Samstag, 22. Februar 2014

Ausgelesen

 
Ich habe endlich einen kleinen Bücherstapel zum Thema Fettakzeptanz abgearbeitet.
 
Mythos Übergewicht von Achim Peters (2013)

Ausgerechnet die Brigitte Woman fiel unlängst ihrem Mutterschiff, der Brigitte, ins Heck und verkündete auf dem Titelblatt: "Alle auf Diät? Wir nicht!" (02/14) Basis für den Beitrag im Magazin war das Buch des Medizinprofessors und Hirnforschers Achim Peters, das bei mir schon seit Monaten auf dem Nachttisch gelegen hat.
 
Peters erklärt unter anderem sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar, wie es zum Jojo-Effekt kommt, und warum "Übergewicht" seiner Erkenntnis nach immer ein Ergebnis von Stress ist. Stress, der töten kann - und der Menschen, die auf Stress nicht mit vermehrtem Essen reagieren, eher dahinrafft, als Menschen, die unter Stress mehr Energie zu sich nehmen. Ein gestresstes Gehirn braucht nämlich genau das - mehr Energie. Es kann diese aus dem Körper ziehen - in Verbindung mit hoher, konstanter Cortisolbelastung. Oder aus der Nahrung, die der Gestresste zu sich nimmt. Das führt dann allerdings zu Gewichtszunahme. Langfristig, so Peters, ist die zweite Variante aber deutlich gesünder - vielleicht nicht für die Knie, aber für alles andere schon. 
 
Sein Fazit: Stress bekämpfen, wo immer möglich. Und Dicke endlich in Ruhe und so lassen, wie sie sind. Denn Diäten erzeugen natürlich auch Stress, so dass ein Körper, der durch eine Diät bereits unterversorgt ist, auch noch einen höheren Bedarf entwickelt, bzw. vom Gehirn, das um jeden Preis seine wichtigsten Funktionen erhalten will, geplündert wird. Peters macht klar, dass dieses Spiel schlicht nicht zu gewinnen ist - und jeder, der es scheinbar gewonnen und erheblich abgenommen hat, wird sich irgendwann mit den Folgen chronischer Unterversorgung und dem daraus resultierenden Stress konfrontiert sehen - oder wieder zunehmen.
 

 
The Obesity Myth von Paul Campos (2004)
 
Man fragt sich, ob die Ähnlichkeit im Titel ein Zufall ist...auf jeden Fall war Campos zuerst da. Inhaltlich sind beide Betrachtungen des Themas sehr unterschiedlich - Campos analysiert, wie Fett und Dicke in einer fettphobischen Umgebung diskriminiert werden und wie dieser Mechanismus bestimmten Bevölkerungsgruppen/-schichten zur Abgrenzung und Selbsterhöhung dient. Er wirft einen Blick auf die Verbindung zwischen Dicken-Bashing und Rassismus. Außerdem geht er der Frage nach, wie stabil die wissenschaftliche Grundlage, auf die sich der Krieg gegen das Fett traditionell stützt, überhaupt ist. Wie Peters kommt er zu dem Schluss, dass Unwahrheiten nicht dadurch wahrer werden, dass alle sie glauben. Eindrucksvoll: Auch er hat vor 10 Jahren bereits den Trend innerhalb der Diät-Industrie identifiziert, Diäten nicht mehr "Diäten" zu nennen. Schließlich wissen wir alle, dass die ungesund und freudlos sind. Daran ändert sich allerdings bekanntlich nichts, wenn man das ganze Elend "Ernährungsumstellung" nennt.
 
 

Kreuzzug gegen Fette (2008)
 
Herausgegeben wurde diese Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze von Henning Smidt-Semisch und Friedrich Schorb. Eine interessante Lektüre, wenn man sich mit den Mechanismen der Verankerung von allgegenwärtiger Fettphobie im gesellschaftlichen sowie politischen Zusammenhang noch genauer beschäftigen will. Auch gut, um sich herauszupicken, was einen besonders interessiert. Mich hat besonders die Entstehung und Etablierung des Forschungsgebietes "Fat Studies" interessiert. Da werde ich mich mal weiter umsehen.
 
 

Shadow on a Tightrope von Lisa Schoenfielder / Barb Wieser (Hrsg.) (1983)
 
Diese Sammlung von sehr persönlichen Texten von Autorinnen über die Schwierigkeit, als Dicke das Leben in einer fettphobischen Gesellschaft zu meistern, ist also 30 Jahre alt. Mit dieser Information im Hinterkopf, ist die Lektüre extra ergreifend - und macht einen außerdem mitunter besonders verzweifelt. Der Schmerz des oft ungewollten Outsider-Daseins und das Aushalten täglicher Demütigung sowie des eigenen, von außen erfolgreich angefeuerten Selbsthasses - all das ist mir nur zu vertraut. Und noch lange nicht vorbei. Tatsächlich erwächst aus der Lektüre die Erkenntnis, dass sich im Prinzip in der Außenwelt nicht viel verändert hat - wenn überhaupt, sind Körperideale eher noch restriktiver geworden. Medizin und Politik scheinen sich schlicht zu weigern, ein neues Lied zu lernen, obwohl alles dafür spricht, dass der allumfassende Kampf gegen Dicke, auch was medizinische Annahmen betrifft, auf so gut wie nichts als flammender Irrationalität basiert.
 
Bei dem folgenden Zitat habe ich wenig geweint:
 
"It is only when I walk in daylight that I am afraid. (...) I am afraid of the insults that echo off car windshields. I am afraid of my reflection in storefront windows.
How can I describe this feeling of always wantig to hide. To become invisible. To go deeper and deeper into myself where I am safe." (Sue McCabe, Seite 134)
 
 
 
Stop Dieting Now! von Golda Poretsky (2010)
 
Dieser dünne Band wurde verfasst und herausgebracht von eben jener Trainerin, die auch dieses Internet-Seminar zum Thema Fat Sex organisiert hat, und das mich tatsächlich dazu gebracht hat, die ausgesprochen hilfreiche und heilsame Bekanntschaft mit Fettliebhabern zu machen. Das Büchlein liest sich schnell und ist eine gute Unterstützung, wenn es darum geht, sich endlich sowohl praktisch als auch im Kopf vom Diätzwang zu befreien und wieder normal zu essen. Ein paar der von ihr genannten 25 Gründe, warum es dafür höchste Zeit ist: JEDE Diät führt zum Jojo-Effekt (Nr. 2). Diäten verringern dein Selbstwertgefühl (Nr. 7). Diäten verleiten dazu, zu glauben, Gesundheit sei einzig vom Gewicht abhängig (Nr. 15). Die Diätindustrie will nicht, dass man wirklich erfolgreich abnimmt (Nr. 19). Die Legende von der Diät, die tatsächlich funktioniert, stützt die gesellschaftliche Diskriminierung von Dicken (Nr. 23).
 
 
 
Die Diva-Diät von Jodi Lipper / Cerina Vincent (2009)
 
Wieder ein Mangelexemplar vom Grabbeltisch - meine Vermutung war, dass es schönes Material für eine Satire hergeben würde. Die Wucht, mit der die Dummheit einem entgegen schwappt, wenn man dieses Büchlein öffnet, war allerdings auch für mich überraschend. Tatsächlich konnte ich es nicht zu ende lesen, sondern habe ab der Mitte nur noch überflogen. Kostprobe gefällig? Das Buch beginnt mit der Frage: "Wie werde ich eine selbstbewusste und attraktive Frau - eine Diva?" Und die Antwort ist NATÜRLICH, "(...) auf Kalorien zu achten" (S. 23). Merke: "Rühreier im Restaurant zu bestellen kann sehr riskant sein..." (S.33), "Bratkartoffeln sind das "Brunch-Tabu Nr. 1" (S. 41) und frisch gebackenes Brot riecht besser, als es schmeckt, darum "Selbstbeherrschung, bitte!" (S.49). Ohnehin - wer abends noch Hunger hat, sollte lieber schlafen gehen...und überhaupt: "Es wird Sie nicht umbringen, sich ein paar Tage lang zu triezen" (S. 205), denn "Traumfrauen sind sportlich. Das ist einfach so." (S.220) Jahaa, liebe Kinder auch für dieses Buch sind Bäume gestorben...
 
 
NH

Donnerstag, 20. Februar 2014

Perfekt

Ich habe ihn gefunden - den Entwurf für die zweite Tätowierung meines Lebens. Wohin mit ihr? Auf die Innenseite eines der winkenden Oberarme natürlich. Welche Seite ist noch nicht ausgemacht. Vermutlich links. Jetzt brauche ich allerdings auch noch genug Mut, denn dieser Plan wird - anders als meine Süße am Handgelenk - vermutlich wehtun. Und mittendrin aufhören kann man nicht. ; )




NH

Sonntag, 9. Februar 2014

Zum Kugeln

Sind sie nicht hübsch?

 


Ich LIEBE ja Plastik in klaren, knalligen Farben. Das ist auch der Grund, warum ich jetzt im Besitz von drei Paaren Vaginalkugeln, sowie einer Analkette bin. Die Ostereier und die Kette stammen von einer Dildo-Party, zu der ich vor Kurzem eingeladen war (ein Haul, ein Haul!*) - das ist quasi eine Tupperparty, nur halt mit Vibratoren und anderen nützlichen Produkten wie Toy-Reiniger, billigen, aufdringlich riechenden Massageölen, quietschbuntem Badesalz, Lotion für frisch rasierte Körperregionen, etc.

Ja, die Dildo-Verkaufspräsentation war überraschenderweise in weiten Teilen mit Körperpflegeprodukten befasst. Wie ich später von der "Dildo-Fee" persönlich erfuhr, ist das ein Zugeständnis an die Tatsache, dass offenbar auch heutzutage noch viele Kundinnen leicht an ihre Grenzen kommen, wenn bei Kaffee und Schnittchen zu viel von Penetration die Rede ist. Und der kühlende und knisternde Schaum, den ich am Ende zusätzlich erworben habe, lässt sich im Sommer auch ganz hervorragend für heiße und geschwollene Füße verwenden. Man muss sich nicht alles zwischen die Beine schmieren, was hier die Runde machte. Nicht einmal das Gleitgel - das eignet sich nämlich auch sehr schön als Handcreme.

All das Phallusartige, das dann doch noch herumgereicht wurde, war zumeist pastellfarben, hatte lustige Tierköpfe, oder sah aus, wie Softeis. Seit wann ist es eigentlich abgemachte Sache in Biedermeierland, dass Frauen lieber vibrierende Delfine als Schwänze in ihrer Vagina haben? Ist es gar eine Frage von sauber gegen schmutzig / unschuldig gegen unanständig? Ich kann nicht umhin zu sagen, dass mich dieser Verdacht einigermaßen betroffen macht. Die anwesenden Einkäuferinnen hielten sich der Reihe nach auf Anraten der Dildo-Fee die Maschinchen an die Nasespitze, um die vermeintlich beachtliche Vibrationsleistung zu erfahren und be-uhhten und be-ahhten auch wahrlich den offenbar durchschlagenden Effekt. Ich war nicht beeindruckt - ich glaube ja, dass sich da seit dem Kauf meines ersten und einzigen Vibrators vor rund zwanzig Jahren nicht viel geändert hat. Das nervige Geräusch ist auf jeden Fall noch immer da. Und die Position der Häkchen an einigen der Geräte, die angeblich die Klitoris adequat stimulieren sollen, ist auch noch immer die selbe - und mir nach wie vor ein Rätsel.

Das Highlight der Veranstaltung war eine vibrierende Vaginalklammer mit Fernbedienung. Diesen Teil der Gerätschaft, so hieß es, könne man dann ja dem Partner anvertrauen, weil Männer doch so viel Spaß an Technik haben. Das fanden scheinbar alle lustig - außer mir natürlich. Eine Fernbedienung mit der ein anderer die Vorgänge in meiner Muschi kontrolliert - geht's noch?! Für den Partner dürfte das unter Umständen natürlich ausgesprochen praktisch sein, denn wenn er über die eine Fernbedienung verfügt, muss er die für den Fernseher ja im Prinzip ebenfalls gleich gar nicht mehr aus der Hand legen. Und womöglich die Hosen runterlassen.

Ich persönlich habe ja grundsätzlich nicht sehr viel übrig für Sex mit Platzhaltern. Ich finde, sie sind irgendwie wie diese Tampons mit den prüden Applikatoren. Sie halten einen fern von sich selbst. Man macht sich halt die Hände nicht "schmutzig". Ein "Auflegevibrator" für die Klitoris? Ernsthaft? Für jemanden, der seit geraumer Zeit um Selbstakzeptanz, Selbsterfahrung und das Abschütteln von Scham ringt, scheinen sie ein eher steriles und damit eindeutig entgegengesetztes Verständnis von weiblicher Körperlichkeit und Körperbewusstsein zu symbolisieren. Naja..., und wenn man mich fragt, ist Sex im Idealfalll ohnehin stürmische und achtsame Kommunikation mit jemand anderem, den man so richtig toll findet.

Was nun allerdings die Kugeln angeht - diese dienen natürlich weniger der Stimulation, als dem Training des Beckenbodens. Wenn die Unterwelt schön straff ist, ist das schließlich gut fürs Gefühl und obendrein hat frau bessere Chancen, sich nicht irgendwann beim Husten ins Höschen zu machen. Von diesen Hochglanz-Schönheiten kann man also gar nicht genug haben. ; )

*"Haul" (Beute): Blogger-Ausdruck für die Präsentation von Einkäufen.

NH


 

Samstag, 25. Januar 2014

Ein weites Feld

Angeblich war sie da - die Gerichtsvollzieherin. Das jedenfalls hat sie mir geschrieben. Aber ich leider nicht. Schade, denn ich hätte sie so gern beglückwünscht zu ihrer Berufswahl, die sie in meinem Fall zur Komplizin bei der Entrechtung von Bürgern zugunsten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks macht. Und quasi zur Eintreiberin einer Zwangsverdummungsgebühr.

Ich sehe nie öffentlich-rechtliches Fernsehen. Ich sehe im Prinzip überhaupt kein Fernsehen (und höre auch kein Radio) - und das aus dem selben Grund, aus dem ich so gut wie keine Frauenzeitschriften mehr lesen kann. Wenn ich es in letzter Zeit doch mal versucht habe, bin ich innerhalb weniger Minuten haarscharf am Herzkasper vorbeigeschrabbelt, weil ich mich so VERDAMMT aufgeregt habe. Ich schreie Fernseher an. Und ich bewerfe sie auch. Ich kann nicht anders.

Und ich kann die Haushaltsabgabe auch in Zukunft unmöglich regelmäßig oder gar pünktlich bezahlen, weil meine Hände schon bei dem Gedanken an das Ausfüllen der Überweisung beginnen zu zittern. Es ist eine Tortur, die ich mir nur so selten wie möglich antun kann. Wenn der öffentliche Rundfunk übrigens von niemandem für ein paar Monate mehr Geld bekommen würde, wäre das ganze Problem natürlich ohnehin schnell erledigt. Aber obwohl sich sehr viele Leute ärgern, empört sind, sich entmündigt fühlen, zahlen sie die Rundfunkgebühren trotzdem - und zwar aus dem selben Grund, aus dem Schutzgeld bezahlt wird. Sie wollen bitte ihre Ruhe haben. Im Vollstreckungsersuchen des Norddeuten Rundfunks an das für meinen Wohnort zuständige Amt steht übrigens der bemerkenswerte Satz: "Zur Pfändung von Sozialleistungen liegen uns keine Erkenntnisse vor, die der Billigkeit der Maßnahme widersprechen." Nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass auch blinde und taube Menschen seit Beginn des letzten Jahres Rundfunkgebühren zahlen. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes und in jeder Hinsicht a-soziales System. Wer das nicht glaubt, kann Berichten zufolge offenbar so ziemlich jeden fragen, der jemals Gast in einer von Markus Lanz geleiteten Gesprächsrunde und gleichzeitig nicht der Meinung des Moderators war. Oder Cher.

Häh?!

Ja, das Gezeter geht weiter. Was soll ich denn bitte machen, wenn ich in einer Publikation, die ich ansonsten auch geflissentlich meide, im Kundenmagazin meiner Krankenkasse, der DAK, in der Rubrik "Gesundheit und Beruf" plötzlich eine große 81 sehe und darunter folgendes Sätzchen: "...Prozent aller Magen-OPs für Übergewichtige erfolgten im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen." Ich starrte auf die 81. Ich drehte sie auf den Kopf. Ich wusste, hier war was im Busch. Und dann schrieb ich, glaube ich, die erste Leserinnen-Mail meines Lebens:

Sehr geehrte Frau Wehrmann,

auf Seite 4 der aktuellen Ausgabe von fit! versorgen Sie uns mit der
schlaglichtartigen Information, dass "81 Prozent aller Magen-OPs für
Übergewichtige im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen erfolgt sind".

Ich würde mich hierzu über die Beantwortung einiger ergänzender Fragen
freuen:

1. Um welche Art von Magenoperationen handelt es sich, bzw. welche Art von
Operationen an Mägen werden hier einbezogen? Was ist die Gesamtzahl der
gemeinten Operationen?

2. Handelt es sich hier um alle Magenoperationen in Deutschland? Oder
weltweit? Oder an Patientinnen der DAK?

3. Was war Ihre Annahme, inwiefern Ihre Leser von dieser isolierten,
verknappten Information über Magenoperationen profitieren?

Vielen Dank im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Nicola Hinz


Meine Antwort bekam ich einige Tage später von einer sehr freundlichen Frau Lüning. Sie teilte mir mit, dass (wie natürlich von mir vermutet) "Eingriffe mit Magenband und Magenballon sowie Magenverkleinerungen" gemeint seien, und dass davon im fraglichen Zeitraum 331 an DAK-Patienten vorgenommen worden waren. Hinsichtlich der Aussagekraft der Zahl schrieb Frau Lüning: "Wir fanden den Geschlechterunterschied auffällig und interessant, haben aber keine bestimmten Erwartungen an unsere Leser damit verbunden. Ich persönlich vermute, dass sich in dieser Zahl auch ausdrückt, dass Frauen nach wie vor unter größerem Druck stehen, was ihr Äußeres angeht, wobei schlanker mit attraktiver gleichgesetzt wird. (Anm. d. dicken Dame: BINGO!) Genauso könnte man aber sagen, dass Frauen besorgter um ihre Gesundheit sind und weniger Bedenken haben als Männer, zum Arzt zu gehen und sich helfen zu lassen." (Anm. d. dicken Dame: Das musste sie jetzt irgendwie noch anfügen, sonst wäre die 81 ja auf gar keinen Fall mehr neutral.) Außerdem verwies sie mich auf eben jene Pressemitteilung der DAK, aus der die oben genannte 81 stammt.

Natürlich ist das fit! Magazin meiner Krankenkasse voll mit mehr oder weniger unterschwelligen Angriffen auf Versicherte (Kunden), deren BMI nicht im vermeintlichen Idealbereich liegt. Und natürlich diente auch die 81 zu nichts Anderem, als eine flächendeckende, milde Anklage- und Ermahnungsatmosphäre aufrechtzuerhalten. Fette, faule Loser wie ich werden nicht eine Sekunde vom Haken gelassen. Wenn man das Magazin wirklich von vorn bis hinten durchblättert (und das ist auch eine Quälerei, der ich mich so bald nicht noch einmal aussetze), dann findet man auf 58 schmalbrüstigen Seiten stattliche neun inhaltliche sowie rhetorische Hinweise auf das Übel Übergewicht. Und dabei sind all die Ernährungs- und Bewegungstipps, in deren Einleitung zufällig keine "kneifende Hose" erwähnt wird, nicht mitgezählt.

Auf Seite 19 brüstet sich die DAK dann damit, dass sie noch immer mollige Kinder und Jugendliche in Adipositas-Kliniken und damit ganz selbstverständlich in die lebenslange Jojo-Falle schickt. Der schnieke Dr. Dankhoff, Leiter der entsprechenden "DAK-Fachklinik" (Haus Quickborn auf Sylt) ist übrigens jüngst für sein wissenschaftliches Wirken ausgezeichnet worden - und zwar von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter, also von Mitgliedern aus seiner eigenen Industrie. Das ist ungefähr so, als ob man ein Gremium aus Drogendealern über ihre Lieblingsware abstimmen lässt, und dann verkündet, der Stoff sei gut für alle, weil ja immerhin preisgekrönt.

Sie begreifen es einfach nicht. Sie lernen nichts. Sie verschicken Hefte voller Diät- und Fitnessstress und geben gleichzeitig die erstaunlichsten Tipps zum Stressabbau: Unternehmen Sie Dinge, die Ihnen guttun! (...) Oder entspannen Sie sich in der Sauna." Danke, Frank Meiners! Der Mann ist übrigens Diplom-Psychologe. Wenn man dann aus der Sauna herauskommt, sollte man sich dieser Tage allerdings wirklich den eindringlichen Rat des Diplom-Sportlehrers Uwe Dresel zu Herzen nehmen: "Gegen Eiszapfenfinger oder -zehen helfen eine doppelte Lage Handschuhe oder Socken." (DAK-Gesundheit fit! 1-2014, S. 50) Jahaa - das sind Experten! Und dafür, dass sie ihre Weisheiten unters Volk bringen, liebe Kinder, STERBEN BÄUME!

Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch die oben bereits erwähnte Pressemitteilung. Denn offenbar gilt selbst für die DAK der Schlachtruf "Schlank um jeden Preis" dann doch nicht mehr so uneingeschränkt, wenn es plötzlich wirklich um Preisschilder geht. Denn nicht nur die Zahl der bariatrischen (adipositaschirurgischen) Eingriffe nimmt zu - vor allem steigen die Preise pro Eingriff, weil die Operationen offenbar zunehmend größer, komplexer und schwerwiegender werden. 2,5 Millionen Euro haben die 331 Behandlungen im ersten Halbjahr 2013 gekostet. Die DAK, frau höre und staune, beginnt nun plötzlich, sich nicht nur Sorgen um ihr Geld, sondern angeblich auch um die Patienten zu machen, die das Risiko solcher Operationen auf sich nehmen sollen/wollen, und möchte fortan einer weiteren Ausweitung der Adipositaschirurgie entgegenwirken. Mithilfe von Ernährungsberatern (Anm. d. dicken Dame: Schnappatmung), Ärzten und Psychologen. Nun, mit dem Preisträger Dankhoff im Team dürfte das doch wohl kein Problem sein...

Was ich aus der selben Pressemitteilung übrigens auch erfuhr, ist die überraschende Tatsache, dass ich eine Kandidatin wäre, die sich locker und mit guten Chancen um einen Magenballon bewerben könnte. "XXL-Patienten" brauchen einen BMI über 40 und müssen mindestens seit 5 Jahren "XXL" sein. Außerdem muss man nachweisen, dass Diäten versagt haben. ; ) Wer es am Rücken oder Diabetes hat, braucht übrigens nur einen BMI von 35. Diese Informationen wirkten bei mir wie früher ein plötzlicher Blick auf das eigene, vorbeieilende Spiegelbild im Schaufensterglas - frau wusste irgendwie gar nicht, wie dick sie ist und erstarrte innerlich für einen Moment. Morbid adipös. Und reif für den OP.

Paracetamol gibt's ja nur noch in 20er-Packungen, damit man sich nicht aus Versehen vergiftet.

Ob ich wohl ein Magenband bekäme? Würde man an einer (soweit ich weiß) gesunden aber runden Frau eine derart schwerwiegende Operation durchführen - getrieben von gesellschaftlichem Fetthass, der natürlich mit dem Selbsthass vieler Patientinnen übereinstimmen dürfte? Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl dieser Operationen an Frauen (81 Prozent) im Grunde Schönheitsoperationen sind. Und ich hätte jetzt nicht übel Lust, ein solches Genehmigungverfahren tatsächlich TESTWEISE einmal zu betreiben...

Was denn jetzt noch?

Na, also bitte. Ich fang doch erst an. Ich habe mir nämlich nach sehr langer Zeit auch mal wieder einen Stern gekauft, um alles über das Diät-Duell zwischen der Frau Prochnow und dem Herrn Timmins zu erfahren. Beide sind Mitarbeiter des Sterns, beide haben abgespeckt und sind jetzt besser drauf. Offenbar haben noch zwei andere Kollegen am "Duell" teilgenommen. Die waren also zu viert, wodurch es strengenommen gar kein Duell gewesen ist, aber ich halte ja schon die Klappe. Der Herr Timmins hat das "Duell" übrigens für sich entschieden, aber "gewonnen haben alle vier" (Stern, 16.1.2014, S.69). Das ist ja ohnehin klar. Jeder, der Gewicht verliert, gewinnt. Das ist schließlich ein Naturgesetz.
 
Die Frau Prochnow ist sich, wie ja so viele ihrer dicken Schwestern, zudem sicher, dass in ihr "eine schlanke Frau steckt". Kein Wunder also, dass sie offenbar vor nicht allzu langer Zeit noch für zwei gegessen haben muss - warum wird man sonst so unförmig?............ Selbsthass sorgt für Auflage. Das wissen wir alle, denn viele von uns haben schließlich jahrzehntelang Zeitschriften mit dem Wort "Diät" auf dem Cover gekauft.Und Selbsthass ist bekanntlich heilbar. Durch Diäten eben. Wer weniger wiegt, kann immerhin weniger an sich hassen. Und was die Experten der DAK können, kann der des Sterns (Jens Reimer, Psychiater an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf) natürlich schon lange: "Zum Fernsehabend kann man sich jetzt eine Birne und ein paar Nüsse bereitlegen. Oder Ersatzrituale finden, die auch glücklich machen: Sport, Freunde treffen, raus in die Natur gehen." (Stern, 16.1.2014, S. 76) (Anm. d. dicken Dame: Aber heute Abend bitte nicht ohne doppelte Socken.) Wenn einen solcher Rat  nicht in die Arme eines Adipositas-Chirurgen treibt, dann weiß ich nicht was.
 
Wer genau hinsieht und womöglich auch noch darauf besteht, es hier und da genau zu nehmen, der ist nirgendwo sicher. Nicht einmal beim Einkaufsbummel durch einen Katalog für große Größen. Da wollte ich die Strickjacke doch gerade auf die Bestelliste setzen, als sich nervigerweise doch noch die Produktbeschreibung dazwischenschob: "...kaschiert in schlankem Schwarz raffiniert etwas mehr Figur..." (Emilia Lay, Kollektion Frühjahr/Sommer 2014, S. 13) Wie bitte kann man eigentlich mehr Figur haben als eine Figur?! Und wenn man noch immer findet, dass die eigenen Kundinnen sich eigentlich verhängen sollten, wieso vertickt man dann nicht einfach ehrlicherweise in Zukunft XXL-Burkas?! Na schön, 99,95 gespart.
 
Nicht lustig.
 
Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Herr bei finya.de, dass die "starke Schulter", nach der ich suchen würde "ja eine wirklich sehr starke Schulter" sein müsste. Ich gehe davon aus, dass er lustig sein wollte. Und vielleicht nur ein ganz bisschen unhöflich.Vermutlich dachte er, er könnte mit so lustigen Witzen bei einer lustigen Dicken sogar landen. Ich persönlich glaube ja, dass man selbst von der ungefähren Gehirnkapazität eines Mannes recht gut auf die Stärke seiner Schultern schließen kann. Und übrigens auch auf seine Penislänge. Das fand er nicht lustig.
 
Die offizielle Bezeichnung für einen großen Körperumfang ist bei Finya.de übrigens "durchaus beachtlich"...
 
The Shit List
 
UND DANN ist ja meine Frauenärztin vor ein paar Monaten in den Ruhestand gegangen. Das wäre nicht so schlimm gewesen, denn die Praxis war eine Gemeinschaftspraxis, und ihre Kollegin hat mich übernommen. Auch sie ist eine "fettakzeptierende" Ärztin. Das heißt, dass in dieser Praxis Gewicht bisher kein echtes Thema war, bzw. nicht zum Vorwurf gemacht und womöglich gegen die Patientinnen verwendet wurde. Und die meisten von uns dürften wissen, wie schwierig so etwas mitunter zu finden ist. Aber seit Jahresbeginn hat eine ehemalige Nachbarin von mir den Platz meiner ehemaligen Frauenärztin übernommen  - und ich muss mir nun doch eine neue Praxis suchen, weil diese nur über meine Leiche erfahren wird, was in meinem Uterus vorgeht. Ich will auch ihre verdammte Unterschrift nicht auf meinen Rezepten. Sollte jemand von euch eine gute Frauenärztin in und um Hamburg empfehlen können, bitte ich um sachdienliche Hinweise: office(at)nicola-hinz.com
 
Ja, die Nachbarn. Und die Provinz. Genau genommen hat uns das Landleben nicht wirklich gut getan. Insbesondere meiner Mutter nicht, aus der einfach keine Landfrau und Kirchenchorsängerin zu machen war, egal mit wie viel vordergründigem Elan sie ihr eigenes Gemüse zog und Blumen arrangierte. Die Welt im Dorf der "Zugezogenen" war ihr immer viel zu eng, trotz des weiten Blickes über die Felder, die mich als Kind geprägt und auch heute noch meine weiten Felder sind. Das Drehbuch meines Aufwachsens und Lebens in der Gegend war randvoll mit Charaktären, die ihre eigene Existenz nie hinterfragten, aber ohne Not und mit entnervender Selbstverständlichkeit in die anderer eingriffen.

Ich arbeite nun schon seit einiger Zeit an einem Projekt/einer kleinen Performance, das die befriedigende und abschließende Bewältigung alten und neueren Grolls zum Gegenstand hat. Teil dieses Vorhabens ist die Shit List. Sie ist ziemlich lang, es war unerwartet anstrengend, sie zu erstellen, und sie umfasst neben ehemaligen Nachbarn z.B. auch alle, die mir je das Gefühl gegeben haben, einen falschen Körper zu haben. (Zumindest alle, an die ich mich noch erinnern kann.) Sie wird das Thema eines weiteren Posts sein. Und jetzt steht auch noch der Norddeutsche Rundfunk drauf.

NH






© Nicola Hinz 2014