Montag, 16. März 2020

Corona-Blues


Leichter wird es nicht.


Dass ich überhaupt dazu komme, mich hier mal wieder zu melden, liegt natürlich daran, dass ich Freiberuflerin bin und mir seit gestern und heute Morgen - na, ich sage mal - 90% meiner Aufträge für diese Woche weggebrochen sind. Bei jemandem, der ohnehin immer von Existenzängsten geplagt wird, wäre vermutlich jetzt der exakt richtige Moment, eine Flasche Wein zu öffnen, die Füße hochzulegen, und sich möglichst ordentlich zu betrinken, damit der verzweifelte Druck in der Brust aufhört. Aber das ist hier keine Option, denn ich trinke ja nicht. Stattdessen hatte ich heute mit allen Kund*innen noch einmal Kontakt, um ihnen gute Gesundheit zu wünschen und sie gleichzeitig dazu zu ermuntern, mich nicht zu vergessen, wenn dieser ganze Albtraum halbwegs eingedämmt ist. Dann habe ich mir auch schon einmal die Kontaktdaten des für mich zuständigen Jobcenters rausgesucht - sowas beruhigt mich. Ich bin IMMER (über-)vorbereitet. Zumindest auf alles, auf das man sich vorbereiten kann. Meine Sitzung mit meiner Therapeutin läuft in dieser Woche übrigens über Skype.

Und nun stecke ich hier im Zwangsurlaub. Ungewaschen und noch im Schlafanzug - und das ist nie ein gutes Zeichen. Ich weiß, ich bin guter und großer Gesellschaft, aber solch eine Erkenntnis hilft bekanntlich auch nie. Es ist die eigene kleine, elende Welt, die sich um eine zuzieht wie ein Korsett. Ganz kurz hatte ich gedacht, die Dinge laufen zum Jahresanfang ganz gut. Und dann das...ich bin mir auch hier total bewusst, dass auch das kein Einzelschicksal ist, aber Jammern tut zumindest gut. 

Mit all der freien Zeit, die ich in den nächsten zwei bis sechs Wochen vermutlich haben werde, könnte ich meine Wohnung streichen. Oder sie noch einmal komplett durchsortieren und dabei Vlogs drehen. Ich könnten auch endlich meine Kellervideos schneiden und veröffentlichen. Ich könnte ein Büchlein schreiben, den Inhalt von sechs Kisten bei ebay einstellen (ja, sowas steht hier noch immer rum), Rückengymnastik machen, die Ablage machen, das gesamte Bad entkalken, die gesamte Küche entfetten, Kundenakquise betreiben (für die Zeit nach dem Virus), mich als linker Troll im Internet herumtreiben und Aktivismus betreiben, mit Verwandten telefonieren, Quiche backen, autogenes Training machen, all meine Bilderbücher ansehen, alles in meinem Kindle lesen und mir die Fußnägel schneiden. Eben all das, was seit Ewigkeiten liegenbleibt. 

Webseiten mit gut gemeintem Rat für Selbständige ermuntern eine*n in der Tat dazu, sich in Ermangelung von Aufträgen in eben jene aufgeschobene Arbeit daheim zu stürzen, damit frau nicht zu viel grübelt oder sich gar in Depressionen verliert. Eine Bekannte gab dazu heute zu bedenken, frau könne unmöglich sofort damit beginnen, den Putzlappen zu schwingen, denn dazu sei der zu verdauende Schock einfach viel zu groß. Soweit es mich betrifft, stimmt das tatsächlich. Ich schaue erstarrt den Eichhörnchen beim Spielen auf der Terrasse zu. Im Nachbargarten tummeln sich Mütter und Kinder und machen gemeinsam Krach in der Sonne...die haben offenbar...gar nichts begriffen. Fehlt nur noch, dass sie die Großmütter mit dazu bitten. So wie gestern.

Wer sich weiterbilden möchte: ) - Social Distancing 

Insgesamt beschleicht mich ohnehin das Gefühl, dass ich jetzt nicht mehr zur Arbeit darf, weil die Doofen sich einfach mal wieder nicht zurücknehmen konnten und können. Wer ist denn bitte vor ein paar Tagen noch im Risikogebiet Ski gelaufen und lässt sich bei der Rückkehr nicht testen, sondern wandert geradewegs in Büro? Wer geht denn auf Corona-Partys? Wer tut das alles, bitte sehr? Und auch, dass frau jetzt selbst gezwungen ist, gegen Hamsterkäufer*innen anzuhamstern, die in ihrer kopflosen und raffigen Panik (kurz bevor sie sämtliche Kinder der Nachbarschaft zusammen auf den Spielplatz schicken) künstliche Versorgungsengpässe erzeugen, finde ich einfach nur zum Kotzen. Sie tun wirklich immer genau den Scheiß, den frau auch von ihnen erwatet hätte.

Kurz, ich bin mit all diesen Menschen jetzt zu Haus eingeschlossen und kann sie nicht ausstehen.Ich sitze noch mehr in der Falle als sonst.

Oliver meint, jetzt müssten wir dann eigentlich zu Haus wirklich den Urlaub machen, zu dem wir sonst nie kommen. Spiele spielen, reden, laufen und schlafen. Wenn uns die Hitze des Klimawandels einholt, bevor das Virus erledigt ist, könnte ich ja mal den aufblasbaren Pool, der im letzten Sommer nicht mehr zum Einsatz kam, endlich auf der Terrasse aufstellen...Ich hoffe von ganzem Herzen, dass es dazu nicht kommen wird. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt.



NH

Sonntag, 22. Dezember 2019

Adventsblog 5: Stille


Der Plan war ein anderer. Ich hatte vor, an jedem der Tage vom ersten bis zum zweiundzwanzigsten Dezember einen Blogpost zu verfassen. Das hat bekanntlich nicht geklappt. Der Stichtag war gestern (gerade ist Mitternacht), und das hier ist nur Blogpost Nummer fünf. 

Ich habe es indessen gerade noch hinbekommen, meine Küche von den Geschirrbergen der letzten Wochen (nein, kein Witz) und das Schlafzimmer vom Labyrinth aus Wäsche und Gedöns zu befreien, bevor das Christkind kommt und die Hände überm Kopf zusammenschlägt. Am Ende war das Ziel bis hierher nur noch, die Feiertage nicht in totaler häuslicher Verwahrlosung zu verbringen. Ein weiterer Plan war nämlich auch, dass am 22. Dezember mein letzter Arbeitstag ist - sei es in- oder außerhäusig. Und das bis zum 6. Januar. Das werde ich nicht ganz hinbekommen, aber ich habe beschlossen, mich, egal wie oder was, zumindest weitgehend an diesen Teil der Planung zu halten.

Und so ist nun hier auf dem Blog, aber auch sonst alles Mögliche aufgeschoben. Das Programm lautet essen, rumsitzen und zu schlafen, wenn einer danach ist. Und im Augenblick kann ich mir gar nicht vorstellen, dass mir jemals wieder nach etwas anderem sein könnte.

Aufgeschoben sind also auch die Kellervideos und Rezensionen, die hier halbfertig herumliegen. Ich habe Geschichten über Unsichtbarkeit, Aktivismusmüdigkeit, höllische Nachbarschaft und natürlich Entrümpelung - alle im Entwurfsstadium und nun alle verschoben ins nächste Jahr. Wenigstens ist der Keller fertig. Und nach quasi Jahrzehnten des Aussortierens habe ich 2019 noch einmal gut 750 Gegenstände aus meinem Haushalt geworfen. Darauf bin ich immerhin stolz. Abgesehen von einem Stapel überflüssiger aber mächtig bunter Kissen, über die (am besten in den kommenden Tagen) noch Entscheidungen gefällt werden müssen, habe ich den Kampf gegen die Dinge für beendet erklärt. Und übrigens auch für gewonnen. Das bedeutet nicht, dass meine Wohnung leer ist. Sie ist jetzt nur so organisiert, reduziert und handhabbar, dass ich nicht pausenlos an der Aufgabe meiner Selbstorganisation verzweifle - und das war sie vorher definitiv nicht. Bis vor ein paar Tagen noch nicht. 

2020 kommen nun andere Dinge dran. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, WAS sie sind.

Habt alle einen guten Jahresausklang - wir sehen uns (hoffentlich) auf der anderen Seite wieder. Da soll es schließlich Kekse geben. ; )

HAPPY EVERYTHING!

NH

Freitag, 6. Dezember 2019

Adventsblog 4: Ich komme nicht ins Fernsehen


Weil ich zu dünn bin. Ungelogen. In der Redaktion, die verantwortlich zeichnet für "Dickes Deutschland - Unser Leben mit Übergewicht" (ein Sendeformat für RTL2), hatte man offenbar meinen BMI ausgerechnet, und um eine geeignete Kandidatin für die sogenannte "Sozialreportage" zu sein, hätte er bei 50 liegen müssen. War aber nur 39.

Ich hatte mithin nicht darum gebeten, überhaupt in die Auswahl zu kommen. Bevor ich eine Anfrage von der Redaktion bekam, hatte ich noch nie etwas von der Sendung gehört. Die Mail versprach: "Kein Drehbuch, kein Scripting - nur die wahre Geschichte." Und ich dachte, ihr habt doch schon wieder nicht die leiseste Vorstellung, mit wem ihr es zu tun bekämt, wenn ihr euch wirklich dafür entscheiden würdet, mit mir zusammenzuarbeiten. Denn das ist in der Regel so: Die meisten, die eine Kooperation vorschlagen, haben vorher sehr wahrscheinlich nicht viel mehr von mir gelesen und gesehen als den Titel des Blogs. Da steht etwas von "dicker Dame". Auf dem Foto daneben ist eine dicke Frau - das muss reichen. Die Dicke schreibt mit uns bestimmt gern ein Buch über "Gewichtsmanagement" oder rezensiert garantiert gern mein Buch über Esssucht. Und bestimmt lässt sie sich gern dabei filmen, wie sie sich morgens halbnackt aus dem Bett rollt, mitten in der Fußgängerzone in Mieder und BH für Fotos posiert oder sich ein Magenband einsetzen lässt. Oft sind Anfragende beleidigt, wenn ich Ihnen erkläre, dass sie sich vertan haben. Überrascht sind sie immer.

Im Falle von "Dickes Deutschland" rief ich allerdings zurück und sagte, ich würde mitmachen - unter der Voraussetzung, dass ich im Blog ganz genau über die Dreharbeiten berichten könne. Angeblich hätte ich das gedurft. Auch als ich anklingen ließ, dass ich gern dabei wäre, weil ihrem ausbeuterischen und voyeuristischen Format etwas Fettaktivismus und Medienkritik durchaus gut zu Gesicht stünden, war die Unterhaltung keinesfalls schlagartig beendet. Vielmehr folgte noch das lange Abarbeiten eines Fragebogens. Gehen Sie gern schwimmen?  Eher selten. Gehen Sie tanzen? Nie. Haben Sie gesundheitliche Probleme? Nein. Würde Ihr Partner mitmachen? Eher friert die Hölle ein. Was essen Sie gern? Gemüse. Würden Sie eine Magen-OP für sich in Betracht ziehen? Nein. Erstaunt war ich über die Frage, ob ich finanzielle Probleme hätte...dick und arm? Ernsthaft? Ist das wirklich noch immer die Erwartung der Zielgruppe?

Na schön, im Rückblick lässt sich leicht erkennen, dass mein Plan der halboffenen Unterwanderung nicht erst an meinem BMI scheiterte. So offen und menschenfreundlich-progressiv die nette Frau aus der Redaktion vielleicht auch sein wollte (sie war neu in dem Team und fürchterlich nett sind die Anfang immer alle) - natürlich war ich für ihre Zwecke kein Material für störungsfreie Drehtage. Vielleicht lag es aber auch schlicht daran, dass ich mich im Bewerbungsvideo, das ich dann doch zusätzlich noch einreichen sollte, nicht mehr an den Titel der Serie erinnern konnte...wer weiß. ; )

NH


Donnerstag, 5. Dezember 2019

Adventsblog 3: Der Fragebogen



1. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie war Dein Jahr? 3-4. 

2. Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. Und zwar so, dass mir de Unterhosen rutschen. Kann man ja keinen Gürtel drum binden. Nun brauche ich lauter neue Unterhosen. 

3. Was war das beste Buch? "Hunger" von Roxane Gay. Und "Fat - The Owner's Manual" von Ragen Chastain. Rezensionen folgen.

4. Mehr Geld oder weniger? Etwas mehr. Der Göttin sei Dank.

5. Was war der beste Film, den du 2019 gesehen hast? Halloween mit einer grauhaarigen und sehr wehrhaften Scream Queen - der tollen Jamie Lee Curtis. Ich liebe ja Horror, und abgesehen vom allerersten Film der Reihe, fand ich diesen am besten. Dicht und dabei für das Genre fast unaufgeregt durchinszeniert - und voller Frauen, die überleben.

6. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Nichts. Wie jedes Jahr.

7. Mehr bewegt oder weniger? Vermutlich noch weniger. Wenn das überhaupt geht. Noch weniger Zeit, noch mehr Schmerzen.

8. Die teuerste Anschaffung: Vermutlich ein Kleid im Leomuster und mit passender Jacke. Mal nicht im Ausverkauf erworben. Ein dreistelliger Betrag für zwei Kleidungsstücke - das ist für mich heutzutage eine absolute Ausnahme. Ich erinnere mich auch noch, dass ich regelrecht ein wenig erschrocken aus dem Geschäft gekommen bin.

9. Das Beste, was du 2019 gegessen hast: Ich war wirklich begeistert von all den veganen Hamburgern, die plötzlich erhältlich waren. Ich glaube, wir haben sie jetzt wirklich alle durchprobiert und mein Favorit ist der Next Level Burger von Lidl. 

10. Das schönste Geschenk: Kommt noch. Da bin ich mir sicher.

11. Lieblingslied 2019: Siehe Adventsblog 1.

12. Die meiste Zeit wo verbracht? Gefühlt im Keller. Aber vermutlich doch eher am Schreibtisch.

13. Die größte Enttäuschung: Einer ging nicht ans Telefon. Und das Sommerfestival auf Kampnagel. Selten habe ich mich im Theater so gelangweilt. Und hier waren es gleich vier Veranstaltungen.

14. Die beste Investition: Sechs Adventskalender. Einen mit kleinen Geschenken, einen mit Rätseln, zwei zum Vorlesen, einen mit Schokolade und einen mit Bildchen.

15. Die wichtigste Erkenntnis: Manchmal wird man doch mit etwas fertig. So wie ich - mit meinem Keller. Es ist alles eine Frage des längeren Atems. Keller-Vlogs folgen.

16. Was machst du zu Weihnachten? Niemals andersKartoffelsalat und "Michel in der Suppenschüssel". Und in diesem Jahr keine Familienbesuche am ersten oder zweiten Feiertag. War eine leichte Entscheidung. Und was für eine Erleichterung.

17. Was wünschst du dir für das kommende Jahr? Aufmerksamkeit. Und Gesundheit.

18. Was ist dein wichtigstes Ziel für 2020: Weiterbildung und Vlogging.


NH

Dienstag, 3. Dezember 2019

Adventsblog 2: Alte weiße Männer



Ich wohne in Aumühle. Das ist ein am Sachsenwald gelegener Villenvorort am Rand von Hamburg. Als solcher ist er der natürliche Lebensraum der ältesten und weißesten Männer, die es gibt. Mit Jagdschein, Porsche Cayenne und dem unerschütterlichen Wissen, dass Ihnen alles, was sie haben, seien es Dinge oder Privilegien, auch absolut zusteht. Das ist ja vermutlich genau das, was einen alten, weißen Mann ausmacht: Der Mangel an Selbstzweifeln und Reflektiertheit gepaart mit der Weigerung, endlich Verantwortung für die Konsequenzen der eigenen Lebensweise und Welthaltung zu übernehmen. 

Wenn ich übrigens einen Euro hätte für jeden Fall, in dem sich ein alter, weißer Mann in meinem Wohnort anschickt, mir in seiner panzerartigen Dreckschleuder die Vorfahrt zu nehmen und dann wutentbrannt mit den Händen fuchtelt und mir einen Vogel zeigt, weil ich nicht für ihn bremse, dann hätte ich mittlerweile ein ganz hübsch gemästetes Sparschwein. Möge diese Anekdote als Symbol dienen für die grundsätzliche Sicht der Dinge durch die Brille alter, weißer Männer: Im Unrecht sein, andere gefährden und dann um sich schlagen, wenn jene Anderen sich das nicht mehr gefallen lassen.

Sie sind das Problem. Und das hört natürlich niemand gern. Gleichzeitig ist es in der Tat so, dass sie ein Problem sind, dass sich wenigstens zum Teil auf natürliche Weise erledigen wird. Zumindest in den USA wird vom Census Bureau nämlich für 2044 damit gerechnet, dass die Bevölkerungsgruppe der weißen US-Amerikaner ab da zahlenmäßig zur Minderheit wird, bzw. dass ihr Anteil unter 50% fällt. Das wird höchstwahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf kommende politische Wahlergebnisse haben. Es soll Leute geben, die auch das nicht gern hören wollen. Darunter vermutlich haufenweise alte, weiße Männer. Dabei sollten die sich vermutlich besser mal Sorgen um die Auswirkungen des Klimawandels im Jahr 2044 machen. Aber das setzt natürlich voraus, dass man an den Klimawandel glaubt.

Meine Feststellung, dass der alte, weiße Mann das Problem ist, ist natürlich schon wieder schrecklich undiplomatisch und unausgewogen - und geradezu gemein. Das liegt daran, dass ich undiplomatisch und gemein bin. Nicht so Sophie Passmann, deren Buch "Alte weiße Männer" ja den Untertitel "Ein Schlichtungsversuch" trägt. Ich dachte, das sei ironisch gemeint und griff munter zu. Natürlich hätte ich mir die Lektüre auch gleich ganz ersparen können, hätte ich die Rückseite nur aufmerksamer gelesen, denn dort attestiert Anne Will der Autorin, "unbestechlichen Feminismus" gäbe "es auch in lustig". Lustiger Feminismus...der Traum aller Maskulisten.

Ob der Feminismus der Frau Passmann unbestechlich ist, würde ich auf jeden Fall für fraglich halten. Dass er nicht sehr entschlossen ist, liegt zumindest in diesem Werk klar auf der Hand. Besonders lustig fand ich das Ganze dann auch nicht mehr. Für ihr Buch hat sie Männer aus Medien und Politik getroffen und sich mit Ihnen über das Thema Feminismus unterhalten. Den Zugang zu diesen Männern ermöglichten ihr ein gewisser Bekanntheitsgrad (Neo Magazin Royale, Zeit Magazin, etc.) und (meine Vermutung) die zu erwartende Harmlosigkeit. 

Das Problem der Frau Passmann ist, dass sie Zugang nicht nur bekommen, sondern ganz offenkundig auch behalten wollte, nachdem das Buch veröffentlicht worden war. Nur einer der Kotzbrocken wird auch am Ende als solcher portraitiert werden - der unsägliche Rainer Langhans. Anderen Antifeministen wie Ulf Poschardt oder Kai Diekmann wird am Ende keine Rechnung serviert, nicht für Überheblich- noch für regelrechte Schlüpfrigkeiten, offenbar weder im Gespräch selbst noch hinterher im Buch. Die Frau Passmann findet (fast) alle ihre Gesprächspartner klug und wundert sich umso mehr, dass sie dumme Witze machen, die sie ihnen dann aber auch "entspannt durchgehen lässt" (S. 109) - und das immer und immer wieder. 

Ein wenig ist es so, als ob die Frau Passmann ein Buch über schräge Blind Dates geschrieben hat. Es gibt viel Weißwein und ständig wird gegessen. Meistens will sie das Gegenüber lieber nicht wieder treffen, aber lässt dennoch ein gerüttelt Maß von deplatzierten Flirtversuchen und Anbiederung über sich ergehen, weil alles andere vermutlich zu peinlich oder unhöflich wäre. 

Ein ums andere Mal weiß die lustige Feministin aber auch gar nichts mehr zu sagen: "Ich öffne den Mund, sage aber nichts." (S. 252); "Mein Mund steht offen." (S. 253); "Ich presse die Lippen zusammen." (S. 80). Bei dieser Art des feministischen Kampfes haben alte, weiße Männer nicht viel zu befürchten. Dabei sagt Passmann in ihrem Vorwort selbst: "Die Machtfrage wird nie höflich gestellt..." (S. 11). Dann tut sie das genaue Gegenteil und das wird dann gedruckt. Vorsatz für 2020: Keine schlechten Bücher mehr lesen.

Natürlich gibt es auch alte, weiße Frauen. Das erste Mal, als ich diese Bezeichnung öffentlich gehört habe, beschrieb sie Barbara Schöneberger als Reaktion auf deren grotesken Rant über Männer, die Make-up tragen. Erst beledigt sie dicke Menschen, jetzt mag sie auch keine geschminkten Männer...ich glaube ja die Frau Schöneberger ist gar keine Frau, sondern ein alter, weißer Troll.

NH