl heute auch viele Feinde im eigenen Lager. Aber sie war natürlich auch schon immer so eine Kampflesbe wie du...

Ich: (sehe mir einfach wieder Theos Bizeps an und stelle mir vor, wie aufregend er erst mit einem flauschigen Katzenkind auf dem Arm aussähe...Hoppla, war das jetzt etwa männerfeindlich? ; ))

Letzter Buchtipp der Woche


The Guy's Guide To Feminism von zwei Männern:  Michael Kaufmann und Michael Kimmel (Seal Press,  2011)

Das "Feminismus-Handbuch für Männer" ist eine  humorvolle, schnelle und klar aufgebaute Aufstellung von zum Feminismus gehörenden Stichworten: Sex, Berufswelt, Religion, Gewalt, Männerrechte, etc. Die Erläuterungen und Überlegungen sollen Männern im Prinzip vermitteln, dass sie selbst in ihrem Leben und Alltag von der Gleichstellung von Frauen durchaus  profitieren. 

Das Buch enthält einen Fragebogen, mit dem Mann überprüfen kann, ob er sich womöglich bereits mit Feminismus "angesteckt" hat, ohne es zu wissen. Denn die Definition von "Feminist" ist einfach: Jemand, der für die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichheit der Geschlechter ist. Das kann fast jeden treffen. ; )


*"Wenn du nicht empört bist, passt du nicht gut genug auf."

NH

Sonntag, 12. April 2015

Heim und Welt


Damals wie heute: In ihren Träumen. ; )

Anleitung zur Entwicklung einer Essstörung von 1964 (mit einem Schuss frühzeitlicher und bis heute beliebter  "Schlacken"-Esoterik) - endlich zum dünnen Wunschkörper mit Abführmitteln!

Das Archiv meines Vaters ist nun, über zwanzig Jahre nach seinem Tod, aussortiert und ausgedünnt auf sieben Ordner (ohne seine Briefe und Postkarten an mich). Erst vor ein paar Wochen habe ich festgestellt, dass ich tatsächlich Erbin eines gesamten Jahrgangs der Frauenzeitschrift "Heim und Welt" bin, was daran liegt, dass mein Vater als junger Journalist zwischen 1963 und 1964 für das Blatt gearbeitet hat.

Erst vor ein paar Tagen habe ich dann begonnen zu erahnen, was für ein Reichtum sich da auftut im Hinblick auf die Geschichte der Sozialisierung von Frauen. Jedes Blatt ist eine Schatzkiste an Kuriositäten - hoch amüsant und haarsträubend zugleich. Allerdings wird einem natürlich auch voller Wucht mal wieder klar, wie verdammt rau und unverblümt der öffentliche Ton damals (schon) war, wenn es darum ging, Frauen zu ermahnen, ja nicht aus dem Rahmen zu fallen (weder körperlich noch was ihr Verhalten betraf). Was heute die Unnachgiebigkeit von Photoshop ist, war damals eine mitunter noch ganz besonders spitze Feder: So musste die Callas ihre Schönheit "opfern" und sich in eine fette Monströsität verwandeln, um überhaupt noch richtig singen zu können...schier zum Kotzen so ein grauenhaftes Schicksal...




























































Zu trauen war einem weiblichen Körper bekanntlich noch nie. Zuzutrauen war ihm hingegen natürlich schon immer alles. Und Frauen, die ihn ins Arbeitsleben und womöglich gar auf die Karriereleiter zwangen, konnten dann auch ganz schnell erleben, was sie davon hatten. Das schweißtreibende Vorhaben, es Männern beruflich gleichzutun, führte zunächst einmal hierzu: Gestank. Verheerend, denn wenn Männer nun Frauen schon hören mussten - riechen wollten sie sie bitteschön nicht auch noch.

Bemerkenswert auch der "Rat der Woche" oben rechts. Da war wohl eher die "Ratte der Woche" am Werk, um den Geschlechtsgenossinnen was einzureden.

Wobei ich Ratten ja eigentlich mag...

Ratte der Woche: Lächeln ist entwicklungsgeschichtlich eine Unterwerfungsgeste!

Man kann drüber lächeln oder entsetzt sein. Aber sollte ich jemals vorgehabt haben, eines Tages doch noch eine "bezaubernde" Frau (also, jetzt nicht wie in "Hexe") zu werden, so kann ich den Plan nun endlich und mit großer Gewissheit verwerfen. Denn ich lächle ja grundsätzlich nur sehr widerwillig ohne Grund. Mein Leben, von der Kindheit in den Siebzigern bis heute, hat mich mithin immer wieder gelehrt, dass das bei einem weiblichen Menschen zumeist gar nicht gut ankommt. Ich sage es noch einmal: Wenn ich einen Groschen hätte für jede Ermahnung doch mal zu lächeln, über die Jahrzehnte hinweg unermüdlich verteilt von Fotografen, Lehrern, Männern, etc., hätte ich ihn schon längst, meinen apfelgrünen Porsche...Und auch in den Sechzigern wäre ich pausenlos unangenehm aufgefallen - und hätte ein Vermögen machen können:

Und auch hier: verschärftes Dicken-Bashing. 

Um aber noch einmal zum väterlichen Archiv im Allgemeinen zurückzukommen - was hat mein Vater wohl in der Pressemappe der Second Allied Tactical Air Force verwahrt? Richtig...Kunst. Um genau zu sein das Werk einer feministischen Avantgardistin. "Blattfrau mit Muschelaugen" von Nicola Hinz, vier Jahre alt. ; )

NH


Samstag, 21. März 2015

Follow me around 20: A day in the life...

...ist ja auch so eine beliebte Vlogging-Kategorie. Aber die meisten meiner Tage eignen sich wahrhaftig nicht für pastellige Selbstdarstellung in bewegten Bildern. Und wer würde schon ernsthaft meine alltägliche, kleinlich-säuerliche Wirklichkeit betrachten wollen? Vorsicht: Nichts für schwache Nerven. ; ) 

Um es noch einmal deutlich mit den Worten von Jack Nicholson in "A Few Good Men" zu sagen: "You can't handle the truth!"


Dienstag:

8:30 Bürste bleibt im Haar hängen, fliegt mir aus der Hand und durchs Badezimmer.

9:00 Kundin ist krank und nicht da. Ich stehe bei ihr vor der Tür. Offenbar hat sie früh am Morgen eine Nachricht auf meinem AB hinterlassen, die ich aber nicht abgehört habe.

9:20 Zurück zu Hause. Sehr gesprächiger Nachbar fängt mich auf der Auffahrt ab und berichtet über den Stand seiner Zahnfleischprobleme.

10:42 Tasche auf dem Beifahrersitz fällt in scharfer Kurve seitlich um.

10:53 Stau vorm Hauptbahnhof. Habe Telefonnummer von Kunden nicht dabei. Muss Mail schreiben, dass ich mich verspäte.

11:05 Muss jetzt dringend aufs Klo. Noch immer im Stau.

11:11 Krampf im linken Fuß.

11:35 Beim Kunden. Mir fehlt Material, das vermutlich aus der Tasche gefallen sein muss.

12:40 Beifahrersitz hakt, lässt sich nicht nach hinten schieben. Aber die verlorenen Unterlagen liegen darunter.

12:42 Rüchwärtsgang hakt auch.

12.50 Essen im Auto. Sandwich-Soße am Jackenärmel.

12.51 Stelle fest, dass ich einen Anruf verpasst habe. Private Nummer. Nun kann ich mich für immer fragen, wer das wohl war.

13:21 Bauchschmerzen. Ziemlich stark sogar.

16:50 Bleibe bei Gang durch fremdes Gartentor am Riegel hängen. Loch in T-shirt.

18:15 Im Auto. SMS, dass ich meine Schreibmappe habe liegen lassen. Drehe um, fahre 20 Minuten zurück, um sie abzuholen.

20:37 Keine Blaubeeren bei Penny.

23:07 Klingeln im Ohr.


Donnerstag:

8:31 Kater reißt aus Übermut erst Loch in Schlafanzughose und dann in meine Wade.

8:36 Beim Aufreißen einer Tüte mit Katzenfutter spritzt mir die Soße ins Gesicht und auch sonst überall hin.

18:55 Ankunft in der "Galerie der Gegenwart" in Hamburg.

18:58 Bekomme mit meinem Ticket, für das ich 12 Euro bezahle (obwohl die Deutsche Bank die Ausstellung sponsort), einen orangefarbenen Aufkleber überreicht, den ich sichtbar auf mir anbringen soll.

18:59 Gerate mit übereifriger Kartenabreißerin in einen Streit, als sie mich "beraten" will, wo ich den Aufkleber am besten platziere. Sie ist beleidigt, weil ich ihren Rat nicht will. Und weil sie natürlich nicht begreift, dass ich orangefarbene Markierungen (aus vielerlei Gründen) an den Revers von Leuten echt daneben finde.

19:03 Kann das Klo nicht finden. Weil es im Treppenhaus kein Schild gibt.

19:09 Kein Abfallbehälter in der Kabine. Muss Müll in der Hand mit in den Vorraum tragen.

19:34 Einige deutsche Übersetzungen der englischen Titel sind mir aufgefallen. Sie sind nicht sehr gut/genau, bzw. im Prinzip falsch und verändern damit regelrecht die Bedeutung und/oder Auslegungsmöglichkeiten der betreffenden Kunstwerke.

ORLAN: "LE BAISER DE L'ARTISTE", 1977
Renate Bertlmann

19:44 Erstaunlich, dass eine Ausstellung der "Feministischen Avantgarde der 1970er Jahre" in der Hauptsache voll ist mit Darstellungen nackter Frauenkörper. Und mit Körpern, die durch ihre Besitzerinnen manipuliert und dargestellt werden (Selbstportraits). Körper, die selbst vor feministischem Hintergrund zumindest zum Teil noch immer zu posieren scheinen und irgendwie gefallen wollen (siehe besonders Hannah Wilke). Die hier dargestellte Anklage der damals und heute ja auch noch herrschenden Machtverhältnisse ist zahm. Die Wut ist eher ambivalent und mitunter, scheint sie sogar nach innen gerichtet. Stille Verwirrung bei der Bestimmung und Annäherung an die eigene Identität, Sexualität und Körperlichkeit, ein nicht enden wollendes, aus heutiger Sicht naiv anmutendes Abarbeiten von stereotypen Frauenrollen und Schönheitsstandards, sowie die Gefangenheit in eben jenen, bestimmen die Ausstellung. Die Werke sind, in Übereinstimmung mit fehlender Drastik, zumeist eher kleinformatig und schwarz-weiß. Eine radikalere Ausnahme ist Renate Bertlmann mit ihrer "Schwangeren Braut im Rollstuhl". Persönlich suche ich während meines Rundganges nach irgendeiner inneren Verbindung. Schließlich arbeite ich auch mit Selbstportraits, um mich selbst besser zu erkennen, und um mich in einer Situation der Rebellion zu stärken. Aber (fast) die ganze Zeit denke ich nur: Mehr Lärm! Mehr Farbe! Dann würde das alles vielleicht nicht so verdammt lange dauern! Mit der Freiheit. Man kann nicht rebellieren und kritisieren - und gleichzeitig nicht unangenehm auffallen. Und ja, wie am Meinungsbrett richtig bemerkt: Obendrein sind hier augenscheinlich nur weiße Künstlerinnen vertreten.

19:45 Am schwarzen Brett, an dem man auf roten Zetteln seine Meinung zur Ausstellung mitteilen soll, gibt es keine Stifte mehr in den Haltern. Kunstbewachungsdamen laufen hin und her und am Brett vorbei. Bleiben sogar davor stehen. Merken aber nichts.

20:02 Es gibt im Museumsshop so gut wie keine Postkartenmotive aus der Ausstellung. Nur den Katalog für 40 Euro. Den kaufe ich diesmal nicht.


 20:08 Kartenabreißerin grüßt nicht zum Abschied, wirft mir aber hämisch-giftigen Blick zu.

20:20 Gehe durch die Bahnhofshalle auf dem Weg zum Auto. Offenbar komplett zugedröhnter, gefährlich schwankender Herr taucht neben mir auf und schickt sich an, einen Schluck aus dem Strohhalm zu nehmen, der aus meinem Smoothie ragt.

20:25 Kaufe neuen Smoothie.

20:29 Gehirnfrost.

20:49 Im Auto. Sehe die Leuchtreklame für den Dom am Horner Kreisel. Ist wieder keiner da, der mit mir in der Geisterbahn knutscht...

NH

Samstag, 8. März 2014

Happy Internationaler Frauentag!

 

Nun dachte ich, das wird ein ruhiger Freitagabend: "Heute passiert hier nix mehr. Ich stopfe mich noch mit Spinat und Blaubeeren voll, schaue mir endlich Rob Zombies The Lords of Salem an, und bis morgen kann mich jeder mal gern haben. Und DANN fiel mein Blick auf die Titelseite der Zeit...Ich weiß, ich weiß, warum lese ich diese "Bravo für Abiturienten" (Volker Pispers) eigentlich noch?!...Tue ich ja gar nicht mehr. Jetzt nicht mehr.

Denn ausgerechnet zum Internationalen Frauentag haben sich die Verantwortlichen dazu verstiegen, die Antifeministin Mariam Lau - nein, keinen Artikel - sondern einen triefend larmoyanten Kommentar über die "traurigen Siege" des Feminismus verzapfen und diesen dann auch noch auf die erste Seite drucken zu lassen.

Die Hälfte des lauen Aufsatzes handelt allerdings von Prostitution, und davon, dass nach einem Beschluss des Europäischen Parlaments Prostitution in Europa illegal, bzw. Freier künftig bestraft werden sollen. Da ist die Frau Lau dagegen. Abgesehen davon, dass man sich über diese Wahl des Schwerpunktes eines Artikels zum Internationalen Frauentag vielleicht wundern könnte, zeigen die Ausführungen natürlich auch mal wieder, dass sie sich mit näheren Betrachtungen des wahren Lebens nur ungern die Finger schmutzig macht.

Ihre Klage basiert hier auf der Annahme, dass es gute (freiwillige) und nicht so gute (erzwungene Prostitution) gibt. Und dass die Linie zwischen beiden klar und vermutlich auch noch irgendwie mittig verläuft. Man könnte, so die Frau Lau, Zwangsprostitution und Menschenhandel mit einer "kleinen Korrektur der vorhandenen Gesetze leicht" bekämpfen. Und dann könnten all die anderen freiwilligen, glücklichen Huren, die dreistellige Stundenhonorare berechnen, die ihnen natürlich nicht von ihren Zuhältern abgenommen werden und die natürlich in gar keiner Zwangslage sind, weder persönlich noch wirtschaftlich, in Ruhe weiter ihrem natürlich total normalen Beruf nachgehen. Nun, wenn alle Huren selbständige, selbstbestimmte Unternehmerinnen mit anständigem Einkommen wären, dann wäre ich auch dafür, dass Prostitution legal bleibt. Das Problem ist tatsächlich, dass es eben jene "gute" Prostitution nicht so furchtbar oft gibt. Was es gibt, sind 500.000 Zwangsprostituierte in Europa - laut einer Schätzung der UN.

Der "Triumph des Staatsfeminismus" sorgt der Frau Lau zufolge, für eine Stimmung des "Misstrauens" zwischen Männern und Frauen, denn es gehe nicht um fröhliche Befreiung sondern um Schutz vor "männlichen Übergriffen". Das tut es in der Tat. Jeder vernünftige Mensch (ob Frau oder Mann) würde ja wohl auch zu dem Schluss kommen, dass in einem Europa, in dem zum aktuellen Zeitpunkt jede dritte Frau schon einmal solch einen Übergriff erlebt hat, Schutz davor auch nötig ist. Ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern tatsächlich gestörter, seit die Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand ist? Ernsthaft jetzt? Müssen wir uns über so etwas wirklich unterhalten?

Na jedenfalls denkt die Frau Lau, dass eben dieses Misstrauen und die durch den Feminismus vergiftete Atmosphäre zwischen den Geschlechtern dazu führen, dass vor allem Akademikerinnen nicht mehr in der Lage sind, Familien zu gründen, weil ihnen, so die faszinierend abwegige Vermutung,  der "Mut zu Mann und Kindern" schlicht fehlt - wohlgemerkt: "trotz innigstem Wunsch". Woher die Frau Lau ihre Informationen über die psychische Verfassung vom Feminismus eingeschüchterter Akademikerinnen hat, ist mir schleierhaft. Tatsache ist: Noch immer gehen nur 7% aller frischgebackenen Väter für ein Jahr in Elternzeit. Es gibt noch immer nicht überall genug passende Angebote zur Kinderbetreuung. Dass die Zahl der Kinder mit steigendem Bildungsniveau sinkt, ist ja wohl nichts Neues, ebensowenig, wie die Tatsache, dass die Mehrzahl der Scheidungen von Frauen eingereicht wird. Und die werden schon ihre Gründe haben.

Moderne Frauen, die heterosexuell und an Männern grundsätzlich interessiert sind, haben keine Angst vor Beziehungen mit Männern! Sie haben einfach im Leben viel vor, und wenn sie Prioritäten setzen müssen, dann gerät die Familienplanung, man höre und staune, mitunter ins Hintertreffen. Frauen haben die Wahl, und DAS verdanken wir dem Feminismus. Auch die im fraglichen Zusammenhang komplett unpassenderweise von der Frau Lau betrauerten 100.000 Abtreibungen, die jährlich vorgenommen werden, sind übrigens dem oben genannten Umstand geschuldet - auch hier können sich Frauen der Göttin sei Dank in diesem Land entscheiden. Und DAS ist eben das Ergebnis. Ob es der Frau Lau passt, oder nicht. Vielleicht würde die Entscheidung in dem einen oder anderen Fall anders ausfallen, wenn es z. B. ein bedingungsloses Grundeinkommen und mehr Ganztagsschulen gäbe, aber Frauen haben viele Gründe, keine Kinder zu wollen, und viele davon dürften weder mit wirtschaftlichen noch organisatorischen Fragen zu tun haben.

"Feminismus ist die Antwort - aber was war noch mal die Frage?" DIE FRAGE, Frau Lau, war: Warum verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich 21% weniger als Männer? Schreiben Sie es sich am besten auf - vielleicht hinter die Ohren.

Nachtrag: Wer gute Nerven hat, kann Frau Laus "Was will das Weib?" hier online lesen. Wer überdies noch über einen unempfindlichen Magen verfügt, kann aus dem Schwall der sich anschließenden Kommentare wirklich Erstaunliches über die Realität in den Köpfen der Zeitleser erfahren.

Oder doch lieber bei der Mädchenmannschaft weiterlesen.

NH

Donnerstag, 20. Juni 2013

Pinktastisch!

Oder: Warum so manche Möchtegern-Feministin das Matriarchat selbst dann nicht erkennt, wenn es ihr in Berlin Mitte direkt vor die Füße fällt...

THE UGLY GIRL PROJECT: Barbie and I © CANDYBEACH.COM 2013
 
Ist mir egal, ich mache mich jetzt gleich mal so richtig unbeliebt: Wenn mich etwas ganz besonders aufregt, dann sind das winzige Mädchen, die im Park Miniatur-Kinderwagen vor sich herschieben, anstatt munter und ohne vorgeschnalltes Hindernis durch die Welt zu hopsen.
 
Mir hat man als Kind ja irgendwann mal auch so eine Rollenvorbereitungsausstattung zukommen lassen - ohne Erfolg. Im Puppenwagen schlief unsere Katze Molly. Und die lächerliche Puppe, die in die Hose pinkelte, wenn man ihren Arm herunterdrückte, wurde am Ende weitergeschenkt, während ich mit Legosteinen Garagen für meine Rennautos baute. Mein Herz allerdings gehörte Julchen (Stofflöwin) und - Barbie. Ich ließ ihr in ihrem türkisfarbenen Bad mit den hohen Bogenfenstern Schaumbäder ein, packte ihre Kleider ins Wohnmobil, wenn sie verreisen wollte, begutachtete mit einigem Erstaunen den Unterleib meiner ersten und einzigen Ken-Puppe und wusste von Anfang an instinktiv, dass es zumindest im Kern dieses Universums in der Tat um nicht weniger als Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ging. Um Spaß und Kleider auch. Logisch.
 
Als nun die Barbie Dreamhouse Experience Mitte Mai in der Nähe des Alexanderplatzes in Berlin ihre Tore öffnete, gab es Protest. Maßgeblich organisiert durch die Linksjugend Berlin Kreuzkölln, die eigens die Aktion Occupy Barbie-Dreamhouse ins Leben gerufen hatte, sowie Mitglieder des deutschen Ablegers von PinkStinks demonstrierten ein paar hundert Frauenbewegte gegen das vermeintlich eindimensionale und rückständige Frauenbild, das Barbie in die Hirne kleiner Mädchen pflanzt. Dieses, so der Verdacht der meisten der von Journalisten befragten Aktivistinnen, bestünde aus Konsum, Küche und Ken. Das alles getaucht in die verhasste Farbe Pink, die laut Stevie Schmiedel (Mitbegründerin von PinkStinks Germany) für "niedlich und harmlos" stehe.* Schmiedel und andere waren übrigens am Schluss sauer, weil ihnen die Protestshow zu guter Letzt von einer barbusigen Femen-Aktivistin gestohlen wurde. Diese platzierte sich fotogen mit einer brennenden Barbie am Kreuz und der Aufschrift "Life in plastic is not fantastic" am Leib vor dem Eingang des Hauses und machte damit so ziemlich alle Schlagzeilen des kommenden Tages für sich und ihre Gruppe klar. Dieser Umstand stank den anderen Demonstrantinnen am Ende vermutlich noch viel mehr als Pink...Ich habe ja auch so einen Verdacht: "Konsum, Küche und Ken" beschreibt vermutlich doch eher die Lebensrealität so mancher aufgebrachter PinkStinks-Mutter, die immerhin über genug Muße und Ressourcen verfügt, sich über das Gefahrenpotential pinkfarbener Lillifee-Brotdosen tiefergehende Gedanken machen zu können.
 
Ein schlechtes Vorbild für Mädchen?
 
Barbie ist übrigens Junggesellin. Sie ist außerdem kinderlos. Seit 1959 hat sie keine der beiden universell am tiefsten verankerten, selbstverständlichsten und gleichzeitig automatisch Abhängigkeit schaffenden Frauenrollen ernsthaft und dauerhaft übernommen. Gut, man konnte sie hin und wieder mal im Brautkleid kaufen. Das heißt aber nicht, dass sie Ken jemals ans Steuer ihrer pinkfarbenen Corvette gelassen hätte. Ohnehin halten sich schon seit Mitte der 90er hartnäckig Gerüchte, Ken sei schwul ; ). Dass Barbie keine eigenen Kinder hat, bedeutet allerdings auch nicht, dass es um sie herum gar keine Kinder gäbe - aber alle, die in ihrem Dunstkreis als Teil des ergänzenden Produktsortiments irgendwann aufgetaucht sind, sind Freundinnen, Cousinen oder Geschwister. Und fast alle sind weiblich. Männlichkeit spielt in dieser pinkfarbenen Plastikwelt so gut wie keine Rolle. Und bekocht wird sie erst recht nicht.
 
 
Da überkommt mich sodann auch gleich der nächste Verdacht: Vielleicht ist es ja sogar eher die Radikalität der totalen Abwesenheit zwischengeschlechtlicher Ausgewogenheit in Barbieland, die so manche Pinkhasserin wirklich beunruhigt. Vielleicht ist es eine unterbewusste, an der Wurzel zutiefst konservative Reaktion auf eine quasi entmannte Welt, die die Demonstrantinnen wirklich mit Plakaten auf die Straße getrieben hat. Ist ihnen die Vorstellung einer exklusiven Mädchenwelt so zuwider, weil sie "Mädchenkram" im Prinzip selbst für minderwertig halten und Teilhabe an (aber nicht die totale Übernahme von) "Jungenkram" für die anzustrebende Norm?
 
Was wir im Barbie Dreamhouse lernen, ist jedenfalls zunächst einmal dieses: Wenn Barbie Lust hat, einen spontanen Ausflug nach Paris zu machen, dann tut sie das in ihrem eigenen Flugzeug. Und sie fliegt dieses Flugzeug selbst. Was verlangen wir von einem guten Vorbild eigentlich noch, wenn es darum geht, Mädchen zu zeigen, dass der Himmel das Limit ist - und keine Glasdecke dazwischen?
 
Dass Barbie fliegen kann, ist eigentlich auch nicht wirklich verwunderlich, denn Barbie kann alles sein und tun, was sie will: Bereits 1965 war sie als Astronautin zu erwerben. Im Laufe der Zeit u.a. als Polizistin, Rennfahrerin, Journalistin, Fotografin, Sportlerin, Informatikerin, Geschäftsfrau, Ballerina, Politikerin und Katastrophenhelferin. Und wer heute einen Besuch auf ihrer "I can be"-Website macht und "Pflegende Berufe" anklickt, wird feststellen, dass eine "pflegende" Barbie in der Regel ein Medizinstudium hinter sich gebracht hat. Und nur so nebenbei: Barbie mag eine Küche und einen riesigen begehbaren Kleiderschrank haben. Aber sie hat auch eine Bibliothek.
 

Ja, selbstverständlich begreife ich die Gründe für die Proteste. Barbie transportiert mit Macht und Skrupellosigkeit ein Schönheitsideal, das dazu beitragen kann, dass Mädchen sich in ihren realen Körpern nicht mehr sicher und stattdessen unzufrieden und ungenügend fühlen. Und aus der Ferne mag das Dreamhouse, in dem man seine Tochter für einen Aufpreis von zehn Euro erst schminken, stylen und dann über einen pinkfarbenen Catwalk wandern lassen kann, wie ein greller Verdummungszirkus wirken. Aber mein Einwand bleibt weiterhin dieser: Wiegt Barbies Symbolwert als konsumversessene Mega-Kundin der Mode- und Kosmetikindustrie wirklich schwerer, als meine oben angestellten Überlegungen? 

Auch gegen die Überraschungseier für Mädchen haben die Aktivistinnen von PinkStinks schon protestiert. Und haben dabei wieder nicht um die Kurve gedacht. Ich schenke mir ja immer mal wieder selber eins - ich stehe als alte Frau halt noch immer auf pinkfarbene Spannung. Die Journalistin Antje Schrupp legt in ihrer hochinteressanten Analyse der pink-belasteten Eier dar, warum ich mich in dieser Angelegenheit besonders glücklich schätzen kann, ein Mädchen zu sein - weil ich sonst nämlich so ein Ei eigentlich gar nicht kaufen dürfte.

Barbie aus dem Ei

Das Barbie Dreamhouse als Installation

Was ich sehe, ist pink. Aber in seiner Bizarrheit weder niedlich noch harmlos. Aus der Nähe sieht man deutlich: Das Barbie Dreamhouse karikiert und kritisiert sich selbst schärfer, als jede fackelschwingende Aktivistin es könnte. Es war offensichtlich nicht als entlarvendes Kunstwerk gedacht, aber es funktioniert ganz klar wie eines und ist voller doppelter Böden. Es atmet inhärente Zerrissenheit aus, und erzählt eindeutig und fast zynisch die Geschichte des zwangsläufig konflikthaften Prozesses der Frauwerdung in einer Welt, die von weiblicher Äußerlichkeit besessen ist.

Gleichzeitig hätte Jeff Koons die bösartigen, verkitschten Versuche einer Verschleierung dieser Konflikte an mancher Stelle nicht rückhaltloser inszenieren können. Immer wieder trifft man auf bemerkenswerte Versatzstücke, die von der starren Einsamkeit des Kampfes um Schönheit erzählen. Jede kämpft für sich allein. In ihrem eigenen Glaskasten. Manchmal bleibt von ihr nichts übrig - außer ihren Schuhen.

Den anwesenden Kindern entgeht diese Ebene selbstverständlich. Und das ist auch gut so. Mein Onkel Heinz, der sich todesmutig mit  mir in die pinkfarbenen Wogen geworfen hat, macht Beweisfotos für seine Freunde "von der größten Geschmacklosigkeit, die er je gesehen hat" und stellt gleichzeitig fest, dass die anwesenden Kinder sich ohnehin nicht für Details der Ausstellung zu interessieren scheinen. Das meiste, was das Barbie Dreamhaus zu bieten hat, so sein Urteil, ist für die "Blagen" schlicht sterbenslangweilig. Selbst da, wo man Knöpfe drücken kann - denn das Barbiehaus ist offenbar schon jetzt so ramponiert und schlecht gewartet, dass längst nicht mehr jeder Knopfdruck auch zu einem Ergebnis führt: Was für eine Metapher des Lebens. ; )

Am Ende bleibt vor allem eine Frage offen: Was macht der Delphin im Klo?
 



















 *Missy Magazine, Januar 2013

NH