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Donnerstag, 10. Januar 2019

Wie wir wurden, was wir waren: Die letzte Brigitte-Diät

Helga Köster: Brigitte Diät, Bertelsmann, 1974

Die Brigitte-Diät ist jetzt 50 Jahre alt. Das kecke, ausklappbare Cover des Jubiläumshefts mit nackter, hausbacken-harmloser Frau darauf hat mithin passend auch die Ästhetik eines Siebzigerjahre-Softpornos. Angeblich hat sich die Brigitte-Diät neu erfunden. Soll heißen, sie kommt jetzt mit Meditation als allererster "Säule" daher. Und mit einer App, die sich als Lockangebot für ein Abo beim Unternehmen Balloon entpuppt, das mit Brigitte-Rabatt im ersten Jahr ab 5 Euro im Monat zu haben ist. Es ist ein wahrlich mehr als verzweifelter Versuch einer Neuerfindung.

Ansonsten, soweit ich das überblicken konnte, ist alles eigentlich wie 1974. Heute wie damals besteht die Diät aus idiotisch lebensfern aufwendigen Rezepten für Minimalzeiten, die höchstens 500 Kalorien haben dürfen. Für zwei Portionen des "Be-Fit-Snacks" (ja, so heißt das Rezept - Facepalm) braucht man: 3 Bio-Eier Größe M, 2 EL geriebenen Parmesan, 50 g körnigen Frischkäse, gemahlenen, bunten Pfeffer, Salz, 2 EL gehackte Lauchzwiebeln, 2TL Olivenöl, 1 EL Butter, 2 Scheiben Brigitte Balance Brot mit Urgetreidesprossen (und das hier ist noch immer keine Satire), 2 "geputzte" Salatblätter und 60 g Gemüse-Antipasti aus dem Glas. Ergibt 375 Kalorien pro Portion. Da lobe ich mir doch fast den "Gegrillten Hummer mit gebackener Kartoffel von 1974. Dafür benötigte man nur 250 g Hummer im Stück, Salz, Pfeffer, 1 EL Öl, 1/2 TL Senf, 2 EL Buttermilch, Petersilie, Zitronenscheiben, Salatblätter und eine große Kartoffel. Und der ganze Kram hatte dann nur 300 Kalorien.

Ach ja, was soll frau von der Frau Huber nun auch noch groß erwarten? Sie ist so bieder wie die Klopapierrolle auf der Hutablage, farblos, nur mäßig bei der Sache (der Frauen) und ganz offenkundig nicht die hellste Kerze auf der Torte. Diejenigen, die sie 2013 zur alleinigen Chefredakteurin des sinkenden Schiffes gemacht haben, hätten es eigentlich kommen sehen müssen. Seit 2009 ist sie Mitglied der Chefredaktion der Brigitte und hat in ihrem schicken Eckbüro mit Elbblick im Angesicht der Digitalisierung selbstverständlich nicht verhindern können, dass die verkaufte Auflage des Magazins von 687.456 Exemplaren im dritten Quartal des Jahres 2010 auf 372.101 im dritten Quartal 2018 gesunken ist. 2013 waren es im zweiten Quartal übrigens noch 563.000 Exemplare. Sie hat sich auf ihrem sinkenden Kahn aber auch zu keiner Zeit getraut, alle Bedenken in den Wind zu schlagen und jetzt auf den letzten Metern, auf denen es ohnehin nicht mehr groß darauf ankommt, wenigstens endlich mal für ihre lesenden Schwestern und nicht gegen sie zu arbeiten - egal, ob das für die Auflage gut ist, oder nicht. Dafür fehlen ihr natürlich gänzlich Überzeugung und das Bewusstsein. Und bei Sätzen, wie diesem, fragt man sich, ob sie überhaupt noch bei Bewusstsein ist: "(Die Brigitte-Diät) ermöglichte es der ersten Frauengeneration nach dem Krieg, ihre Figur und damit auch sich selbst zu verändern, um ein paar Pfund erleichtert mit neuem Selbstbewusstsein aus der festgelegten Rolle des Heimchens am Herd herauszutreten." (Brigitte, Nr. 2, 2.1.2019)

Wenn man ihr Editorial zu 50 Jahren Brigitte-Diät liest, weiß man nicht, ob man vor Zorn oder Entsetzen platzen soll. Es ist mir nicht klar, wie sehr man sich selbst und seine Leserinnen verachten muss, um beim letzten Aufbäumen auf so kleinem Raum so viel toxische Dummheit und unverschämte geschichtliche Umdeutung zu verspritzen. In der Einleitung der Frau Huber, sowie im hinteren Teil des Blattes wird die Expertise eines Herrn Prof. Dr. Christoph Klotter von der Hochschule Fulda mehrfach bemüht, um die Herleitung Diät = Gleichberechtigung zu unterfüttern. Der bezeichnet die Brigitte-Diät nicht nur brav und zitierfähig als "ein Zeichen von Aufbruch und Emanzipation" (S.5), sondern gar als "Neustart" nach dem Schock der Naziherrschaft und versteigt sich später dann noch zu der verblüffenden Formulierung, das "Umsetzen der Brigitte-Diät" sei "also mit einer Kriegserklärung an das männliche Geschlecht verbunden" gewesen (S. 103). Die Kühnheit, mit der hier grober Unfug behauptet wird, ist beeindruckend, aber natürlich auch ausgesprochen frustrierend. Eigentlich würde man denken, dass ein Hinweis auf all die Diäten, die vor der Brigitte-Diät auch schon vermarktet worden sind, nicht wirklich notwendig ist. Das Ringen meiner Mutter um den Taillenumfang einer Elizabeth Taylor in den Fünfzigern geschah auch mithilfe einer Diät - und nicht einmal der wackere Herr Klotter vom wissenschaftlichen Beirat der Brigitte würde vermutlich noch den Nerv haben, hier allen Ernstes zu vermuten, dass es sich bei diesem Projekt um die emanzipatorische Rückeroberung der Selbstbestimmung über den eigenen Körper nach dem Ende der Nazidiktatur gehandelt haben könnte. Vom Körperkult der Nazis wollen wir hier erst lieber gar nicht anfangen - dann erholen wir uns nie mehr. Zur Sicherheit sei aber noch einmal festgehalten: Der Austausch eines Körperformkontrollsystems gegen ein anderes befreit einen logischerweise nicht von der einschränkenden und schwächenden Kontrolle selbst. Die Brigitte-Diät hat Frauen selbstverständlich niemals die Kontrolle über ihre Körper "zurückgegeben", sondern sie im Gegenteil seit Jahrzehnten erfolgreich weiterhin davon überzeugt, dass ihre Körper kontrolliert werden müssen, und die Markteinführung der Brigitte-Diät vor 50 Jahren wäre damit eigentlich eher als ein Backlash-Symptom zu bewerten (was sie bis heute geblieben ist) in einer Zeit, in der einige Frauen in der Tat um Gleichstellung kämpften (Alice Schwarzer) und andere leider eher nicht (Brigitte).

Man muss schon aus ziemlich perfidem und billigem Holz gemacht sein, um der eigenen Leserinnenschaft erzählen zu wollen, Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung stünden in engem Bündnis mit der Anfang der Siebziger endlich durch die Brigitte-Diät erlangten "Erlaubnis", sich eigenständig dünn zu hungern. Vor allem dann, wenn man es doch wirklich besser zu wissen scheint: In einem Artikel des Tagesspiegels vom 11.01.2018 wird der Herr Klotter nämlich so zitiert: "Diäten sind der ideale Einstieg in eine Essstörung."

Ich bin sicher, ich habe bereits mehrmals erwähnt, dass ich mit der Brigitte und ihrer Diät buchstäblich aufgewachsen bin? In der Tat sind wir zusammen aufgewachsen. Ich bin Jahrgang 1971. Die Diät offenbar nur drei Jahre älter. Meine Mutter war eine Leserin der Zeitschrift, so lange ich denken kann. Und das konnte ich bereits sehr früh. Meine erste Diät machte ich auch früh - regelmäßige Leserinnen wissen es bereits: Ich wurde von meiner Brigitte-lesenden und selbst, wenn auch schlanken, immer mal wieder diätelnden Mutter mit drei Jahren zum ersten Mal dazu verdonnert, einen kalorienreduzierten Ernährungsplan einzuhalten. Meine Mutter war keine Feministin. Ihr Kind schon. Das gab bald eine Menge Streit und Unbehagen angesichts meiner vermeintlichen Radikalität, besonders am Anfang. Dann, irgendwann später, kam mehr und mehr Zustimmung. Man mag es für Kleinkram halten, aber ein symbolischer Schritt auf dem Weg zur eigenen Emanzipation war für meine Mutter die Kündigung des Brigitte-Abos. Da war sie schon über sechzig, und hatte nach eigenen Angaben "endgültig genug von den Weihnachtsplätzchen und dem ganzen Quatsch".

Die oben abgebildete Ausgabe der Brigitte-Diät von 1974 habe ich vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt gefunden - es nicht das Original aus unserem Haushalt, mit der ich als Kind tyrannisiert worden bin. Das ist irgendwann irgendwo verschwunden. Als ich jetzt hineinsah und feststellte, wie biestig und fettphobisch das Büchlein tatsächlich ist, wurde mir umso klarer, dass ich in einer Atmosphäre und Umgebung, in der über mich als vermeintlich dickes Mädchen so gedacht wurde, nie eine echte Chance auf Normalität oder angemessenen Respekt hatte.

"Jeder fünfte ist viel zu fett. (...) Noch nie wurden so viele Selbstmorde mit Messer und Gabel begangen wie heute." (S. 7)

"Viele dicke Mütter nötigen ihre Kinder zum Essen. (...) Diese überfütterten Kinder werden dick und neigen auch als Erwachsene zu chronischer Freßlust." (S. 9)

"Kaufen Sie nichts Neues (keine neuen Kleider) - erst wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 24)

"Pflegen Sie Ihr Gesicht (...) während der Kur besonders sorgfältig. Damit Sie auch wirklich schön sind, wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 25)

"Lassen Sie sich nicht beirren, wenn Sie eine Abmagerungskur nötig haben." (S. 25)

"Kleben Sie das schlimmste Foto aus Ihrer "schwersten Zeit" sichtbar an den Kühlschrank. Bei diesem Anblick zuckt Ihre Hand - hoffentlich - sofort zurück!" (S. 26)

" (...) sündigen Sie trotz besseren Wissens (...), dann bestrafen Sie sich für diesen Fehltritt mit einer empfindlichen Spende in den Bauch Ihres Sparschweins," (S. 26)

"Heben Sie wenigstens ein Kleid (...) auf, in (das) Sie vor der Kur gepasst haben. (...) Am Ende der Kur, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben, sollten Sie sich in diesem Kleidungsstück im Familienkreis vorstellen. Das Gelächter dürfen Sie ruhig als neidlose Anerkennung werten." (S. 27)

"In Gesellschaft lässt es sich leichter hungern." (S. 29)

"Sahnetorten und Süßigkeiten sind auch in Zukunft Ihre ärgsten Feinde." (S. 34)

Was habe ich sonst noch zu 50 Jahren Brigitte-Diät zu sagen? Ach ja...

Nicht nur danke für nichts. Ich wünschte es wäre so. Aber ich verdanke der Brigitte und ihrer Diät in der Tat eine ganze Menge: Danke für vierzig Lebensjahre, die bestimmt waren von Selbsthass, Depressionen, Misshandlung des eigenen Körpers, durch Diäten und Selbstverachtung geraubte Energie, ein zerstörtes Selbstbild, ein aufgeschobenes Leben, Sommer ohne Besuche im Schwimmbad, den Wunsch, in der Öffentlichkeit unsichtbar zu sein, Schuldgefühle, Selbstbestrafung, verpasste Lebenschancen, weil der Mut und das Selbstbewusstsein schlicht fehlten, Ohnmachten in der S-Bahn vor Hunger, Erschöpfung, Freudlosigkeit, Einsamkeit und nicht zuletzt - eine in weiten Teilen komplett versaute Kindheit und Jugend. Danke, danke, danke ihr schlicht gestrickten Verräterinnen (die ihr immer wart und noch immer seid).

NH

Sonntag, 29. März 2015

Küchenpsychologie

Die Strategie, die Küche (fast) gar nicht mehr zum Kochen zu nutzen, funktioniert. Seit ich mein Essen in den meisten Fällen nur noch auspacke und auf einen Teller lege, bleibt die Küche chaosfrei. Alles, was dreckig wird, kommt sofort in die Spülmaschine. Das ist die Regel - die Arbeitsoberfläche muss immer gleich freigeräumt werden, und im Spülbecken darf nichts über Nacht liegen bleiben.

Das klappt jetzt sogar mit den Katzentellern. Corbi hat sich plötzlich geweigert, von Papiertellern zu fressen, aber ich komme klar. Auch im Kopf und in der Seele wird es klarer, ohne die Kämpfe mit der Küche und bei der Nahrungszubereitung im Nacken. Ich esse Salat. Und Obst. Und Cracker. Und Dosensuppen.

Durch die Vorgabe, dass nicht wirklich gekocht werden kann, fallen außerdem viele mögliche Einkaufsüberlegungen und -entscheidungen  automatisch weg. Und man spart enorm viel Zeit. So viel Zeit, dass ich meine gebeutelte Küche nach langer Zeit mal wieder auf Hochglanz poliert habe. Was hat mich eigentlich geritten, als ich mir vor ca. 4 Jahren eine Küche in tannengrünem Lack kaufte? Ich fand sie schön. So einfach war das. Und hatte ich hatte schlicht keine Ahnung, dass ich mich mit ihrem Erhalt aus so verrückten Gründen so schwer tun würde. Aber jetzt spiegelt sich der Garten wieder in den Schranktüren.

Die Küche nach dem letzten großen Aufräumen am 15. März.
Die Küche am 21. März. Hier ist keine Aufräumaktion mehr vorangegangen.
Die Küche am 27. März.

NH

Montag, 11. August 2014

Follow me around 4



Mir ist schlecht

Die englische "bucket list" (Eimerliste) ist ja eigentlich eine Aufstellung der Dinge, die man erledigen will, bevor man ins Gras beißt ("kicking the bucket"). Auf meiner stehen z.B. so Sachen, wie: "Mit Krokodilen schwimmen". Wenn meine Mutter und ich in der selben Situation erkennbar dasselbe unerträglich fanden, sagte fast immer eine von uns: "Reich mal den Eimer rüber." Als ich mich gestern durch den Supermarkt schleppte, dachte ich für einen Moment, ich bräuchte wirklich einen und hielt nach Sandspielzeug Ausschau.

Nahrung war immer der Feind. Und just in dem Augenblick, in dem ich mich entschieden hatte, meine Beziehung zum Essen endlich zu neutralisieren, und auch gerade ganz gute Fortschritte machte, wurde alles schon wieder ganz anders. Wenn ich in den vier Jahrzehnten meines Lebens zuvor schon eine prekäre Esserin war, dann bin ich nun auf meinem erhöhten Zuckerwert erst recht so verdammt  ins Schliddern geraten, dass ich mich selbst gedanklich und gefühlsmäßig nicht mehr wirklich einholen kann. Zumindest nicht zwischen den Regalen eines Lebensmittelgeschäftes.

Meine Eimerliste:

Bei dem Gedanken, irgendwann womöglich Insulin spritzen zu müssen, wird mir übel.
Bei dem Gedanken, für immer Medikamente nehmen zu müssen, wird mir übel.
Bei dem Gedanken an Schokolade und Pommes wird mir vor Angst übel.
Bei dem Gedanken an Essen überhaupt wird mir vor Angst übel.
Bei dem Gedanken, Schokolade, Bananen und Pommes nicht mehr essen zu dürfen, wird mir vor Wut übel.
Bei dem Gedanken, dass ich naturgemäß das, was ich nicht mehr essen darf, immer mehr wollen werde, wird mir vor Verzweiflung übel.
Beim Blick in die Fleischtheke wird mir übel. Beim Blick auf den Tiefkühlfisch auch.
Beim Gedanken daran, Fleisch und Fisch zu kochen, wird mir übel.
Beim Gedanken an dreckiges Geschirr und Töpfe wird mir übel.
Bei der Vorstellung, mich für den Rest meines Lebens ohne Kohlenhydrate zu ernähren, wird mir übel.
Beim Gedanken an Tofu wird mir auch übel.
Bei dem Gedanken an die Herausforderung, auf Speisekarten zukünftig etwas Passendes zu finden, wird mir erst recht übel.
Bei dem Gedanken an Berge aus grünem Gemüse wird mir übel.
Bei dem Gedanken an meine sich leerende, hängende Haut wird mir übel.
Bei dem Gedanken an meine Küche wird mir übel.
Bei dem Gedanken an all das symbolisch verkohlte Essen der letzten Monate wird mir übel.
Ich wünschte, ich könnte einfach aufhören zu essen. 
Ich wünschte, ich könnte mich intravenös ernähren.
Oder doch von Lichtenergie...sofern diese zuckerfrei ist.

Auf Anraten eines bodybuildenden Bekannten hatte ich mir unlängst einen Topf Magerquark besorgt. Das schien neutrale, friedliche, erlaubte Nahrung zu sein, die man nicht zubereiten muss. Allerdings enthält er offenbar doch noch mehr Kohlenhydrate, als bei einer ketogenen Diät erwünscht. Besonders abends. Milchzucker halt. Die Welt der Lebensmittel ist ein Minenfeld...

Obwohl ich schon glaube, dass sich das Chaos im Kopf irgendwann lichten wird - die Wut wird so leicht nicht verrauchen. Und so gibt es  im Augenblick schlicht kein Gewinnen. Wenigstens wird mir beim Gedanken daran, auf meinem Ergometer zu strampeln, nicht übel. Ich habe mir dafür frische Musik besorgt und die Trainingszeit auf 60 Minuten pro Tag erhöht.

Und weil ich jetzt immer weniger für Essen ausgebe, habe ich mir stattdessen endlich einmal eine anständige Aktentasche gekauft (siehe oben). Denn alles, was meine täglichen Unterlagen zuletzt über mehrere Wochen hinweg schleppen musste, hat vor Anstrengung irgendwann seine Henkel von sich geworfen. (Ja, Zara verkauft ganz hübsche Dinge. Deren Herstellung ist bekanntlich ethisch fragwürdig. Und zumindest die Taschen, die ich zuletzt dort gekauft habe, sind obendrein qualitativ ramschiger, als ihr gar nicht so geringer Preis vermuten lassen würde.) Nun habe ich eine in Rosa, grundsolide und mit zwei Jahren Garantie. Mit ihr werde ich mich wie wild in die Arbeit stürzen. Und mein großes Ziel ist es ja noch immer, das irgendwann auf hohen Absätzen und mit abgeschwollenen Füßen zu tun.

Zu irgendetwas muss der ganze Mist ja gut sein...

NH

Sonntag, 11. Mai 2014

Pro Ana Haul

Mein Post über Pro Ana und die damit verbundene "Subkultur" ist nach wie vor der meistgelesene in der Geschichte dieses Blogs. Ich bin überzeugt, dass eine Viel- und vielleicht auch Mehrzahl derjenigen, die diesen Suchbegriff eingeben, dieses nicht tun, um sich schlicht zu informieren. Da hilft alles nichts: Anstiftung zur Anorexie ist in unserer Kultur nuneinmal weitaus beliebter als Fettakzeptanz. Ich weiß, ich habe es schon oft gesagt, aber man kann es ja gar nicht oft genug wiederholen - um herauszufinden, dass das die Wahrheit ist, braucht man einfach nur irgendeine beliebige Frauenzeitschrift aufzuschlagen.

Oder man geht in den Supermarkt.


Als ich bei real in der Schreibwarenabteilung vor dem Regal mit Produkten für Mädchen stand, weil mich eine Federtasche in Pink mit einer dicken, grauen Katze vorne drauf wie eine Schlafwandlerin herangewunken hatte (ja, ich bin 42, deswegen darf ich doch wohl trotzdem gucken, wenn etwas glitzert), lief es mir plötzlich eiskalt den Rücken runter. Es war ein veritables Déjà Vu. Ich brauchte nur ein Weilchen, um die Bilderwelt auf den Ordnern, Bleistiften, Notizbüchern und Kaffeebechern zuzuorden. Zuerst dachte ich: Wäre ich so um die 12 Jahre alt - ich würde mich um dieses Tagebuch reißen. Und irgendetwas im mir tut es sogar auch jetzt noch." Tatsächlich fiel mir erst auf dem Weg nach Hause ein, woher ich eine ähnliche Ästhetik kannte. Die dünnen, verhuschten Feen mit den weitaufgerissenen Augen. Die schwachen Ärmchen, die Flügel und die im Wind verkitschter Todessehnsucht wehenden Haare, der leere, generische Gesichtsausdruck. Und zwar kannte ich das alles von den Pro-Ana-Seiten im Internet, auf denen ich einst Recherche zum Thema betrieben hatte.

Wie passend auch, das Ganze auf ein verschließbares Tagebuch zu drucken, wo doch das Abschirmen gegen den Rest der Welt und das Konstruieren einer mystischen, traurig-pastelligen Geheimwelt ein integraler Bestand der Pro-Ana-Kultur sind und waren. 2007 habe ich gesagt, dass wir alle ein wenig "Ana" sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sieben Jahre später sieht die eisige Märchenwelt der Pro-Anas noch immer gleich aus. Nur die Hersteller von Papier- und Geschenkartikeln scheinen irgendwie tatsächlich nachgezogen haben. Dabei ist nicht nur die Übereinstimmung der Motive und der Farbgebung bemerkenswert, sondern auch die bestimmter Schwerpunkte. Im Post von 2007 habe ich beschrieben, wie einige Merkmale von Magerkeit von besonders großer Bedeutung sind - so ist das Hervorstehen des Schlüsselbeins ein entscheidender Schönheitsstandard in der Welt von Pro Ana. Auf Kaffeebechern für junge Mädchen aber offenbar auch, siehe weiter unten.

Tagebuch von Top Model

Bilder von Pro-Ana-Seiten aus dem Netz
 
Tasse von Top Model
 
Frische Bilder von Pro-Ana-Seiten aus dem Netz - und ja, die sind da so kopflos. Auf Köpfe kommt es schließlich nicht an.
 
Da lobe ich mir alle Prinzessinnen, die noch genug Kraft haben, um einen Hasen und einen Malstift anzuheben, um ihre Krone selbst zu basteln. In meinem Buch stinkt Pink ja bekanntlich nicht. Und Kronen kann man nie genug haben...solange man sie mit der richtigen Einstellung trägt.
 

Voilà! ; )

NH

Montag, 21. April 2014

Strandkörper!

Man denkt nicht viel und trödelt so am Computer herum - und dann plötzlich: Post vom Detlef (D!)*. Pünktlich am Ostermontag. Mit erstaunlichem Inhalt. Denn der Detlef (D!) kennt seine willensschwachen, schwabbeligen Pappenheimer schon sehr genau - schließlich sind sie ja auch seine Brötchengeber: "Fühlst du dich (...) träge nach der Osterschlemmerei?"

...Gut, das tue ich persönlich jetzt tatsächlich nicht. Ich fühle mich ganz normal. Mein Körper hatte über die Feiertage schlicht nicht das Bedürfnis, sich sozusagen vorsorglich mit vermeintlich "Verbotenem" vollzustopfen, weil die nächste Hungerkur (bzw. der Detlef (D!)) schon hinter der nächsten Ecke lauert. Das kommt daher, dass ich nun doch versuche, trotz weniger Kohlenhydraten noch immer halbwegs intuitiv zu essen und möglichst wenig zu "verbieten".

Denn wenn irgendwer hingegen noch immer glaubt, man könne gefahrlos und ohne Jojo-Effekt eine Diät machen, und diese dann eines Tages problemlos auch wieder beenden, sollte er sich wirklich mal mit dem Detlef (D!) unterhalten. Der weiß es besser. Muss er ja auch, denn er vertreibt schließlich ein Diät-Programm, und lebt, wie alle anderen Anbieter, davon, dass das mit dem Aufhören eben nicht klappt. Was ihn jedoch hervorzuheben scheint, ist die Art, auf die er das eingebaute Versagen seines Verkaufsschlagers zur expliziten Werbebotschaft gemacht hat. Nach "BodyChange" folgt konsequenterweise "BodyChange NEXT". Damit kann man "nach einer Pause wieder durchstarten". Oder sein "Gewicht dauerhaft halten".

Zwar schiebt er die Schuld für das Versagen seines Produktes ganz klar dem Kunden in die Schuhe, denn was soll er sonst auch tun, aber versichert uns sogleich, dass man "kein schlechtes Gewissen" zu haben braucht. Schließlich nützt es ja auch niemandem, und am allerwenigsten dem Detlef (D!), wenn man im Ärger zurückblickt - auf ein Programm, das so komplex und gleichzeitig beliebig ist, dass es ohnehin kaum einer durchziehen wird (bis auf den Josef aus dem Werbevideo natürlich), und auf das Geld, das man mal wieder für Diätquatsch zum Fenster hinausgeschmissen hat.

Nein, nein, nein - immer munter voran: Die "Mission Beachbody" beginnt heute, und für 12,90 Euro im Monat hilft einem der Detlef (D!) dabei, endlich sexy!, sexy!, sexy! zu werden - mit so revolutionären Mitteln wie Kochrezepten, Turnanleitungen und aufmunternden Kalendersprüchen, sowie einer Internet-Selbsthilfegruppe (Forum). Bei wem das die ersten einhundert Male nichts gebracht hat - diesmal wird alles anders sein (!). Man muss sich nur "jetzt für einen neuen Lifestyle" entscheiden. Huch, das hätte ja von meinem Hausarzt kommen können... Dauerhafter Erfolg entsteht schließlich nur, wenn man sich "langfristige Ziele setzt!". Übersetzt heißt das: Einmal Diät, immer Diät, bzw. für immer prekär oder gestört-kontrolliert essen. Und wo er recht hat, hat er recht, der Detlef (D!)...

Was nun den Beach Body angeht, so habe ich im Internet ein nur zu einleuchtendes Rezept gefunden, das viel billiger, fröhlicher und gesünder ist:  

1. Hab' einen Körper.

2. Geh' an den Strand.

Die Partnerin vom Josef (dem aus dem BodyChange-Werbevideo) versteigt sich am Ende des Filmchens übrigens noch dazu, zu implizieren, dass sie gar nicht mehr so recht weiß, wie sie ihren Freund eigentlich attraktiv finden konnte, als er noch kein Sixpack hatte. Hm. Mir scheint, mein lieber Josef, da hat jemand womöglich an der komplett falschen Stelle Ballast verloren...

In diesem Sinne - macht euch lieber mal auf und hinterlasst Spuren im Sand.


*Detlef D. Soost

NH

 

Sonntag, 7. Oktober 2012

Die Septemberausgabe


Es war Juni, als die "Health Initiative" der VOGUE Chefredakteurinnen weltweit vorgestellt wurde. Zugegeben - es war mir immer unklar, WER im Zuge der schwammigen Aktion WIE gesünder werden sollte, aber die in den Medien gängige Lesart war, dass VOGUE sich in Zukunft bemühen würde, ein realistischeres und damit gesünderes Körperbild zu transportieren. Sprich, so ziemlich alle dachten, die Tatsache, dass die Redaktionen in Zukunft nicht mehr WISSENTLICH mit essgestörten Models arbeiten wollten, würde automatisch dazu führen, dass die abgebildeten Frauen/Mädchen fortan auch mehr auf den Rippen haben. Von mir hätten gleich alle erfahren können, dass das nichts wird. Aber mich hat mal wieder keiner gefragt.

Die "September Issue" ist anzeigentechnisch die wichtigste und damit auch die dickste Ausgabe des Jahres. Insbesondere in den USA hat sie Kultstatus und hat in diesem Jahr gut 900 Seiten. Und ich dachte mir, es ist nun auch an der Zeit, in den Magazinen selbst nach den Zeichen positiver Veränderungen als Resultat der "Health Initiative" Ausschau zu halten, und diese dann zu dokumentieren.......tja...

Ich bin VOGUE-Leserin seit ich 16 bin, und natürlich weiß ich heute, dass das höchstwahrscheinlich ein nicht zu vernachlässigender Teil meines Problems ist. Das Schönheitsideal der VOGUE war immer unrealistischer, gnadenloser und DÜNNER, als das aller anderen Frauenmagazine. Und daran, so scheint es beim Durchblättern der deutschen, französischen und US-amerikanischen Septemberausgabe, wird sich auch nichts ändern. Zwei "dicke" Frauen (deren Kleidergröße vermutlich größer als 44 ist) habe ich auf den insgesamt 1675 Seiten gefunden. Die eine war Queen Latifah (US), die andere Toni Morrison (Frankreich).

Im April hatte ich mich bereits gefragt, ob wir nicht alle ein bisschen "Pro ana" sind, ob unsere Gesellschaft im Hinblick auf Körpergewicht und gängige Schönheitsideale, sowie den Zwang, diesen zu entsprechen, sich nicht im Grunde verhält, wie eine eingeschworene Gruppe essgestörter Teenager, die sich unablässig gegenseitig darin bestärken, noch härter an sich zu arbeiten, um eines Tages wahrhaft perfekt (dünn) zu werden. Eines der Argumente war, dass "Thinspos" (Sammlungen von Darstellungen sehr dünner Frauen, die zur Motivation dienen, stark zu bleiben und nicht zu essen), die einen wesentlichen Teil der Pro-Ana-Kultur darstellen, im Prinzip in jedem Modeblatt zu finden sind. Wir alle werden täglich mit "Thinspos" motiviert, ja nicht so zu bleiben, wie wir sind.

Health Initiative hin oder her - als Thinspo dient jede VOGUE noch immer hervorragend. Untergewichtige Mädchen so weit das Auge reicht. Ich hatte ja bei meiner letzten Thinspo mit aus Frauenzeitschriften entnommenen Abbildungen (der Schwerpunkt liegt wie vormals auf besonders dünnen Beinen und hervorstehenden Schlüsselbeinen, sowie bemerkenswert schmalen Taillen) schon ein wenig "subversives Fett" eingebaut. Was die VOGUE nicht kann, kann ich schon lange, und so habe ich diesmal bei meiner speziellen "September Issue Thinspiration" noch ein paar mehr dicke Damen eingeschleust.

Wer nun gezielt nach ihnen Ausschau hält, und ganz im Geiste der Sesamstraße herausfindet, welches Ding anders ist, als die anderen, kann etwas gewinnen. Ich weiß noch nicht was, weil ich das mit dem Preis eben erst beschlossen habe, aber es wird etwas Schönes geben (Buch oder DVD).Wer mitmachen will, muss mir nur bis einschließlich Freitag die richtige Zahl der Bilder mit vergleichsweise runden Frauen in der Thinspo mailen* und kommt wieder in den Verlosungshut. Ich melde mich dann bei den GewinnerInnen, um die Adresse zu erfahren.

*office(at)nicola-hinz.com

NH
 

Samstag, 15. September 2012

Bildungsnotstand


Nur noch einmal zur Erinnerung: Das Budget, das ein Hartz-IV-Empfänger monatlich für "Bildung" zur Verfügung hat, beträgt € 1,39. Wären wir im September noch immer auf Sparkurs, hätte ich mich mit den € 20 für das Ticket zur Documenta 13 also schon wieder ins Aus geschossen. Und das, wo mein Coach Michael auf die Frage, wie man trotz schmaler Kost und geringem finanziellem Spielraum positiv bleibt, Folgendes anmahnte: "Nichts zu denken, sollte man tunlichst vermeiden. Das macht unzufrieden." Der Leere im Magen darf nicht die Leere im Kopf folgen. Man darf sich in mageren und frustrierenden Zeiten geistig nicht hängen lassen, sonst sieht es erst recht düster aus. Das schreit eigentlich nach einem Büchereiausweis, den ich zuletzt als Studentin hatte.
 
Auch noch einmal zur Erinnerung: Michael und ich werden im Oktober einen erneuten Anlauf machen, und versuchen, mit dem Hartz-IV-Regelsatz in verschiedenen Kategorien (Ernährung, Bekleidung, Unterhaltung, Bildung, Gesundheitspflege, etc.) auszukommen, nachdem ich mit meinem Budget von € 130 für Lebensmittel jetzt bereits zweimal baden gegangen bin. Der September dient als Referenzmonat, in dem die "normalen" Kosten nur einmal konsequent aufgelistet werden. Ich hatte eigentlich gar keine genaue Vorstellung, wie viel ich für gewisse Dinge ausgebe, und selbst Michael war erstaunt, "was man so verpulvert, ohne es zu merken." Dabei hat er vorrangig in seine Wohnung und in Bekleidung investiert. Ich hingegen sollte ich mir vermutlich mal Gedanken über den Preis meiner Nachtcreme machen.

Jetzt ist der Monat zur Hälfte rum, und um es kurz zu machen: Der Regelsatz für alle von uns einbezogenen Kategorien von € 276,83 ist bei uns beiden weit, weit, weit überschritten - und während Michael sich nun doch Gedanken macht, ob das im Oktober wirklich so locker werden wird, wie gedacht (obwohl er in der Lage ist, fünf Personen für  €16,97 mit Coq au vin blanc, Rosmarinkartoffeln und Feldsalat mit gebratenen Champignons zu versorgen), grüble ich ja noch immer, ob eine VOGUE* eigentlich zu "Unterhaltung" oder zu "Bildung" gehört.

Nicht, dass Bildung nicht auch unterhaltsam sein könnte. Genauso wie die Kunst. Wenn sie die Unterhaltung wünscht. An alle, die auch dort waren - ich weiß ja nicht, wie Ihr das seht, aber das war nicht mein Eindruck auf der Documenta 13, die nun morgen zu Ende geht. Sie war an gewissen Orten so verstockt, dass sie es einem mitunter sogar schwer machte, das verdammte Schildchen zu finden, auf denen der Titel des jeweiligen Werkes stand. Und bieder war sie. Politisch korrekt. Und sich selbst genug. Also alles, was ein Showgirl nicht ist. Aus den anwesenden Hintergrundgeschichten könnte man sicher viele solide Dokumentarfilme machen. Aber gezähmte Kunst kann mich mal.

Da ist es nur konsequent, wenn die Selbstauslöschung des Werkes und sein Transfer in die Belanglosigkeit vom Konzeptkünstler Yan Lei quasi gleich miteingebaut wurde - indem die 360 Gemälde seiner Installation im Verlauf der 100 Tage mit Autolack besprüht und zu monochromen Flächen wurden. Als es in den ersten Berichten über diese Documenta hieß, sie sei geprägt von "glühendem Feminismus" (New York Times) wurde mir ganz warm ums Herz. Man fragt sich, was die Verfasserin gesehen hat, um auf diese Idee zu kommen. Alles Einbildung? Dem Himmel sei am Ende Dank für Llyn Foulkes und Rabih Mroué.


(Yan Lei "Limited Art Project" - documenta13)
Es geht also weiter - der Plan, endlich wirklich mit richtig wenig auszukommen. Und übrigens besteht auch noch immer das Vorhaben, das Gewicht zur Entlastung meiner Gelenke irgendwann noch ein wenig zu reduzieren.

Gleichzeitig missfällt es mir sehr, dass ich mich jetzt, wo ich mich für das Projekt nach langer Zeit mal wieder auf die Waage gestellt habe, auch gleich dabei ertappe, wie ich in alte Muster von Waagen-Zwanghaftigkeit rutsche. Nach Jahren habe ich nun begonnen, mich wieder täglich zu wiegen - und das Gewicht aufzuschreiben! Obgleich sich mein Gewicht in diesem Monat nach der Abnahme im August im Prinzip kaum verändert, ist es so: Wenn es ein paar Gramm weniger sind, bin ich zufrieden. Wenn die Zahl höher ist, spüre ich, wie sich das alte Gefühl des Versagens mit seiner hässlichen Fratze neben mich in mein Spiegelbild drängelt. Das muss auf jeden Fall aufhören. Es ist doch wie verhext - im Kampf um Selbstakzeptanz landet man doch immer wieder verdammt leicht mit einem Teller Kohlsuppe in der Hand direkt am Abgrund. Die Waage liegt jetzt am Boden des Wäschekorbes. Da sehe ich sie so schnell nicht wieder.


*(Erinnert sich eigentlich noch jemand an die halbherzige "Health Initiative" der VOGUE-Chefredakteurinnen? Aber dazu in einem kommenden Beitrag mehr.)

NH

Donnerstag, 31. Mai 2012

Die Straße zur Hölle...

...ist bekanntlich mit guten Absichten gepflastert.

Neunzehn VOGUE Chefredakteurinnen (die in der deutschen VOGUE ja noch immer „Chefredakteure“ sind) haben im Rahmen ihrer neu gegründeten und äußerst originell betitelten Health Initiative in ihren Juni-Ausgaben eine Selbstverpflichtungserklärung veröffentlicht. Diese umfasst sechs Punkte und befasst sich in der Hauptsache NICHT mit dem, was die welt- und internetweit offenbar gängigste Lesart impliziert, nämlich dass VOGUE sich von der Darstellung übermäßig magerer Models verabschieden wird, um in Zukunft ein gesundes Körperbild zu transportieren. Diese Interpretation ist ganz offensichtlich das Resultat kollektiven Wunschdenkens, denn davon steht in dem Textchen so gut wie nichts.

Abgesehen davon, wie schlecht und ungenau die deutsche Übersetzung ist, und dadurch (mit Absicht?) NOCH sinn-kärger und weniger überzeugend, lässt sich im Prinzip die folgende Hauptsorge der Verfasserinnen herausfiltern: Models sollten nicht jünger sein als 16 Jahre. Dass sie ab sofort ein gewisses Gewicht nicht unterschreiten dürfen, steht hingegen nirgends. Überraschend? Nein. Wovon träumt ihr denn des nachts? ; )

Bereits die deutsche Einleitung zur Erklärung verblüfft mit einem Ablenkungsmanöver, das ebenso abenteuerlich wie ärgerlich ist: „Ist ein dünner oder dicker Körper an sich noch kein Zeichen für mangelnde Gesundheit, so stellen Magersucht, Bulimie und Fettleibigkeit ernstzunehmende, ja lebensbedrohliche Krankheiten dar.“  Zunächst einmal  lohnt sich hier vielleicht der Hinweis, dass „Fettleibigkeit“, anders als Magersucht und Bulimie, keine Krankheit ist, sondern vielmehr  eine Zustandsbeschreibung. Darüber hinaus dürfte jedem klar sein, dass VOGUE zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in dem Verdacht gestanden haben kann,  Fettleibigkeit zu glorifizieren und damit Millionen von Frauen mit jedem neuen Heft  weiter in diese zu treiben.* Der Hinweis auf „Fettleibigkeit“ dient hier zu Verwässerung dessen, was trotzdem für jeden klar und sichtbar Sache ist: Das durch VOGUE bisher kolportierte, unrealistische und DÜNNE Schönheitsideal trägt dazu bei, dass Frauen sich in ihren echten Körpern unwohl und in der Mehrzahl zu dick fühlen. Was in der Tat zu Essstörungen führen kann. Aber VOGUE möchte weiter magere Körper zeigen, weil  die nicht unbedingt ungesund sind und möchte lieber keine allzu dicken Körper zeigen, weil Fettleibigkeit ungesund sein kann. Das ist der Stoff aus dem der Erhalt des Status Quo ist.

Die halbherzigen, vagen Programmpunkte der Health Initiative geben ohnedies nicht viel Anlass zur Hoffnung auf substantielle Veränderungen. Zwar haben der Anna, der Alexandra, der Christiane und all die anderen Jungs sich Grundsätze an die Beine gebunden, bei deren Unterzeichnung ihre Händchen möglichweise gezittert haben mögen, die aber weiter von echten Vorstößen entfernt sind, als Madonna vom Oscar für die beste Hauptdarstellerin.

Also:

1. VOGUE will in Zukunft nicht „wissentlich“ mit Models arbeiten, die unter 16 oder essgestört sind. Man will stattdessen Models auswählen, die „gesund erscheinen“. Als naive Leserin hätte man vielleicht vermutet, dass es sich hier um Selbstverständlichkeiten handelt.  Obendrein stört man sich womöglich auch noch an der Schwammigkeit von „wissentlich“ und „gesund erscheinen“, aber es sind nicht ethische Bedenken und  spießige Erbsenzählerei, die einen auf einen VOGUE –Chefredakteurinnensessel befördern, daaaling.

2. Agenturen werden aufgerufen, das Alter von Models zu überprüfen. Damit die nicht etwa zu jung sind. Denn das ist ja bekanntlich das allerallerallergrößte Problem, das die Modeindustrie hat. Um diesem Übel nun gleich entschlossen etwas entgegenzusetzen, ziert das deutsche Cover im Juni auch keine dicke, sondern eine echt alte Frau: Carolyn Murphy (38).

3. Im Rahmen eines Mentoren- Programmes sollen ältere, erfahrene Models  jüngere beraten und unterstützen. Mit der Council of Fashion Designers of America Health Initiative als Vorbild, soll Gesundheitsaufklärung betrieben werden. Und wieder: Kein Wort über Essstörungen oder die Gefahren von radikalen Diäten und Untergewicht. Über die vermittelten Inhalte und die im Zuge des Mentorings bereitgestellten Informationen kann man nur spekulieren. Was für Tipps wird eine junge Frau einer noch jüngeren geben können, wenn ihre eigene Karriere typischerweise  erst begann, nachdem sie selbst, in der Regel  auf Anordnung ihrer Agentur, erst einmal ordentlich abspecken musste? Obwohl sie bereits schlank und noch gesund war?

4. Models sollen hinter den Kulissen (Fashionshows, Fotostudio) etwas Gesundes zu essen kriegen (das steht im deutschen Programm übrigens schon gar nicht mehr drin), sollen ein bisschen Privatsphäre haben und außerdem nicht zu lange arbeiten müssen – was immer das nun wieder bedeuten mag. Aber vielleicht steht man einen längeren Arbeitstag mit etwas mehr im Magen als Zigarettenrauch und Eiswasser ja auch besser durch.

5. Designer sollen ermutigt werden, die Mustergrößen nicht ganz so klein zu machen, denn sonst ist die Redaktion ja praktisch gezwungen, magere Models zu buchen. Jahaa…und wir dachten immer, der Teufel,  also die Anna, sagt den Designern, wo es lang geht. Stellt sich doch nun heraus, sie muss das nehmen, was sie kriegt.

6. „We will be ambassadors for the message of healthy body image.“  Das glauben wir dann, wenn unter dem Foto eines Models in Größe 40 nicht mehr der erklärende Hinweis “Plus-size” steht.

Wird die Health Initiative etwas Positives für die Akzeptanz von Dicken bewirken? Vermutlich nicht. Ist sie eine Alibireaktion auf wachsenden öffentlichen Druck mit der Absicht, „noch Schlimmeres“ zu verhindern (z.B. die weitergehende Verabschiedung bindender gesetzlicher Vorgaben – zuletzt hat Israel im März ein Gesetz erlassen, dass vorschreibt, dass ein Model mit einem BMI unter 18,5 nicht für Werbeaufnahmen gebucht werden kann, wenn die Kampagne in Israel gezeigt werden soll)? Vielleicht. Oder geht es hier um Publicity? Das sowieso.

P.S.: Wie es sich mit den Models in der in der VOGUE geschalteten Werbung verhält, und ob hier die oben genannten Grundsätze auch greifen sollen, wäre eine Frage wert. Fast ahnt man allerdings die Antwort.


*Wenn man mal von der Gewichtszunahme durch den Jojo-Effekt nach Diäten absieht.

NH

Sonntag, 6. Mai 2012

HAPPY NO DIET DAY!

Wusstet Ihr davon? Also hätt' ich das heut erwartet, hätt' ich Kuchen da. Aber ich hatte keine Ahnung. Offenbar wurde der Internationale Anti-Diät-Tag vor bereits fast zwanzig von der Feministin Mary Evans Young initiiert. Um gegen die Diskriminierung von Dicken zu protestieren und um auf die zerstörerischen Auswirkungen von Schönheits- und Schlankheitswahn in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Was für eine gute Idee - und wie bezeichnend, dass ich bis heute davon noch nie etwas gehört hatte!

NH





Sonntag, 1. April 2012

Keine Aprilscherze mehr

Also, zunächst ein Update zum vorangegangenen Beitrag - das dazugehörende Video kann man jetzt endlich auch in Deutschland sehen, und zwar nach wie vor hier.

Und dann noch das:

Ich mag ja immer das Erste von etwas. Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne…wobei fraglich ist, ob das beim tausendsten Diät-Beginn immer noch stimmt. Und ob das dann ein echter Anfang ist. Oder doch wieder nur das Ende…

Aber wisst ihr was? Die vorangegangene Übung, das gestrige Erstellen der „Thinspiration“ aus purer Empörung, stellt sich heute für mich als wertvoller Katalysator heraus. Gerade unter der Dusche habe ich – vermutlich zum ersten Mal überhaupt – gedacht „ICH HAB‘ DIE NASE SO VOLL VON ALL DEM MIST!“ und es NICHT sofort wieder gedanklich zurückgenommen! Ich habe die erste Hälfte meines Lebens damit verbracht, mich in meinem Körper schlecht zu fühlen, und das passiert mir in der zweiten, wenn ich eine habe, nicht noch einmal! Mit 40 fängt das Leben an, und ich rede hier nicht mehr von Kleidergrößen. Und manchmal schlägt die Weisheit ein, wie ein Blitz. Ich habe meine Entscheidung getroffen – nach all dem Hin und Her seit dem Beginn des Liedes der dicken Dame: Dünn werd‘ ich nicht mehr.

Und morgen räume ich aus: Alles, was kleiner ist, als eine 44, fliegt aus dem Kleiderschrank und wird an dünnere Frauen gebracht – ohne Groll und ohne Zweifel. Mein Platzproblem im Schrank wird sich buchstäblich in Luft auflösen. Vieles von dem, was da drin ist, ist noch gar nicht alt – so wie die gelben Jeans in Größe 40, die ich als neues Motivationsstück erst vor ein paar Tagen nach Haus getragen habe, getrieben von einem jahrzehntelangen Programm, dass das alles schon irgendwie irgendwann klappen wird – weil es das einfach MUSS. Ich bin nicht groß darin, mich von Lebensträumen und -zielen zu verabschieden. Dass ich es freiwillig tue, dürfte für mich das erste Mal sein. Ich verbeiße mich gern in der Wade des Lebens, und lasse wirklich nur äußerst widerwillig etwas ziehen, was ich für unerledigt halte.

Ich war immer mal wieder schlank. Einfach so – als Kind und als Teenager. Und später nach Diäten. Im zweiten Fall bin ich immer schneller wieder dick geworden, als ich in den Spiegel gucken konnte. Im ersten, und das bedauere ich heute wirklich besonders, wusste ich es einfach nicht. Für mich und für alle anderen um mich herum war es irgendwie immer klar, dass ich zu dick war. Heute sehe ich mir Fotos an und wundere mich. Und wünschte mir schon, ich könnte mit diesem Körper noch einmal von vorn anfangen. Und mit dem, was ich heute weiß.


Das bin ich mit meiner Mutter in Portugal, als ich 9 war.


Hier war ich auf Sylt und 11 Jahre. Wenig später gibt es keine Strandbilder mehr von mir – Fotos im Badeanzug waren mir dann zu peinlich.

Ich hätte niemals eine Diät machen sollen. Meine erste im Kindergarten nicht – und die, die ich eisern über viele Monate eigehalten habe, um zum Abitur in ein rotes Kostümchen Größe 36 zu passen, erst recht nicht. Denn danach ging der Jojo-Ärger erst richtig los. Das mit dem Kostüm hat übrigens nicht hingehauen – das passte zur Abschlussfeier noch immer nicht ganz. War ich wieder mal zu dick – dick ist halt auch und vor allem eine Frage des Standortes. Und nun ist es ohnehin zu spät, über verschüttetes Slim Fast zu jammern. Was ich jetzt will, ist eine gemütliche 44 (realistisch betrachtet noch immer die größte Größe, die in regulären Geschäften noch zu bekommen ist) – für meine Knie, und um gut Langstreckenflüge und Theaterbesuche auszuhalten. Denn DAS ist mir im Leben wichtig. Allerdings muss ich dieses Ziel, die Größe 44, nun auch erst einmal erreichen. Und anders, als mit einer Diät im weitesten Sinne wird auch das nicht zu schaffen sein. Aber ich denke mir, nachdem der perfektionistische Überhang nicht mehr mitgeschleppt werden muss und das wahre und endgültige Ziel in Sichtweite gerückt ist, kommt Suppe kommt Rat.

NH

Auf der Suche nach der Mopsfledermaus

Ja, hat bisher super geklappt, mit meinem Vorsatz, in diesem Jahr mehr zu schreiben, ich weiß… ; ). Aber so geht es mir mit all meinen Vorsätzen, sogar damit, endlich meiner inneren Crazy Cat Lady mehr Raum zuzugestehen.

Zu meinem Erstaunen hat das faktische Brachliegen des Blogs jetzt aber nicht unbedingt dazu geführt, dass die Klick-Zahlen weiter abgesackt sind – tatsächlich sind sie so (hoch oder niedrig) geblieben, wie sie waren. Die Pessimistin würde nun sagen, es ist also völlig egal, ob du für diese Seite noch Texte produzierst oder nicht. Die Optimistin sagt sich – ist doch toll, ist nichts verloren. Und die Leserinnen schauen immer mal wieder, was du so machst. Beides stimmt wohl ein bisschen, aber tatsächlich sind die halbwegs unveränderten Leserinnenzahlen insbesondere in letzter Zeit das Ergebnis der Nachfrage für einen bestimmten Beitrag: AUS DEM ARCHIV: Pro Ana - die Religion des Verhungerns. Seit Bestehen dieses Blogs, ist er nicht nur der meistgelesene Eintrag, er wurde tatsächlich über ACHTMAL öfter angeklickt, als der zweitmeistgelesene. Weil er in Suchmaschinen unter dem Begriff „Pro Ana“ aufgeführt wird. Und das interessiert offenbar sehr viel mehr (meiner Vermutung nach weibliche) Menschen, als Fettakzeptanz, „politische Körper“, oder…naja, tote Katzen.

Eine weitere Erkenntnis der letzten Wochen ist, dass Bilder vielen Menschen sehr wohl erheblich mehr sagen, als Worte. Vielleicht hätte man das wissen können, aber ganz so klar war es mir dann doch nicht. Jeder Post eines Bildes auf dem frischen und ja auch noch immer gänzlich unerklärten und unkommentierten THE UGLY GIRL PROJECT hat mehr Publikum, als ein Blogbeitrag hier (na ja, mit einer Ausnahme eben). Gleichzeitig habe ich bestimmte Blogs von, zumeist amerikanischen, Fettaktivistinnen, verwaist vorgefunden. Oder Homepages von Projekten zur Fat Acceptance sind plötzlich nicht mehr auffindbar. Ich kann mir natürlich gut vorstellen, dass es oft einfach zu viel Energie kostet, mit einem dicken Körper zu leben und diesen dann auch noch in einem Umfeld verteidigen zu wollen, das entweder ablehnend oder schlicht überhaupt nicht interessiert ist. Und ich gebe gern zu, dass ich es bis heute ja noch nicht einmal groß versucht habe. Stattdessen koche ich wieder Kohlsüppchen zum Abnehmen…aber dazu kommen wir dann später.

Die Revolution der Dicken, sie findet nicht statt. Auch und schon gar nicht in der Welt der Frauenzeitschriften. Was Leserinnen bekommen, sind leere Versprechungen und die gelegentliche Dicke, die einem dann als Errungenschaft angepriesen wird und im Gesamtspektrum der Modemagazine dennoch exotischer ist als eine Mopsfledermaus.

Die These des Beitrags von 2007 war, dass wir alle ein wenig pro Ana sind. Und er beschreibt ein wichtiges Motivationsinstrument der „Bewegung“: Thinspos (Thinspirations) – Sammlungen von Bildern von dünnen Frauenkörpern, die dabei helfen sollen, die eigene Diät durchzuhalten, um das vorgegebene Schönheitsideal selbst zu erreichen. Ungeachtet all der Dinge, die ich auch gern hier erzählen würde, habe ich gestern ein kleines Experiment begonnen und mich durch die aktuellen Ausgaben der folgenden Frauenzeitschriften gearbeitet: Für Sie, Freundin, Petra, Brigitte, Lisa, Gamour, Elle, und die amerikanische März-Vogue (mit der dicken Adele auf dem Titel, aber das ändert nichts am Inhalt). Dabei war ich auf der Suche nach Material, das für Thinspos geeignet wäre, aber auch nach Abbildungen von „fülligeren“ also mindestens normalgewichtigen Frauen. Das Ergebnis habe ich erst markiert, dann gescannt und dann zu einer Thinspo (der besonderen Art) verarbeitet - mit der für dieses "Mini-Genre" charakteristisch dramatischen Musik (P.S. da hat die GEMA mir nun einen Strich durch gemacht, die Musik ist jetzt nicht mehr ganz so mitreißend ; )). Pro Ana folgt, wie erwähnt, rigiden ästhetische Richtlinien – das heißt, es muss auffällige Magerheit gezeigt werden. Stockdünne Beine und Arme, Schlüsselbeine oder Rippen sollten deutlich erkennbar sein. Ich habe mich zum Schluss hauptsächlich an Beine gehalten – Oberschenkel, deren Umfang dem meiner Oberarme zu gleichen scheint. Und ich bin fündig geworden. Insbesondere Anna Wintour, nunmehr legendäres Chefredakteurinnenmonster der US-Vogue, lässt einen diesbezüglich nie im Stich. Grundsätzlich gilt natürlich: je teurer die Publikation, desto aufwendiger die Modestrecken – und desto dünner die Models. Ich habe jede Abbildung berücksichtigt, also auch die enthaltene Werbung. Die gelben und organgefarbenen Streifen stehen übrigens für „dünn“, die pinkfarbenen für „dick“.


Das Ergebnis spricht für sich. Wir haben nach wie vor alle unsere tägliche „Thinspiration“ auf dem Kaffeetisch rumzuliegen. Hier ist nun das Ergebnis meines Filmschaffens; "Triggerwarnungen" kann ich mir angesichts der oben genannten Quellen der Bilder eindeutig getrost sparen.

NH

Mittwoch, 27. Juli 2011

Zwischenruf: Der blanke Sommer

Darum sag' ich ja auch immer, man soll sich tunlichst von Fernsehern fernhalten, denn es führt unweigerlich ins Verderben, wenn man die Höllenmaschinen einschaltet. Naja, jedenfalls stehen die Chancen für Schrecken und Chaos ziemlich gut. Wobei das natürlich wie alles eine Frage der Einstellung ist. Wer Freude daran hat zu beobachten, wie Frauen in großer seelischer Not ausgebeutet werden, um auf möglichst billige Art und Weise Sendezeit zu füllen, für den gibt es offenbar bereits schon seit 4 Staffeln eine echte Alternative zu Bauer sucht Frau ; ): Extrem Schön bei RTL2, dienstags um 22:10.

Ich hatte ja mal wieder keine Ahnung, was alles möglich ist, bis mir jemand davon erzählte. Und das hier ist beileibe kein Fernsehtipp. Es ist mehr eine Art Erfahrungsbericht. Immerhin kann man sich mit dem Thema Selbsthass und Körperbild kaum drastischer auseinandersetzen, als den Körper in einer nicht unblutigen Monsteroperation unter Einsatz seiner Gesundheit bzw. seines Lebens und von Kameras festgehalten umformen zu lassen. Ich erinnere mich, wie beeindruckt ich von der Radikalität der Operations-Inszenierungen der Künstlerin Orlan war, deren Erhöhungen über den Augen nach wie vor ein Symbol für die Konflikte und Möglichkeiten der Selbstgestaltung sind. Eine ihrer Feststellungen war, dass die Haut in der man steckt, ohnehin nie zum dem passt, was man gerade sein will.



Die Möglichkeiten, sein Körperbild selbst zu bestimmen, sind heute scheinbar beinahe unendlich. Ich kann mit meiner Erscheinung machen, was ich will - vorausgesetzt ich habe einen freien Willen. Warum gehen eigentlich nicht mehr Leute zum Chirurgen, um sich Spock-Ohren machen zu lassen? Oder um auszusehen, wie ihre Großmutter, die sie sehr bewundert haben - und die eine richtig große, stolze Adlernase hatte? Naja, weil man das eben nicht macht. Alle würden denken, man spinnt! Der Chirurg würde den Eingriff ablehnen! Und in die Bewerbung zur Teilnahme an "Extrem schön" sollte man das auch nicht schreiben. Wir sind nicht frei. Wir bekommen dauernd gesagt, was "extrem schön" ist. Und den Kandidatinnen wird offenbar gleich "ein neues Leben" mitgeliefert - implantiert, wenn man so will.

Was man zunächst sieht, sind geschundene Körper. Dass es schorfig und anstrengend werden würde, hatte ich vermutet. Ich sehe Nicole dabei zu, wie sie sich windet und "vor Schmerzen kaum atmen kann", während die Musik mit grotesker Theatralik immer weiter anschwillt. Und mir geht aus irgendeinem Grund die biblische Drohung "unter Schmerzen sollst du (...) gebären"* durch den Kopf. Dann schwant mir Übles: Hier wird jemand für seine Hässlichkeit bestraft und gleichzeitig errettet. Aber kein Zuschauer soll auf die Idee kommen, eine Errettung sei so einfach zu haben.
*(Ich sehe gerade, Orlan verwendet die Bibelstelle in ihren Ausführungen auch - vermutlich war sie mir deshalb so präsent. Auf jeden Fall bezeichnet Orlan sie als das, was sie auch ist - als lächerlich.)

Während Nicoles Ehemann dafür ist, die Sache abzubrechen, macht Nicole tapfer weiter und verdient und erleidet sich so am Ende eine neue Nasenspitze, einen Po, der mit Fett aus ihrer eigenen Taille aufgepolstert wurde, ein neues Kinn, gestraffte Augenlider, Silikonkissen in der Brust, einen gestraften Bauch sowie - man höre und staune "weibliche" Zähne. Überhaupt ist jetzt endlich alles an ihr weiblich, weiblich, weiblich! Man fragt sich, was die mehrfache Mutter vorher war - eine gigantische Arbeiterameise vom Planeten Zuberon?

Nicole hat vor, von nun an durch das Leben zu tanzen. Man wünscht es ihr. Und trotzdem wünscht man sich viel mehr, man hätte das alles lieber nicht miterlebt. Man wünscht sich, Nicole hätte sich selbst einfach mal die Haare gewaschen und sich einen neuen Zahnarzt gesucht. Und hätte dann gesagt "ihr könnt mich alle mal". Und man hätte sich niemals in ihre Wiedergeburt im Operationssaal hineingezappt. Man versteht den Selbsthass und die Selbstzweifel der Kandidatinnen so erschreckend gut - und fühlt gleichzeitig, dass es höchste Zeit ist für einen Aufstand der Hässlichen...nur selber anführen möchte man ihn lieber auch nicht...

Mein neues Lieblingswort ist übrigens "Fettverteilungsstörung".

Und wo ich nun schon auf Krawall gebürstet bin: Sollte jemand gerade die Bunte letzter Woche zur Hand haben?...Ja?...Ist es nicht fabelhaft, wie unverkrampft die Redaktion die Begriffe "Schlankheitswahn" und "lustvoll" miteinander verknüpft? Die in sonnengelben Lettern gestellte Frage "Macht dünn glücklich?" kann man damit wohl getrost als beantwortet betrachten. Klar, Hungern ist die pure Freude. Fast so schön, wie sich lustvoll die Haare auszureißen. Oder sich lustvoll vor einen Zug zu werfen. Die Chefredakteurin Riekel gibt in ihrem "Bild der Woche" dann noch zu bedenken, dass Dünnsein das "Ticket in die Society" sei. Ebenfalls bemerkenswert - der kleine Beitrag über Frauen-Fußball auf Seite 71. Alice Schwarzer erklärt im Kasten links: "Am besten, eine Fußballerin erregt Aufsehen mit dem Ball - und nicht mit dem Busen." Und rechts kürt die Bunte dann die "fünf attraktivsten Spielerinnen". Mit Verlaub - im Sommerloch kann es doch immer noch ein wenig schwärzer werden, als man denkt.

Und das Abendessen steinreich:


Ja doch, ich mache weiterhin Diät...Mal sehen, in was für Gesellschaft ich da noch gerate.

NH

Dienstag, 5. Juli 2011

Musikantenknochen

Erst dachte ich ja, meine Schuhe knarren. Und dann dachte ich, es sei das Ächzen der Stufen unter mir, als ich mich leise schnaubend am Geländer ins obere Stockwerk zog. Dann wurde mir schlagartig klar, dass da eine Tonspur zu viel war. Es ist ein kleines, fieses Geräusch, das genau zu dem leichten Schabegefühl in den Knien passt. Dass meine Knie es offensichtlich über lange Zeiträume nicht leicht hatten, war mir natürlich klar. Dass sie inzwischen ein Lied davon singen können, war es nicht.



Die Idee, sich endlich als dicke Dame zu akzeptieren und kurzerhand eine zu bleiben, hat mir, wie bereits gesagt, sehr gefallen. Nur meinen Gelenken gefällt sie nicht. Und ohne die geht es irgendwann nicht mehr weiter.

Dafür habe ich mir zum Diät-Neustart allerdings das GRÖSSTE Motivationskleid ALLER bisherigen Motivationskleider* ausgesucht – Größe 42. Pink statt Gelb. Und eben auch nicht extra angefertigt, sondern von der Stange. Aber für das ultimative Wunschkleid in XXL ist nun keine Zeit (und auch keine Motivation) mehr da. Es wird also ernst. Was ich in den letzten Wochen angedacht und ausprobiert und unterbrochen habe, muss nun möglichst schnell klappen: Eine vegane, vorrangig rohe, fettarme Diät. Und vielleicht gönne ich mir für die Haut ein paar – jetzt hätte ich fast „Stromstöße“ gesagt ; ) – Ultraschallbehandlungen. Außerdem: Hanteln schwingen. In die Pedale treten. Und womöglich endlich einmal im Morgenrot, noch vor dem ersten wackeren Rentner, ins Schwimmbad gehen. Habe ich etwas vergessen? Ach ja: Die Waage bleibt weiter im Schrank. Vorher-Nachher-Fotos gibt es NACHHER, weil der Druck ohnehin schon groß genug ist.

Überhaupt: Das gute alte Diät-Tagebuch. Ein bisschen fühlt es sich so an, als ob seine Zeit wirklich vorbei ist. Körperpolitik ist interessant. Fragen nach dem Körper-Image und warum so viele von uns in ihren eigenen Körpern einfach keine Heimat finden – das alles ist interessant. Kalorien und Sit-ups sind es nicht schlicht nicht mehr. Jede von uns weiß alles über Energiebilanzen und Turnübungen. Mal ehrlich – von uns hätte es doch keine ernsthaft überrascht, dass eine Milchschnitte mehr Kalorien hat, als ein Stück Sahnetorte. Wir wissen, dass die Werbung lügt. Ganz besonders wenn es um „sportliche“, „nicht belastende“ Schokoriegel geht. Uns kann man nichts vormachen. Nach jahrzehntelangem Training in Sachen Ernährungskontrolle/Ernährungszwanghaftigkeit lesen wir sozusagen automatisch die Nährwertangaben auf der Rückseite jeder Packung, bevor wir sie kaufen. Hat uns nicht wirklich dünn gemacht. Aber verwundert sind wir nicht – offenbar anders als die Verbraucherschützer von Foodwatch, die Ferrero für den großen Milchschnittenbetrug unlängst den Goldenen Windbeutel verliehen haben. Ha – Amateure! ; ) Was für ein naiver und weltfremder Denkfehler anzunehmen, dass Menschen sich „gesund“ ( was immer das ist) ernähren würden, wenn sie nur wüssten, wie das geht. Wir wissen es längst. Zumindest wissen wir alles Mögliche. Aber es gibt unendlich viele Gründe, trotzdem in eine Milchschnitte zu beißen.

Krieg und Frieden rund um den Körper. Normen, Schönheit, Hässichkeit, Selbstwahrnehmung und Selbstwert, Diskriminierung…All das interessiert mich mittlerweile viel mehr, seit klar ist, dass ich mich nicht mehr vorranging aus ästhetischen Gründen in eine neue Diätschlacht stürze. Und darüber werde ich in Zukunft weiter schreiben.

Was ich immer vorhatte und dann doch nie umgesetzt habe, war ein Diät-Vlog. Das heißt aber nicht, dass ich nicht in den letzten Jahren immer mal wieder Anläufe genommen und es im Zuge dieser zu einem erstaunlich umfangreichen Archiv mehr oder weniger drolliger Filmdokumente über den Kampf gegen die eigene Unlust gebracht hätte (sogar einschießlich einer neueren Liegestütze-Sequenz aus drei verschiedenen Perspektiven). Jetzt, wo es 2011 ist und ich eben mein erstes Video im Internet hochgeladen habe, überlege ich, die „Highlights“ zusammenzuschneiden. Sozusagen als Abgesang… ; )

P.S.: Sollte sich jemand von euch kreativ mit dem Thema Essstörung, Fett-Akzeptanz, Körperimage, etc. auseinandersetzen, oder interessante KünstlerInnen kennen, die zu diesem Thema arbeiten, würde ich mich sehr freuen, von euch zu hören.** Ich selbst plane auch ein kleines visuelles Project. Der Anfang dazu war es ja, sich in voller farbbeschmierter Pracht auf Leinwände zu pressen.

*Das muss sein - ist Tradition!

**office(at)nicola-hinz.com

NH

Samstag, 18. Juni 2011

Vom anderen Planeten


Und wo wir gerade davon sprachen: Ein Püppchen / Fetisch aus Stein oder Ton, das das Körperideal des Künstlers und seiner Zeit wiederspiegelt?...Ich habe bei Ausgrabungen / beim Aufräumen in meinem Keller MEINE persönliche Venus von Willendorf wiedergefunden. Sie ein Relikt aus den späten 80ern. Und das war VOR Kate Moss und Heroin Chic. Von mir im Kunstunterricht erstellt. Das Thema war vermutlich: „Nehmt mal einen Klumpen Ton und macht was Schönes damit.“ Und das habe ich getan. Ich weiß, dass es eine weibliche Figur ist, auch wenn man es im Prinzip nicht sieht. Allerdings wäre es mir als Teenager nie in den Sinn gekommen, bei freier Aufgabenstellung ein Kunstwerk zu fabrizieren, das sich nicht mit MIR, MIR, MIR beschäftigt hätte. Dafür wird überdeutlich, dass ich etwas für lange, dünne Hälse und knochige Schultern übrig hatte. (Kann auch nicht sagen, dass es heute ganz und gar anders wäre.)




Erst war ich erschüttert, als ich sie auspackte. Garantiert war ich auch gerade wieder dabei, eine Diät zu machen, als die Figur entstanden ist, denn ich habe als junges Mädchen immer irgendwie Diät gemacht. Zumindest im Kopf. Und ich musste natürlich sofort an Pro Ana Ästhetik denken. Die Verherrlichung von sich dahinschleppendem, ausgemergeltem Weltschmerz. Und ich bin überzeugt, dass die Figur eine unbeabsichtigte, aber umso deutlichere Darstellung einer vorhandenen Essstörung sowie des ewigen Kampfes mit dem eigenen Körper und nicht erfüllten Idealen ist. Und sie ist bereits über 20 Jahre alt.


Aber: Obwohl die Figur wie die Venus von Willendorf kein Gesicht hat, scheint sie erstaunlicherweise trotzdem einen Ausdruck zu haben, vielleicht sogar mehrere. Und sie hat Arme, die ihren langen, dünnen Oberkörper nach außen hin definieren und abgrenzen. Dafür verfügt sie weder über einen Unterleib (genau genommen knickt sie gerade an der Stelle besonders weit ein), noch über echte Beine. Sie hat eine Art Sockel – auf dem sie jedoch erstens recht stabil steht, und in dem zweitens eine unbestreitbare Dynamik steckt. Sie scheint sich trotz allem vorwärts zu bewegen. Möglichweise schwebt oder wabert sie aber auch eher, als dass sie wirklich einen Fuß vor den anderen setzt. Glücklicherweise marschiert sie zumindest nicht. ; ) Sie hat Richtung, Ernsthaftigkeit, Haltung und irgendwie – Bestimmtheit. In der Hinsicht ist in der Tat das, was ich immer sein wollte. Und insofern erzählt sie die uralte Geschichte von dem Leben und dem Ich, für das das Dünnsein immer als symbolischer Platzhalter herhalten musste.


Nun steht sie also auch auf dem Schreibtisch, neben der kleinen, dicken Venus (die, wenn man ehrlich ist, allein auf ihren Füßchen ja gar nicht stehen kann). Ich finde, sie sind ein interessantes Paar. Aber wer bin ich?

NH

Sonntag, 29. Mai 2011

Wie das Veilchen im Moose...

Bei den Themen Krankheitsrisiko Übergewicht sowie Fett-Akzeptanz laufen mir gleichermaßen regelmäßig die Abonnentinnen weg. Was soll mir das sagen? Beides ist offenbar nichts, womit man einen Blumentopf gewinnt. Ist ja klar. Sonst gäbe es davon ja auch mehr auf Hochglanz-Titelblättern zu sehen. Wäre ich also Redakteurin eines Frauenmagazins, dessen Kampf um die Auflage täglich gefochten wird – was würde ich tun? Riiichtig: Tun, was sie alle tun und noch einen schicken Diät-Plan und noch mehr Motivationstips posten…Oder noch mehr zum Thema Pro Ana, denn das scheint ein echter Renner zu sein. Es stellt sich die Frage, was die meisten neuen Leserinnen hofften zu finden, als sie über die Eingabe des Suchbegriffs Pro Ana via Google bei uns gelandet sind. Ich frage mich auch, wie es mit den Leserinnenzahlen aussehen würde, wenn ich es machen würde wie Kenneth Tong.

Im Jahr 2009 war der Herr Tong sage und schreibe 5 Tage im britischen Big Brother Camp. Der für die Sendung zuständige Psychologe bezeichnete ihn danach als einen „Soziopathen wie aus dem Lehrbuch“. Seine warholschen 15 Minuten im internationalen Scheinwerferlicht verschaffte er sich allerdings, als er Anfang des Jahres bei Twitter eine Kampagne startete, in der er angeblich den baldigen Vertrieb einer „Size Zero Pill“ ankündigte, im Vorfeld von „kontrollierter Anorexie“ schwafelte und fässerweise Häme und Bösartigkeiten über nicht-dünnen Menschen ausschüttete. Was folgte war – wie nicht anders zu erwarten – eine Welle von Empörung. Prominente, allen voran Rihanna, verlangten von Twitter, den gemeingefährlichen Herrn Tong zu stoppen und sein Konto zu sperren. Der hatte innerhalb weniger Tage mehr Presse generiert, als sich vermutlich selbst einer wie er je in seinen wildesten Träumen ausgemalt hätte: Von Grazia, über die Sunday Times bis zum Guardian sprangen sie alle auf den Zug des Soziopathen Tong. Und hätten letztendlich allesamt kostenfrei Werbung für ihn und seine Diät-Pille gemacht. Denn wo viel laute Missbilligung wütete, da war natürlich ebenso viel Neugier, Interesse und Zuspruch – u. a. direkt von der zukünftigen Zielgruppe auf Twitter. Doch Tong beendete das Ganze, bevor der Rummel noch größer wurde, indem er erklärte, es habe sich alles nur um ein „Medienexperiment“ gehandelt, das allerdings erschreckend glatt gelaufen sei. Er distanzierte sich von „Managed Anorexia“ und kündigte an, einer britischen Organisation zur Bekämpfung von Essstörungen einen substantiellen Betrag spenden zu wollen. Die Frage, ob Tong wirklich vorgehabt hatte, eine Size Zero Pill auf den Markt zu bringen, wird ungeklärt bleiben. Wenn das tatsächlich sein ursprünglicher Plan gewesen sein sollte, dann war er längst nicht so skrupellos, wie alle gedacht hatten. Denn er musste schließlich die Küche verlassen, weil es ihm dort zu heiß wurde. Offenbar ist es unter bestimmten Voraussetzungen unmoralisch, Menschen zu sagen, sie sollen dünn werden. Es sei denn, sie sind dick - dann ist es quasi eine Bürgerpflicht. Oder man nennt es „komplette Nahrungsumstellung“. Dann ist es auf so gut wie jeden anwendbar, aber scheinbar längst nicht so anstößig wie Tong’s „You deserve a skinny body“. Ich habe es schon einmal gesagt, aber ich sage es immer wieder gern: Die Küche, die Tong zu heiß wurde, ist die selbe, in der sich Fotoredakteurinnen, Modelagenten und Modeschöpfer Tag für Tag gemütlich einrichten.

Moral hin und/oder her. Das Schuld-Karussell in den Medien dreht sich für alle Körperformen. Zu dick, was immer das ist, ist in der Regel schlecht. Aber zu dünn, was immer das ist, ist es mitunter auch! Wobei hier bei der Bewertung oft schlicht und ergreifend die Platzierung der Kamera den Ausschlag gibt. Wird Angelina Jolie, um deren aderdurchzogene, magere Unterärmchen* sich alle Jahre wieder Journalisten in aller Welt so große Sorgen machen, tatsächlich nun schon seit Anbeginn der Zeit immer dünner und dünner UND kränker und kränker UND gestörter und gestörter? Und wenn ja, wie schafft sie es bloß, dabei am Leben zu bleiben und Filme zu drehen? Oder ist sie seit Jahren einfach nur…dünn? Und wieso können wir sie es nicht einfach sein lassen? Weil wir alle wissen, was gut für sie ist, aber sie einfach nicht hören will? Das kommt der dicken Dame irgendwie bekannt vor. Während die Maßregelung des übergewichtigen Körpers allerdings in der Hauptsache auf echter Abscheu basieren dürfte (sowie auf der Angst und Selbstverachtung des „normalgewichtigen“ Betrachters), ist es beim untergewichtigen Körper vielleicht doch eher Neid. Weil da jemand verdammt nah am medial vermittelten Ideal dran ist. Dass man den eigenen Körper nicht kurzerhand gestalten kann, wie man will, ohne dass man sich rechtfertigen bzw. erklären muss, dürfte auch fast jeder wissen, der jemals eine Schönheitsoperation hat machen lassen. Schönheitsoperationen sind wie Crash-Diäten: Das Ergebnis ist oftmals durchaus erstrebenswert. Der Weg dahin jedoch ist in den Augen des Publikums weiterhin eigentlich unzulässig. Unehrlich. Riskant.

Ein GUTER Körper wäre einer, in dem sein-e Besitzer-in Frieden und Selbstbestimmtheit leben kann, egal was für eine Form er hat. Wer hat so einen Körper? Ich nicht. Nicht weil er dick ist. Weil mir Mut und Kraft dazu fehlen. Noch.

Hilf‘ mir, dünn zu werden, damit ich endlich einmal das Gefühl habe, verdammtnochmal irgendetwas wert zu sein.** Wer hat sich je wertlos gefühlt, weil irgendetwas an seinem Körper zu dick war? Wem kommen solch tiefe Verzweiflung und Verletztheit bekannt vor? Einfach mal die Hand heben…na also. Muss man eine 16-jährige Drama-Königin, um die Dringlichkeit und tiefe Traurigkeit dieses Wunsches zu begreifen? Ich denke nicht.

In den letzten Tagen ist mir gleich zweimal das passiert, was ich vorher eigentlich nur aus den Berichten anderer dicker Menschen kannte – spontane Beschimpfung und Beleidigung durch wildfremde Leute. In Geschäften. Das eine war in der Tat eine Verkäuferin, die sich bei ihrer Kollegin über mich und meine Kleiderwahl ausließ (genau genommen echauffierte sie sich über die Größe des Kleides, das ich kaufen wollte), während ich im Prinzip neben ihr stand. Sie wusste, dass ich sie genau hören konnte. Aber es war ihr egal. Erst begreift man es nicht so recht. Und dann weiß man echt nicht, was man machen soll. Ärgert mich immer noch, aber so war es. Und ich habe nichts gesagt. Nur erstaunt geguckt...Allerdings halte ich mir noch immer die Option offen, ihrem Arbeitgeber mitzuteilen, dass es vermutlich langfristig besser fürs Geschäft ist, wenn das Personal erst dann lautstark über die Kundschaft herzieht, wenn diese die Ware bereits bezahlt hat…Und dann ging ich gestern in ein Möbelgeschäft, weil ich dachte, da sei man sicher vor den Verkäufern – zumindest solange man sich mit seinem Elefantenhintern nicht auf Kinderstühlchen quetscht. Dummerweise hatte ich nicht mit den anderen Kunden gerechnet. Ich ging an einem Tisch vorbei, an dem eine andere Frau auch vorbeigehen wollte. Sie wich dann zwar aus, aber nicht ohne mir etwas entgegen zu zischen, von dem ich nur das letzte Wort verstand: FETT! Erstaunlich wie weh das tut, wenn man ehrlich ist. Und dann ertappt man sich dabei, wie man darüber nachdenkt, dass man doch schon viel fetter war als heutzutage - warum geschieht einem das denn ausgerechnet jetzt? Als ob man es früher eher verdient hätte, so behandelt zu werden. Man sucht doch tatsächlich nach Gründen, oder gibt sich gar selbst die Schuld. Wie ein dickes, fettes Veilchen zieht man beschämt den Kopf ein und versucht, sich im moosigen Schatten unsichtbar zu machen. Nach all der Zeit und der Erfahrung, die man hat. Dabei gibt es nur einen Grund, warum einem so etwas passiert: Die, die da pöbeln, sind Idioten. So einfach ist das. Das nächste Mal, wenn jemand dir als dicker Dame auf welche Art und Weise auch immer nahelegt, dich zu verstecken, dich zurückzunehmen, den Mund zu halten, oder es endlich gut sein zu lassen, verpass‘ ihnen eins – ein Veilchen.

Aber wo wir gerade über Kleider sprechen: Ich bin ja immer noch auf der Suche nach MEINEM Kleid, nach dem Kleid, das wirklich sagt, wer ich bin und das ich TROTZ MEINER GRÖSSE GERN IN MEINER GRÖSSE HÄTTE, aber im Laden nie bekommen werde, so dass ich es werde nähe lassen müssen. Und ich glaube, ich habe es u. U. doch schon gefunden. Vielleicht sogar in Gelb. Aber vielleicht auch eher in Mauve. Da bin ich noch unentschieden. Na, was meint ihr - wie würde das hier wohl in einer Größe 46 aussehen? Die Vorstellung muss man auch erst einmal aushalten, nicht wahr? ; )


Grundsätzlich habe ich ja gesagt, dass ich weiterhin plane, Gewicht zu verlieren. Was allerdings das Rohkostprogramm betrifft...da werde ich nun doch lieber auf Entwarnung warten. Ich hasse eigentlich Panikmache und habe trotzdem schweren Herzens Gurken entsorgt. Aber über den nächsten Salat werde ich dann auch aus gegebenem Anlass den wunderbaren Veilchenessig gießen, von dem ich durch Shushans Blog erfahren habe.

*Ist ganz interessant! Einfach mal googeln: Angelina Jolie veins – der letzte Eintrag auf der ersten Ergebnisseite ist bereits von 2006.

**helpmegetthin.tumblr.com ist ein Pro Ana Motivationsblog

NH

Sonntag, 22. Mai 2011

AUS DEM ARCHIV: Pro Ana - die Religion des Verhungerns


Der folgende Text wurde 2007 bereits bei candybeach.com veröffentlicht - damals (bezeichnenderweise) unter der Rubrik "Body Watch". Er beschäftigt sich mit der Subkultur Pro Ana, deren Ausgangspunkt und Grundlage Magersucht ist. Ich stelle den Artikel hier aus gegebenem Anlass nochmals zur Information für alle Interessierten ein, weil ich gerade an einem neuen Blogpost arbeite, der sich ebenfalls mit dem Thema "Essstörungskultur" beschäftigen wird.

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„Man kann nie zu reich oder zu dünn sein.“ Wallis Simpsons Zitat ist einfach so wunderbar zickig, ironisch und übertrieben, dass ich es gerahmt und auf meine Fensterbank gestellt habe. Ironie muss man allerdings als solche erkennen und verstehen. Fehlt dieses Verständnis, kann es verdammt unangenehm werden – sowohl für die direkt Betroffenen als auch für das erschrockene Publikum. Das Publikum wäre in diesem Fall ich – und wie es einem manchmal im Kabarett oder bei Zaubervorstellungen passieren kann, besonders dann wenn man in der ersten Reihe sitzt, gerät man leicht in Gefahr, unbeabsichtigter Weise ein Teil des Spektakels zu werden.

Pro Ana (Pro Anorexie) ist kein ganz frisches Phänomen. Die „Bewegung“, deren Anhängerinnen Anorexie nicht (nur) als gefährliche Essstörung verstanden wissen wollen, sondern vielmehr als ästhetisches Manifest und Lifestyle, entstand bereits vor Jahren in den USA und hat sich seitdem mit rasendem Tempo ausgebreitet – auch deshalb, weil nicht geringe Teile des Publikums im Verlauf der Entwicklung in die Show eingestiegen sind – schlicht weil sie ohnehin anfällig und damit leichte Beute waren. Weil sie sich zu dick und hässlich fühlten und davon träumten stattdessen schön und schlank zu sein und die Nahrungsaufnahme des eigenen Körpers endlich unter Kontrolle bringen wollten, um dieses Ziel zu erreichen. Pro Ana macht ihrem Namen alle Ehre und leistet ganze Arbeit im Dienste der Mitgliederrekrutierung und der Verbreitung einer lebensgefährlichen Krankheit – der Magersucht. Es gibt eine eigene Pro Ana Subkultur, die ihre eigenen Symbole hat (Libellen, Schmetterlinge, Feen sowie einen Farb-Code, der anzeigt, ob man Pro Ana (rot) oder Pro Mia (Bulimie, lila) ist) und ihre eigene spezifische Bilderwelt, in der Mode und Märchenromantik mit einer morbide-schicken Szenerie der stilisierten Selbstzerstörung und Verzweiflung kombiniert werden.

„Thinspirations“ – Sammlungen von Bildern von superdünnen Mädchen und Frauen sind ein zentrales Element der Subkultur. Manche Bilder sind zusätzlich bearbeitet, um die abgebildeten Frauen noch abgemagerter aussehen zu lassen. Hervorstehende Beckenknochen und deutlich hervortretende Rippen sind hierbei offenbar von besonderem Interesse. Die Bilder sollen dazu motivieren, „durchzuhalten“ und natürlich immer dünner zu werden. Gleichzeitig schaffen und stützen Sie den grundsätzlichen atmosphärischen Hintergrund für die Bewegung. Pro Ana ist eine weibliche Kultur, und sie romantisiert konsequent das Leiden des ewigen Mädchens in einer rauen, plumpen Welt. Außerdem gibt es da Anas zehn Gebote. Gebot 1 lautet: Wenn du nicht dünn bist, bist du nicht attraktiv. Gebot 2 besagt: Dünn zu sein ist wichtiger, als gesund zu sein. Und - als hätte man es nicht schon geahnt – lautet das 9. Gebot: Du kannst nie zu dünn sein. Die Bewegung hat sogar ihre eigene Ernährungspyramide, der zu entnehmen ist, dass das Hauptnahrungsmittel Wasser sein sollte, gefolgt von Diät-Pillen und Light-Getränken.

Trotz periodischer öffentlicher Aufschreie, wenn das Thema mal wieder zum Thema gemacht wird, blüht Pro Ana weiter. Daran hat auch die Tatsache, dass z. B. Internet-Service-Provider und Suchmaschinen wie Google versucht haben, Pro Ana-Inhalte zu begrenzen bzw. zu entfernen, nicht viel ändern können. Viele der einschlägigen Webseiten schotten sich mittlerweile mit Passwörtern ab, und so manches Pro Ana Forum gleicht einem elitären Club, für dessen Aufnahme man sich bewerben und dann empfohlen werden muss. Die meisten der Pro Ana Internet-Angebote, fordern Besucher auf, sich zunächst eine Erklärung durchzulesen, in der einerseits erklärt wird, dass man nicht wirklich „Pro Ana“ sei, sondern sehr wohl wisse, dass man es hier mit einer Krankheit zu tun hat, die man nicht verherrlichen sollte. Andererseits werden Besucherinnen gewöhnlich aufgefordert, wieder zu gehen, wenn sie nicht schon anorektisch sind, weil der Besuch der Website eine Essstörung „triggern“, also erst hervorrufen könnte. Dass es auf den meisten dieser Seiten nicht um Romantisierung der Anorexie und des Verhungerns geht, sondern um das „Leben mit einer Krankheit“ geht, dürfte mehrheitlich ganz klar eine Schutzbehauptung und somit schlicht nicht wahr sein – ihre optische und auch inhaltliche Ausstattung sprechen zumeist eine andere Sprache. Dass diese Seiten „triggern“, also zu einem Ausbreiten der Magersucht erheblich beitragen, ist hingegen erwiesen.

Nun hatte ich ja eigentlich vor, mich an dieser Stelle auch mal mit Themen zu beschäftigen, die nicht Diät-bezogen sind, aber nun geht es heute doch nicht anders. Denn: Ich sitze in der ersten Reihe – das wurde mir bei der Recherche in der schaurigen Welt der „Pro Ana“ klar. Ich bin eigentlich AUCH immer wieder mit meiner Kleidergröße befasst. Ich würde AUCH gern weiterhin Gewicht verlieren. Ich will AUCH auf keinen Fall wieder zunehmen. Ich wünsche mir AUCH immer mal wieder, meine Selbstkontrolle in Bezug auf Essen wäre verlässlicher und besonders die im Internet zu findenden Pro Ana „Thinlines“, die helfen sollen, diese Kontrolle über den eigene Hunger auszuüben, kommen mir irgendwie bekannt vor: „Nichts schmeckt so gut, wie dünn zu sein sich anfühlt.“ Oder: „Der Unterschied zwischen Wollen und Brauchen ist Disziplin.“ So etwas hatte ich garantiert auch schon am Kühlschrank zu stehen – zumal ich ohnehin eine Freundin der positiven Selbstsuggestion bin. Vor diesem Hintergrund jedoch, muss man doch schlucken. Und ist ein bisschen entsetzt. Ich finde sehr schlanke Körper AUCH schön (schöner als meinen) – und vieles von dem, was den Pro Anas als „Thinspiration“ dient, sehe ich mir AUCH gern an. Jede Frau, die ein Abo für ein beliebiges Hochglanz-Modemagazin hat, tut das. Deshalb ist Pro Ana so erfolgreich und so gefährlich: Weil die meisten von uns ohnehin schon ein wenig Pro Ana sind. Wie gesagt, man muss verdammt gut auf sich aufpassen. Der Weg von der Überesserin zur Nichtesserin, von der einen Essstörung zur anderen ist weniger unwahrscheinlich, als man vielleicht denkt. Ich würde gern schließen mit einem Zitat aus meiner Lieblings-Fernsehsendung „Absolutely Fabulous“: Es muss ein wirklich besonderer Moment sein, wenn Frauen auf dem Friedhof endlich das Gewicht erreichen, das sie immer haben wollten.“ Wallis Simpson war keine Idiotin – sie hat es NICHT ernst gemeint. Wer zu dünn ist, wird sterben. Punkt.

NH