Dienstag, 26. Februar 2013

When in London: Fensterln

Wer in der Zeit von heute bis zum 12. März 2013 in London ist, kann in der Galerie des Maison Bertaux in Soho in meine Fenster gucken. Im Untergeschoss steht dort eine kleine Installation von mir - bestehend aus sieben Kartons, die es in sich haben. Der Titel "Peep Show" lässt es erahnen: Man kann hineinsehen, aber sich auch auf der Außenseite selbst verewigen und somit an der Weiterentwicklung des Kunst/-werkes/-stückes mitwirken - und sich von den Schachteln die Zukunft vorhersagen lassen. : )

Tania Wades Galerie, die sie in der Konditorei ihrer Schwester Michelle führt, ist natürlich ohnehin immer eine Reise wert: Kunst zum Ansehen und Kunst zum Essen.

If you happen to be in London between today and March 12, this is your chance to peek into my windows - at Maison Bertaux in London. A small installation consisting of seven cardboard boxes is currently on display in their basement ,and as the title "Peep Show" would suggest, there is a whole lot to see INSIDE. Please, also leave a message after the peep. And if you you'd like to take a look into the future, you don't have to be able to read tea leaves - just ask the boxes.

Of course, as you surely already know, Tania Wade's Gallery and Maison Bertaux are always worth a trip: art to see and art to eat.


 

"Peep Show" von/by  Nicola Hinz, Hooligan Art Dealer Gallery at Maison Bertaux (28 Greek Street, London, W1D 5DQ, +44 20 7437 6007) 26.02. -  12.02.2013

 
Aus gegebenem Anlass, und weil's so schön war, hier noch einmal mein Beitrag über Maison Bertaux vom November 2012 : ).

NH

THE UGLY GIRL PROJECT: Zimmer 220 / Room 220








© N. Hinz 2013



PS: Das MANIFEST ist endlich fertig.

NH

Sonntag, 10. Februar 2013

Vielleicht Sex

© Nicola Hinz
 
Was in meinem Lebensplan für eine SEHR,SEHR,SEHR lange Zeit auf Eis lag, ist mit meinem Entschluss, mich auf die Reise dicker Selbstakzeptanz zu begeben, fast automatisch und für mich selbst ein wenig überraschend wieder zum Thema geworden. Aber wenn jemand Reisen im Flugzeug, Arzttermine, das Tragen von gelben Wickelkleidern und sommerliche Kopfsprünge in öffentliche Schwimmbäder aufschiebt, dann liegt es nahe, dass er natürlich erst recht Beziehungen aufschiebt, in dessen Verlauf irgendwann die Hüllen fallen sollen...
 

Golda Poretsky's Body Positive Dating Master Class

 
Nachdem ich mir nun Mut angelesen und bereits einen kuriosen Ausflug in die Welt des Online-Datings unternommen hatte, dachte ich mir, es ist doch Zeit für noch ein wenig mehr Starthilfe von Expertinnen und habe gestern an etwas teilgenommen, das den wunderbar altmodischen Namen "Teleseminar" trägt, und im Prinzip eine Reihe von Vorlesungen war, an denen man live über das Internet teilnehmen konnte - mit der Möglichkeit, Fragen an die Dozentinnen zu richten.
 
Die Veranstaltung dauerte sieben Stunden, die längste Pause gab einem zehn Minuten, um sich frischen Kaffee zu verschaffen, die Ausbeute sind zwanzig Seiten mit Notizen und die Einsicht, dass es wahrscheinlich doch kein so guter Plan ist, darauf zu warten, dass der Rockstar in der Rüstung endlich sein Pferd auf der Veranda abstellt. Wo immer er gerade herumscheppern mag - von allein findet er vermutlich so bald nicht zurück. Also - und ich hatte es natürlich befürchtet - es hilft alles nichts: Man muss sich selbst nach ihm auf die Suche machen. Oder zumindest Wegweiser aufstellen. Darüber hinaus - und das ist natürlich der Kern des Problems - muss man sich selbst in seinem dicken Körper mental rüsten, bzw. Stolz auf, Freude an und einen selbstbewussten Umgang mit seiner aktuellen Fülle trainieren, damit der ganze Aufwand am Ende nicht umsonst war. Denn Scham und richtig guten Sex trifft man selten gemeinsam an - eine Tatsache, auf die auch die Rednerinnen der Body Positive Dating Class natürlich immer wieder eindrücklich hinwiesen.

Von den sieben Vortragenden, Fettaktivistinnen und Publizistinnen mit dem Arbeitsschwerpunkt Sex/Beziehungen und alle in den USA lebend, waren mir die meisten bereits bekannt, weil ich ihre Blogs oder Bücher zuvor gelesen hatte. Über Rebecca Weisteins "Fat Sex" habe ich hier schon berichtet, Virgie Tovars "Hot & Heavy" und Hanne Blanks "Big Big Love" hatte ich gerade beendet. Gastgeberin und Schlussrednerin war Golda Poretsky, die mit ihrer Firma Body Love Wellness dicke Frauen dabei unterstützt, sich vom Diätzwang zu befreien und den Mut zu fassen, ihr Leben nicht mehr aufzuschieben, bis sie in eine bestimmt Kleidergröße passen.
 
Sheri Winston: "You don't have to be a certain size to be a sex goddess." (Du must keine bestimmt Kleidergröße haben, um eine Sexgöttin zu sein."
 
Sheri Winston, ihres Zeichens ganzheitliche Sex-Trainerin, lieferte den ersten Beitrag und die Erkenntnis, dass die Qualität von Sex und Orgasmen schlicht eine Frage von Übung ist. Und üben sollte man so viel wie möglich - insbesondere allein, weil einem das die Möglichkeit gibt, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren und sich selbst (wieder/besser) kennenzulernen. Für dicke Frauen, die eine lange Periode der Entfremdung vom eigenen Körper hinter sich haben, ist neuer Schwung beim Solo-Sex der erste Schritt. Besonders schön fand ich hier den Hinweis, Atmung und "Geräusche" nicht zu vernachlässigen. Wer sich nicht traut zu stöhnen, weil die Nachbarn es vielleicht hören könnten, verzichtet auf wertvolle Orgasmusbeschleunigung. In dem Zusammenhang musste ich an die Aussage der Performance-Künstlerin Annie Sprinkle denken, die sich eigenen Angaben nach in einen Orgasmus hineinatmen kann. Das wäre ja auch praktisch. Zum Beispiel wenn man mal wieder im Stau steht. ; )
 
11.02.2013 - Nachtrag: Das mit dem Atmen und den "Geräuschen" habe ich jetzt einfach mal beim Fahren auf der Autobahn probiert, denn das ist ja auch immer so eintönig - und da hört einen garantiert niemand. Ich habe so getan, als würde ich einen Pornofilm sychronisieren und RICHTIG VIEL KRACH dabei gemacht. Meine Güte, das fördert WIRKLICH die Durchblutung - und das mit beiden Händen am Steuer. Ein bisschen habe ich allerding die Kontrolle über die Geschwindigkeit verloren, gut, dass ich in keine Radarfalle gerauscht bin... ; ) 
 
Rebecca Jane Weinstein: "If you think you're hot, others will think you're hot." (Wenn du dich selbst sexy findest, werden dich andere sexy finden.)
 
Rebecca Jane Weinstein las eine Passage aus ihrem Buch "Fat Sex", und ich hatte die Gelegenheit, ihr zwei Frage dazu zu stellen. Die erste war, ob es für die Menschen, die sie für das Buch interviewt hat, einfach war, sich zu öffnen. Rebeccas Antwort war, dass sie von deren Bedürfnis, ihre Erfahrungen mitzuteilen und ihre Geschichten (zumeist als dicke Frauen auf der Suche nach einer selbstbestimmten Sexualität) zu erzählen manchmal schlicht überwältigt war. Auf die zweite Frage, ob sie auch negative Reaktionen auf das Buch erhalten hätte, sagte sie, dass sie eigentlich von der großen Unterstützung, auch in den Medien, überrascht war, dass jedoch oft ein "Aber" in den positiven Reaktionen mitschwang (ABER es ist ungesund, dick zu sein). Die wichtigste Erkenntnis, die Rebecca aus der Arbeit an "Fat Sex" gewonnen hat, ist übrigens, dass es wirklich Selbstbewusstsein ist, das attraktiv macht.
 
Cija Black: "Don't ever settle." (Gib' dich nie einfach zufrieden.)
 
Cija Black hat ein Buch über Online-Dating geschrieben und rät allen, aber insbesondere dicken Frauen, einen kleinen Fragenkatalog abzuarbeiten, bevor sie sich überhaupt daran machen, sich im Internet auf die Suche nach Partnern zu begeben: Wer bist du JETZT eigentlich? Was steht dir zu? (Sie schlägt vor, eine Liste aufzustellen: Zehn gute Dinge, die man im Leben verdient.) Wie sind Menschen bisher mit dir umgegangen? Kann das so bleiben? Was für Grenzen habe ich, und wie kann ich dafür sorgen, dass sie respektiert werden? Bin ich bereit, meine Komfortzone zu verlassen? Natürlich ruft auch sie dazu auf, seinen Mut zusammenzunehmen und sich so zu lieben, wie man ist - und verweist auf eine Übung, die die Macht des Bildes nutzt: Die Erstellung eines Vision Boards mit positiven Abbildungen dicker Körper. Auf meine Frage, wie man beim Online-Dating mit Ablehnung am besten umgeht, antwortete sie: Nicht zu viel erwarten, Körbe nicht persönlich nehmen, nicht zu schnell zu viel Gefühl investieren, zu vielen Verabredungen gehen, denn das übt. Außerdem, so pflichtet Golda ihr hier bei, ist es nicht so schlimm, wenn das Date am Dienstag schlecht läuft, weil das nächste ja schon am Donnerstag ist.
 
Virgie Tovar: "Cuteness is a state of mind." (Hübschsein ist Einstellungssache.)
 
Mit Virgie Tovar ging es zur Sache. In ihrer Kurzvorstellung zum Seminar teilte sie uns bereits mit, dass sie am 21. Januar mit einem grauäugigen Spanier auf einer portugiesischen Terrasse im Mondlicht und mit dem Rauschen des Meeres in den Ohren Sex gehabt hat. Das können vermutlich nicht viele von uns behaupten. ; ) Virgie gibt zu bedenken, dass dicke Körper anders sind, als nicht-dicke und darum mitunter auch anderen Sex haben (sollten). Wenn unsere Kultur und die gängigen Abbilder von Sexualität nicht so "schlank-zentrisch" wären, wüssten wir das als Dicke und würden uns besser darauf einstellen, indem wir gleich passendere Positionen bzw. Techniken wählen. Wenn Virgie z.B. oben ist, "hüpft" sie nicht auf und ab, sondern rollt ihr Becken ("grind and gyrate"). Ach, und Sex Toys sind großartig! Und wie findet Frau nun Übungspartner? Ganz einfach: Man macht sich hübsch, frischt den Lippenstift auf, ändert seine Einstellung zu sich selbst, hält Augenkontakt, flirtet - und lässt Visitenkarten drucken, die man möglicherweise interessierten und interessanten Kandidaten in die Hand drückt (mit Namen, E-Mail-Adresse und vielleicht Telefonnummer). So einfach ist das. Wenn es nicht gerade schwierig ist, vermute ich. Virgie besteht darauf: Es gibt da draußen Leute, die mit dir schlafen wollen. Mein Problem ist weiterhin: Was, wenn ich die nicht will? Und die, die ich will, wollen mich nicht?
 
"Nicki im Wunderland", ca. 1995
© Nicola Hinz
 
Beim Vortrag von Tasha Fierce gab es bei mir ein kleines technisches Problem - ich konnte sie leider nur sehr schwer verstehen. Tasha beschäftigte sich mit Vorurteilen über die Sexualität von dicken Frauen - so sind dicke Frauen in den Köpfen vieler offenbar "dankbarer" für Sex und geben sich mehr Mühe, ihren Partner zu befriedigen, weil sie weniger Auswahl haben und darum weniger verlangen können. Und weil sie weniger Gelegenheit haben und nehmen müssen, was kommt, sind sie auch für den Glöckner von Notre Dame einfach und schnell ins Bett zu kriegen. Diese idiotischen Ideen entbehren schon deshalb jeder realen Basis, weil dicke Frauen Sex eben gerade aufgrund erheblicher Hemmungen oft ganz vermeiden. Tashas Rat an die dicke Frau, die endlich wieder sexuell richtig aktiv werden will, ist weitgehend ein Echo der vorangegangenen Vorträge: Selbstbestimmtheit üben und sich endlich klar gegen Diäten entscheiden. Masturbieren, was das Zeug hält, um herauszufinden, wie der eigene Körper aktuell funktioniert. Dann allen Mut zusammennehmen und sich einfach vor einem Partner nackig machen. Und wenn man den Mut nicht hat, dann tut man eben einfach so, als hätte man ihn (?!).
 
Hanne Blank: "What do you want?" (Was willst du?)
 
Hanne Blank griff die oben bereits erwähnten Klischees über dicke Frauen und ihre sexuellen Möglichkeiten wieder auf. Ihrer Ansicht nach dürfen dicke Frauen nicht auch noch selbst in die selbe Denkfalle geraten und am Ende glauben, sie könnten keine zu hohen Anforderungen stellen. Ihr Vorschlag war, eine genaue Erhebung über die eigenen sexuellen Vorlieben zu machen. Was für Sex will ich eigentlich haben? Das scheint eine einfache Frage und meine spontane Antwort war "Ich will alles!", was aber natürlich nur bewies, dass ich mir über die schiere Fülle der Möglichkeiten so spontan keine Gedanken gemacht hatte. Und sobald ich es tat, wurde mir sofort klar, dass es da verdammt viel gibt, was ich definitiv NICHT will. Natürlich hilft es, die eigenen Präferenzen und Grenzen gut zu kennen. Denn wie soll man etwas finden, von dem man nicht weiß, wie es eigentlich aussieht? Und das macht auch Hanne klar: Man verdient es, das zu bekommen, was man sich wünscht. Auch als dicke Frau.
 
Golda Poretsky: "I'm awesome and anyone who's with me is really lucky." (Ich bin toll, und jeder, der mit mir zusammen ist, hat wirklich Glück.)
 
Golda Poretskys abschließender Beitrag befasste sich mit dem Erstellen wirksamer Online-Dating-Profile. Ihr Rat ist, an die Sache heranzugehen, als wolle man ein Produkt an den passenden Käufer bringen. Die Frage, die man sich in der Tat stellen soll, lautet somit auch: Wer ist der ideale Konsument (Partner), und wie erreiche ich ihn am wirksamsten? Texte sollten kurz, knackig und positiv sein. Ein wenig Exzentrik, Drolligkeit oder Exotik kann nicht schaden, Ehrlichkeit ist allerding Trumpf. Das gilt übrigens auch für Bilder, die möglichst vorteilhaft aber nicht erheblich schöner oder jünger sein dürfen, als man wirklich ist. Am interessantesten fand ich die Idee, eine konkrete Handlungsaufforderung im Profil zu platzieren: "Wenn du dich gern auf einen Kaffee mit mir treffen würdest, sende mir eine Nachricht." Laut Golda sollte das mit dem Kaffee übrigens schnell über die Bühne gehen - lange E-Mails, die hin und her geschickt werden, können dieses Treffen nicht ersetzen und sind ihrer Auffassung nach mithin kontraproduktiv. Hab' ich doch immer gesagt. ; )
 
Wieder was gelernt.
 
Darf man den Dozentinnen glauben, ist Pragmatismus gepaart mit Kühnheit und dickem Selbstbewusstsein das Gebot der Stunde, wenn es darum geht, sein Liebesleben aufzumöbeln. Wer möglichst schnell viele Frösche küsst, hat bessere Chancen, dass ein Prinz darunter ist. Jeder Frosch, der einer bleibt, ist in ihren Augen trotzdem eine neue Chance, sich weiterzuentwickeln und dazuzulernen. Selbstbewusstsein gewinnt, wer seinen Körper kennt und schätzt - und weiß, was er will. So weit so gut.
 
Tatsächlich hatte ich bei der Veranstaltung viel Spaß. Es hat mir Kraft gegeben und Mut gemacht, von den Erfahrungen dieser starken Frauen zu hören, etwas über ihre erfolgreiche Reise zur Selbstakzeptanz zu erfahren und ein ums andere Mal zugerufen zu bekommen: Du bist großartig und wunderschön, so wie du bist! Jetzt geh raus und zeig es allen! Hab Spaß! Hab Sex! Sei du selbst! Und hol dir die Liebe, die du auch verdienst, denn die wartet da draußen schon auf dich! Genau genommen war das Ganze am Ende mehr ein Energietransfer und eine Reihe von Pep-Talks (oft basierend auf dem eigenen Beispiel - "wenn ich das kann, kannst du das auch") als alles andere.
 
Was bleibt ist trotzdem die atemlose Frage: Woher den Mut und das Selbstbewusstsein nehmen? Vermutlich muss man sie tatsächlich bauen wie ein Haus aus Lego. Immer wenn man wieder mal einen kleinen Schritt vorwärts und vielleicht eine positive Erfahrung gemacht hat, kommt ein neuer Stein dazu. Was mir ganz klar fehlte, war die gründlichere Thematisierung der offensichtlichen Mühsamkeit eben jenes Prozesses.
 
Und was einerseits zunächst und auch im Großen und Ganzen heilsam war, war in seiner Redundanz am Ende dann trotzdem manchmal etwas nervig. Auch der wiederholte Hinweis, dass es egal ist, welche Kleidergröße man trägt, weil Sexiness ohnehin von innen kommt, scheint mir nicht ohne Falltür. Entweder mein dicker Körper ist wunderschön und sexy oder nicht. Und wenn er es ist, wer braucht dann noch den Hinweis auf innere Werte? Außerdem, und das mag ein ganz persönliches Problem von mir sein, aber wenn man mir zu oft sagt, ich soll mich "hübsch machen und positiv sein", treten automatisch meine Adern an der Schläfen hervor und mein innerer Hulk beginnt zu rumoren. Dabei ist mit "Hübschmachen" natürlich auch ein Akt der Selbstliebe gemeint. Ich soll es mir wert sein, dass ich mich im bestmöglichen Zustand der Welt präsentiere. Allerdings tue ich das immer. Der Zustand in dem man mich auf der Straße antrifft, ist immer der beste, der mir in der gegebenen Situation und mit dem momentan zur Verfügung stehenden Selbstwertgefühl möglich war. Und das ist trotzdem oft ohne Lippenstift. Und eher unfröhlich obendrein. Womit wir wieder bei o.g. Frage wären.
 
Trotzdem, das Seminar war ein Bausteinchen, und ich habe das Gefühl, ich werde mich jetzt bald irgendetwas trauen, um mein Liebesleben tatsächlich in Fahrt zu bringen. Ich weiß nur noch nicht, was. ; )
 
 
NH

Mittwoch, 30. Januar 2013

Melodien für Melonen



Meine BH-Größe ist jetzt 85 H. Immer wenn ich mal "schlank" war, war es für gewöhnlich 80 E. Daran hätte man so oder so ganz einfach ziemlich viel Freude haben können.

Aber auch Freude will gelernt sein. Und deviant übermäßige Fülle führte bei uns zu Haus zunächst einmal in der Hauptsache zu Verdruss und Beunruhigung. Verdruss, weil das alles halt schon wieder nicht normal war - ein Teenager mit einem Monsterbusen, also bitte. Und man fragte sich beunruhigt, zu welch gigantischen Strukturen sich das alles wohl noch auswachsen würde. Wann immer meine Mutter mich zwischen meinem vierten und siebenundreißigsten Lebensjahr anschaute, muss sie zumeist ein unkontrollierbar wucherndes Gewächs gesehen haben - selbst wenn es gegenwärtig nicht so viel Raum einnahm, wusste man nie, wo sich gleich wieder aufdringliche Triebe bilden würden.

Wenn ich nicht gerade ein zu rundes Kind war, war ich zumindest ein zu langes, das auf Klassenfotos alle anderen auf groteske Weise überragte. Auch das gab Anlass zur Sorge: während mein Vater nach eigenen Angaben für mich schon eine Karriere als Profi-Basketballerin im Hinterkopf entwickelte, machte sich meine Mutter Gedanken, wie das denn bloß in der Tanzschule werden würde. Und ich erinnere mich noch an die Erleichterung, als mich die anderen dann einholten (was bei einer Größe von lediglich 1,67 m am Ende ja auch nicht so schwer war), und ich von einer Freundin meiner Mutter zu hören bekam: "Jetzt wirkst du fast schon normal". Normal war wie ein Ritterschlag. Normal war das große Glück.

Aber natürlich war letzten Endes nichts, ABER AUCH GAR NICHTS an mir normal. Ich bekam  meine erste Periode mit elf Jahren. Das hatten meine Mutter und ihre Freundin nicht vor meinem vierzehnten Geburtstag eingeplant und schlugen beim Sherrytrinken theatralisch die Hände überm Kopf zusammen. Verflucht, jetzt quoll aus dem Kind schon wieder lauter Unplanmäßiges hervor. Jetzt konnte es als einzige in der Klasse wegen Krämpfen nicht am Sportunterricht teilnehmen und man musste immerzu aufpassen, dass nichts danebenging, denn das weiß ja nun wirklich jede Frau: Blutflecken in der Hose sind der Untergang. Es gibt im Universum nur eine Sache, die schlimmer ist - und das dürfte wohl Fett sein. ; ) Zuerst zischte mir meine Mutter an der Supermarktkasse noch entnervt hinterher: "Jetzt pack die Binden erst in die Einkaufstasche, bevor du damit übern Parkplatz läufst." Später gab sie es dann auf. Ich wusste auch als Kind schon, dass sie Unrecht hatte. Ich wusste, dass es nichts gab, wofür ich mich hätte schämen müssen. Und ich schämte mich natürlich trotzdem.

Und dann kam der Busen.

Und wie es sich bis dahin so ziemlich mit allem an meinem Körper verhalten hatte, war auch er zu früh und viel zu viel. Gegen dumme Bemerkungen von Mitschülern war ich nicht gewappnet. Meine Familie war eine schlechte Anlaufstelle, wenn es darum ging, mich mit der nötigen Resilienz auszurüsten. Die hatten selbst genug damit zu tun, mit der problematischen Körperrealität des Kindes klarzukommen. Also drückte ich ihn platt, indem ich das Unterhemd ganz straff nach unten und zur Fixierung durch die Beine der Unterhose zog. Ich weigerte mich sehr lange, die Notwendigkeit eines BHs anzuerkennen. Außerdem fing ich damals an, besonders weite Oberteile zu tragen und gebeugt zu gehen. Ab da begann meine Mutter allerdings, mich in die Seite zu knuffen, für gewöhnlich gefolgt von dem Kommando: "Geh' gerade! Du kriegst ja einen Buckel!" Wohlgemerkt: "Brust raus!" sagte sie nie.

Es war also nicht NUR das Fett. Es war jede verfrühte Entwicklung, die zu mir auch heute noch in ihrer Vehemenz weitgehend unerklärlichen, negativ gefärbten Überreaktionen führte. Allerdings bin ich überzeugt, dass das zum Teil imaginierte Fett als Basis und Ursache allen anderen Übels begriffen wurde. Und damit wurde alles zwangsläufig zum Übel. Denn aus Fett kann ja nichts Gutes werden - ironischerweise offenbar nicht einmal Brüste.

Der Göttin sei Dank begriff ich später natürlich selbst, dass ein wirklich großer Busen eine wirklich feine Sache sein kann. Aber was war das für ein hartes Stück Arbeit. So schwierig, wie es heute ist, mich als dicke Frau zu akzeptieren, war es als Teenager, sich überhaupt als Inhaberin eines Frauenkörpers und einer Sexualität zu akzeptieren. Denn was ich zwischen Scham und Chaos und Diäten verinnerlicht hatte, war, dass es hier selbstverständlich nichts zu feiern gab. Frausein war kein Grund, die Korken knallen zu lassen. Jedenfalls nicht, wenn man als Frau in einem so unmöglichen Körper steckte, den man dauernd daran hindern musste, aus dem Rahmen zu fallen.

Wäre ich Mutter einer Tochter, würde ich Frausein-Parties feiern. Der erste BH, die erste Regel, alles ein willkommener Anlass, Wunderkerzen auf eine Torte zu stecken und auf eine knallbunte Pinata einzudreschen, bis es Schokobrüstchen regnet. Wenn ich es recht überlege, könnte ich natürlich genau solch eine Veranstaltung doch noch für mich selbst organisieren - quasi rückwirkend. Obwohl ich mit 85 H kein Problem mehr habe - außer gelegentlich beim BH-Kauf. Das war bisher eine der leichteren Stationen auf dem Weg zur Selbstakzeptanz. (Augenblicklich arbeite ich an den Oberschenkeln und den Knien - und das, so viel kann ich schon sagen, ist beileibe kein Spaziergang auf der Promenade ; ) .)

Hin und wieder wäre es mir lieber, mein Busen sähe weniger echt und mehr wie der von Pamela Anderson aus. Für einen kurzen Augenblick hatte ich dann auch vor einigen Jahren die Idee, operativ gegen die Folgen der Schwerkraft vorzugehen. Aber diese wurde dann schnell wieder verworfen - nicht etwa aus Vernunft oder Angst vor Komplikationen, sondern weil ich damals zu dem Schluss kam, dass es sich nicht lohnt, für viel Geld eine straffe Brust an einen ansonsten ohnehin "inakzeptablen", weil zu fleischigen Körper zu zimmern...Oh Mann, Selbstverachtung ist ein Ungetüm mit seiner sehr eigenen Sicht der Dinge. Und vielen verwirrten Köpfen. Und immerzu wächst einer nach.

Bounce Your Boobies!

Wie dem auch sei - für eine Party braucht man Musik! Es war nicht ganz leicht, Kompositionen über Busen oberhalb des Ballermann-Niveaus auszumachen.Von Rusty Warren, ihres Zeichens Comedienne und Feministin, habe ich dann aber doch noch gleich zwei großartige Darbietungen gefunden, in denen stolz wippende Brüste gar als Symbol für die zu erkämpfende Freiheit ihrer Besitzerinnen dienen: Bounce Your Boobies und Knockers Up.

Außerdem denke ich, dass die folgenden Nicht-Profis ihre eigene und die Oberweite anderer Frauen mit ihren Kompositionen auf wirklich angemessene Weise feiern: Boobie Songs von Baby Smith, Shanna Hoar und The Boobebos.

Ach, und eine passende männliche Stimme gab es zu guter Letzt dann auch noch: Joe Walsh ; ).

P.S. "Mehrbusen" gibt's bei vongestern. ; )

NH

Sonntag, 27. Januar 2013

Vision Thing

Noch sind beide jung - das neue Jahr und mein aktuelles Lebensjahr. Angesichts des Frustes, der sich beim Jahresrückblick breitzumachen schien, dachte ich, es ist Zeit, sich mal wieder einen Überblick zu verschaffen über die eigenen Werte und Prioritäten. Im Zuge des noch immer recht frischen Vorhabens, mich endlich als dicke Frau zu akzeptieren und "sein" zu lassen, tue ich das vermutlich ohnehin pausenlos. Grundsätzlich ist das ein aber bisher weitgehend im Hintergrund ablaufender Prozess mit zum Teil nur sehr schwer zu fassenden Zwischenergebnissen und scheinbar kleinen, flüchtigen Fortschritten. Trotzdem ist die Entscheidung, mich um Frieden im eigenen Körper zu bemühen, die vermutlich radikalste innere Kursänderung meines Lebens. Es hat sich also gelohnt, sich gerade an diesem Punkt zu fragen: Was will ich ab jetzt?
 
Vision Boards als Mittel zur Analyse der eigenen Ziele und Schwerpunkte waren mir natürlich nicht neu. Tatsächlich sammle ich schon immer Bilder, die auf irgendeine Weise etwas in mir anrühren oder mir besonders gefallen, und ich habe ein ganzes Regal mit sogenannten Scrapbooks. Allerdings war das Ergebnis noch nie so deutlich und genau umrissen. Ich habe jetzt zum ersten Mal im Leben das Gefühl, wirklich ZU MIR zu kommen. Und ich bin eine andere, als noch vor ein paar Monaten. Hat sich was getan. Als ich jedoch heute Mittag die Bilder zusammenstellte, war mir das selbst noch gar nicht so klar.
 
Was soll man wollen?
 
Früher wusste ich immer nicht für welches von den vielen Leben, die ich wollte, ich mich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich wollte alles Mögliche gleichzeitig sein. Was ja immer das große Dilemma ist, wenn theoretisch alles geht. Und dann stellt sich noch die Frage, was ist am Ende nur von außen eingeschleppter kultureller und sozialer Ballast? Will ich wirklich leben, wie im Werbespot für schokofreie Pralinen? Noch ein Segen des Älterwerdens ist natürlich, dass sich auch in dieser Sache der Nebel manchmal leichter lichtet. 
 
Im Prinzip ist ein Vision Board also nur eine Sammlung von Abbildungen und/oder Worten/Sätzen, die einem spontan und intuitiv etwas sagen. Es kann eine richtungsgebende Illustration der eigenen Lebensvorhaben werden. Eine persönliche Straßenkarte. Aber Vision Boards sind nur dann richtig effektiv, wenn man bei der Auswahl authentisch ist und sich vor Klischees hütet. Gleichzeitig soll man nicht rational oder "realistisch" vorgehen. Andererseits dürfen sie einen mit ihrer Grandiosität aber auch nicht überfordern. Es geht um eine gute Mischung aus Stimmungen, Symbolen, nicht so sehr um eine Wunschliste tatsächlicher Gegenstände, welche aber natürlich auch "erlaubt" sind. Ihr Zweck ist, Klarheit zu schaffen, sowie Vorstellungskraft und Leidenschaft anzukurbeln. Meins besteht nun aus genau 25 Bildern. Mehr wollte ich diesmal gar nicht mehr. Außerdem hat jedes untypischerweise einen Titel bekommen, und ich habe sie alphabetisch geordnet (bis auf das letzte Bild) - nicht nach Bedeutung. Eine Gewichtung wäre vielleicht der nächste logische Schritt in der Interpretation - das kommt dann möglicherweise noch. Katzen, Bücher, Geschichten und Schuhe hätte man wohl immer auf meiner Hitliste gefunden. Sex ist neu. Dafür feht der erschlankte Körper. Die Tatsache hingegen, dass ich eigentlich gar nicht nach jemandem suche, mit dem ich gemeinsam auf der Bank vor dem Haus sitzen kann, wenn ich alt und grau bin, hat sich hier echt eindrucksvoll herausgeschält. Ich habe für meinen Ruhestand offenbar ganz andere Pläne ; ).
 
 
Mein Vision Board:
 
AUFMERKSAMKEIT
 
BERUFLICHER ERFOLG / ANERKENNUNG



DYNAMIK

FREIHEIT / REBELLION

GEHEIMNISSE / SCHATZSUCHEN

GEISTERJAGDEN



GESCHICHTEN
 
GESUNDHEIT

GROSSARTIGE KLEIDER

UND NATÜRLICH GROSSARTIGE SCHUHE

KATZEN UND BÜCHER

KROKODILE


KUNST
"Wenn du wüsstest, das was immer du als nächstes unternimmst, klappen wird, was würdest du tun?" - "Ich würde eine Galerie für junge, mutige aber preiswerte Kunst eröffnen."

NÄCHTE

SELBSTAKZEPTANZ / FREUDE AM EIGENEN KÖRPER / SICH SCHÖN FÜHLEN
 
SELBSTBESTIMMT ARBEITEN. MIT DEM KOPF.

SEX

SPRINGBRUNNEN


STANDPUNKTE / EINE UNABHÄNGIGE, EIGENE WAHRHEIT


SWIMMINGPOOLS / SCHWERELOSIGKEIT / FLUSS

WEITE HORIZONTE / UNAUFDRINGLICHE HIMMEL

WILDE GÄRTEN


ALT WERDEN UND UNABHÄNGIG BLEIBEN



NH