Sonntag, 13. September 2015

DER HIMMEL WAR SO BLAU...

...wie eine blaue Kaffeekanne.*

Diese großen Wendungen des Herzens, bei denen jemand plötzlich einem fahrenden Zug hinterher hetzt oder in letzter Sekunde auf den Flughafen stürmt - die gibt es nicht. Nur in Büchern und Filmen. Dort natürlich haufenweise, weil wir sie uns so sehr wünschen. Wir wünschen uns Wunder im Bewusstsein des anderen zu unseren Gunsten. Aber sie passieren einfach nicht. Oder so schleppend und zögerlich, dass man sich wirklich niemals sicher sein und die gefühlte Musik zum Ereignis auch unmöglich so lang anschwellen kann. Es ist zum Verzweifeln. Die Realität schweigt und beißt. Liebe beißt. 

Ich arbeite noch immer am Plan für die DICKE DAME DATING TOUR 2015. Speed Dating und Barhocken und so. So recht mag ich mich noch immer nicht aufraffen. Mit einer erfolglosen Tanzveranstaltung und einem weiteren grotesken Date aus der Hölle auf dem Konto der Fehlschläge, gab es in den letzten Wochen wirklich keine Zeichen, die dazu geeignet wären, eine zu ermutigen. Trotzdem weiß ich natürlich, dass mir kein Partner vor die Füße fallen wird. Ich kann mich nicht auf glückliche Zufälle verlassen - davon gab es in meinem Leben so gut wie keine. Ich muss immer was machen, damit was passiert. Und selbst dann ist kaum etwas jemals leicht. 


Hokuspokus

Ich habe hier bereits öfter erzählt, dass ich vor 20 Jahren eine große Anhängerin des "positiven Denkens" war. Als ich vor ein paar Wochen mal wieder im esoterischen Buchladen Wrage im Uni-Viertel war, habe ich, fast wie aus alter Gewohnheit, ein, zwei Bücher zum gleichen Thema mitgenommen. Tatsächlich sind Bestellungen beim Universum und das Gesetz der Anziehung offenbar auch nach Jahrzehnten noch immer Goldesel auf dem Esoterik-Markt. Allerdings natürlich nur für die AutorInnen und Gurus. 

Das Gesetzt der Anziehung besagt, dass Menschen die Dinge im Leben anziehen, bzw. "manifestieren", mit denen sie sich gedanklich am intensivsten beschäftigen, denn Gedanken sind angeblich eine Form von Energie, die Umstände und Gegenstände erschaffen kann. Wissenschaftlich ist das Konzept nicht. Und darüber hinaus ist es auch noch zutiefst bösartig und destruktiv, weil es Menschen auch für alles Schlechte, das ihnen im Leben geschieht, die Verantwortung zuschiebt. Wer krank ist, Opfer einer Straftat oder einer Naturkatastrophe, betrogen oder entlassen wird und keine Prada-Tasche hat, hat seine Gedanken einfach nicht unter Kontrolle, denn während positive Gedanken gute Dinge manifestieren, sind negative Gedanken genauso kreativ und führen zu Tod und Teufel. Und wenn es dazu kommt: Selbst Schuld!

Die Autorin Pam Grout schlägt in ihrem Buch E² (Ullstein, 2013) neun "Experimente" vor, die die Leserin selbst durchführen kann und die Zweiflern beweisen sollen, dass das Gesetz der Anziehung doch funktioniert. Ich habe ganz offenbar viel zu viel Zeit - auf jeden Fall habe ich das 1., 2., 4., 5. und 8. Experiment gemacht. Tatsächlich habe ich auch zu jedem brav ein "Laborprotokoll" ausgefüllt. Zwar habe ich davon abgesehen, mir eine Wünschelrute aus Kleiderbügeln zu basteln. Und ich habe auch nicht über meinem Essen gebetet und so versucht, innerhalb von 72 Stunden ein Pfund abzunehmen. Aber ich habe mich darauf konzentriert, einen Tag lang so viele gelbe Autos wie möglich wahrzunehmen, und habe es tatsächlich auf 38 gebracht. Aber obwohl es so schön gewesen wäre, sich eines Besseren belehren zu lassen, so traf doch, wie früher, nichts ein, auf das ich mich für jeweils 48 Stunden konzentriert habe. Das Universum blieb stumm und selbst Antworten auf ganz einfache Fragen schuldig, gab keinen Laut von sich und verteilte ebenso wenig auch nur die kleinsten, wahrscheinlichsten Geschenke (eine Aufgabe war, sich zu wünschen, dass innerhalb von zwei Tagen IRGENDETWAS Bemerkenswertes oder Unerwartetes passieren würde). Selbst das, worauf die Autorin natürlich zählt und was den meisten LeserInnen des Buches zumindest bei einigen der absichtlich höchst allgemein gehaltenen Experimente entgegen kommen und zu einem ansatzweise positiven Ergebnis führen dürfte, half mir in keinem der Versuche weiter - der glückliche Zufall. Innerhalb einer Woche geschah nicht ein einziges Mal zufällig irgendetwas, das ich mit viel Wohlwollen als Lächeln der universellen Energie hätte deuten können.

Schöne Scheiße.

Was mich am meisten ärgerte und im Übrigen auch erschreckte, war das starke, mir sehr vertraute Gefühl der Frustration und des Versagens, dass das Scheitern der sinnlosen und natürlich komplett verrückten "Experimente" in mir hervorrief. Wider besseres Wissen. Wir sind nur begrenzt in der Lage, unsere Angelegenheiten zu steuern. Aber es ist so verdammt schwer, das zu akzeptieren.

What would you do today if you didn't despise yourself?**

Inzwischen lese ich mir nun selbst laut Bücher vor. Unworthy (Penguin, 2015) von Anneli Rufus liest sich stellenweise tatsächlich wie ein Selbstgespräch. Es geht um Selbsthass und um Strategien, ihn schrittweise zu überwinden und hinter sich zu lassen. Ich kann nun meine eigene Stimme an einigen Stellen vor Betroffenheit kippen hören. Rufus weiß, wovon sie redet.Und wir sind Mitglieder im gleichen Club. Obwohl ich nun schon so lange als dicke Frau an meiner Selbstakzeptanz arbeite, musste ich feststellen, dass ich auf die Frage auf dem Cover (s. o.) noch immer so gar keine rechte Antwort habe. 

Genauso wenig verspüre ich aber offenbar den Impuls, automatisch einzuwenden: "Aber ich hasse mich doch gar nicht!" Weil die Sache wirklich nicht so eindeutig ist. Man kommt von so weit her und kommt doch noch immer nicht an. Und Rückfälle sind auch heute noch keine Seltenheit. Anneli Rufus hat zehn Fallen für Selbsthasser identifiziert: Nicht zu wissen, was man will; Probleme, die eigene Identität zu finden; Bedauern; Angst vor der Welt; Schweigen; Probleme, wirklich erwachsen zu werden; zu leicht aufzugeben, übermäßige Loyalität mit denen, die uns schaden; Zweifel am eigenen Potential - und harsche Selbstkritik. 

Ich muss mich genauer im Blick behalten. Denn eine ambivalente und vorsichtige Einstellung zu mir selbst fühlt sich für mich noch immer sehr viel natürlicher und stimmiger an, als rosarote Selbstliebe. Und dabei geht es nicht nur um Fett. Ich habe mich in den letzten Jahren auf mein Fett und seinen Platz in der Welt konzentriert, aber dabei sind vermutlich weitere Gründe für ein geringes Selbstwertgefühl eher unbearbeitet geblieben. Dabei wüsste ich wirklich gern, was ich in kompletter Abwesenheit von Selbstablehnung tun würde.


NH

* Frau Entes großer Tag (Pixi Buch 64)

** Was würdest du heute tun, wenn du dich nicht verachten würdest? (Unworthy, Anneli Rufus)

Dienstag, 1. September 2015

THE UGLY GIRL PROJECT: Finale

Das Ugly Girl Project kommt nun zu einem Ende. Die folgenden Bilder sind sicher nicht meine letzten Selfies, aber die letzten aus einer Reihe experimenteller Inszenierungen.

Dicke wollen bekanntlich oft nicht gern mit aufs Bild. Weil sie glauben, hässlich und monströs zu sein, und ihren eigenen Anblick nicht ertragen. Ganz genau so ging es mir die meiste Zeit meines Lebens. Das Ugly Girl Projekt war Teil meiner Selbstakzeptanz-Reise. Ich nahm mein Selbstbild buchstäblich in die eigenen Hände, und machte mir selbst ein Bild - eins, auf dem ich mich zunehmend gut ertragen und am Ende wirklich ganz OK finden konnte.

Das Projekt begann 2010. Damals hatte ich nur so eine Ahnung, dass Selfies eine Strategie sein könnten, einen frischen Zugang zum eigenen Selbstbild zu entwickeln. Am Anfang hatte ich es gern ein wenig körnig und unscharf, aber es ist mir im Verlauf der letzten Jahre gelungen, mich aus der Unschärfe herauszuschälen - und gleichzeitig habe ich gelernt, mich mit meinem dicken Körper mit sehr viel größerer Selbstverständlichkeit und zunehmender Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zu bewegen.

Einen abschließenden Zusammenschnitt der Selbstportraits aus den Jahren 2010 bis heute gibt es HIER.


Krone zurechtrücken...







© Nicola Hinz 2015

Freitag, 28. August 2015

Back to School Special

Another day, another drama...

(Britney Spears)

Kipperkarten zum Wahrsagen - Ausgabe von Regula E. Fiechter und Urban Trösch


Ich schlurfe seit geraumer Zeit durch mein Leben und habe das dringende Gefühl, dass es Zeit ist, etwas abzuschließen. Ich weiß zwar nicht was das „etwas“ wirklich ist, existiere aber in der Atmosphäre einer auslaufenden Lebensphase – ein wenig diffuse Erleichterung, ein wenig Desorientierung, eine stark verwackelte Aussicht auf Transformation. Etwas mehr Desorientierung als alles andere, vermutlich.

Fettakzeptanz. Been there, done that.*

Beim Durchgehen meiner Sprachmemos habe ich folgende Nachricht vom 24. April an mich selbst gefunden: "Das Blog hilft mir nicht mehr." Das stimmt übrigens immer wieder mal. Vielleicht sogar öfter als nicht. Ich habe aus meinen Zweifeln und meiner Frustration eigentlich nie ein Geheimnis gemacht. Die Tatsache, dass sich Fettaktivismus auf Deutsch nicht realistisch etablieren und ausweiten lässt und dass er sich weitgehend darin erschöpft, sich in Community-Schutzräumen zusammen zu tun und sich „trotzdem hübsch“ anzuziehen – all das lässt mich pausenlos an meinen Nägeln kauen, mit den Zähnen knirschen und mir meine Haare raufen.

Darüber hinaus stößt frau wieder und wieder auf das Phänomen, dass die Gemeinschaften und Foren von Dicken erstaunlich unzugängliche, ja geradezu elitäre und obendrein von Konkurrenz geprägte Strukturen haben können. Das mag natürlich auch auf das übergroße Bedürfnis zurückzuführen sein, sich zu schützen. Vor schlechten Gefühlen. Vor Negativität. Aber eben auch vor der Wahrheit über das Dicksein in unserer Gesellschaft. Leah hat mehrere Beiträge über dieses Thema und ihre gelegentlich aufflammende Enttäuschung darüber geschrieben. Sie und ich haben im Internet mithin ähnliche Beobachtungen gemacht. Wie startet man z.B. ein so richtig erfolgreiches „Fettakzeptanz-Blog“? 1. Sei nicht zu dick. 2. Lächeln, lächeln, lächeln.

Obwohl ich für mich selbst riesige Schritte in Richtung Selbstakzeptanz gemacht habe, und ich mein Blog tatsächlich für richtig und manchmal auch richtig wichtig halte, komme ich doch in beiden Disziplinen an Grenzen, die mich nun immer öfter anhalten lassen. Und dann sehe ich mich um – nach neuen Wegen. Wie setze ich in Zukunft die Reise zu dicker Akzeptanz für mich selbst fort? Und wie viel Energie kann ich zukünftig investieren, um andere ebenfalls aufzuwiegeln, sich auch auf die Reise zu machen? Wie wichtig kann es mir weiterhin sein, andere trotz ihres offenkundig nur zögerlichen oder ambivalenten Interesses irgendwie doch in den fahrenden Zug zu zerren? Denn so fühlt es sich mitunter an, wenn man sich pausenlos quasi in Vertretung für andere echauffiert. Und das ist etwas, was ich nicht nur im Hinblick auf Fettakzeptanz tue. Mir antue. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. 

Und garantiert nie wieder werde ich meine Nase in ein Weight Watchers Magazin stecken, nur um noch mehr über Fettphobie zu begreifen. Obwohl ich sagen muss, dass mir schleierhaft ist, wie weite Teile der Leserinnenschaft diese Art von Lektüre, die im Hinblick auf weiblichen Selbsthass jede konventionelle Frauenzeitschrift weit in den Schatten stellt, offenbar regelmäßig überstehen, ohne sich die Pulsadern aufzuschneiden. Wie man wiederholt derartige sektengesteuerte Attacken auf das eigene Selbstwertgefühl aushält, ist mir ein Rätsel...

Aber wo war ich eigentlich gerade?

Ach, ja...ich muss meine Zuständigkeiten klären. Und ab jetzt bin ich radikal für mich selbst zuständig. Und wenn es in diesem Blog natürlich auch jetzt schon meistens irgendwie um mich geht, dann wird es in Zukunft sogar so sein:

I’m sorry if that sounds selfish, but it’s ME, ME, ME! 
(Jennifer Saunders, Absolutely Fabulous)
 Der Stand:
  • Ich bin 43 Jahre alt.
  • Ich bin Single. Das ist nicht das, was ich mir wünsche.
  • Beruflich und finanziell befinde ich mich in einem desorientierten und eigentlich auch ziemlich desolaten Zustand.
  • Gesundheitlich arbeite ich daran, einen erhöhten Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen. Außerdem fühle ich mich bei Weitem nicht so stark und körperlich fit, wie ich gern wäre.
  • Und was ich trotz aller Fortschritte auf meinem Weg zu dicker Selbstakzeptanz an meinem Körper wirklich gern ändern würde, das sind die ballonartigen, omahaften Wasserfüße, die ich am Abend habe. Da! Ich hab’s gesagt! Diese Füße vertragen sich auch heute einfach nicht mit meinem Selbstbild. Und schon gar nicht mit dem, was von meiner Schuhsammlung übrig ist.
  • Ich hätte wirklich gern mehr Spaß im Leben.

Zunächst einmal werde ich wohl das UGLY GIRL PROJECT abschließen. Da braucht es nun noch ein Finale. Und dann leere ich die Hälfte der Bilderrahmen, die hier in meinem Zuhause herumstehen, und mache Platz für zukünftige Erinnerungen. (In den meisten Rahmen steckt übrigens meine Mutter.) Dann werde ich (u.U. zeitgleich) beginnen, zu trainieren und zu vloggen. In den kommenden Monaten lese ich nur noch Krimis und National Geographic. Womöglich buche ich mir zwischendurch auch noch einige Coaching-Termine mit ein paar Pinguinen. Und dann sehen wir mal weiter.

*Kenn' ich alles schon. / Erledigt.


NH


Freitag, 21. August 2015

Ausgelesen: Das kleine Übungsheft - Frieden schließen mit dem eigenen Körper

Die "Kleinen Übungshefte" aus dem Trinity Verlag haben eine hübsche Aufmachung, und man braucht vielleicht eine halbe Stunde, um sie zu lesen.

Und im Falle des o.g. Übungsheftes von Anne Marrez & Maggie Oda ist das auch wirklich das Äußerste, was man an Zeit investieren sollte. Die Broschüre sieht so klein und unschuldig aus - und ist doch ein echt fieses Terrorwerk. Eine der Autorinnen ist übrigens im Diätgeschäft...

Um es kurz zu machen: Die 62 Seiten enthalten mindestens fünfmal das Wort "Makel" und viermal das Wort "Mangel". Diese hat frau nun einmal, soll sie aber nicht so tragisch nehmen.

Das heißt, Schönheit als im Grunde objektiver und ziemlich klar definierter Wert wird hier überhaupt nicht herausgefordert. Es geht nur darum, dass man sich nicht von der eigenen Hässlichkeit (den naturgegebenen "Makeln") komplett runterziehen lässt. Wobei man am eigenen negativen Körperbild ohnehin selbst Schuld ist: "der (...) Schönheitskult (...) entsteht (...) in erster Linie in Ihrem Kopf." Na dann.

Die automatische Verbindung von Dicksein und Hässlichkeit taucht erstaunlich konsequent auf. Denn viele Frauen fühlen sich "dick und hässlich" (S. 5) und "zu hässlich, zu dick" (S. 28). Sie denken, ihr "fetter Bauch steht raus" (S.38), oder "Ich bin hässlich, ich bin fett" (S.34), und das, OBWOHL sie "in Wirklichkeit ein gesundes Gewicht" haben (S.11). Auf Seite 6 ist sie dann auch abgebildet - die dünne Frau, die ja eigentlich gar nicht hässlich ist, aber sich selbst im Spiegel als dicke, und im Gesicht zusätzlich wirklich ungünstig aufgedunsene Frau sieht.

Damit wird ziemlich schnell klar, dass sich dieses giftige Heftchen mit seinen biederen, flachen Übungen für Selbstakzeptanz offenbar in der Hauptsache an Frauen wendet, die sich "fett und hässlich" fühlen, und ganz klar nicht an solche, die fett (und damit offenbar in den Augen der Autorinnen unübertroffen hässlich) sind.

Fett ist, wie immer, auch hier das Allerallerallerschlimmste. So schlimm, dass man echtes Dicksein auch nicht so wie die anderen möglichen "Makel" mithilfe von Atemübungen und durch Lächeln (kein Witz, S. 58) wegakzeptieren kann. Stattdessen wird den Leserinnen auch hier nahegelegt, sich nicht abzukapseln und zu essen (S. 50), denn das "gefährdet Ihre Gesundheit." Statt "zu viel zu essen", sollte man lieber "Sport treiben" (S. 51).

Wenn Ratgeber zur Akzeptanz des eigenen Körpers vollgestopft sind mit Fettphobie und Abweichungen von Normschönheit tatsächlich durchgängig als "Mangel" identifizieren, wird es echt eng. Dummerweise ist dieser bekanntlich nicht der erste seiner Art, der uns hier unter die Augen kommt. Was bitte soll das sein? Eine besonders perfide, subversive Form der fortgesetzten Demoralisierung von ohnehin bereits angeschlagenen Frauengemütern?

FUCK 'EM! Ernsthaft.

NH 

Dienstag, 18. August 2015

Ausgelesen: "Such a Pretty Face", 1980

Von meinem ersten bis zum zwölften Schuljahr hatte ich immer ganz besondere Pläne für die Sommerferien. Und im Prinzip sind sie bis heute in mir verankert, wie ein uralter, knorriger, verwurzelter Traum. Er handelt von Transformation und plötzlicher, alles überstrahlender und vor allem öffentlicher Großartigkeit. Kurz gesagt: Ich hatte immer den Plan, in den den sechs freien Wochen endlich dünn zu werden. Ich rechnete mir vorher aus, wie viel ich unter Umständen abnehmen könnte, wenn ich mich wirklich anstrengen, quälen und unablässig hungern und turnen würde. Und ich hatte die Absicht, es bei meiner Rückkehr in die Schule allen so richtig zu zeigen...

Das, was mich an "Such a Pretty Face - Being Fat in America" von Marcia Millman, das bereits 1980 erschienen ist, ganz besonders berührt und mitgenommen hat, sind zwei Dinge: 1. Das zehnte und letzte Kapitel (dazu komme ich gleich noch ausführlicher)*. 2. Die Tatsache, dass das Buch sowie die darin enthaltenen Schilderungen der Lebensumstände und Lebensgefühle dicker Frauen 35 Jahre alt sind. Und dass man das gleiche Buch heute noch einmal ganz genauso schreiben müsste. Die Ängste, die Scham, der Selbsthass, die Bevormundung, die erfahrenen Schuldzuweisungen und Herabsetzungen, die verlogene Drohung, dass Dicke ihre Gesundheit ruinieren, indem sie so sind, wie sie sind. Das Absprechen von Weiblichkeit und Attraktivität. Gesellschaftliches Außenseiterinnentum. Das war alles schon vor mir da, es war alles zutreffend in meinem Leben, und es prägt nachweislich weiterhin die Leben von (dicken) Frauen und Mädchen, die sehr, sehr viel jünger sind als ich. Es hat sich nichts verändert. Wenn überhaupt, hat sich das Klima noch verschäft. Tatsächlich ist mir eben aufgefallen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit das Gleiche über ein anderes Buch zu dem Thema festgestellt habe (Shadow on a Tighrope, 1983). Dass sich für Dicke und gegen ihre Diskriminierung in drei Jahrzehnten wenig getan hat, ist und bleibt halt zutiefst deprimierend. Und es wirft eine (mich) im Hinblick auf mein kleines Blog immer wieder umtreibende Frage auf: Bringt das hier eigentlich was? Aber auch das erzähle ich natürlich nicht zum ersten Mal.

Millmans Buch basiert auf Interviews mit dicken Frauen und spiegelt auf verstörend-faszinierende Weise die Muster, die sich vermutlich durch die Mehrzahl dicker, weiblicher Leben ziehen. Es ist mithin eins der besten Bücher, die ich zur Analyse der durch gesellschaftliche Herabwürdigung gebeutelten Innenwelten von dicken Frauen gelesen habe. Das Buch sei trotz seines Alters ausdrücklich jedem empfohlen, der sich mit dem Thema beschäftigt. Es liefert ein breites und gut ausgeleuchtetes Bild ihrer Selbstwahrnehmung, ihrer Strategien zur Unsichtbarwerdung, sowie ihrer ambivalenten Überlebenstechniken. Und es findet sich alles wieder, was wir so gut kennen: Die ersten Diäten werden bereits im Kindesalter gemacht und setzen eine aufsteigende Gewichtsspirale in Gang. Familienmitglieder sind die, die am grausamsten mit dicken Kindern umgehen. Aus Scham und zum Teil selbst gewählter Isolation werden Berufswünsche nicht erfüllt, Ärzte nicht aufgesucht, große und kleine Lebensziele nicht verwirklicht. Dicke Mädchen/Frauen haben aber auch objektiv weniger Chancen, bzw. müssen härter für Erfolge arbeiten, weil man sie für faul, langsam, dumm aber auch für rebellisch und deviant hält.

Bei der Partnersuche haben Dicke es schwerer als normgewichtige Frauen. Dicksein galt auch 1980 als hässlich und unweiblich. Dicke Frauen geraten und gerieten leicht in den Verdacht der "Vermannweiblichung", und das zog bereits vor 35 Jahren eine schnelle Einordnung als Feministin nach sich. Und, oh wie sich die Bilder gleichen, das war auch 1980 bei weiten Teilen der männlichen Bevölkerung kein weibliches Qualitätsmerkmal. Millmans Schlussfolgerung aus den geführten Gesprächen, dass dicke Frauen von weiten Teilen ihrer Umwelt in der Hauptsache als asexuell oder aber als sexuell besonders leicht zu haben, gierig, bedürftig, freakish, und belastbar betrachtet werden, erscheint mir einleuchtend und sicherlich auch noch immer zutreffend. Dicke Frauen attraktiv zu finden, finden noch immer nicht alle komplett "normal", bzw. halten es für einen Fetish / eine Perversion. Die Tatsache, dass sich dicke Frauen insbesondere nicht gern in letztere Rolle drängen lassen, ist einer der Gründe, die bei vielen zu einer gedanklichen und emotionalen Abkopplung vom Körper ("disembodiment") führen.

Nicht nur die Umwelt redet vom sprichwörtlichen "hübschen Gesicht" der Dicken, welches als Ausgleich zum hässlichen Körper herhalten muss, sondern dicke Frauen nehmen sich selbst auch oft nur noch vom Hals aufwärts (Gesicht und Verstand) bewusst wahr, bzw. definieren sich ausschließlich über ihren Kopf: "The alienated body may not only be viewed as a serious handicap that spoils the accomplishments of the face and head or that defies control by the person. It may be experienced as an enemy that is capable of destroying the self."** (S. 199/200)

Der Körper als Feind, der das "hübsche Gesicht" und den hellen Verstand zurückhält - welche Dicke kennt diese Assoziation nicht? Ich bitte um Handzeichen. Sie wurde Generationen von Dicken von außen angetragen, verinnerlicht und so vermutlich den meisten von ihnen zum Lebensprogramm. Und dieses Programm ist gekennzeichnet durch eine handvoll widerstreitender Elemente: Selbsthass und Aufschieben, aber gleichzeitig ebenfalls die Hoffnung auf und Vermutung von persönlicher Großartigkeit, die nur auf ihre Freisetzung wartet. Diese Freisetzung erfolgt durch die Beseitigung des Fettes. Wenn das Fett geht, beginnt das wahre und obendrein großartige Leben. Die Beseitigung des Fettes hat man selbst in der Hand. Die dicke Frau ist quasi ihre eigene gute Fee. Das haben ihr die Welt und am Ende sie sich selbst in Endlosschleife eingeredet. Sie entscheidet höchstpersönlich, wann das große Wunder passiert. Und was für ein Wunder es werden wird...

Denn das Gesicht ist schließlich so hübsch und der Kopf so clever, weil man immer wenig auf Parties war und dafür mehr gelesen hat. Und das Wesen wurde durch die erlebte Härte des Lebens so freundlich und sozial... Man selbst hält es als Dicke am Ende mitunter nur für fair, dass die dünne Zukunft von all diesen hervorragenden Qualitäten extra hell angestrahlt wird. Nicht nur die Erwartungen an die Reaktionen der Umwelt, sondern auch die, die an ein dünnes Ich, das sich aus seinem Fett "hervorkämpfen" muss (in jeder dicken Person steckt bekanntlich eine dünne, die versucht, zum Vorschein zu kommen) gestellt werden, sind oftmals so überhöht, dass Diäten laut Millman auch deshalb zumeist abgebrochen werden, bevor das Zielgewicht erreicht ist, weil sich eine derartige Großartigkeit gar nicht einstellen kann. Wer abnimmt, findet oft heraus, dass die formidable Vorher-Nachher-Wiedergeburtsphantasie eine regelrechte Lüge war. Wer dünn wird, wird nicht automatisch wunderbar. Er wird halt wie viele andere Dünne auch. Und bei denen ist schließlich häufig gar nicht alles supertoll. Und die sind auch nicht alle brilliant. Und bloß weil man als dicke Frau viele Verletzungen und Enttäuschungen hinnehmen musste, wird man vom Leben nicht mit extra viel Glanz und Glück entschädigt, wenn man es schafft abzunehmen. Diese Erkenntnis kann auch bei erfolgreichen Diätlerinnen zu erheblicher Ernüchterung führen. Einige finden sich in einem dünnen aber trotzdem noch immer unerwartet schwierigen Leben schlechter zurecht als vorher. Und wünschen sich die phantasieumnebelte Existenz, in der sie wenigstens was essen durften, zurück.

Als Schlussfolgerung rief Millman dann bereits 1980 dazu auf, das Leben im JETZT und im aktuellen Körper endlich in die Hand zu nehmen und nach besten Kräften zu gestalten - gegen alle Widerstände, mit denen Dicke regelmäßig zu kämpfen haben.

*Der Titel des zehnten Kapitels lautet: "Before and After: Living a Postponed Life"*** (S. 208), und die darin enthaltene Beschreibung des Konzeptes des "aufgeschobenen Lebens", das Dicke oft führen ("Wenn ich erst einmal dünn bin...") ist mir natürlich nicht neu, aber bei Millman besonders eindringlich. Der dicke Körper (Gegenwart), der fein säuberlich getrennt von Gesicht und Verstand (Zukunft) als Gegner eben jener Zukunft bekämpft wird, wird auch entsprechend schlecht behandelt. Schlucken musste ich persönlich bei der Beobachtung, dass viele dicke Frauen über keinen guten Wintermantel verfügten, weil sie erst Geld dafür investieren wollten, wenn sie abgenommen hätten.

Ich hatte auch jahrelang keine anständige Jacke für den Winter. Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass ich über zweckmäßige, warme Winterkleidung verfüge. Weil ich es mir vorher nicht wert war. Und ich habe verdammt viel gefroren...

Erstaunliches Buch, wirklich.


**Der entfremdete Körper wird dabei möglicherweise nicht nur als schwerwiegendes Handicap betrachtet, das die Leistungen des Gesichts und des Kopfes untergräbt oder sich der Kontrolle der Person entzieht. Er kann sogar als Feind wahrgenommen werden, der in der Lage ist, das Selbst zu zerstören.

***Vorher und Nachher: Ein aufgeschobenes Leben leben


NH