Sonntag, 2. September 2012
Freitag, 31. August 2012
Zahlenspiele
Gestern wurde ich angesprochen, ob ich abgenommen hätte: „Ihr
Gesicht wirkt irgendwie dünner.“ Und ich sagte: „Ja, nicht viel, aber ein paar
Kilos, durch diesen Hartz-IV-Selbstversuch, den ich da mache. Ich lebe den ganzen
August schon von Kartoffeln und Nudeln, Nudeln und Kartoffeln.“ Mein Gegenüber
sah mich entsetzt an: „Aber so kann man doch unmöglich abnehmen.“ Ich stutzte erst angesichts der eigenartigen Platzierung dieser Feststellung. Denn ich hatte doch eben gerade gesagt, dass das geht. Die
Vorurteile gegenüber Kohlenhydraten sitzen offenbar genauso tief wie der Glaube
der meisten Leute, es gäbe eine richtige und eine falsche Art, sich zu ernähren.
Um es kurz zu machen: knappe 4 kg sind weg – unbeabsichtigt.
Im August habe ich € 188,44 für
Nahrungsmittel ausgegeben. Das sind noch immer € 58,44 am Ziel vorbei (€ 130),
aber immerhin € 95,05 weniger als im Juli. Zu guter Letzt reingerissen hat mich
noch ein Nachmittagausflug ins Einkaufszentrum mit meiner Freundin Rena. Ohne diesen
wäre ich um ca. € 12 näher an der Ziellinie.
Aber Kaffee und Kuchen waren sozusagen ein Notfall.
Die Ausgaben im
August verteilen sich wie folgt:
Obst/Gemüse (zumeist tiefgefroren und in Dosen, und viiiele
Möhren): 27, 31
Fertigprodukte (Tiefkühlpizzen, Pommes, Dosensuppen, Kartoffelsalat
etc.): 21,30
Brot: 15,88
Getränke: 10,32
Kartoffeln/Nudeln: 17,11
Eier (bio): 11,96
Tofu/Sojaprodukte: 14,97
Fett (Butter, Margarine, Öl): 17,32
Süßigkeiten: 10,72
Milchprodukte: 23,08
Snacks/Fast Food: 18,47
Gesamt: € 188,44
Hatte ich zwischendurch Hunger? Ja. Hauptsächlich, weil ich
das, was ich zu essen hatte, irgendwann nicht mehr sehen konnte. Zwar bekommt man für € 1,69 einen Eimer
Kartoffelsalat. Und am Anfang schmeckt der sogar ganz gut. Aber täglich ist er ehrlich
nur schwer zu ertragen. Darum rät der BUND ja auch dazu, den Kauf von
Großpackungen und damit die Verschwendung von Lebensmitteln zu vermeiden. ; ) Und
so habe ich im August tatsächlich mehr Nahrung weggeworfen, als im Juli. Dröge Nudeln
und Kartoffeln, Reste von Tiefkühlpizzen aus dem Dreierpack (für 83 Cent das
Stück) und, ja, Kartoffelsalat.
Bei dem Versuch, die tägliche Basis aus
Kohlenhydraten preiswert aufzupeppen, habe ich im August außerdem wieder Dinge
auf meinen Speiseplan gesetzt, die dort vorher eigentlich kaum mehr vorkamen:
Eier und Butter. Natürlich sind Kartoffeln mit Butter im Grunde etwas Feines. Und
Rührei auch. Zwischendurch mal.
Kurios und verräterisch scheint in diesem Zusammenhang jedoch, dass Hartz-IV-Empfänger, die eine ärztlich verordnete Diät einhalten sollen, in Ausnahmefällen eine Aufstockung ihres Budgets für Nahrungsmittel beantragen können, offenbar, weil "gesunde", kalorienarme Kost dann doch mehr kostet.
Halten wir fest: Ich habe mich mit einer Ernährung, deren
Schwerpunkt eindeutig auf preiswerten Kohlenhydraten und Fetten lag, NICHT noch
dicker gefuttert. Insbesondere Fertiggerichte sind, unerwarteterweise, oftmals
sensationell billig, aber wurden von mir mitunter nicht mehr aufgebraucht, weil
die Eintönigkeit schlicht zu groß wurde. Mir persönlich ist dabei das Essen von Zeit zu
Zeit buchstäblich vergangen.
Am Ende ist das Budget also wieder, wenn auch weniger als im
Juli, gesprengt worden. Und ich fühlte mich trotzdem erheblich eingeschränkt. Augenscheinlich
fehlen mir wirklich Ideen, wie man innerhalb des Regelsatzes bleibt und dennoch
für Schwung und Abwechslung sorgt.
Aber das wird nun anders, denn ich habe ab jetzt
Unterstützung – einen Sparcoach, wenn man so will. Michael, seines Zeichens Immobilienverwalter
UND Koch, hat eine Passion für beides: straffe Kostenkontrolle UND gutes Essen.
Als ich mich beschwerte, dass man mit einem Budget von 130 Euro für
Nahrungsmittel nicht auskommen kann,
sagte er, doch das geht. Als Praktikant hätten er und seine Mitbewohnerin sich
sogar zusammen von weniger über Wasser gehalten. Und manchmal seien sie vom
restlichen Geld zur Belohnung noch essen gegangen. Dass das nur mit eiserner
Disziplin funktioniert und einem genauen Überblick über die Ausgaben, ist klar.
Außerdem räumt er ein, dass Fleisch, Obst und Gemüse bei solch einer Ernährung
Luxus sind, andererseits muss sie auch nicht freudlos und phantasielos sein,
wenn man ein Händchen dafür hat, aus wenig was zu machen. Und weil er
zusätzliche „kleine“ Herausforderungen im Alltag schätzt, um Kreativität und
Disziplin immer weiter zu trainieren, hat er auch gleich vorgeschlagen, das
Vorhaben auf weitere Hartz-IV-Kategorien auszuweiten. Ich war erst erschrocken
und habe mir dann gesagt, „Na gut, kann ja nur schiefgehen.“
Erschrocken war ich anschließend allerdings auch über die
€ 1,39, die einem Hartz-IV-Empfänger offenbar pro Monat in der Abteilung
„Bildung“ zugestanden werden. Die bissige Bemerkung, dass man sich angesichts
dieses Betrages wohl kaum beschweren
darf, wenn Menschen zu dumm bleiben, um sich vom Hartz-IV-Satz so zu ernähren,
dass sie fit, straff und leistungsfähig werden, verkneife ich mir jetzt mal
(fast).
Vermutlich könnte jeder frische Hartz-IV-Empfänger einen
Coach gebrauchen. Michael und ich haben nun folgenden „Versuchsaufbau“
festgelegt: Dokumentiert und gespart (ab Oktober) wird in den Kategorien
Nahrungsmittel (Regelsatz € 128,46)*, Bekleidung (Regelsatz €30,40),
Innenausstattung und Haushaltsgeräte (Regelsatz € 27,41), Gesundheitspflege
(Regelsatz € 15,55), Freizeit und Kultur (39,96), Bildung (Regelsatz € 1,39),
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen (Regelsatz € 7,16), andere Waten
und Dienstleistungen (Regelsatz € 26,50). Im September werden die Kosten nur
festgehalten, um einen Überblick über die Ausgaben im „normalen Leben“ zu erhalten.
Die Zielsetzung im Oktober ist dann, innerhalb der Regelsätze zu bleiben, oder
zumindest mit dem Gesamtbetrag (€ 276,83) für diese Bereiche auszukommen. Michael
wird mich hierbei mit Tipps und Tricks, und dem einen oder anderen
Menüvorschlag versorgen – und
hoffentlich mit Motivation.
Für mich ist das Ziel ja immer…das Ziel. Für Michael
selbst ist der Weg das Ziel – aber auch Selbstpositionierung: „Unterm Strich
ist es natürlich Fasten. Schaut man sich das christliche Fasten an, so geht es
in der Fastenzeit ja auch nicht nur ums Essen, sondern auch um geistiges und
materielles Fasten. Man setzt sich eine gewisse Zeit, um sich selbst, oder den
anderen zu zeigen, dass es auch ohne geht (Essen, Internet, Rauchen, Shoppen
etc.). Wichtig sind dabei jedoch der gesetzte Zeitrahmen (Christl. 40 Tage) und
das Ziel (Ostern). Und wir haben im Oktober nun auch eine Art Fastenzeit. Ich
glaube es ist einfach wichtig, sich gelegentlich selbst vor Augen zu halten, was
ist der Status Quo, wo bin ich jetzt, wo will ich hin und was brauche ich in
meinem Leben und was nicht. Geht es auch ohne? Ohne was geht es, ohne was
nicht? Dafür ist die Einteilung in die Kategorien. Im November wissen wir dann
vielleicht besser, worauf wir leicht verzichten können, worauf schwer. Unser
Projekt ist es also eine Art "Inventur". Wie im Supermarkt. Es wird
vor der Saison eine Inventur gemacht. Danach hat man einen Überblick (über
sich) und kann die nächsten Ziele verfolgen/die nächste Saison planen.“
Es ist natürlich wichtig, nicht zu vergessen, dass dieses für uns eine zeitlich begrenzte
Angelegenheit ist. Für andere Menschen eben nicht. Da ich mich ja aber
bekanntlich momentan in einer ziemlich dringenden Phase der Neuorientierung
befinde, kann Beschränkung einerseits vielleicht Raum schaffen für
raumgreifende Ideen andererseits. Und Ordnung im Haushaltsbuch verhilft
möglicherweise auch zu mehr Ordnung im Kopf.
Es geht also weiter. Dranbleiben. ; )
*Zahlen variieren leicht, je nach Quelle.
NH
Sonntag, 26. August 2012
THE UGLY GIRL PROJECT: Desert Song / Ehrliche Haut
THE UGLY GIRL PROJECT: Black Hole / Schwarzes Loch
Dienstag, 21. August 2012
Das Kleid
Jaaa, also jetzt kommen wir doch langsam mal voran! Vor ungefähr anderthalb Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Aus der Diät-Falle heraus. Irgendwie. Ich
wusste, es lag etwas in der Luft. Ich erkannte
nur den Geruch nicht. Und ich fand DAS KLEID (rechts). In das wollte ich rein. Ich war mir nur nicht mehr ganz und gar sicher, in was für
einer Größe. 36 oder 46?
Ich habe mich immer darüber beklagt, dass es für
Dicke nichts Anständiges anzuziehen gibt. Und ich habe mich immer lustig gemacht über Bärchen auf T-Shirts
und knisterndes Polyester, das die meisten Produzenten von Übergrößen ihren
Kundinnen / Opfern weiterhin zumuten. Als ich DAS KLEID vor einem Jahr kaufen wollte, wusste ich
nicht wo. Ich dachte daran, es für mich nähen zu lassen. Aber das ist nun nicht mehr nötig, denn hier
ist es (oder zumindest in sehr ähnlicher Ausführung). Und das gerade rechtzeitig zum Eintritt in eine weitere Entwicklungsphase
als neue, ermutigte Dicke. Es gibt tatsächlich schöne Kleider jenseits der 46.
Nicht so oft in deutschen Fußgängerzonen, aber im Internet. Das habe ich nur
nie gewusst, weil mein Hauptinteresse als Dicke bisher immer gewesen ist, mich
in meiner Kleidung unsichtbar zu machen. Nun ist die Situation wie folgt:
Ich habe das Kleid, aber nicht die verdammte Chuzpe, es anzuziehen.
Lesley Kinzel zitiert in „Two Whole Cakes“ eine Leserin, die
sich als Dicke in Rock und hohen Schuhen vorkam, wie ein „elephant in drag“.
Aber die Tatsache, dass eine große Menge Körperfett grundsätzlich gängigen
Vorstellungen von Weiblichkeit entgegensteht, kann auch befreiend sein. Wenn
dicke Körper femininen Standards ohnehin nie entsprechen können und zumindest
bis die Hölle zufriert keinen Blumentopf in dieser Disziplin gewinnen werden,
warum sich dann nicht endlich aus dem Wettbewerb verabschieden und eigene
Regeln aufstellen? Und wenn Dicken die Möglichkeit der modischen Selbstgestaltung
und Selbstrepräsentation von Designern und der Modeindustrie weitgehen
vorenthalten werden sollen, warum dann überhaupt noch den Versuch machen, sich
anzupassen? Wenn Mode eine Sprache ist, warum nicht selbst eine eigene, laute
und deutliche erfinden?
Die Antwort war/ist: Fatshion (fat + fashion).
Man könnte nun denken, dass es bei Fatshion in der
Hauptsache darum geht, als Dicke das Recht auf Mode als kreatives
Ausdrucksmittel einzufordern. Aber laut Kinzel geht es um unendlich viel mehr,
als nur „auch schick“ sein zu dürfen. Es geht im Wesentlichen um die oben
bereits erwähnte eigene Sprache. Ein Körper, der öffentlich in einem Kleid steckt, in dem er in
den Augen des Publikums eigentlich nicht zu stecken verdient, weil er die
Voraussetzungen nicht erfüllt, ist eine Botschaft an eben jenes Publikum – die Gesellschaft.
Fatshion ist oftmals bunter, schriller, kühner UND ENGER als bloße
Mode. Da ihre Trägerinnen im Rennen um standardisierte Weiblichkeit ohnehin
keine Chance haben, re-interpretieren und überspitzen viele Fatshionistas diese
Standards auf spielerische und oft ironische Art und gehen damit in der Tat ähnlich
vor wie Drag Queens. „Femmeness“ (als Alternative zur restriktiven, ausschließenden und diskriminierenden
Definition von Weiblichkeit) hat denn
auch ihren Ursprung in der LGBTQ Community.
Damit kaschiert Fatshion den dicken Körper endgültig und
definitiv nicht mehr, sondern macht ihn weithin sichtbar. In Blogs im Internet –
und auf der Straße, wenn man sich auf eben jene traut. Diese Erhöhung der
Sichtbarkeit von Dicken gegen den verächtlichen Widerstand und die ungnädigen
Sehgewohnheiten der Umwelt macht Fatshion politisch und zu einer feministischen
und fettaktivistischen Strategie. Fatshion hat als wahres Ziel nichts
Geringeres als eine auf Sichtbarkeit und Abbildung basierende Revolution.
Fatshionistas brauchen Mut. Auf den Seiten vieler Fatshion-Bloggerinnen
beschreiben diese, was für eine mühsame innere Reise sie hinter sich gebracht
haben, um das Selbstbewusstsein zu entwickeln, das sie jetzt trägt.
Und ich frage mich nun: Wenn ich täglich ohnehin eine
Extraportion Mut benötige, um aus dem Haus zu gehen, wie viel brauche ich dann
wohl erst in einem engen, knielangen, knallgelben Kleid?Und was ist das eigentlich für eine abgefahrene Welt, in
der IRGENDWER Mut braucht, um sich ein gelbes Kleid anzuziehen?
Hier noch einige Fatshion-Blogs:
NH
Abonnieren
Posts (Atom)











