Freitag, 7. August 2015

OOTD: Die perfekte Unterhose

Mit den Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit, wie sie momentan hier sind, ist SIE das Unter-kleidungsstück der Wahl für alle schweißtreibenden Ausflüge in die Wildnis. Sie ist so eine Art Wohlfühlrüstung.

Und bei heruntergelassenen Jalousien ist sie derzeit auch und vor allem für alle meine einsamen und inhäusigen Wochenendtätigkeiten, schreiben, lesen, staubsaugen, das genau richtige Outfit.


Geräumig, gemütlich, nachgiebig, mit weichen aber zuverlässigen Gummis und Nähten, schon eingetragen, aus blasser, bereits oft gewaschener Baumwolle (keine Chemie mehr drin), saugfähig, mit hohem Bündchen und niedrigem Beinabschluss. Die Superstars in meinem Kleiderschrank und immer nur sehr aufwendig und schwer zu ersetzen.

Und nein - das ist kein Scherz. Sondern eine Lektion in (dicker) Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge. Fühl' dich wohl in deiner Kleidung. Scheiß' drauf, ob's anderen gefällt!

NH




Sonntag, 2. August 2015

Ausgelesen: Dicksein

"Dicksein" von Eva Barlösius (Campus, 2014) behandelt ein hochinteressantes Thema auf so langweilige Weise, dass ich tatsächlich Monate gebraucht habe, um es zu beenden. Es geht um die Frage, ob Dicksein sich auf das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft in etwa so auswirkt, wie die Zuordnung zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Das würde z.B. die Frage beinhalten, ob sich Dicksein auf berufliche Chancen ähnlich auswirkt wie soziale Herkunft.

Aber das vergleichsweise dünne Buch ist so saftlos verfasst, wie eine mittelmäßige, wissenschaftliche Hausarbeit, und sowas in der Art ist es halt auch. Tatsächlich habe ich es ab der Hälfte nur noch überflogen. Das ist eben genau das Problem - das Thema Fett und seine sozialen Implikationen werden teilweise sogar von denen stiefmütterlich behandelt, die es trotz allem behandeln.

Die Arbeit basiert auf einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekt mit dem Titel "Verbesserung der Wirksamkeit der Adipositasprävention für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche (...blablabla)". Das an sich ermuntert nicht gerade zu großen Erwartungen. Auch verwirrt mich noch immer die Auswahl der Probanden und die Teilnahmevoraussetzung, einer bestimmten sozialen Schicht anzugehören, wenn doch untersucht werden soll/könnte, ob sich nicht gerade Dicksein selbst so auswirkt, wie ein Klassenunterschied. Da scheint mir etwas von vornherein vermischt worden zu sein, was nur zu gern zusammengewürfelt, aber vermeintlich ja auch statistisch in einen Topf  gehört: Dicksein und Zugehörigkeit zu einer bildungsfernen Gesellschaftschicht. Dass man als dicke Frau mancherorts automatisch für "ungebildet" gehalten wird, erfahre ich selbst übrigens auch immer wieder mal - vorzugsweise in Arztpraxen.

Empfehlen kann ich das Buch aus allen oben genannten Gründen eigentlich nicht, aber ich wollte hier wenigstens auf seine Existenz hinweisen.

Die Erkenntnisse, die die Autorin aus Gruppeninterviews mit dicken Jugendlichen aus schwachen sozialen Verhältnissen und deren Eltern gewonnen hat, umfassen u.a. die folgenden Aspekte:

Die Stigmatisierung Dicker hat in den vergangenen Jahrzehnten so zugenommen, dass ihr Ausmaß und ihre Ausbreitung mit denen von Rassismus gleichziehen. Gar "scheint die Diskriminierung und Herabsetzung von dicken Menschen eine der letzten Formen der Herabwürdigung zu sein, die auf gesellschaftliche Zustimmung und Anerkennung trifft". (S.23)

Körperlicher Eigenschaften sind für die Jugendlichen das allerwichtigste Kriterium, wenn es um die Einordnung und Bewertung anderer, aber auch der eigenen Person geht. "Die Typisierung in "dick" und "dünn" besitzt (...) die gleiche Allgegenwärtigkeit (...), wie (...) die (...) Unterscheidung der Geschlechter." (S.58)

Die dicken Jugendlich werteten sich im Gespräch selbst vorsorglich ab und rechtfertigten sich automatisch, weil sie sehr genau wissen, was "die Gesellschaft" über sie denkt. Sie kennen und unterstützen die Vorstellung, dass gewisse Lebensmittel und Körperformen "moralischer" sind, als andere.Tatsächlich reden sie auch nur mit dieser gesellschaftlich vorgegeben Sprache über sich und ihren Körper, weil sie "keine eigene Sprache für ihre Erfahrung mit dem Dicksein" (S. 55) entwickelt haben.

Die Betroffenen, die dicken Jugendlichen, sowie ihre Eltern, stimmen der gesellschaftlichen Annahme, dass Dicksein eine Folge mangelnder Disziplin und Selbstkontrolle ist, und die Benachteiligung Dicker damit verdient ist, weitgehend zu.

Was die geführten Interviews offenbar auch zeigen, ist, dass besonders diese "bildungsfernen" Eltern sehr stark verinnerlicht haben, was "gute und richtige" Ernährung ist und ein ständiges Schuldgefühl mit sich herumschleppen, wenn sie diesen Ansprüchen im Hinblick auf ihre Kinder nicht nachkommen - aus welchen Gründen auch immer.

Das bringt mich abschließend auch mal wieder zu dieser Frage: Könnte der Stress der ständigen Rechtfertigung und der permanenten Schuld/Ermahnung/Kritisierung der Kinder einen Effekt auf deren Körpergewicht haben - Stress, Rebellion und Jojo in Wirkungseinheit womöglich? Weil den gesellschaftlich pausenlos gescholtenen Eltern schlicht das Selbstbewusstsein fehlt, zu glauben, dass man schon das Richtige für die eigenen Kinder tut und weder sie noch man selbst der fettphobischen Gesellschaft etwas schuldet?

NH


Show Stopper.

Freitag, 31. Juli 2015

Das Lied der dicken Hexe


Seien wir ehrlich - bis jetzt war es ein echtes Scheißjahr. 

So scheiße, tatsächlich, dass mir plötzlich ganz dringend nach Räucherstäbchen zumute war. Meine Therapeutin rät mir schließlich auch immer an, "es mir schön zu machen" - Kerzen anzuzünden, noch einen Milchkaffee aufzusetzen und ein Fußbad zu machen. Oder so. Jedenfalls dachte ich, es kann ja nicht schaden, nach etlichen Jahren mal wieder meinem einstigen Lieblingsesoterikkaufhaus Wrage im hamburger Uni-Viertel einen Besuch abzustatten. Das war äußerst gerissen und höchst verschlagene Selbstüberlistung, denn eigentlich hätte ich natürlich genau wissen müssen, dass ich aus der Sache nicht nur mit etwas Rauchwerk herauskomme. Man könnte auch einfach und durchaus zutreffend konstatieren, dass die Verzweifelten (also ich) halt grundsätzlich und schon immer leichte Beute für die Wellness- und Esoterik-Industrie sind. Wo die wahre Welt sich nur noch querstellt, muss irgendetwas Überirdisches aushelfen, weil es sonst eben keiner tut. 

Aber natürlich habe ich auch einfach seit jeher eine große Freude am Übersinnlichen. Als ich ganz klein war, wollte ich noch eine Prinzessin sein. Spätestens mit dem Schuleintritt und der Lektüre der "Kleinen Hexe" sah ich meine zukünftige Laufbahn ganz klar als weise Frau mit Rabe und Katze im Wald. Streng genommen, hat sich daran bis heute nichts geändert. Streng genommen, könnte man vermutlich sogar sagen, mir fehlt nur noch der Rabe. Allerdings auch der Glaube. Naja, und Weisheit womöglich zudem.

Während ich als Kind plante, nach der Schule am damals noch existierenden landesweit einzigen Lehrstuhl für Parapsychologie zu studieren (dummerweise hat Professor Bender mein Abitur nicht überlebt), mit Anfang zwanzig denkbar verbissen positives Denken praktizierte und mir mit bis Anfang dreißig einen erheblichen Wissens- und Erfahrungsschatz im Bereich Hexerei und Voodoo erarbeitet hatte, so war ich doch auch stets skeptisch. Und am Ende gewann die Skepsis immer. Natürlich auch deshalb, weil die Ergebnisse schlicht nicht zufriedenstellend waren. Übrigens, sollte irgendjemand Angst vor Flüchen, Verwünschung oder schwarzer Magie haben, so kann ich ihn komplett beruhigen. Wenn es möglich wäre, anderen mit Zauberei zu schaden, wäre meine Shit-List zum Jahresende vermutlich leer gewesen, da mit dämonischer Hilfestellung bereits handfest erledigt...(nein, ich bin wirklich nicht besonders nett).

Obwohl ich meine einst ausgesprochen umfangreiche Selbsthilfe- und Esoterikbibliothek (die beiden Gebiete überlappen ja gern) inzwischen sehr stark ausgedünnt habe, gab es natürlich trotzdem einige besonders eindrucksvolle Perlen der Unvernunft, die ich behalten habe. So bin ich noch immer im Besitz von "Der kosmische Bestellservice" von Bärbel Mohr, sowie dem Nachfolgewerk "Reklamationen beim Universum", in dem die Autorin darlegt, warum es mit den Bestellungen beim Universum so oft einfach nicht klappen will. Die höchst frustrierende Erklärung war übrigens, dass man für das, was man beim Universum bestellt, nicht wirklich dringenden Bedarf haben darf, damit das Ganze auch was wird...den berühmten Parkplatz sollte man also niemals gerade dann bestellen, wenn man vorhat, irgendwohin zu fahren. Potzblitz, da schlägt man sich doch erleichtert an die Stirn - da hätte man schließlich wirklich selbst drauf kommen können...

Ich bin mir sicher, ich habe die beiden grotesken Bändchen damals ebenfalls bei Wrage erworben. Und ausgerechnet heute, über 12 Jahre danach, habe ich zum ersten Mal den beim Universum vorbestellten Parkplatz an der Uni auch bekommen. Das Universum hat halt einfach unverschämte Lieferzeiten. Aber wenn ich lange genug lebe, kommt vermutlich irgendwann der Oscar für Regie auch noch an.

Als ich in das Geschäft trat, ging es mir gleich ein wenig besser. Es roch ganz genauso süßlich-muffig, wie vor Jahren (so ziemlich alles, was man dort kauft, riecht dann auch so), und der Laden ist nach wie vor vollgestopft mit hübschen Postkarten, Notizbüchern (viel mehr brauche ich bekanntlich nicht, um gleich etwas fröhlicher zu sein), Glücksbringern, Kristallen, spirituellem Nippes und bunten, von hinten angeleuchteten Aura-Soma-Fläschchen. Die Tarot- und Hexenabteilungen sind nicht mehr so umfangreich, wie ich sie in Erinnerung hatte - dafür sind offenbar Engel der letzte Schrei. Die Autorin Alexandra Strüven lässt uns in einer Leseprobe zum bald erscheinenden Buch "Lass uns über Engel sprechen" sogleich wissen: "Ob ich im Café sitze oder im ICE, die Engel sind immer bei mir." Ich weiß ja nicht, ob ich so etwas herumerzählen würde...während Kinder, die imaginäre Freunde haben, laut Studien kreativer und neugieriger sind als solche ohne, bin ich ich mir ziemlich sicher, dass das für Menschen mit zweistelligem Alter nicht mehr gilt. In den umfangreichen Aufstellern mit Broschüren und Seminar-Angeboten bin ich dann mit dem Instinkt eines nörgeligen Bluthundes auf noch ein besonders perfides Beratungsjuwel gestoßen: "Intelligent(,) gesund, schlank, erfolgreich & glücklich durch Beratung & Energie..." Der Hochglanzflyer in Gold und Weiß bewarb mit haarsträubender Rechtschreibung und Verworrenheit die Dienste einer Heilerin, unter deren Bild ernsthaft "Hamburg - New York" stand, so als sei sie eine Schuhmarke. Make no mistake - hier geht es um Geld, Geld und noch mehr Geld. Und die Frau Fock, die offenbar auch schon mal in New York war, hilft gegen Geld auch gern bei etwaigen Krebserkrankungen...

Wie dem auch sei...der Esoterikmarkt ist wie ein Kasino - man kann sich ein wenig treiben lassen, umsehen, kurz und überschaubar amüsieren oder ablenken lassen und dann wieder gehen. Oder man hat Pech, ist anfällig, den Profiteuren ausgeliefert und lässt sich psychisch, gesundheitlich und/oder finanziell ruinieren. 

Ich hab' dann, überwältigt von Nostalgie und Wiedersehensfreude, ebenfalls lauter Geld ausgegeben, dass ich nicht habe. Hauptsächlich allerdings für Postkarten, Notizbücher und die besagten Räucherstäbchen. Aber eben auch für neue Kartendecks, weil mir die Motive so gefielen und es doch Spaß macht, sich hin und wieder unverbindlich und augenzwinkernd in die Zukunft zu schauen (und im Universum verschollene Bestellungen zu tracken), sowie für ein paar Ausgaben aus der Reihe "Das kleine Übungsheft". Das Allererste, was übrigens in meinem Einkaufskorb gelandet ist, war ein Hörbuch fürs Auto: "E²" von Pam Grout. Die liefert hier angeblich "Neun Beweise zum Selbsttesten", dass wir unsere Realität höchstpersönlich und gedanklich erschaffen, etwas, was ich ja bekanntlich gern bestreite. Laut Klappentext ist es "ein Muss, für jeden, der nur glaubt, was er sieht." Ha, das werden wir dann schon sehen! Zumindest ist der Text bisher knackig und kurzweilig, und der Sprecherin Susanne Aernecke kann man ganz gut zuhören.

An der Kasse lagen dann, man mag es kaum glauben, Blöcke mit Bestellformularen ans Universum. Da war der Absurditätsfaktor so groß, dass ich allein zu Beweiszwecken einen mitnehmen musste. Obendrein hab' ich dann jedoch auch gleich schon mal neu damit begonnen, meine Realität zu erschaffen.




Zu guter Letzt habe ich sogar noch eine Flasche Wolke 7 Energetikspray erworben. Das riecht gut und reinigt die "Chakren im Bereich der Aura". Wie gesagt, es war ein Scheißjahr. Wenn gar nichts mehr hilft, kann es vermutlich zumindest nicht schaden, die Aura mal ein wenig vom Dreck zu befreien. 



NH

Freitag, 24. Juli 2015

Follow me around 30: Umnachtung

Stimmung

Die letzte Woche fing schon schlecht an, als sie eigentlich noch gar nicht angefangen hatte. Ich wurde am Samstagabend auf einer eigentlich sehr schönen Party an einem Tisch platziert, an dem u.a. bereits ein Steuerberater/Lokalpolitiker und seine dicke Frau saßen. Sie war mit echtem und falschem Glitzerkram geschmückt, wie ein Weihnachtsbaum und brachte die passende sprudelige Stimmung gleich mit. Erst dachte ich nur, sie wäre halt eine von diesen, wie ich finde, unangenehmen Dicken, die mit überzogen fröhlicher Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitude die Tatsache ausgleichen wollen, dass sie, so wie ich, zu einer als minderwertig empfundenen Bevölkerungsschicht gehören. Später stellte ich fest, dass sie auch ausgesprochen unhöflich war, denn sie setzte sich nach dem Essen zwischen mich und meine Nachbarin und blockte mich aus der Unterhaltung, indem sie mir ihren Rücken zudrehte.

Wahrscheinlich hatte sie es mir übel genommen, dass ich ihren Mann dabei erwischt hatte, ein nicht besonders heller Schwätzer zu sein. Wir konnten vom Tisch aus den Michel (St. Michaelis, Hamburg) sehen. Meine Nachbarin sagte: "Oh, der Michel!" Er erklärte ihr im Brustton der Überzeugung, das sei nicht der Michel. Mein Google sagte, dass er schlicht Unrecht hatte. Und das sagte ich ihm dann. Der Mann belehrte halt mal wieder besonders gern Frauen. Nacheinander meine Nachbarin, dann mich und schließlich sogar seine eigene Frau. Dummerweise lag er mit so ziemlich allem falsch. Heutzutage ist das ja im Zweifel besonders schnell und leicht nachzuweisen. Was manche Ehefrauen so aushalten...aber vermutlich sieht sie nichts bzw. alles ganz anders. Sie nannte ihn stolz "großer Bär". Ein Bild vom "kleinen Bären" (das Kind heißt tatsächlich "Urs") hatte sie mir bereits Sekunden nachdem ich mich an den Tisch gesetzt hatte, unter die Nase gehalten.

Was bedeutet diese Episode nun eigentlich? Ich kann öfter mal gar nicht so gut mit anderen Dicken. Das hat mich immer ein wenig frustriert, wenn das passiert ist. Aber warum eigentlich? Schließlich sind wir nicht automatisch im selben Club. Und Dicke sind nicht automatisch bessere Menschen. Das denkt man nur immer, wegen ihrer persönlichen Diskriminierungsgeschichte, die sie schließlich, wie wir alle, irgendwie schon haben müssen. Aber nicht jede(r) kommt am Ende des Spülganges mit der gleichen Gemütsverfassung und Weltsicht wieder heraus. Und Solidarität ist im Alltag und auch sonst ja ohnehin immer so eine Sache. So wie Angela Merkel keine Verpflichtung hat, Politik für Frauen zu machen, und darüber hinaus nun auch über das mühsam erstrittene Recht verfügt, ganz genauso reaktionär und machthungrig zu agieren, wie jeder reaktionäre und machthungrige Mann, haben Dicke natürlich keine Verpflichtung, ausgerechnet zu mir nett zu sein.Und sind sie halt oft auch nicht.

Konkurrenz unter Dicken?

Ich bin bereits in all diesen Kategorien gescheitert: mit der besten dicken Freundin, diversen Stammtischen für dicke Frauen, auf dicken Tanzparties, sowie in Internetforen für Dicke. Es macht mich als Feministin nicht froh, von Bissigkeit und Konkurrenzgebaren unter Frauen zu sprechen, weil es mir viel lieber wäre, das bliebe in meiner Welt nur ein  abgedroschenes Klischee, aber oft waren es wohl wirklich solche Schwingungen, die mich dazu gebracht haben, mich von entsprechenden Zusammenschlüssen wieder zu trennen. "Wenn du immer und überall fast ausschließlich auf dicke verbissene Konkurrentinnen statt Schwestern triffst, bist am Ende womöglich doch du selbst die, die immer automatisch konkurriert", schallt es aus naseweiser Quelle über die Straße. Wer weiß...

Was ich weiß (und vermutlich auch hinreichend mitgeteilt habe) ist, dass meine Wut stetig auf jene wächst, die sich anpassen, den Kopf einziehen, insgeheim noch immer auf dünne Zeiten hoffen, und den Kampf für die eigene gesellschaftliche Akzeptanz und gegen die eigene Diskriminierung im günstigen Falle anderen überlassen. Im schlechteren stemmen sie sich noch gegen derartige Bemühungen. Dicke Anti-Dicke sind mir genauso ein Rätsel, wie Antifeministinnen. Auf beide bin ich mitunter so sauer, dass ich gelegentlich mit dem Gedanken spiele, doch noch eine Karriere als Autorin seifiger, antiemanzipatorischer Frauenromane zu starten, in denen dicke, tramplige Heldinnen regelmäßig schön und schlank werden, bevor sie endlich doch noch ihr Glück finden.

Meine Therapeutin hat mich letzte Woche Donnerstag in einer Gruppensituation beobachtet (therapeutische Kochgruppe in ihrer Praxis) und mir danach am Dienstag mitgeteilt, ich hätte so viel unnahbarer gewirkt, als im normalen Gespräch und damit womöglich die anderen Gruppenmitglieder verunsichert. Das fand ich bemerkenswert, denn ich hatte mich einfach nur zurückgehalten, um explizit niemanden zu verschrecken. Mir ist bewusst, dass ich leicht zu viel werden kann, wenn ich meine Ansichten, Überlegungen, meinen Humor und meine Abneigungen zu deutlich austeile. Darum nehme ich mich im direkten Zusammentreffen mit anderen oft zurück. Offenbar mit dem Ergebnis, dass man mich dann leicht für unzugänglich hält. Schöner Mist.

"Zu viel" zu sein, ist eine Erfahrung, die ich mehr als hundertmal gemacht habe. Und das eben nicht nur, was meinen Körper angeht. Ich bin im persönlichen Umgang oft bemüht, Menschen nicht zu überfordern, weil es nicht meiner Erfahrung entspricht, dass ich besonders gemocht werde, wenn ich da den Rahmen sprenge.

Während kapriziöses Drama beispielsweise geradezu ein Lebens- und Erfolgsrezept vieler Frauen im Umgang mit Männern zu sein scheint und sie offenbar niedlich, geheimnisvoll und schutzwürdig erscheinen lässt, hat bei mir "Kompliziertheit" eigentlich immer nur dazu geführt, dass sich andere abwenden. Mich hebt keiner fasziniert vom Boden auf, streicht mir über den Kopf und hält mein emotionales und geistiges Übermaß für eine Aufforderung, sich zu Rettungsaktionen aufzuschwingen. Warum eigentlich nicht, wollte ich von meiner Therapeutin wissen. Das ist sowas von unfair. Wusste sie aber auch nicht.

Das Ende vom Lied

Als Beispiel für oben beschriebenes Dilemma endete in dieser Woche die spaßhafte Androhung durch mich, persönlich ein Geburtagsständchen vorzutragen, unbegreiflicherweise in einem weiteren zwischenmenschlichen Bruch. Wahrscheinlich hätte ein Video von mir mit Sprühsahne auf dem Busen (wie im letzten Jahr) mehr Anklang gefunden, aber dazu hatte ich keine Lust. Wahrscheinlich hätte ich mich wieder komplett zurück halten sollen - ich weiß schließlich, dass Geburtstage eine kniffelige und empfindliche Angelegenheit sein können. Aber es war mir ein Bedürfnis, mich einfach zu melden. Genau genommen war es mir ein Bedürfnis, vom Empfänger mal wieder wahrgenommen zu werden. Aber er hat mich scheinbar abermals nicht gesehen. Und nach zwei Jahren, in denen ich mich in dieser Verbindung oft wie der letzte Dreck gefühlt und mich trotzdem weiter bemüht habe, weil sie mir so furchtbar wichtig war/ist, habe ich dann so deutlich gesagt, was ich denke, dass von nun an zumindest ich selbst nicht mehr in der Position bin, hier, wie vielleicht vormals noch möglich, eine Rückabwicklung vorzunehmen. Und da ich wirklich nicht damit rechne, dass mir derjenige plötzlich vom Boden aufhilft, weil er mich so niedlich findet - one down, no one to go.*

Nachtwanderung

Sonntagnacht wanderte ich allein durch den Ort. Zwei junge Menschen kamen mir im Dunkeln auf dem Bürgersteig mit einem Hund entgegen. Die Frau lief auf meiner Seite direkt auf mich zu. Es bestanden zwei Möglichkeiten: Entweder sie weicht hinter oder vor ihren Begleiter aus, oder sie rennt direkt in mich rein. Und das hat sie dann auch getan. Offenen Auges. Weil sie bis zum letzten Moment hinter ihren stylischen Brillengläsern geglaubt hat, dass die dicke Alte schon einen Schritt zur Seite und auf die Straße machen wird, wenn sie in Paarformation auf mich zurauscht...

...War dann regelrecht ein wenig schmerzhaft, der Zusammenstoß. Und von ihrer Seite erstaunlicherweise komplett stumm. Während ich die Augen rollte und seufzte "Unfassbar!", begannen die beiden erst einige Meter die Straße hinauf damit, sich wieder murmelnd zu unterhalten.

Und nun ist schon wieder Freitag.



*Noch einer erledigt, keiner mehr da.

NH

Samstag, 18. Juli 2015

Follow me around 29: Stimmengewirr



Freitagabend war doch erst gestern.

Meine Therapeutin, die auf Hochtouren gegen meine Vereinsamung anarbeitet, wenngleich auch ohne maßgebliche Unterstützung von mir, will, dass ich "den Plan, Liebe zu finden" nicht aufgebe, bzw. wiederaufnehme. Ich werde bei dem Gedanken nur unendlich müde und traurig. Trotzdem habe ich heute Nachmittag aus einem Stapel Flohmarktbücher, die im Flur liegen, einen angegilbten Dating-Ratgeber wieder herausgezogen: "Jeder Fisch ist schön, wenn er an der Angel hängt" von Susanne Fröhlich und Constanze Kleis. Von 2002. Ich habe es selbst im letzten Jahr in einem Antiquariat gekauft - eigentlich, weil ich, wie immer bei solchen Büchern, dachte, es wäre eine gute Quelle für Satire. Aber mir war heute nicht mehr so recht zum Lachen. Natürlich steht in diesen Büchern immer das gleiche: 1. Ansprüche zurückschrauben. Und zwar so weit wie möglich. 2. Positiv sein. Und offen, offen, offen. 3. Unter Menschen gehen. Und das so viel wie möglich. Das alles sagt meine Therapeutin auch. Aber das alles liegt natürlich ganz und gar nicht in meiner Natur. Und damit schließt sich der Kreis. Die Vorbesitzerin hat 2002 ihren Namen auf die Innenseite des Covers geschrieben. Ob sie wohl im letzten Jahrzehnt angeleitet von Susanne Fröhlich einen dicken Fang gemacht hat?

Die Autorinnen empfehlen außerdem, nicht nur deshalb Orte außerhalb der eigenen vier Wände aufzusuchen, weil sich dort womöglich viele Kerle herumtreiben (wie z.B. ein Fußballstadium oder einen Golfplatz), sondern weil man auch gern an diesen Orten ist. Wenn es dann nichts mit der Männerbekanntschaft wird (und das ist ziemlich wahrscheinlich), hat man wenigstens trotzdem ein wenig Spaß gehabt. Damit ist es erst recht besiegelt - ich bleibe für immer alleinstehend mit Katze. Denn wenn man in Museen, bei nächtlichen Kinovorstellungen und in Schuhgeschäften interessante Männer kennenlernen würde, dann wüsste ich das inzwischen.

Insgesamt habe ich Ratgeber-Burnout. Ich weiß ohnehin alles besser. Ich wurde alt geboren und bin mittlerweile naturgemäß steinalt. Ich kann selbst Ratgeber schreiben...ach stimmt ja, das habe ich bereits. Der gehört übrigens auch in den Flohmarktstapel.

Wobei,...

...seit ich blond bin, gehen mir Männer überall aus dem Weg...im Sinne von "Platz machen". Im Auto lassen Sie mich plötzlich vor ihnen abbiegen oder die Spur wechseln. Und im Supermarkt, wenn sich die Wege unserer Einkaufswagen kreuzen, weichen sie aus oder halten an. Sie nicken mir zu und lassen mich in den Fahrstuhl vorgehen. Offenbar macht mich die neue Haarfarbe sehr viel sichtbarer. So komme ich plötzlich wieder vermehrt in den Genuss allgemeiner Höflichkeiten, die ich eigentlich nicht mehr kannte. Und das macht mich wirklich, wirklich...verdammt sauer. Es gibt Klischees, die sind so absurd und ärgerlich - die dürften einfach nicht stimmen...Es könnte natürlich auch sein, dass ich mich selbst mit der neuen Haarfarbe so verändert habe, dass ich allein dadurch bei anderen Leuten entsprechend neuartige Reaktionen hervorrrufe. An sowas glaube ich ja bekanntlich nicht so recht. Aber neugierig wäre ich schon, zu erleben, was ich erst für Veränderungen in der Beziehung zwischen mir und meiner Umwelt beobachten könnte, wenn ich mit heutigem Blick und Wissen noch einmal mit einem normschlanken Körper (und blond) durch die Weltgeschichte laufen würde...Thin Privilege* noch einmal bewusst und vor dem Hintergrund der zur Genüge gemachten gegenteiligen Erfahrung wahrzunehmen, das wäre vermutlich ein ausgesprochen erhellendes und gleichzeitig zutiefst deprimierendes Experiment. Wenn man feststellt, dass alles, was man über die Oberflächlichkeit der anderen lieber nicht so recht glauben wollte, doch stimmt - das muss echt fürchterlich sein.

Dass in meinem Fall "dick und blond" allerdings noch immer in der Hauptsache "dick und mittelalt" ist, habe ich im Zuge des unerwarteten Vorgelassenwerdens auch mitbekommen. Ich glaube, ich habe noch nie die männliche Abscheu gegen die dicke Frau, die ich bin, so deutlich gespürt, wie bei dem Schnösel, der mir eine Tür aufhalten musste, weil sein Kollege mir zuvor woanders den Vortritt gelassen hatte. Da musste er mitziehen, um nicht wie ein unerzogener Arsch dazustehen - und fand mich so widerwärtig, dass ich es schier riechen konnte, als ich an ihm vorbeiging.

Aber wo ich gerade bei Thin Privilege bin...

Beim Surfen durch deutsche Fettakzeptanz-Blogs bin ich auf einen ein paar Tage alten Fernsehbeitrag über die Curvy Modemesse gestolpert (ZDF, Hallo Deutschland). Der Bericht war fünf Minuten lang und zeigte mehrere kurze Interviews mit dicken Modebloggerinnen, einer Designerin und einem Model für große Größen. Und diese Gespräche wiederum enthielten so viele fettphobische Spitzen, dass ich schon wieder mal meinen fleischigen Ohren (kein Witz übrigens, die habe ich von meinem Vater geerbt) kaum trauen konnte/wollte. Die Selbstverständlichkeit, mit in der in der Branche offenbar unablässig Publikumsbeschimpfungen stattfinden, ist mir absolut rätselhaft. Denn mich hat dieser Umstand bereits wiederholt dazu gebracht, lieber nichts zu kaufen. Wie gut für Anna Scholz und ihre Kollegen, dass die meisten anderen Kundinnen das scheinbar nicht annähernd so eng (ha!) sehen, wie ich alte Meckerziege. Denn die Anna hat nach eigener Aussage "ihre Schwäche" (eine große Kleidergröße) zu einer Stärke gemacht. Eine Bloggerin gibt zu bedenken, dass die Models, die die Mode auf der Messe präsentieren, zwar Plus-Size-Models sind, weil sie ja immerhin Größe 40 oder 42 tragen, aber eigentlich "keine übergroßen Models" sind, weil sie ja "wunderschöne Proportionen" und einfach eine "tolle Figur" haben. Bei Größe 40/42 ist also noch nicht alles "sooo schlimm". Von einer anderen Bloggerin will die Interviewerin wissen, wie sie nun eigentlich ihre "Pölsterchen versteckt", woraufhin diese prompt darauf hinweist, dass eine bestimmte Rockform sehr hilfreich ist, wenn es darum geht, zu "kaschieren". Das Model Caterina Pogorzelski findet allerdings generell: "Man sieht nicht oft irgendwie ne übergewichtige Frau, die gut gestylt ist, gut zurecht gemacht ist." Das im Kern zumeist zutiefst fettphobische Gebaren von Modefirmen, die sich zwar auf große Größen spezialisiert haben, aber ihre eigenen Kundinnen pausenlos ermuntern, sich wegzukaschieren und ihre große Mode verlogenenerweise noch immer mehrheitlich an vergleichsweise dünnen Models präsentieren, könnte mich, glaube ich, eines schönen Tages durchaus so wütend machen, dass ich womöglich abnehmen würde, nur um ihnen kein Geld mehr zu geben und mich nie mehr mit ihnen und ihren spießigen Katalogen auseinandersetzen zu müssen. 

So. Und nun ist schon wieder Samstag. Bevor ich gehe - wie wäre es mit einer schnellen Runde Plus-Size-Bullshit-Bingo: Curvy, kurvig, kaschieren, mollig, starke Frauen, Pölsterchen, Formen, Problemzonen, wegzaubern, verstecken, strecken, ablenken, betonen, mildern, Rundungen, weiblich, weich, schmeichelhaft, Vollweib, Rubensfrau, Lebensfreude, mogeln, schummeln, wegzaubern, ein paar Kilos zu viel, fließend...wer macht weiter? ; )



*Die Abwesenheit negativer Reaktionen, Bewertung und Diskriminierung durch die Umwelt, die zur grundsätzlichen und durchgängigen Lebenserfahrung Dicker gehören.


NH