Samstag, 22. März 2014

Beutezug*

Ja, ich habe mich über die Oberflächlichkeit klassischer Beauty-Blogs beschwert. Und ja, ich nehme sie mitunter nicht besonders ernst. Aber jetzt, wo ich eigentlich shopping-faste, habe ich plötzlich zumindest Gefallen daran gefunden, anderen beim Auspacken ihrer Einkäufe zuzusehen.

Um genau zu sein, habe ich Trisha Paytas auf YouTube entdeckt. Paytas ist eine runde, blonde Vloggerin mit Sitz in Kalifornien, und sie präsentiert fast täglich ein schrilles Konsumtheater, das schwer zu toppen ist. Außerdem haben wir beide den selben Lieblingsplatz: Beverly Center in Los Angeles. An sich sind ihre Hauls ebenso unbeabsichtigte wie absichtslose Kunstform. Sie sind eingebettet in eine Flut von mittlerweile über 900 Videos, die sie produziert hat. In vielen von diesen beschäftigt sich Paytas mit Religion, Politik, Beziehungsfragen sowie ihrer Sicht der Dinge im Allgemeinen. In ihren Haul-Videos könnte man den Eindruck bekommen, sie sei eine zwar überkandidelte aber im Grunde bodenständige, warme und gelegentlich fast selbstreflektierte junge Frau. Gräbt man sich weiter durch ihren Kanal, begreift man jedoch schnell, dass sie auch zutiefst verstört ist und sich zwischen religiösem Fundamentalismus und ihrer Lebensrealität als Ex-Pornodarstellerin/Prostituierte aufreibt. Sie verteilt die Fragmente ihrer persönlichen Tragödie in kleinen aber erschütternden Portionen zwischen ihren pinkfarbenen und quietschigen Abenteuervideos.

"My energy just comes from the mall." (Trisha Paytas)

Die meisten ihrer Werke handeln von Make-up, parfümierten Kerzen und Handtaschen, für die sie Tausende ausgibt. Paytas lebt fürs Einkaufen. Und davon. Denn Haul-Videos sind für die richtig erfolgreichen Vloggerinnen Big Business. Wer regelmäßig sechsstellige Klickzahlen mit seinen Filmchen erreicht, kann erstaunliche Einnahmen durch Werbung und Sponsoring erzielen.

In meinem eigenen und EINZIGEN kleinen Haul-Experiment für blutige Anfängerinnen sage ich, dass ich glaube, dass die Hauptattraktion von Hauls tatsächlich in den Geschichten liegt, die jemand über sich erzählt, wenn er andere in seine Einkaufstaschen gucken lässt. Der Hintergrund der Präsentation (oft das Schlafzimmer der Vloggerin) verrät eine Menge, ebenso wie die Vorliebe für bestimmte Produkte oder die Akribie und die besonders in Paytas' Fall offenbar werdende Besessenheit, Dinge in nutzlosen und erdrückenden Mengen zu erwerben. Zehn verschiedene Lippenstiffte sind vielleicht noch nützlich, einhundert sind es nicht mehr. Ich weiß, wovon ich rede. Und es ist diese im tiefsten Kern substanzlose Komplexität, die Paytas selbst zwischendurch immer wieder thematisiert, wenn sie über ihre "Kaufsucht" spricht. An einem bestimmt Punkt filmt sie eine große Menge von Einkaufstüten, deren Inhalt sie einfach nicht mehr ausgepackt hat - ihr fehlte dazu am Ende die Lust.

Dass ein Haul Produktinformationen liefert, scheint eher zweitrangig. Die Gründe für die große Beliebtheit dieser Videos dürften eher auf voyeuristischer Ebene zu finden sein. Viele Vloggerinnen entsprechen dieser Nachfrage durch konsequentes "Oversharing" ihrer Geschichten. Dass die Requisiten aus den Videos oft im nächsten Drogeriemarkt gekauft oder mit einem Klick im Internet bestellt werden und so auch von der Zuschauerin besessen werden können, füttert die Illusion einer besonders engen Verbindung und gemeinsamer Interessen. Und natürlich sind viele der "Beauty Gurus" auf Youtube verhältnismäßig leicht zugängliche "Berühmtheiten", die auf Kommentare und Tweets durchaus noch persönlich reagieren.

Black Friday ist der Freitag nach Thanksgiving und in den USA der wichtigste Einkaufstag des Jahres, denn er gilt als Auftakt für das Weihnachtsgeschäft. Laut Yahoo Shine wurden allein am letzten Thanksgiving-Wochenende 6000 Haul-Videos bei YouTube hochgeladen. Die Konkurrenz unter den beutejagenden Frauen ist im Internet also mittlerweile überwältigend groß - ebenso wie das interessierte Publikum.

*Mein Beutezug


Im Zuge der Vorbereitungen auf meinen "Haul" sind meine guten Vorsätze, nichts Unnötiges mehr zu kaufen, natürlich wieder aus dem Fenster geflogen. Allerdings ist Hauling auch keine Disziplin, in der ich es je zu großer Virtuosität bringen werde. Dafür fehlen mir für diese Art des Herzeigens das Herzblut und die Dringlichkeit. Ich mache lieber noch ein paar Fotos von mir in Unterwäsche - die geben (vermutlich) auch weniger preis. ; )

NH

Freitag, 21. März 2014

Breitbild


Vor einiger Zeit vermachte mir Frau E. aus B. eine DVD mit dem Hinweis, dass sie selbst den Film noch nicht gesehen hätte, aber an meiner Meinung interessiert sei. ; ) Es handelte sich um "Die Friseuse" (2009) von Doris Dörrie. Die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden (was es alles gibt), hält ihn für "wertvoll". Ich halte ihn für stellenweise amüsant und streckenweise originell, und vielleicht würde er mir besser gefallen, wenn die Heldin nicht dick wäre. Denn worüber ich mich von der ersten Sekunde an ärgerte, war der absurde Fatsuit, den die Hauptdarstellerin tragen musste, um überhaupt eine dicke Frau darstellen zu können. Kathi König, die Protagonistin,  hat also zwei abwegige Rettungsringe über die Hüften geschnallt und sieht aus, als ob all ihr Fett in den Hintern gerutscht ist. Zu Musik wie aus der Augsburger Puppenkiste stapft sie auf ihren ECHTEN Stockbeinchen in ihre Wohnung im Plattenbau und beschmiert sich nach einem Streit mit ihrer heranwachsenden Tochter ein Butterbrot fingerdick mit Leberwurst - in Nahaufnahme.

Der Film ist bunt und Kathi ist laut und ruppig-fidel. Allerdings unterliegt der Geschichte und Darstellung eine im Verlauf immer bleischwerer werdende Tragik, von der ich nicht glaube, dass sie so beabsichtigt war, wie ich sie wahrgenommen habe. Und diese Tragik speist sich aus dem Dicksein. Eigentlich passiert der Michelin-Kathi, die zu Anfang des Filmes verkündet "Freundlichkeit und gute Laune, det ist det halbe Leben für dick", nur Scheiße. Sie ist geschieden und arbeitslos. Sie ist ihrer Tochter peinlich. Sie bekommt keine Stelle als Friseurin weil sie "nicht ästhetisch" ist. Sie bleibt in Stühlen hängen und muss sich morgens an einem Seil aus dem Bett ziehen. Der Traum vom eigenen Salon platzt und am Ende stellt sich noch heraus, dass sie Multiple Sklerose hat. Zwischendrin macht sie noch Bekanntschaft mit einer Gruppe vietnamesischer Flüchtlinge und hat eine Affaire mit dem Mann, den sie bei sich vorübergehend aufgenommen hat. Das ist der originelle Teil. Und das nackte dicke Körperdouble, das man immer wieder präsentiert bekommt, ist wirklich schön anzusehen. Aber Leider: Da gibt es mal einen Film mit einer dicken Heldin, und dann erfüllt diese alle Klischees. Wer wissen will, was Doris Dörrie über Dicke denkt, kann es hier erfahren. Was sie denkt, ist entweder nicht sehr nett, oder vielleicht auch nur naiv. Oder doch beides. Obwohl sie das sicher weit von sich weisen würde.

Es gibt nun einmal nicht viele dicke Frauen auf Bildschirm und Leinwand. Schon gar nicht in deutschen Produktionen - wenn man mal von so Flops wie "Es kommt noch dicker" mit Wolke Hegenbarth absieht. Die trug natürlich auch einen Fatsuit. Aber sie war zumindest nicht so nassforsch und anstrengend, wie Dörries falsche Dicke. Unter denen, die es gibt, ist Melissa McCarthy ("Mike and Molly") im Augenblick eine meiner Lieblingsdarstellerinnen. Meine Empfehlung wäre "The Heat" - da spielt sie eine raubeinige Polizistin an der Seite von Sandra Bullock. Auch Gabourey Sidibe ist in "Precious" eine Offenbarung, ebenso wie America Ferrera in "Echte Frauen haben Kurven". Das war, bevor sie zu "Ugly Betty" wurde. Ich sehe ja auch wirklich gern Brooke Elliott als hochintelligente Anwältin in "Drop Dead Diva". Hier läuft die Serie auf Sixx, aber ich sehe ja immer lieber das Original. Mittlerweile hat auch Kathy Bates ihre eigene Anwaltskanzelei ("Harry's Law", SAT 1). Kirstie Alleys satirische, trockene Aufarbeitung der eigenen Situation als "Fat Actress" (2005) in Hollywood hat es zwar nicht bis zu einer zweiten Staffel geschafft, aber ich finde, es ist trotzdem das Beste, was ich von ihr gesehen habe. Ich persönlich bin kein so großer Fan von Rebel Wilson und Nikki Blonsky ("Hairspray") - aber auch sie sind mehr oder weniger erfolgreiche dicke Frauen in Hollywood.

Das englische Fernsehen hat ja auch schon lange eine ganze Anzahl von interessanten dicken/nicht herkömmlich schlanken Frauen in Hauptrollen zu bieten. Dawn Frenchs "The Vicar of Dibley" kann ich fast auswendig. Außerdem gibt es da Jo Brand ("Getting On"), Katy Brand, Catherine Tate ("Wild West"), Miranda Hart ("Miranda") und Sharon Rooney ("My Mad Fat Diary"). Alle einen Blick wert - insbesondere, wenn man Wert darauf legt, auch mal Frauen in Hauptrollen zu sehen, mit dessen Körperlichkeit man sich so richtig identifizieren kann. Und natürlich auch sonst.

NH
 

Mittwoch, 19. März 2014

Sugar in the mornin'

Mein Arzt sagte: "Sie haben es nicht nur Schwarz sondern sogar Rot auf Weiß." Und: "Natürlich müssen wir alle drei Monate Ihre Werte messen." Und außerdem: "Und dann werden wir Sie auch jedes Mal wiegen." Bildete ich mir den drohenden Unterton nur ein? Tatsächlich hatte er kurz vorher doch wirklich das Wort "Diät" in den Mund genommen. Dabei macht das heute ja so leicht keiner mehr, weil wir schließlich inzwischen doch alle wissen, dass Diäten nicht wirklich gesund sind. Im weiteren Verlauf redete er dann auch immer nur noch von einer "Veränderung des Lebensstils". Ich saß zunächst schweigend da und dachte jedes Mal bei mir:"Fuck you."

Nicht, dass ich meinen Hausarzt nicht leiden kann, sonst wäre ich ja nicht seine Patientin. Und bisher hatte er sich alles Dahingehende verkniffen. Er hatte nie etwas über mein Gewicht gesagt. Das muss man ihm lassen. Jetzt allerdings wirkte er wie jemand, der nur auf eine Wendung dieser Art gewartet hatte. Was zeigt, dass auch er vermutlich einen Generalverdacht gegen Dicke hegt. Und ich kann mir natürlich ganz genau vorstellen, wie er sich meinen "Lebensstil" so ausmalt. Er hält mich für faul und gefräßig - sagen wir es doch einfach, wie es (höchst wahrscheinlich) auch ist. Dabei kann ich ihm natürlich ganz genau sagen, was mein Lebensstil bis vor ungefähr zwei Jahren war: Diäten und prekäres Essen. Und das macht bekanntlich zuverlässiger dick, als alle Torten der Welt. Besonders, wenn man früh genug damit anfängt. Als er mir dann eine Ernährungsberatung angedeihen lassen wollte, konnte ich irgendwie nur noch müde schnauben. Und lehnte dankend ab. Je nachdem, wie sich unsere Zusammenarbeit im Hinblick auf meine Zuckererkrankung entwickelt, könnte sich hier also irgendwann noch die Notwendigkeit für ein deutliches Grundsatzgespräch ergeben. Aber gestern war nicht der Zeitpunkt dafür.

Hinterher dachte ich, dass es ein etwas vorschneller Entschluss war, die Ernährungsberatung nicht in Anspruch zu nehmen - schließlich könnte diese eine unschätzbare Quelle für Satire sein. Auch zu spät fiel mir ein, dass ich mich ja aus Recherchezwecken eigentlich über die Möglichkeit eines Magenbandes oder -bypasses erkundigen wollte. Aber jetzt, wo ich meinen Doktor schließlich auf seinen Wunsch regelmäßig besuchen werde, kann ich auf beides natürlich später/bald noch einmal zurückkommen.

Oh, die Ironie.

Nun mache ich also wieder Diät. Ich "ändere meinen Lebensstil" von intuitivem Essen zu fettarm und low carb. 5 kg sind schon runter. Wie Abnehmen geht, wissen wir dicken Mädchen schließlich ganz genau. Auch wenn unterbeleuchtete Idioten noch immer gern das Gegenteil vermuten. Niemand hat mehr Ernährungsbücher gelesen und mehr Selbstversuche hinter sich gebracht, als wir. Bei einigen von uns ist es ein Wunder, dass wir all das, was wir uns im Rennen um die Bikini-Figur im Laufe der Jahre/Jahrzehnte angetan haben, überlebt haben. Dabei hätten wir uns immer nur einfach einen Bikini anziehen und an den Strand gehen sollen.

Na schön, ich habe es bereits gesagt: Diabetes ist die große Ausnahme und der Notfall. Ein Teil des Fettes muss weg. Und das gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem ich beginne, meinen dicken Körper so wie er jetzt ist, so richtig zu mögen. Gerade jetzt, wo ich gar nicht mehr vorhatte, ihn zu ändern (außer etwas fitter zu werden). Eigentlich ist es echt zum Heulen, wenn ich an all die Jahre denke, in denen ich genau diesen Körper, den ich jetzt gern behalten würde, hatte - und ihn rund um die Uhr nur gehasst und bekämpft habe. Und jetzt muss ich ihn im Grunde wieder so behandeln, als würde ich ihn hassen. Ha, ich kann's ja kaum erwarten, bis mal wieder die ersten Komplimente kommen: "Oh, hast du abgenommen?"

Mist. Verdammter.

NH
 

Dienstag, 18. März 2014

Wo laufen sie denn hin...

Allein, allein...

...die dicken Frauen? Die Antwort ist: Überall und nirgendwohin.

Ein Bekannter hat mich vor ein paar Tagen gefragt, wie es denn nun so sei mit meinem Support-Netzwerk aus dicken Frauen, "die sich gegenseitig Mut zusprechen"? Ist es hilfreich? Geht es da kämpferisch zu? Stimme und Gesichtsausdruck machten klar, dass er an  nichts von all dem glaubt. Er hält mich und die universelle Empörtheit die ich grundsätzlich mit mir herumtrage vermutlich ohnehin einerseits für wunderlich/lustig und andererseits für tragisch verrannt. Und ahnt im Hinblick auf die dicken Frauen, was auch stimmt. Die meisten Leute sind weder Aktivisten noch besonders rebellisch. Und selbst dicke Frauen sind nicht automatisch sauer über die eigene Diskriminierung.

Ich höre ja auch nie auf, auf Dinge wütend zu sein, so lange sie so bleiben, wie sie waren, als sie mich zum ersten Mal wütend machten. Ich bin eine ganz schlechte Verdrängerin. Und eine noch viel schlechtere Es-jetzt-endlich-mal-gut-sein-Lasserin. Wenn etwas genauso schlecht ist wie vormals, kann man es doch nicht gut sein lassen. Und kommt mir BLOSS NICHT mit "die Einstellung ändern". Wie soll das gehen, bitte schön? Wie ändere ich meine Einstellung zu..., na sagen wir mal z.B. der Steinigung von Vergewaltigungsopfern im Sudan? Ach, das ist weit weg und weit hergeholt? Aber mein Körper und die tägliche, mediale Häme und Verächtlichmachung von Körpern wie meinem, sind ganz nah dran. Sich hier darüber öffentlich zu bescherden wäre obendrein - im Vergleich - ausgesprochen risikoarm.

Und trotzdem - bei Dickenstammtischen, Frauengruppen und in Internetforen wird weiterhin eher angeregt über die Vorteile von Bolero-Jäckchen zur Abdeckung der flappigen Ärmchen gefachsimpelt. Das heißt, dann, wenn es einigermaßen gut läuft. Von Deutschlands Dicken Seiten bin ich seinerzeit nach einer Diskussion über Beth Ditto und ihre Nacktbilder geflohen, weil diese bei einigen der ruppigen Diskutantinnen mal wieder so viel Selbst- und Dickenhass freilegte, dass es schlicht nicht mehr zu ertragen war - und seinesgleichen auf Diätforen vermutlich sucht. Die Lehre ist und bleibt: In welche Gesellschaft man sich als dicke Selbstakzeptanz-Novizin begibt, ist ziemlich wichtig, und beim leisesten Hauch von leicht angebittertem Verharren und Körpernegativität sollte man schleunigst die Biege machen, denn das ist das Letzte was man gerade braucht. Grundsätzlich ist es ja ohnehin meine Erfahrung, dass dicke Cliquen es auch nicht leichter oder vielleicht noch schwerer für neue Mitglieder machen, ihren Platz zu finden. Sei es die Kaffeklatschrunde oder eine Ü100-Party - statt sich sichtbar zu machen und sich vernehmlich und erkennbar zu öffnen, schottet man sich scheinbar doch lieber ab. Das ist Teil des Problems. Und übrigens auch eine Frage von Solidarität.

Vielleicht fehlt es halt wirklich an Vorbildern und Vorkämpferinnen. Wenn man medial hierzulande als dicke Frau in der Hauptsache von Christine Neubauer und Barbara Schöneberger vertreten wird, ist es kein Wunder, dass einem der Weg steinig und einsam vorkommt. Ich sehe nirgendwo Vertreterinnen von Dicken-Verbänden oder Aktivistinnen (die es ja durchaus gibt) in der Zeitung oder in Magazinen - und meine Vermutung ist, sie bevölkern auch nicht wie verrückt die abendlichen Talkshows im Fernsehen. Natürlich findet man dicke, kampflustige und engagierte Frauen im Internet - weil man da immer alles leichter und in größeren Mengen findet. Für einen kurzen Augenblick könnte man anfangs den Eindruck bekommen, es würde nur so von ihnen wimmeln. Wenn man nachzählt, stellt man schnell fest, dass man es wohl doch nur mit ein paar Dutzend fortgesetzt präsenten Mitstreiterinnen weltweit zu tun hat.

Denn leider ist die Internetwelt des Fettaktivismus nicht immer sehr nachhaltig oder beständig. Viele Links sind tot und führen zu Seiten, auf denen heute Google-Anzeigen für Diäten werben. Oft ist der letzte Blog-Eintrag vor Ewigkeiten eingestellt worden. Selbst Fettakzeptanz-Flaggschiffe wie Kate Harding ermüden und versinken. Ihr Fettakzeptanz-Blog "Shapely Prose" ist bereits 2010 geschlossen worden. Der letzte Eintrag auf ihrer offiziellen Seite ist vom März 2013. Wenigstens twittert sie noch. Und es gab wohl irgendeine Zusammenarbeit mit jezebel.com. Und irgendwann soll ein Buch über Vergewaltigungskultur erscheinen. Ach, und von Rebecca Jane Weinstein, deren Buch "Fat Sex" mir eine so große Hilfe war, habe ich auch lange nichts mehr gehört. Scheinbar ist/war sie Autorin bei xojane.com, aber ihr letzter Artikel dort ist auch über ein Jahr alt. Die von ihr gegründete Website peopleofsize.com liegt seit 2011 mehr oder weniger brach. Zumindest soll im Oktober 2014 ihr zweites Buch "Fat Kids" erscheinen - durch Spenden finanziert. Jetzt, wo ich gerade davon rede - wieso kriege ich eigentlich gar keine E-Mails von Golda Poretsky mehr? Na, vielleicht hat sie zu viel mit ihren Internetkursen zu tun. Ich hoffe es für sie.

Wenn ich das deutsche Wort "Fettaktivismus" bei Google eingebe, lande ich erst einmal bei mir selbst. Und dann dankenswerterweise auch noch bei der Mädchenmannschaft. Auf diese Weise auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, macht die Sache auch nicht unbedingt spannender. Ich weiß, dass das Auflehnung gegen Normen verdammt schlauchen kann. Ich begreife natürlich auch, dass man davon als Autorin/Publizistin nicht reich wird, bzw. dazu buttert und einem im Leben zusätzlich dauernd etwas zwischen die Füße fliegt, was jetzt gerade wichtiger ist, als gesellschaftliche Veränderung. Aber es ist auch, wie mein Vater (und wahrscheinlich alle anderen Väter) immer sagte: Wenn man nichts ändert, geht's einem noch zu gut.

Was immer geht, ist Fa(t)shion. Klar.

Es sind die dicken Modebloggerinnen, die immer weiter am Ball bleiben. Der Grund dafür könnte natürlich sein, dass Mode entschieden mehr Freude macht, als Gesellschaftskritik. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich persönlich kann das Wort "kurvig/curvy" nicht mehr sehen, und das liegt natürlich weiterhin daran, dass ich als dicke Frau nicht die Erlaubnis erteilt bekommen will "auch hübsch" oder "fast so hübsch als wäre ich nicht dick" zu sein. Ich will erstens dass "Hübschsein" im konventionellen Sinne kein Kriterium mehr ist und zweitens Hilfe bei meiner Neuerfindung und die Anerkenntnis, dass Dicksein an sich eine eigene ästhetische Qualität hat.

Irgendwo las ich neulich das Motto "Klasse (gemeint ist: große) Kleider für klasse (gemeint ist: dicke) Frauen". Bei solch plumpen Euphemismen fühle ich mich ja immer, als wäre ich mit einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter durch die nächste Glastür geschubst worden. Ich will nicht kaschieren. Ich will nicht verhängen. Ich will nicht verschlanken. Ich will nicht strecken. Ich will schlicht nie mehr so tun, als wäre ich "normal". Ich will gar nicht mehr "normal" sein. Ich verstehe das Bedürfnis der Anpassung - vor allem bei jungen Frauen. Aber ich bin SO OVER IT, und dass das wirklich so ist, wurde mir während eines Gespräches klar, in dem ich gefragt wurde, ob es denn wirklich möglich sei, eine lebenslange Programmierung auf ein schlankes Schönheitsideal innerhalb von kapp zwei Jahren abzulösen. Ich sagte: Ja! Ein paar Stunden später stellte ich dann zu meinem eigenen Erstaunen fest, dass das auch stimmt. ; ) Ich finde dicke Frauenkörper schön(er) und interessant(er), und ich gucke sie mir gerne an. Fatshion macht so einiges möglich. Allerdings nur (und ich weiß, ich wiederhole mich), wenn sie (die Körper) von ihren Besitzerinnen mit einer bestimmten inneren Haltung und Selbstverständnis präsentiert werden. Und - juhuu - das heißt also, dass ich auch meinen Körper schön und interessant finde. Nicht überall. Nicht immerzu. Aber immer öfter.

Und jetzt? Ein Asos Curve Haul darf nicht das einzige sein, was am Ende des Tages bleibt. Denn das kann doch ehrlich nicht unser Ernst sein.


NH