Montag, 15. April 2013
Mittwoch, 27. März 2013
Ballungsräume
"Die Furcht vor dem weiblichen Fleisch ist die Furcht vor der weiblichen Kraft. Wenn wir unsere Körper zurückfordern, muss damit einhergehen, dass wir auch unsere Macht zurückfordern. Dies kann nicht erreicht werden, indem wir einfach eine teure Bodylotion kaufen." (Laurie Penny - "Fleischmarkt")
Kris nennt sie "Beautyterrorblogs“. Ich nenne das
Genre ja gern Backlash-Blogging. Wir
beide meinen die erstaunliche Schwemme weiblich geführter Blogs, die eine
faszinierend-schaurige Gleichschaltung auf tradierte weibliche Themen
aufweisen, und dieses weltweit. Wenn ich den Begriff „Backlash“ verwende,
beziehe ich mich natürlich auf Susan Faludis Buch aus dem Jahre 1991, in dem
sie die medialen, politischen und gesellschaftlichen Mechanismen beschreibt,
mit denen der Gleichberechtigung von Frauen nach einer Welle des Vorankommens jeweils
ein Klima des Zurückruderns entgegengesetzt wird.
Nun muss man natürlich auch heute noch nur irgendeine Frauenzeitschrift
aufschlagen, um zu sehen, dass Frauen am Backlash auch immer kräftig mitarbeiten.
Wenn jedoch die Blog-Kultur in weiten Teilen ein zuverlässiger Indikator für
die tatsächliche Bedeutung frauenbewegter Fragestellungen im Bewusstsein
schreibender und veröffentlichender Frauen ist, dann GUTE NACHT.
Es war noch nie so einfach, Meinungen unters Volk zu
bringen und sich öffentlich an Diskursen zu beteiligen. Es war noch nie so selbstverständlich für Frauen,
von der Möglichkeit einer eigenen Stimme Gebrauch zu machen und sich und seine
Weltsicht zumindest theoretisch global zu präsentieren. Und was sehen junge
Bloggerinnen, wenn sie ihre Welt betrachten – und sie sich machen, wie sie
ihnen gefällt? Nun, wenn man ihren eigenen Schilderungen glauben darf, sehen
sie in der Mehrzahl nicht viel außer Kleidern, Kosmetik und Cupcakes (also rein
phonetisch wieder mal die drei Ks). Ach, und Nagellack! Frauen ballen auf ihren
Blogs in der Tat gern die Fäuste – leider in der Regel nur, um die neuesten
Nagellacktrends zu präsentieren.
Nun stellt sich vielleicht die Frage: Warum um alles in
der Welt sollten Mädchen keinen Spaß an Mädchenkram haben? Sollen sie doch. Und
ich bin die Erste, die beim Schlussverkauf bei Zara gefährdet ist, mit einer
Tasche voller Schuhe mit Zehn-Zentimeter-Absatz nach Hause zu kommen und die
Letzte, die wieder aus den Tiefen einer Mac-Filiale auftaucht (und nein, ich
rede nicht von Computern).
Was erschütternd ist, ist jedoch die scheinbare Ausschließlichkeit
der Themenwahl (Schönheit, Kleider, Kochen) in Verbindung mit einer immer
identischen und in ihrer Penibilität hier und da fast ein wenig zwanghaft
anmutenden Aufbereitung. Einige Inhaltsformen (z.B. Vlogs) sind sogar immer gleich
aufgebaut und folgen, wie Pornofilme, einer in der Szene allgemein gültigen
Choreographie. Wer sich das nicht so recht vorzustellen vermag, sollte bei
YouTube einfach mal den Suchbegriff „Glossybox“ eingeben und die offenbar international
gültigen, rituellen Strukturen bestaunen, die sich hier im Zusammenhang mit dem
monatlichen öffentlichen Auspacken einer Schachtel mit Kosmetikproben entwickelt
haben. Testgrößen-Porn? Unsäglich seichtes Weiblichkeitsgedudel in
tatsächlicher Ermangelung anderer Interessen? Oder was ist da los?
Die Journalistin Laurie Penny, selbst erst Mitte zwanzig,
legt in „Fleischmarkt“ sehr eindringlich dar, dass das, was Naomi Wolf
bereits 1991 als Schönheitsmythos und politische Waffe gegen die Gleichstellung
von Frauen beschrieben hat, noch immer nicht überwunden ist, bzw. in Zeiten des
Backlash, und in diesen befinden wir uns weiterhin, immer weiter an Bedeutung
und Einfluss auf die globale, weibliche Verfassung gewinnt. Laut Penny hat sich
vor allem das Stereotyp der „hässlichen und maskulinen“ Feministin bis heute
aus einem einzigen Grund gehalten: „Es terrorisiert Frauen mit der Angst,
radikale Politik würde ihre Sexualität und Geschlechtsidentität zerstören.“
So oder so, junge Frauen, die sich vorrangig mit der
Konsistenz von Lippenstiften befassen, stellen für männliche Machtstrukturen
kaum eine Bedrohung dar. Noch sicherer ist die Sache allerdings, wenn Frauen
ihre Zeit nicht nur aus Spaß mit solchen Banalitäten verbringen, sondern
tatsächlich glauben, dass ihr Leben durch den Gebrauch bestimmter Produkte
besser und aufregender wird, weil sie dadurch SELBST besser und aufregender
werden (in ihrem Frausein). Kurz gesagt: Frauen, die überzeugt sind, unablässig
an ihrem Äußeren arbeiten zu müssen, haben am Ende des Tages weniger Energie,
Männern die Beine ihrer Vorstandssessel anzusägen. Außerdem erhalten sie die
Weltwirtschaft am Leben, indem sie ihr Geld kräftig für Produkte und Maßnahmen
zur äußeren Selbstoptimierung ausgeben. Es ist frustrierend zu sehen, dass sich
seit 1991 offenbar nicht viel verändert hat, und dass heute eine übergroße Zahl
von Bloggerinnen den vorhandenen öffentlichen Raum nicht anders, kreativer und
wirksamer nutzt.
Fett ist noch immer „A Feminist Issue“*, verdammt!
Vor einigen Tagen habe ich dann beim Browsen durch deutsche
Fettakzeptanz-Blogs gelesen, dass dicke Frauen sich mehr „anstrengen“ müssen,
weil man sie generell für ungepflegt halte. Um zu beweisen, dass sie das nicht
sind, müssten sie nun einmal härter an sich arbeiten. (Also, ungefähr so, wie
Frauen besser sein müssen als Männer, um zu beweisen, dass sie deren Jobs
genauso gut erledigen können.) Hier wird der dicken Leserin, die auf der Suche
nach Ermutigung und Unterstützung ist, also explizit empfohlen, den Makel Fett,
der ja angeblich keiner mehr ist, stets in ihre Planung und ihr Selbstmanagement
einzubeziehen. Frauen müssen immer kämpfen, um zu gefallen, aber dicke Frauen
eben doch noch mehr. Ganz nebenbei: Was passiert eigentlich Schlimmes, wenn
eine Frau, sagen wir mal, Schweißflecken unter den Armen hat? So wie ich, als
ich Sonntagabend nach Hause kam, meine Jacke auszog und mein erster Gedanke
ganz automatisch war: „Oh Göttin, was für ein Glück, dass ich mich entschieden
habe, heute nicht mit zu ihm zu gehen.“ Später ist mir dann in den Sinn
gekommen, dass das möglicherweise gar nichts ausgemacht hätte. Man sollte bei
Gelegenheit einfach mal nachfragen, was eigentlich wirklich weniger beliebt
ist: Schweiß oder KEIN Sex?**
Ich erschrecke mich hin und
wieder noch immer, wenn ich mich plötzlich im Vorbeigehen selbst in der Scheibe
eines Schaufensters sehe. Aber einige Fatshion-Blogs
haben mir auf meiner Reise zur Selbstakzeptanz als dicke Frau bis hierher sehr geholfen.
Die Idee, sich durch entsprechende Kleidung endlich sichtbar zu machen und
damit gleichzeitig Spaß zu haben, sein Selbstbewusstsein zu steigern und eine
gesellschaftspolitische Nachricht zu senden, finde ich noch immer ausgesprochen
attraktiv und vielversprechend. Trotzdem: Der Grat zwischen der kämpferischen
Freude an der Provokation, die sich an Fatshion knüpft und einem verräterischen
„Dicke Mädchen sind AUCH hübsch“ ist verdammt schmal. (Und oh, die Ironie…) Die Emanzipation der dicken Frau vom
Schlankheitsterror befindet sich auf äußerst dünnem Eis, wenn sie nichts weiter
zu bieten hat, als konventionelle Ideale von weiblicher Gefälligkeit, die
lediglich ein paar Kleidergrößen größer sind. Wo Fatshion kein eigenes
Universum mit eigenen Regeln kreiert und seine Radikalität im Aufguss
herkömmlicher Weiblichkeit und in manchen Fällen sogar noch verstärktem „Weibchensein“
verliert, ist dann auch für die Besucherin des Blogs nicht mehr viel zu holen. Und
Empowerment schlägt nicht nur fehl, sondern um, indem die Gültigkeit gängiger
Schönheitsideale auch bei dicken Frauen greift und nicht mehr hinterfragt und
aufgebrochen wird. Wenn das, was bleibt, ist, dass dicke Mädchen endlich auch
schick sein dürfen/können, ist nichts wirklich gewonnen, sondern nur die Chance
vertan, die Fatshion für alle Frauen hätte sein können.
In diesem Sinne - FROHE OSTERN! Möge jede von uns genau das finden, was sie auch wirklich sucht. ; )
*Susie Orbach
**“Was uns umgibt, ist nicht Sex an sich, sondern (…) eine
Airbrush-Fantasie von Sexualität (…), die so steril wie unbarmherzig ist.“
(Laurie Penny)
NH
Dienstag, 26. Februar 2013
When in London: Fensterln
Wer in der Zeit von heute bis zum 12. März 2013 in London ist, kann in der Galerie des Maison Bertaux in Soho in meine Fenster gucken. Im Untergeschoss steht dort eine kleine Installation von mir - bestehend aus sieben Kartons, die es in sich haben. Der Titel "Peep Show" lässt es erahnen: Man kann hineinsehen, aber sich auch auf der Außenseite selbst verewigen und somit an der Weiterentwicklung des Kunst/-werkes/-stückes mitwirken - und sich von den Schachteln die Zukunft vorhersagen lassen. : )
Tania Wades Galerie, die sie in der Konditorei ihrer Schwester Michelle führt, ist natürlich ohnehin immer eine Reise wert: Kunst zum Ansehen und Kunst zum Essen.
If you happen to be in London between today and March 12, this is your chance to peek into my windows - at Maison Bertaux in London. A small installation consisting of seven cardboard boxes is currently on display in their basement ,and as the title "Peep Show" would suggest, there is a whole lot to see INSIDE. Please, also leave a message after the peep. And if you you'd like to take a look into the future, you don't have to be able to read tea leaves - just ask the boxes.
Of course, as you surely already know, Tania Wade's Gallery and Maison Bertaux are always worth a trip: art to see and art to eat.
Tania Wades Galerie, die sie in der Konditorei ihrer Schwester Michelle führt, ist natürlich ohnehin immer eine Reise wert: Kunst zum Ansehen und Kunst zum Essen.
If you happen to be in London between today and March 12, this is your chance to peek into my windows - at Maison Bertaux in London. A small installation consisting of seven cardboard boxes is currently on display in their basement ,and as the title "Peep Show" would suggest, there is a whole lot to see INSIDE. Please, also leave a message after the peep. And if you you'd like to take a look into the future, you don't have to be able to read tea leaves - just ask the boxes.
Of course, as you surely already know, Tania Wade's Gallery and Maison Bertaux are always worth a trip: art to see and art to eat.
"Peep Show" von/by Nicola Hinz, Hooligan Art Dealer Gallery at Maison Bertaux (28 Greek Street, London, W1D 5DQ, +44 20 7437 6007) 26.02. - 12.02.2013
Aus gegebenem Anlass, und weil's so schön war, hier noch einmal mein Beitrag über Maison Bertaux vom November 2012 : ).
NH
NH
Sonntag, 10. Februar 2013
Vielleicht Sex
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| © Nicola Hinz |
Was in meinem Lebensplan für eine SEHR,SEHR,SEHR lange Zeit auf Eis lag, ist mit meinem Entschluss, mich auf die Reise dicker Selbstakzeptanz zu begeben, fast automatisch und für mich selbst ein wenig überraschend wieder zum Thema geworden. Aber wenn jemand Reisen im Flugzeug, Arzttermine, das Tragen von gelben Wickelkleidern und sommerliche Kopfsprünge in öffentliche Schwimmbäder aufschiebt, dann liegt es nahe, dass er natürlich erst recht Beziehungen aufschiebt, in dessen Verlauf irgendwann die Hüllen fallen sollen...
Golda Poretsky's Body Positive Dating Master Class
Nachdem ich mir nun Mut angelesen und bereits einen kuriosen Ausflug in die Welt des Online-Datings unternommen hatte, dachte ich mir, es ist doch Zeit für noch ein wenig mehr Starthilfe von Expertinnen und habe gestern an etwas teilgenommen, das den wunderbar altmodischen Namen "Teleseminar" trägt, und im Prinzip eine Reihe von Vorlesungen war, an denen man live über das Internet teilnehmen konnte - mit der Möglichkeit, Fragen an die Dozentinnen zu richten.
Die Veranstaltung dauerte sieben Stunden, die längste Pause gab einem zehn Minuten, um sich frischen Kaffee zu verschaffen, die Ausbeute sind zwanzig Seiten mit Notizen und die Einsicht, dass es wahrscheinlich doch kein so guter Plan ist, darauf zu warten, dass der Rockstar in der Rüstung endlich sein Pferd auf der Veranda abstellt. Wo immer er gerade herumscheppern mag - von allein findet er vermutlich so bald nicht zurück. Also - und ich hatte es natürlich befürchtet - es hilft alles nichts: Man muss sich selbst nach ihm auf die Suche machen. Oder zumindest Wegweiser aufstellen. Darüber hinaus - und das ist natürlich der Kern des Problems - muss man sich selbst in seinem dicken Körper mental rüsten, bzw. Stolz auf, Freude an und einen selbstbewussten Umgang mit seiner aktuellen Fülle trainieren, damit der ganze Aufwand am Ende nicht umsonst war. Denn Scham und richtig guten Sex trifft man selten gemeinsam an - eine Tatsache, auf die auch die Rednerinnen der Body Positive Dating Class natürlich immer wieder eindrücklich hinwiesen.
Von den sieben Vortragenden, Fettaktivistinnen und Publizistinnen mit dem Arbeitsschwerpunkt Sex/Beziehungen und alle in den USA lebend, waren mir die meisten bereits bekannt, weil ich ihre Blogs oder Bücher zuvor gelesen hatte. Über Rebecca Weisteins "Fat Sex" habe ich hier schon berichtet, Virgie Tovars "Hot & Heavy" und Hanne Blanks "Big Big Love" hatte ich gerade beendet. Gastgeberin und Schlussrednerin war Golda Poretsky, die mit ihrer Firma Body Love Wellness dicke Frauen dabei unterstützt, sich vom Diätzwang zu befreien und den Mut zu fassen, ihr Leben nicht mehr aufzuschieben, bis sie in eine bestimmt Kleidergröße passen.
Sheri Winston: "You don't have to be a certain size to be a sex goddess." (Du must keine bestimmt Kleidergröße haben, um eine Sexgöttin zu sein."
Sheri Winston, ihres Zeichens ganzheitliche Sex-Trainerin, lieferte den ersten Beitrag und die Erkenntnis, dass die Qualität von Sex und Orgasmen schlicht eine Frage von Übung ist. Und üben sollte man so viel wie möglich - insbesondere allein, weil einem das die Möglichkeit gibt, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren und sich selbst (wieder/besser) kennenzulernen. Für dicke Frauen, die eine lange Periode der Entfremdung vom eigenen Körper hinter sich haben, ist neuer Schwung beim Solo-Sex der erste Schritt. Besonders schön fand ich hier den Hinweis, Atmung und "Geräusche" nicht zu vernachlässigen. Wer sich nicht traut zu stöhnen, weil die Nachbarn es vielleicht hören könnten, verzichtet auf wertvolle Orgasmusbeschleunigung. In dem Zusammenhang musste ich an die Aussage der Performance-Künstlerin Annie Sprinkle denken, die sich eigenen Angaben nach in einen Orgasmus hineinatmen kann. Das wäre ja auch praktisch. Zum Beispiel wenn man mal wieder im Stau steht. ; )
11.02.2013 - Nachtrag: Das mit dem Atmen und den "Geräuschen" habe ich jetzt einfach mal beim Fahren auf der Autobahn probiert, denn das ist ja auch immer so eintönig - und da hört einen garantiert niemand. Ich habe so getan, als würde ich einen Pornofilm sychronisieren und RICHTIG VIEL KRACH dabei gemacht. Meine Güte, das fördert WIRKLICH die Durchblutung - und das mit beiden Händen am Steuer. Ein bisschen habe ich allerding die Kontrolle über die Geschwindigkeit verloren, gut, dass ich in keine Radarfalle gerauscht bin... ; )
Rebecca Jane Weinstein: "If you think you're hot, others will think you're hot." (Wenn du dich selbst sexy findest, werden dich andere sexy finden.)
Rebecca Jane Weinstein las eine Passage aus ihrem Buch "Fat Sex", und ich hatte die Gelegenheit, ihr zwei Frage dazu zu stellen. Die erste war, ob es für die Menschen, die sie für das Buch interviewt hat, einfach war, sich zu öffnen. Rebeccas Antwort war, dass sie von deren Bedürfnis, ihre Erfahrungen mitzuteilen und ihre Geschichten (zumeist als dicke Frauen auf der Suche nach einer selbstbestimmten Sexualität) zu erzählen manchmal schlicht überwältigt war. Auf die zweite Frage, ob sie auch negative Reaktionen auf das Buch erhalten hätte, sagte sie, dass sie eigentlich von der großen Unterstützung, auch in den Medien, überrascht war, dass jedoch oft ein "Aber" in den positiven Reaktionen mitschwang (ABER es ist ungesund, dick zu sein). Die wichtigste Erkenntnis, die Rebecca aus der Arbeit an "Fat Sex" gewonnen hat, ist übrigens, dass es wirklich Selbstbewusstsein ist, das attraktiv macht.
Cija Black: "Don't ever settle." (Gib' dich nie einfach zufrieden.)
Cija Black hat ein Buch über Online-Dating geschrieben und rät allen, aber insbesondere dicken Frauen, einen kleinen Fragenkatalog abzuarbeiten, bevor sie sich überhaupt daran machen, sich im Internet auf die Suche nach Partnern zu begeben: Wer bist du JETZT eigentlich? Was steht dir zu? (Sie schlägt vor, eine Liste aufzustellen: Zehn gute Dinge, die man im Leben verdient.) Wie sind Menschen bisher mit dir umgegangen? Kann das so bleiben? Was für Grenzen habe ich, und wie kann ich dafür sorgen, dass sie respektiert werden? Bin ich bereit, meine Komfortzone zu verlassen? Natürlich ruft auch sie dazu auf, seinen Mut zusammenzunehmen und sich so zu lieben, wie man ist - und verweist auf eine Übung, die die Macht des Bildes nutzt: Die Erstellung eines Vision Boards mit positiven Abbildungen dicker Körper. Auf meine Frage, wie man beim Online-Dating mit Ablehnung am besten umgeht, antwortete sie: Nicht zu viel erwarten, Körbe nicht persönlich nehmen, nicht zu schnell zu viel Gefühl investieren, zu vielen Verabredungen gehen, denn das übt. Außerdem, so pflichtet Golda ihr hier bei, ist es nicht so schlimm, wenn das Date am Dienstag schlecht läuft, weil das nächste ja schon am Donnerstag ist.
Virgie Tovar: "Cuteness is a state of mind." (Hübschsein ist Einstellungssache.)
Mit Virgie Tovar ging es zur Sache. In ihrer Kurzvorstellung zum Seminar teilte sie uns bereits mit, dass sie am 21. Januar mit einem grauäugigen Spanier auf einer portugiesischen Terrasse im Mondlicht und mit dem Rauschen des Meeres in den Ohren Sex gehabt hat. Das können vermutlich nicht viele von uns behaupten. ; ) Virgie gibt zu bedenken, dass dicke Körper anders sind, als nicht-dicke und darum mitunter auch anderen Sex haben (sollten). Wenn unsere Kultur und die gängigen Abbilder von Sexualität nicht so "schlank-zentrisch" wären, wüssten wir das als Dicke und würden uns besser darauf einstellen, indem wir gleich passendere Positionen bzw. Techniken wählen. Wenn Virgie z.B. oben ist, "hüpft" sie nicht auf und ab, sondern rollt ihr Becken ("grind and gyrate"). Ach, und Sex Toys sind großartig! Und wie findet Frau nun Übungspartner? Ganz einfach: Man macht sich hübsch, frischt den Lippenstift auf, ändert seine Einstellung zu sich selbst, hält Augenkontakt, flirtet - und lässt Visitenkarten drucken, die man möglicherweise interessierten und interessanten Kandidaten in die Hand drückt (mit Namen, E-Mail-Adresse und vielleicht Telefonnummer). So einfach ist das. Wenn es nicht gerade schwierig ist, vermute ich. Virgie besteht darauf: Es gibt da draußen Leute, die mit dir schlafen wollen. Mein Problem ist weiterhin: Was, wenn ich die nicht will? Und die, die ich will, wollen mich nicht?
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| "Nicki im Wunderland", ca. 1995 © Nicola Hinz |
Beim Vortrag von Tasha Fierce gab es bei mir ein kleines technisches Problem - ich konnte sie leider nur sehr schwer verstehen. Tasha beschäftigte sich mit Vorurteilen über die Sexualität von dicken Frauen - so sind dicke Frauen in den Köpfen vieler offenbar "dankbarer" für Sex und geben sich mehr Mühe, ihren Partner zu befriedigen, weil sie weniger Auswahl haben und darum weniger verlangen können. Und weil sie weniger Gelegenheit haben und nehmen müssen, was kommt, sind sie auch für den Glöckner von Notre Dame einfach und schnell ins Bett zu kriegen. Diese idiotischen Ideen entbehren schon deshalb jeder realen Basis, weil dicke Frauen Sex eben gerade aufgrund erheblicher Hemmungen oft ganz vermeiden. Tashas Rat an die dicke Frau, die endlich wieder sexuell richtig aktiv werden will, ist weitgehend ein Echo der vorangegangenen Vorträge: Selbstbestimmtheit üben und sich endlich klar gegen Diäten entscheiden. Masturbieren, was das Zeug hält, um herauszufinden, wie der eigene Körper aktuell funktioniert. Dann allen Mut zusammennehmen und sich einfach vor einem Partner nackig machen. Und wenn man den Mut nicht hat, dann tut man eben einfach so, als hätte man ihn (?!).
Hanne Blank: "What do you want?" (Was willst du?)
Hanne Blank griff die oben bereits erwähnten Klischees über dicke Frauen und ihre sexuellen Möglichkeiten wieder auf. Ihrer Ansicht nach dürfen dicke Frauen nicht auch noch selbst in die selbe Denkfalle geraten und am Ende glauben, sie könnten keine zu hohen Anforderungen stellen. Ihr Vorschlag war, eine genaue Erhebung über die eigenen sexuellen Vorlieben zu machen. Was für Sex will ich eigentlich haben? Das scheint eine einfache Frage und meine spontane Antwort war "Ich will alles!", was aber natürlich nur bewies, dass ich mir über die schiere Fülle der Möglichkeiten so spontan keine Gedanken gemacht hatte. Und sobald ich es tat, wurde mir sofort klar, dass es da verdammt viel gibt, was ich definitiv NICHT will. Natürlich hilft es, die eigenen Präferenzen und Grenzen gut zu kennen. Denn wie soll man etwas finden, von dem man nicht weiß, wie es eigentlich aussieht? Und das macht auch Hanne klar: Man verdient es, das zu bekommen, was man sich wünscht. Auch als dicke Frau.
Golda Poretsky: "I'm awesome and anyone who's with me is really lucky." (Ich bin toll, und jeder, der mit mir zusammen ist, hat wirklich Glück.)
Golda Poretskys abschließender Beitrag befasste sich mit dem Erstellen wirksamer Online-Dating-Profile. Ihr Rat ist, an die Sache heranzugehen, als wolle man ein Produkt an den passenden Käufer bringen. Die Frage, die man sich in der Tat stellen soll, lautet somit auch: Wer ist der ideale Konsument (Partner), und wie erreiche ich ihn am wirksamsten? Texte sollten kurz, knackig und positiv sein. Ein wenig Exzentrik, Drolligkeit oder Exotik kann nicht schaden, Ehrlichkeit ist allerding Trumpf. Das gilt übrigens auch für Bilder, die möglichst vorteilhaft aber nicht erheblich schöner oder jünger sein dürfen, als man wirklich ist. Am interessantesten fand ich die Idee, eine konkrete Handlungsaufforderung im Profil zu platzieren: "Wenn du dich gern auf einen Kaffee mit mir treffen würdest, sende mir eine Nachricht." Laut Golda sollte das mit dem Kaffee übrigens schnell über die Bühne gehen - lange E-Mails, die hin und her geschickt werden, können dieses Treffen nicht ersetzen und sind ihrer Auffassung nach mithin kontraproduktiv. Hab' ich doch immer gesagt. ; )
Wieder was gelernt.
Darf man den Dozentinnen glauben, ist Pragmatismus gepaart mit Kühnheit und dickem Selbstbewusstsein das Gebot der Stunde, wenn es darum geht, sein Liebesleben aufzumöbeln. Wer möglichst schnell viele Frösche küsst, hat bessere Chancen, dass ein Prinz darunter ist. Jeder Frosch, der einer bleibt, ist in ihren Augen trotzdem eine neue Chance, sich weiterzuentwickeln und dazuzulernen. Selbstbewusstsein gewinnt, wer seinen Körper kennt und schätzt - und weiß, was er will. So weit so gut.
Tatsächlich hatte ich bei der Veranstaltung viel Spaß. Es hat mir Kraft gegeben und Mut gemacht, von den Erfahrungen dieser starken Frauen zu hören, etwas über ihre erfolgreiche Reise zur Selbstakzeptanz zu erfahren und ein ums andere Mal zugerufen zu bekommen: Du bist großartig und wunderschön, so wie du bist! Jetzt geh raus und zeig es allen! Hab Spaß! Hab Sex! Sei du selbst! Und hol dir die Liebe, die du auch verdienst, denn die wartet da draußen schon auf dich! Genau genommen war das Ganze am Ende mehr ein Energietransfer und eine Reihe von Pep-Talks (oft basierend auf dem eigenen Beispiel - "wenn ich das kann, kannst du das auch") als alles andere.
Was bleibt ist trotzdem die atemlose Frage: Woher den Mut und das Selbstbewusstsein nehmen? Vermutlich muss man sie tatsächlich bauen wie ein Haus aus Lego. Immer wenn man wieder mal einen kleinen Schritt vorwärts und vielleicht eine positive Erfahrung gemacht hat, kommt ein neuer Stein dazu. Was mir ganz klar fehlte, war die gründlichere Thematisierung der offensichtlichen Mühsamkeit eben jenes Prozesses.
Und was einerseits zunächst und auch im Großen und Ganzen heilsam war, war in seiner Redundanz am Ende dann trotzdem manchmal etwas nervig. Auch der wiederholte Hinweis, dass es egal ist, welche Kleidergröße man trägt, weil Sexiness ohnehin von innen kommt, scheint mir nicht ohne Falltür. Entweder mein dicker Körper ist wunderschön und sexy oder nicht. Und wenn er es ist, wer braucht dann noch den Hinweis auf innere Werte? Außerdem, und das mag ein ganz persönliches Problem von mir sein, aber wenn man mir zu oft sagt, ich soll mich "hübsch machen und positiv sein", treten automatisch meine Adern an der Schläfen hervor und mein innerer Hulk beginnt zu rumoren. Dabei ist mit "Hübschmachen" natürlich auch ein Akt der Selbstliebe gemeint. Ich soll es mir wert sein, dass ich mich im bestmöglichen Zustand der Welt präsentiere. Allerdings tue ich das immer. Der Zustand in dem man mich auf der Straße antrifft, ist immer der beste, der mir in der gegebenen Situation und mit dem momentan zur Verfügung stehenden Selbstwertgefühl möglich war. Und das ist trotzdem oft ohne Lippenstift. Und eher unfröhlich obendrein. Womit wir wieder bei o.g. Frage wären.
Trotzdem, das Seminar war ein Bausteinchen, und ich habe das Gefühl, ich werde mich jetzt bald irgendetwas trauen, um mein Liebesleben tatsächlich in Fahrt zu bringen. Ich weiß nur noch nicht, was. ; )
NH
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