Donnerstag, 10. März 2016

Follow me around 43: Leichter

Jemand sagte zu mir: "Oooh, hast du abgenommen?!" Und ich antwortete ohne zu zögern: "Danke!" Um mich sogleich dafür zu entschuldigen. Mehr bei mir selbst, als bei meinem Gegenüber. Das war verwirrt, bis ich es erklärt habe. Die Frage, ob man dünner geworden ist, sollte kein Kompliment sein. Man müsste sie mit "ja" oder "nein" beantworten können und beides müsste gleich gut sein. Aber so tief sitzt das alte Programm, dass dünner automatisch besser ist, dass ich das Kompliment natürlich als solches sofort erkannt habe, aber eben nicht nur das -  ich habe es auch wirklich als solches "gefühlt" und umgehend verarbeitet. In meiner Selbstwahrnehmung sind noch immer Rückstände, die mich reflexartig positiv darauf reagieren lassen, wenn mir die Außenwelt mitteilt, ich sähe dünner aus. Ein bisschen erschrocken war ich danach. Ich war nicht vorbereitet gewesen, denn es war mir schon sehr lange nicht mehr passiert, auf diese Weise auf meinen Körper angesprochen zu werden. Und meine eigene ungefilterte Reaktion war höchst aufschlussreich. Darum bin ich ganz froh über die Erfahrung. Wenn mir nun in Zukunft wieder so etwas begegnet, wird die Reaktion, zumindest innen, eine andere sein. Aber wie es scheint, war das der Auftakt zum "Thin Privilege Project".


Und sonst noch...

Wo wir gerade in der Erkenne-dich-selbst-Abteilung herumstehen, kann ich dann auch noch dieses berichten: Ich stehe im Zeitschriftengang bei Famila, scanne das Business Punk Magazin und stelle gerade fest, dass frau die Frauen darin ärgerlicherweise offenbar an einer Hand abzählen kann. Dann schaue ich hoch und sehe...noch einen Mann. Der ist riesig hoch, hat einen bunten Schal und ein wirklich angenehmes Gesicht. Er zieht, wie ich, so einen roten geräderten Einkaufskorb hinter sich her und stellt diesen, auch wie ich, am Ende des Ganges ab. Dann kommt er auf mich zu. Und er lächelt mich freundlich an.

Und ich? Ich wende ruckartig den Blick ab und senke in regelrechter Panik den Kopf. Gefühlt ziehe ich den Kopf sogar auch noch ein und die Schultern hoch. Ich raffe die Zeitschrift an mich und kann es im Rückblick nicht wirklich anders beschreiben - ich flüchte. Und schaue nicht zurück.

Hinterher und jetzt noch immer bin ich echt erschüttert. Mache ich das womöglich immer so? Oder so ähnlich? Und merke das selber gar nicht? Weil das alles einfach von selbst und quasi auf Knopfdruck abläuft? Weil auch das ein uraltes, noch immer herumlungerndes dickes Selbsthass-Programm ist? Ich will nicht, dass das Gegenüber womöglich einen Hauch Erwartung oder Hinwendung spürt und ich mich lächerlich mache. Denn in der Tiefe meiner Prägung glaube ich offenkundig noch immer und mit erschreckender Vehemenz, dass ich mich nicht zumuten kann. Und dass mich unmöglich ein Toller auch toll finden kann. Darum bin ich ja auch immer der Überzeugung, dass ich auf freier Wildbahn überhaupt niemanden kennenlernen kann. Aber Fraugöttin, so kann das natürlich ohnehin nichts werden...

The 30-Day Declutter Challenge*

Ich habe ja in den letzten Jahren sehr viel aussortiert, entrümpelt und organisiert. Aber ich habe noch immer zu viel Kram. Und tatsächlich wachse ich im Älterwerden aus dem noch vorhandenen Kram immer weiter heraus. Mir wird es im Status Quo immer wieder zu eng. Nun habe ich beschlossen, meinen Haushalt abermals zu verschlanken. Bei YouTube fand ich unzählige Filmchen zu verschiedenen Strategien, wie man einen eingeschlafenen oder nicht wirklich vorhandenen Entrümpelungsprozess zum Rollen bringt. Eine davon ist, sich innerhalb einer vorgeschriebenen Zeit von einer vorgeschriebenen Anzahl von Gegenständen zu trennen. Zum Beispiel 100 Dinge in 5 Tagen (also täglich 20). Das war mir aber zu wenig, und so mache ich ab heute die "30 Day Declutter Challenge"*. Bei der soll man am ersten Tag einen Gegenstand entsorgen, am zweiten zwei, usw. Am Ende wären das, wenn ich richtig gezählt habe, 465 Gegenstände, die die Wohnung verlassen müssten. Da ich aber etwas Übung auf dem Gebiet habe, und am Ende wirklich fühlbar mehr Freiraum haben will, runde ich auf 500 Dinge auf und sortiere aus, wann immer mir danach ist. Hin und wieder sicher auch im Vorbeigehen. Nur am Ende muss das Ergebnis stimmen, darum führe ich natürlich Buch über den Output.

Im Hinblick auf die Abgänge, die dann auch wirklich gültig sind, gelten die folgenden Regeln: 

1. 
Alltagsmüll wird natürlich nicht mitgezählt. Also z. B. Kartoffelschalen und Milchkartons, oder der Ulla Popken Katalog, der mich regelmäßig ereilt und ohnehin immer gleich im Altpapier landet. BTW, ich verstehe ja 7/8-Hosen nicht. Schon gar nicht, wenn sie "Mony" heißen. Sie waren und sind mir ein grausliches Rätsel. Sind sie die Bermuda-Shorts der dicken Frau? Wenn ja, warum um alles in der Welt? Warum trägt frau dann um Himmels Willen nicht genau solche! 

2.
Wo war ich?...Ach ja...Ebenso zählen keine aufgebrauchten Dinge des täglichen Bedarfs, die dann auch sofort wieder ersetzt werden müssen. Zum Beispiel Klopapier oder Katzenfutter. Man darf aber Produkte aufbrauchen, die schon lange unbenutzt herumstehen. Wenn man zum Beispiel ein halbes Dutzend Flaschen mit Duschgel in der Dusche hat, darf man gezielt einige davon leeren oder wegwerfen, und diese dann auch auf die Liste setzten. 

3. 
Es ist egal, was man mit den Gegenständen macht, so lange sie innerhalb von 30 Tagen den Wohnraum verlassen. Man darf sie wegwerfen, verschenken, spenden oder verkaufen. Ich werde wohl mal wieder durch den Kleiderschrank gehen, und diesmal Kleider in großen Größen auf den Markt werfen.

Genau genommen habe ich schon vor ein paar Tagen einigermaßen intensiv damit begonnen, mich von Sachen zu trennen. Heute, am offiziellen Beginn des Projektes, war es aber erst ein altes Geschirrhandtuch. Stichtag ist dann der 8.April.

*30-Tage-Entrümplungsprojekt

Leichter ums Herz

Auf der Baustelle nebenan tobt die Hölle. Der Kater geht jetzt nur noch am Wochenende spazieren, weil er Angst vor dem Kran und den Baufahrzeugen hat, und sich bis zum Nachmittag regelmäßig in der Abstellkammer verkriecht - wie zu Sylvester. Mir kommt das eigentlich entgegen, weil ich eine Heidenangst hätte, dass er überrollt oder zugeschüttet wird. Aber auch das verlassene Loch am Samstag hat mich enorme Nerven gekostet, weil ich nicht wusste, ob der Kater allein wieder raus käme, wenn er hineinklettern würde. Ich weiß, dass ich dort unten auf jeden Fall gefangen wäre, und besser nur mit Handy in der Tasche am Rand entlang balanciere. Als gute und total hysterische Cat Lady bin ich dem renitenten Kater, der sich zusätzlich gerade von einer Bauchspeicheldrüsenentzündung erholt hatte, bestimmt eine Stunde lang hinterher gelaufen, um sein Verhältnis zur Grube zu beobachten und, wenn nötig, die Feuerwehr anzurufen. Und dann passierte es. Der Kater war auf dem Weg in die Tiefe und nicht mehr aufzuhalten.

Darum weiß ich nun, dass er sich an annähernd senkrechten Sandwänden mit leichter Tatze und ohne Probleme wieder empor hangelt. Was für ein Supervieh. Und was für eine Erleichterung. Wenigstens das.







NH

Sonntag, 28. Februar 2016

Nie wieder Diät!

Na, was habt ihr gedacht, was jetzt kommt? Womöglich Diättipps? So abwegig wäre die Erwartung nicht. Denn meistens folgen einer solchen Schlagzeile heutzutage genau diese.

Diäten funktionieren sehr wohl, wenn es darum geht, Gewicht zu verlieren. Wer wenig isst, wird meistens dünner. Tatsache ist aber bekanntlich auch, dass kaum einer danach dünn bleibt. Weit über 90% aller durch Diäten bewerkstelligte Gewichtsreduktionen lassen sich nicht über fünf aufeinander folgende Jahre aufrecht erhalten, weil 90% aller Diätelnden irgendwann nicht mehr in der Lage sind, unter den erheblich verschärften Bedingungen einer Diät zu leben. Das kann nicht nur als wissenschaftlich gesichert betrachtet werden - es wird auch täglich von Millionen von Menschen weltweit bewiesen. Also - bitte nie vergessen: Erfolgreiche Diäten sind in der Regel FÜR IMMER. 

Dieser ebenso freudlose wie unumstößliche Umstand hat sich nun sogar bis in die undurchlässigsten Bastionen der Begriffsstutzigkeit durchgesprochen: bis in die Redaktionen von Frauenzeitschriften. Die wollen es zwar nicht glauben, aber müssen was tun, weil ihnen ihre Leserinnen irgendwann nicht mehr glauben. Und so kommt es zu einem breitangelegten Etikettenschwindel, der einem ob seiner Unverfrorenheit schier den Atem stocken lässt.

Oh, wie sich die Bilder gleichen...

Über die Nie-wieder-Diät-Diät in der Februarausgabe von myself hatte ich ja schon hinreichend gemotzt. Worauf ich wirklich mit Neugier gewartet hatte, war die Märzausgabe des von Barbara Schöneberger als "Editor at Large" herausgebrachten Magazins, das auch ihren Vornamen trägt. Die Barbara soll, so die erklärte Philosophie der ganzen Veranstaltung, grundsätzlich diätfrei sein. Man würde denken, dass das für eine Ausgabe, deren übergeordnetes Motto "Nie wieder Diät" lautet, ganz besonders gilt. Aber wie so oft, stellt man schnell fest, dass Denken offenbar komplett überbewertet ist.

Denn bloß weil man keine expliziten Diätpläne abdruckt, und sogar mal dicke Frauen abbildet und direkt zu Wort kommen lässt, ist man noch lange kein Hafen bedingungsloser Körperakzeptanz. Im Gegenteil: In der Anti-Diät-Edition der Barabara strömt der Leserin die altbekannte Ambivalenz was herkömmliche Körpernormen angeht, aus allen Poren nur so entgegen.

Gleich am Anfang steht die Behauptung das Leben sei ein "ewiges Hin und Her zwischen Verzicht und Maßlosigkeit." Eine denkbar ungünstige Gegenüberstellung zur Einleitung des Themas, denn nun ratet doch mal, was hiervon traditionell negativer belegt ist?

Christine Schaum ist Surferin und Schwimmerin, und hielt früher immer Diät, weil bei ihrer Statur (sie ist wohl 1,87 groß) "ein paar Kilo mehr tatsächlich schnell wuchtig wirken." Das findet sie offenbar noch immer. Aber heute lebt sie eben damit. (S. 24)

Dann kommt die auch hier bereits ausgiebig besprochene Nicole Jäger auf die Bühne. Auch ihre Karriere basiert bekanntlich darauf, das Märchen von der diätfreien Gewichtsreduktion zu verbreiten. Man fragt sich, was ein Abnehmcoach überhaupt in einem Magazin zu suchen hat, in dem es keine Diättipps geben soll...nun, sie ist natürlich da, um Diättips zu geben: "Ich habe aufgehört, Diäten zu halten und habe angefangen zu essen. Ohne Schuldgefühle, ohne Verzicht. Dann statt drei Schokoriegel eben nur zwei und einen Apfel." ("Schokoriegel-n" Anm. d. dicken Dame) (S. 25) Facepalm.

Und was lernen wir noch in Frau Schönebergers Land der Nicht-Diäten-Diäten? Ach ja,..."das perfekte Verhältnis von weiblicher Taille zur Hüfte entspricht dem Quotienten 0,7." Dieser Vermerk steht übrigens in der Beschreibung einer Blumenvase. Nicht einmal Haushaltsgegenstände sind offenbar vor Körpernormierung sicher. Oder wie jetzt? Oder ist da doch eher wieder die Taille der Leserin gemeint?  (S. 31) Der Verdacht liegt nahe, denn just blättert diese um und wird darüber informiert, dass Shapewear heutzutage auch mit Spitze besetzt zu haben ist.

Richtig dicke kommt es im Text der Autorin Nikola Helmreich. Bei der kommen sich nämlich ihr "dickes und dünnes Ich" immerzu "in die Quere". (ab S. 35) Wie sollte es auch anders sein? Wie sollte es denn bitte sehr auch möglich sein, eine Schreiberin zu finden, die tatsächlich dick ist und sich total ok findet? Die Frau Helmreich weiß zu berichten, dass sich "nun wirklich keine Frau" freut, wenn sie zu hören bekommt: "Gut siehst du aus, hast du zugenommen?" Dass das aber ohnehin nie jemand sagt (außer das Gegenüber ist anorektisch und gerade dem Tod von der Schippe gesprungen) und dass gerade diese Tatsache aber auch Teil des Problems ist, entzieht sich ihr natürlich komplett. Sie schwadroniert weiter über flache Bäuche, die "einfach nur grandios gut aussehen" und darüber, dass ihr dünnes Ich "die Hüftknochen spüren will", während dem dicken Ich womöglich soziale Kontakte und Essen wichtiger sind als Sport. Und die Redaktion lässt sie einfach so machen.Schließlich beweint sie noch aus dem Nichts heraus den Verlust "traditioneller Weiblichkeit" im Zuge der Emanzipation, und man kann als verblüffte Leserin wirklich nur raten, was sie wohl mit "traditioneller Weiblichkeit" meinen könnte. Womöglich hat sie dabei auch nur mal wieder an Sophia Lorensche Kurven gedacht - sowas kommt bei dem Thema ja immer gut.

Noch etwas dicker kommt es allerdings da, wo sich sie Herausgeberin at Large, also Barbara Schöneberger höchstselbst, zum Thema äußert. Denn die wäre ganz offensichtlich auch lieber dünn. Und beneidet im Gespräch mit Steffen Henssler diesen darum, dass der wohl noch nie eine Diät machen "musste" (ab S. 39). Da kennt sie den Steffen und seine Sorgen aber schlecht, denn der muss zumindest aufpassen, nicht zuzunehmen, denn "ab einem gewissen Alter setzt man schneller an." Darum achtet er darauf, was und wie viel er isst. Und er schläft genug, denn "wer schläft, isst nicht." Dass die Frau Schöneberger so "gut in Form ist", wie der Steffen findet, verdankt sie mithin einem Personal Trainer.

Die Frau Schöneberger erklärt an anderer Stelle, sie habe sich in ihrer Nische als "TV-Vorzeigedicke (...) gut eingerichtet" (S. 66). Das ist natürlich nichts weiter als ziemlich lahme Koketterie und wird von ihr selbst auch sogleich richtiggestellt: "Ich (...) wirke in Natur ganz normal, im Fernsehen aber wie eine Walküre." Was immer auch normal ist. Walküren sind es offenbar nicht. Gleichzeitig redet sie von "grauenvollen Fotos", auf denen sie vergessen hat, den Bauch einzuziehen. Aber zum Glück passt die Frau Schöneberger fortan in Kleider von Viktoria Beckham, weil die nun auch in 38/40 produziert werden. Jetzt wissen wir also, dass die Walküre tatsächlich nur eine Größe 38 trägt. Die Walküre ist nicht wirklich dick. Und es war ihr sehr wichtig, das bitte noch einmal zu sagen.

Es gibt noch so viel, was ich an dem Heft nicht begreife. So z.B. den "Snackcheck" (in jeder Ausgabe), der den "Hüftgoldfaktor" von Nahrungsmitteln überprüft. Oder einen vor echter Besorgtheit/Kritik triefenden Beitrag über ein Burgerrestaurant in Las Vegas. Der Name des Lokals ist ironisch gemeint und womöglich gar als Rebellion gegen all die Voruteile, mit denen Nahrungsmittel gern belegt werden, zu lesen - er lautet "Heart Attack Grill". Die Ironie freilich ist dem Texter Björn Krause schier entgangen. Auch die Tatsache, dass es sich um Erlebnisgastronomie handelt, und darum Patienten Untersuchungshemdchen tragen und die Kellnerinnen als Krankenschwestern verkleidet sind, hat er nicht so wirklich gerafft. Der Autor versteigt sich gar zu der Schlussfolgerung, ein Stammkunde des Restaurants, der irgendwann an einem Herzinfarkt gestorben ist, habe sich "buchstäblich totgefressen." Das Food-Bashing, das hier stattfindet, ist nicht nur Quatsch, sondern scheint im Kontext des Magazins erstaunlich deplatziert. Ebenso wie die Bewertung eines Frauenkörpers mit statistischen Normmaßen (1, 67, 67 kg, Größe 42)  durch einen Fitnesstrainer. Der würde naturgemäß gern alles an der Frau verändern und wegtrainieren. Was bitte soll das? Warum lässt man die, die doch ohnehin von morgens bis abends und überall andere Körper niedermachen, es auch noch hier tun?

Und noch eine Enttäuschung. Dieses Kleid hätte ich tatsächlich gern gehabt. War aber auf der Website des Herstellers weit und breit nicht zu finden.


Nichts als Diät

Der Schwindel geht natürlich erst recht weiter und immer weiter, wenn es darum geht, ohne Diät abzunehmen. Nichtsdestotrotz habe ich hier mal die schönsten Tipps  aus dem Büchlein, das der Joy im März beilag, zusammengetragen. Wohlgemerkt - alles ganz easy und komplett ohne Diätstress...

1. Reiswaffeln haben "haufenweise Kohlenhydrate". Besser sind Hüttenkäse oder Magerquark.
2. "Ein Glas Cranberrysaft gleich nach dem Aufstehen ist ein absoluter Fettkiller!"
3. "Wer die Kilos purzeln lassen will, sollte nie weniger als 20 Prozent der gewohnten Energiemenge zu sich nehmen. Bei 2000 Kalorien also mindestens 400 pro Tag." (Jahaa, ich musste auch erst zehnmal lesen und hab dann große Augen gemacht...)
4. "Gute Dinner-Alternative: fettarmer Fisch mit gedünstetem Gemüse."
5. "Geben Sie Peperonis (...) ins Essen: Ihre Körpertemperatur erhöht sich und der Körper verbrennt Kalorien, um wieder abzukühlen!" Ich dachte immer, die Mehrzahl von Peperoni sei Peperoni...
6. "Verkneifen Sie sich lieber den Snack vorm Schlafengehen."
7. "Smoothies - Ein Mix aus Gurke, Minze und Limettensaft belebt und sättigt!"
8. "Algenbauchwickel reduzieren Wasserablagerungen über Nacht."
9. "Wie wär's statt mit einem Glas Wein mit einer Tasse Entschlackungstee zum Einschlafen?"
10. "Rechtshänder sollten mit der linken Hand snacken, Linkshänder mit der rechten - so isst man viel weniger!"
11. Blaue oder grüne Wände "zügeln den Appetit".
12. "Eine Viertel Stunde bügeln, verbrennt 37 Kalorien." Abgesehen davon, dass das nun wirklich nicht ermutigend ist, müsste es natürlich eine "Viertelstunde" sein. Bin ich übrigens die Einzige, die findet, dass es mit der Rechtschreibung im öffentlichen Raum (Schilder, Bücher, Zeitschriften, TV) in den letzten Jahren erschreckend den Bach runter geht? Und diese groteske Flut von Ausrufezeichen in Publikationen für junge Frauen geht mir sowas von auf die Eierstöcke. Vermutlich war ich noch nie jung genug dafür.
13. Und zum großen Finale: Dicke Frauen sollten einen Mittelscheitel tragen, denn der "schummelt Pfunde weg". WARNUNG: "Haare nie hinter die Ohren klemmen!"

Btw...wenn ich ein Magazin mit meinem Namen herausgeben würde, sähe jede Ausgabe natürlich so aus:

Nicola Magazine Mai 2012, Japan 

NH

Sonntag, 14. Februar 2016

Ausgelesen: "Die Fettlöserin" von Nicole Jäger, Rowohlt, 2016

Are you just making this shit up as you go along?*


Nicole Jäger ist eine berühmte dicke Frau. Das verdankt sie maßgeblich der Tatsache, dass sie eine gute Dicke ist. Sie übernimmt nämlich höchstselbst die "Verantwortung für ihr Leben", und tritt in ihrer Eigenschaft als "Fettlöserin" sich selbst und ihren Leserinnen pausenlos in den Hintern, damit sie alle zusammen endlich abnehmen.

Bereits an diesem Punkt wird es ausgesprochen ärgerlich und man fragt sich alle paar Seiten, was um alles in der Welt sich nicht die Autorin, sondern die Lektorin am Ende bloß dabei gedacht hat, so eine Arbeit abzuliefern: Arschhochkriegen, Tod durch Arsch-nicht-Hochgekriegt, weil man seinen Arsch nicht hochbekommt, in den Hintern treten, den Hintern aufreißen, wenn man seinen hübschen Hintern hochbekommt, Arsch hoch, Baby!, meinen schweren Hintern zu bewegen, bekomm deinen schönen Arsch hoch, beweg deinen Hintern, ich ihm notfalls in den Hintern trete, deinen hübschen Hintern vom Sofa schwingst...

Andere Wiederholungen, die es am Ende fast unerträglich machen, sich durch die 286 Seiten, von denen meiner Auffassung nach mindestens die Hälfte hätte gestrichen werden müssen, zu wursteln, sind diese: eklig, scheiße, Selbstbetrug, seien wir doch mal ehrlich, Arschloch, faule Sau, Bullshit. Und das sind nur die, die ich angestrichen habe, weil sie den Ton des Buches maßgeblich prägen. Die Autorin versucht, sich zwischen rotzigem Pausenclown, Diva und Marine Corps General zu positionieren. Dabei macht sie sich als gute Dicke selbst runter, aber auch ihr Publikum gleich mit. Nebenbei jammert sie sehr wohl, während sie sich quasi im selben Atemzug jegliche Jämmerlichkeit verbeten hat.

Und dann auch noch das:

 Nothing tastes as good as skinny feels. (Kate Moss)
(...) nichts auf der Welt schmeckt so gut, wie Lebensqualität sich anfühlt, (...). (Nicole Jäger)

Selbst das abgewandelte und gern auf Pro-Ana-Seiten verwendete Kate-Moss-Zitat kommt gleich zweimal in der "Fettlöserin" vor - auf Seite 176 und 265. Dadurch, dass man etwas pausenlos wiederholt, wird es aber nicht automatisch richtiger. Oder gar wahr. Oder überhaupt sinnvoll.

Die eigentlichen Alleinstellungsmerkmale, die Nicole Jäger im Diätgeschäft zur selbsternannten "faulen Sau" machen, die dieser Tage durch die Medien getrieben wird, sind natürlich zwei Dinge: Sie hat, so die Legende, mal 340 kg gewogen und sich auf die Hälfte runtergehungert. Sie hat sodann, wie so viele Großabnehmerinnen, ihre Diät zur Karriere gemacht und ist nun ein "fetter Abnehmcoach" mit schicker Praxis in Eppendorf und eigenem Bühnenprogramm ("Ich darf das, ich bin selber dick"). Das ist eine echt gute Geschichte, auf die unsere diätbesessene Öffentlichkeit nur gewartet hat. Und während wir von Abnahmerfolgen bis 100 kg mittlerweile schon so oft gehört haben, dass es eigentlich nicht mehr so richtig kribbelt, sind 170, respektive 340 kg doch noch ziemlich hohe Hausnummern, mit denen sich Schlagzeilen machen lassen.

Nicole Jäger ist übrigens strikt dagegen, dass Dicke eine Diät machen, um abzunehmen. Hat aber natürlich ein Diät-Buch geschrieben. Das absurde Phänomen, dass Diäten out sind, Abnehmen aber weiter in, führt ja auch vermehrt in Frauenmagazinen zu den absonderlichsten Gedankenverrenkungen und Definitionen dessen, was denn nun eine Diät eigentlich ist. Wenn es schön aussieht, ist es keine Diät. Wenn es noch halbwegs "gesund" ist, ist es keine Diät. Wenn man davon nicht stirbt, ist es keine Diät...Wenn man dabei hin und wieder Nudeln und Schokolade essen darf, ist es keine Diät. Wenn man lieber mehr Sport treibt, statt Kalorien einzusparen, ist es keine Diät.

In der Welt der "Fettlöserin" verläuft die Grenze zur Diät nicht da, wo Nahrung zum Zwecke des Abnehmens grundsätzlich reduziert wird, denn dann könnte sie ihre Ablehnung gegen Diäten nicht mehr rechtfertigen, sondern dort, wo die verabreichte Kalorienzahl unter den Anforderungen des Grundumsatzes eines Individuums liegt. Und das kann in der Tat verdammt niedrig werden. Nur dann macht man aber in ihren Augen eine Diät. Und nur dann gibt es hinterher einen Jojo-Effekt. Sagt sie. Aber das stimmt natürlich beides nicht. Der Körper wird selbstverständlich auch Defizite bei der Deckung des Gesamtumsatzes ausgleichen (darum nimmt er ja auch dabei ab) und wird versuchen, Verluste so gering wie möglich zu halten, bzw. wird sich bei mehr Zufuhr entsprechend für kommende Engpässe rüsten. Diät bleibt Diät. Egal, wie wir es nennen und was unsere Präferenzen sind. Und es ist halt nun einmal die Tragik des biestigen Paradoxons, mit der die meisten von uns eine lange Zeit unseres Lebens konfrontiert gewesen sind, dass das, was durch Diäten ensteht (ein sehr hohes Gewicht), sich nur durch eine Diät wieder rückgängig machen lässt.

Die Autorin beharrt darauf, dass der, der abnehmen will, "essen muss" (S.151) und hat obendrein ganz entschieden etwas gegen Low Carb und Formula-Diäten. Letzteren gibt sie die Schuld an eben jenem Jojo-Erlebnis, das sie angeblich vor ca. drei Jahren provozierte, als sie aus purer Dummheit und Verzweiflung in einer zweimonatigen Phase des Stillstandes auf der Waage zu eben jenen griff, und ihr Gewicht damit "binnen kürzester Zeit" von 180 auf 150 kg reduzierte (S. 201).

Weil ihr Stoffwechsel damit total aus der Spur geriet, nahm sie die dreißig Kilo (und mehr) wieder zu. Und wog zu ihrer Hochzeit im Jahr danach "deutlich über 200 Kilo" (S. 205). Im April 2014 twitterte Nicole Jäger allerdings ein Bild von sich, das laut ihrer Angabe von 2010 war und sie deutlich erschlankt mit 142 kg zeigte. Es liegt mir persönlich fern, hier weiter Internet-Detektivin zu spielen (das tun andere, oft nicht sehr sympathische Zeitgenossen schon genug), aber da das Buch von ihrer so außergewöhnlichen persönlichen Geschichte lebt, waren es nicht nur die Wiederholungen, sondern auch die vielen Widersprüche und Auslassungen im Buch selbst, die es so anstrengend machten zu folgen.

Irgendwann machte eine dicke aber augenscheinlich doch relativ lebensfrohe und "normale" achtzehnjährige Nicole Jäger, die zuvor als Teenager eine schwere Hüftverletzung hatte überstehen müssen, ihr Abitur und zog von zu Hause aus. Wonach sie offenkundig eines Morgens im Alter von 26 Jahren aufwachte und just 200 kg zugelegt hatte. Selbstverständlich schuldet uns die Autorin keinen Einblick in die Zeit zwischen diesen beiden Stationen oder gar eine Erklärung. Aber es ist natürlich auch die gähnende Lücke an genau dieser grundlegenden Stelle, die der Geschichte den Wind aus den Segeln und die Glaubwürdigkeit nimmt. Die Weigerung, hinzusehen, was alles wirklich passiert sein MUSS (auch der Seele), damit man am Ende 340 kg wiegt und die Wohnung nicht mehr verlassen kann, spiegelt sich dann natürlich auch in dem Versteifen darauf, dass sie eben einfach nur zu dämlich gewesen sei: "Ich hatte es versaut." So viel zur Verknüpfung von dumm/faul und dick, die sich folgerichtig durch das ganze Werk zieht.

Das Buch hätte unter anderen Umständen womöglich ein starker Selbsterfahrungsbericht werden können - das merkt man vereinzelt an gerade solchen Stellen, an denen es sich die Autorin entgegen ihrer eigenen Überzeugung erlaubt, zu "jammern" und Gefühle und Ängste im Hinblick auf ihr Dicksein beschreibt, die sie offenbar durchaus auch gelegentlich hat/hatte, wenn sie gerade mal vergisst, dagegen anzuschreien.

Statt dessen ergeht sich die Autorin in langatmigen ungefähren sowie beliebigen semi-wissenschaftlichen Darstellungen zu Ernährungsfragen, die schon lange keiner mehr stellt. Ein ganzes Kapitel darüber, warum die Ananas-Diät Quatsch ist? Echt jetzt? Und wie gut, dass das hier nun auch endlich mal einer gesagt hat: "Burger machen einen nicht fetter, als Knäckebrot es tun würde, es kommt auf die Menge an." (S.127) Jahaa, das ist sie offenbar - die gnadenlose Ehrlichkeit, die Dicke endlich aus ihrem Selbstmitleid reißt.

Nicole Jäger berichtet, dass sie sich mit ihrem Höchstgewicht von 340 kg gegen eine bariatrische Magen-OP entschieden hat, obwohl der Antrag bereits genehmigt worden war. Stattdessen beschloss sie, eine 2-Prozent-Frau zu werden, nachdem sie gehört hatte, dass nur zwei Prozent aller Menschen mit einem BMI über 45 es schaffen, ohne eben jene OP langfristig dünner zu werden. Die Herausforderung, allein auf weiter Flur das fast Unmögliche zu schaffen, weckte ihren "Kampfgeist" (S. 71). Heute lädt sie ihre Leserinnen alle dazu ein, 2-Prozent-Frauen zu werden. So wie Millionäre gern Nichtmillionären Bücher verkaufen, in denen sie erklären, wie das schier Unmögliche dann für nur 12,99 eben doch für alle möglich wird.

Wer es glaubt, wird - vermutlich - trotzdem nicht dünn.


NACHTRAG: Die Rezension zum zweiten Werk der Frau Jäger (Nicht direkt perfekt) gibt es hier.



NH


*Denkst du dir diesen ganzen Scheiß eigentlich nur aus, während du einfach immer weiter redest?

Follow me around 42: Rote Fäden

Ein 25jähriger "Unternehmer" schrieb mir auf finya.de: 
"Für 44 siehst du aber noch verdammt gut aus." 
Ich antwortete ohne zu zögern: "Verpiss dich."

Ich nehme keine Gefangenen mehr.*


*Soll heißen: Meine Geduld ist am Ende, und ich lasse keinen mehr leben, der mir irgendwie dumm kommt. Ein Ergebnis meiner zunehmend rabiaten Grundhaltung ist natürlich, dass ich den Valentinstag wieder allein verbringe. Wie in den ca. letzten 15 Jahren auch. Man würde denken, ich hätte mich inzwischen daran gewöhnt. Habe ich aber nicht nur nicht, es ist bekanntlich in den letzten Jahren obendrein nicht leichter geworden, allein zu sein.

Der Kater hatte unlängst einen besonders schlimmen Allergieschub und muss nun doch auf hypoallergenes Futter umsteigen, weil ich seine tägliche Kortisondosis nicht weiter erhöhen kann, aber er sich sonst nackig kratzt. Er will das neue Essen nicht und gibt mir die Schuld. So wie sonst an schlechtem Wetter. Er meckert und randaliert. Und obwohl ich weder für das Wetter noch seinen Stoffwechsel etwas kann, fühle ich mich dieser Tage selbst in meiner Funktion als Crazy Cat Lady als Versagerin.

Dann steckte vorgestern ein Rundbrief der Familie Band in allen Briefkästen der umliegenden Häuser. Auf dem Grundstück vor all meinen Fenstern wird ab nächster Woche offenbar ein Haus abgerissen. Und dann baut die Familie Band, wer immer diese Leute sind, dort ein Mehrfamilienhaus. Die Fertigstellung soll im Herbst sein. Da gehen der Frühling und der Sommer begleitet von Baulärm also schon einmal den Bach runter. Die Bands freuen sich indessen, uns alle "als neue Nachbarn begrüßen zu dürfen" - so als wären wir neu in der Straße - und nicht sie. Merkwürdige Wortwahl. Sowie vergebliche Liebesmüh. Für mein Verständnis brauchen sie sich auch nicht im Voraus zu bedanken. Denn ich werde es im Ernstfall nicht haben. 

Ich ertrage ja keinen (fortgesetzen) Lärm. Oder Verkehrsbehinderungen vor meiner Haustür. Darum wohne ich ja auch eigentlich hier und nicht woanders. Außerdem bin ich grundsätzlich in einer veritablen Scheißstimmung, denn ich hatte bisher ein Scheißjahr. Mein Nachbar, der seit drei Monaten und vorzugsweise vor acht Uhr oder am Wochenende meiner persönlichen Einschätzung nach eher orientierungslos an seiner Wohnung herum renoviert, was den restlichen Bewohnern neben Müll und Lärm unter anderem eine Überflutung im Keller und einen Stromausfall im Treppenhaus beschert hat, könnte beim nächsten sonntäglichen Aufjaulen seiner Schleifmaschine derjenige sein, bei dem mir der berühmte Faden reißt. Der Kragen platzt. Das Fass überläuft. Ich rechne jeden Tag damit. Ich weiß nicht, was passieren würde. Aber es wäre wahrscheinlich kein Bild fürs Familienalbum.

Und wenn das alles noch nicht gereicht hätte, um meine Dysthymia im trüben Fluss meines Lebens so richtig unterzugluckern und in ganz neue Tiefen zu befördern, habe ich mich dann dummerweise gestern auch noch durch das Buch "Die Fettlöserin" von  Nicole Jäger gearbeitet, um darüber zu schreiben. Die Lektüre war so unerwartet fürchterlich und frustrierend, und ich war ohnehin so mies drauf, dass ich ungelogen über den letzten Seiten unvermittelt in Tränen ausgebrochen bin. Und während ich im Wohnzimmer auf und ab ging und mal wieder darum rang, nicht an einem Schwall aus Schleim und Rotz zu ersticken (verschleppte Nebenhöhlen- UND Magenschleimhautentzündung), sprang der Kater verärgert an mir hoch und krallte sich in meine Wade...

Meine Besprechung des Buches erscheint hier nun im Laufe des Tages.



NH